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Der Pfarrer verbietet die «Bravo». Was dann folgte, würde man heute einen Shitstorm nennen

Vor 37 Jahren sorgte der Pfarrer dafür, dass die Aargauer Gemeinde Sins zur «Bravo»-freien Zone wurde – und löste damit einen Medienrummel aus. Die damaligen Protagonisten erinnern sich zurück.

Fabio Vonarburg / az Aargauer Zeitung



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Eine Bravo-Ausgabe von 1979 vor der Kirche Mariä Geburt in Sins AG. Der damalige Pfarrer fand das Magazin keine sinnvolle Lektüre für Jugendliche.  Bild: © Andrea Weibel

«Lasst euch erst mal sagen: Sich gegenseitig an die Geschlechtsorgane fassen und sie reizen und streicheln wird Petting genannt.» Beinahe seit der Gründung sah das Bravo-Heft seine Aufgabe darin, Jugendliche aufzuklären und ihre dringlichsten Fragen zur Sexualität zu beantworten. Was heute im Zeitalter von Internetforen und Online-Pornos seine Bedeutung verloren hat, galt früher als provokant. Dem katholischen Pfarrer von Sins hatte es 1980 «zu viel Pfeffer» im Jugendmagazin. Kurzerhand setzte er in seiner Gemeinde ein Verkaufsverbot für das Magazin der Sünde durch, indem er die beiden Läden im Dorf davon überzeugte, das «Bravo» aus dem Sortiment zu kippen. Womit er nicht rechnete, war der Medienrummel, der daraufhin über die beschauliche Freiämter Gemeinde hereinbrach. Die Fernsehsendung «Karussell» des Schweizer Fernsehens berichtete darüber und der «Blick», auch damals für grosse Schlagzeilen besorgt, titelte: «Blattschuss von der Kanzel».

Die seltsamsten Fragen an Dr. Sommer von «Bravo»

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Wiederauferstehung des Films

Eigentlich wäre es schon längst vergessen, wie vor 37 Jahren das Dorf Sins zu (kurzem) medialem Ruhm gelangte, hätte SRF Archiv den damaligen «Karussell»-Beitrag nicht auf der Videoplattform Youtube online gestellt. Über 10'000 Personen haben sich seither den Beitrag vom 5. Februar 1980 angeschaut. Darunter – natürlich – viele Sinser.

Der «Karussell»-Beitrag von 1980

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Video: YouTube/SRF Archiv

«Der Film wurde im Dorf herumgereicht», weiss Gemeindeschreiber Marcel Villiger. Er stand damals selber kurz vor dem Schulabschluss und bekam die eher unbekannte Episode in der Sinser Geschichte hautnah mit. «Am Sonntag nach dem Artikel im ‹Blick› war ich Ministrant. Ich erinnere mich noch gut daran, dass die Kirche viel voller war als gewöhnlich. Alle wollten wissen, wie der Pfarrer auf die Berichterstattung reagiert.» Wie dies ausfiel, weiss Villiger nicht mehr.

Überliefert ist aber die Begründung des Pfarrers in der Sendung «Karussell»: Der Posten als Seelsorger in der grossen Industrie- und Gewerbegemeinde sei für ihn keine Trockenübung, sagte er damals. «Und so fühle ich mich neben den Eltern als Erzieher in dieser Pfarrei und glaube, es muss mich auch interessieren, was unsere jungen Leute für einen Lesestoff haben. Denn das beeinflusst doch weitgehend ihre Zukunft, kann sie fördern oder gefährden», hört man ihn im Video erklären.

Der Pfarrer erinnert sich

Es gebe wertvollere Literatur als das «Bravo» – noch 37 Jahre später vertritt der Pfarrer diese Meinung. Und der heute 77-Jährige, der in einer Gemeinde in der Zentralschweiz immer noch messen liest, sagt: «Ich bereue nichts.» Dennoch würde er aus heutiger Sicht nicht mehr so vorgehen. Wobei 1980 ein anderer Zeitgeist geherrscht hätte. «Damals schlug das Pendel zu stark in Richtung Fernhalten aus», sinniert der Pfarrer, «heute in Richtung Freiheit.» Damit spricht er das Internet an und die vielen Inhalte, zu denen Jugendliche heutzutage Zugang haben. Ob dies für ihre Entwicklung so gut sei, bezweifelt er, dies müsse aber jeder selber für sich beurteilen.

«Einen ziemlichen Wirbel», habe es damals gegeben. Blick-Reporter lauerten dem Pfarrer mit der Kamera im Gebüsch auf, und auch nachdem der Artikel erschienen war, war das Ganze noch nicht durchgestanden. Der Pfarrer wurde mitten in der Nacht telefonisch beschimpft, andere schickten ihm pornografische Inhalte zu. «Damals war ich noch jung», sagt der 77-Jährige, «und habe dies gut weggesteckt.» Zudem gab es auch positive Rückmeldungen: «Einige waren froh, dass ich mich aufs Glatteis gewagt und die Problematik thematisiert habe.» Unter den Gratulanten war auch der damalige Bischof Anton Hänggi. Seinen Brief habe er erst kürzlich zufällig in einer Schublade wiedergefunden.

«Es war eine grosse Sache», sagt Rita Villiger, die damals als Mutter von zwei direkt betroffenen Teenagern in der Sendung Karussell Stellung nahm. «Im Prinzip ein Theater um nichts», sagt sie, und mittlerweile sei die Geschichte schon lange «tempi passati». Die halbminütige Fernsehpräsenz war ihr 1980 ein wenig peinlich. Ihr Statement gegen das Verbot habe sie aber nicht zur Aussenseiterin im Dorf gemacht. «Ich war einfach diejenige, die sich getraut hat, den Mund aufzumachen», sagt die heute 71-Jährige und lacht. Es ist erst wenige Wochen her, dass ihre Töchter ihr das Video im Internet gezeigt haben. Bruno Bürgisser hatte die ganze «Bravo»-Geschichte schon längst vergessen, als ein Kollege ihn auf das Video aufmerksam machte. Darin sagt der junge Bürgisser, damals noch ein Schüler: «Ich habe das Gefühl, es hat keinen Sinn. Wir können es in einem anderen Dorf kaufen.»

«Bravo» aus dem Altpapier

Gemeindeschreiber Villiger gehörte 1980 nicht zu denjenigen Jugendlichen, die ins Nachbardorf eilten, um doch noch an ihre Lektüre zu kommen. Denn: «Ich hatte nicht viel Sackgeld», erklärt er. «Ich gehörte zu jenen, die das Bravo dann aus dem Altpapier klaubten.» Er bezweifelt auch, ob ihm seine eher konservativen Eltern den Kauf erlaubt hätten.Wie lange Sins letztendlich «Bravo»-freie Zone war, daran kann sicher keiner der Protagonisten mehr erinnern. Somit bleibt eine Frage zu klären: Kann man heute in Sins das «Bravo» auch wirklich kaufen? Anruf beim Coop in Sins: «Ähm ja, wir führen das Bravo», sagt die verwirrte Verkäuferin. (aargauerzeitung.ch)

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