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Die hochalpine Solaranlage der EWZ an der Albigna-Staumauer.
Die hochalpine Solaranlage der EWZ an der Albigna-Staumauer.Bild: keystone
Analyse

Wie Putin der Energiewende in der Schweiz auf die Sprünge helfen könnte – oder eben nicht

Der Krieg in der Ukraine könnte zum Katalysator für erneuerbare Energien werden. Oder genau das Gegenteil bewirken.
23.03.2022, 05:5023.03.2022, 20:07

Der Krieg in der Ukraine zeigt schonungslos auf, wie abhängig die Schweiz und Europa von fossilen Brennstoffen ist – und darum auch von Ländern wie Russland. Damit soll nun Schluss sein. «Mit dem Krieg wird dermassen offensichtlich, dass wir unsere Abhängigkeit senken und handeln müssen», sagte Energieministerin Simonetta Sommaruga in einem Interview mit den Tamedia-Zeitungen.

Kritiker könnten Sommaruga politischen Opportunismus unterstellen, Fakt ist jedoch: Die Schweiz finanziert mit seiner Abhängigkeit von russischem Gas und Öl Putins Krieg mit und bringt sich somit selbst in die Bredouille. Sowohl ethisch als auch bei der Frage nach der Versorgungssicherheit. Wer aber energetisch unabhängig ist, muss keine Angst haben, dass jemand den Gashahn zudreht. Und da diese Unabhängigkeit in einem rohstoffarmen Land wie der Schweiz nur mit erneuerbaren Energien machbar ist, würden so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Könnte der Krieg in der Ukraine also der Katalysator für die Energiewende in der Schweiz sein? Ganz so einfach ist es leider nicht.

Milliarden für Putins Kriegskasse

Bevor die Möglichkeit eines Ausstiegs aus russischem Gas und Öl – und letztlich aus allen fossilen Brennstoffen – im Detail angeschaut werden kann, einige Kennzahlen: 2020 verbrauchte die Schweiz 747'400 Terajoule (TJ) Energie. Gasenergie machte davon 15,1 Prozent aus. Davon stammen 47 Prozent aus Russland.

Die grössten Gasverbraucher waren die Haushalte (40 Prozent). Noch immer kommt in jedem fünften Schweizer Wohnhaus Gas zum Einsatz. In den Städten ist der Anteil sogar noch höher: So werden zum Beispiel in der Stadt Bern rund ein Drittel aller Wohnungen mit Gas geheizt.

quelle: gazenergie.ch, Grafik: watson

Beim Rohöl spielt Russland nur eine untergeordnete Rolle. Die Schweiz verfügt über eine eigene Erdölraffinerie in Cressier, die ungefähr 25 Prozent aller in der Schweiz benötigten Erdölprodukte bereitstellen kann. Russland ist für Cressier kein bedeutender Zulieferer. Die grossen Player waren 2020 Nigeria, die USA und Libyen.

Die restlichen 75 Prozent des Schweizer Bedarfs an erdölbasierten Energieträgern werden durch Importe von Fertigprodukten, zum Beispiel Diesel oder Benzin, gedeckt. Diese stammen vor allem aus dem EU-Raum – zu 80 Prozent aus Deutschland und Frankreich. Sie werden als EU-Produkte deklariert, unabhängig der Herkunft ihrer Rohstoffe.

quelle: Cressier, grafik: watson

2019 stammte rund ein Viertel des in die EU importierten Rohöls aus Russland. In anderen Jahren betrug der Anteil sogar ein Drittel. Wie viel davon für Produktexporte in die Schweiz verarbeitet wurde, lässt sich nicht zurückverfolgen. Ganz «russlandfrei» dürften die Importe aber nicht sein.

Unter diesen Umständen ist es fast unmöglich zu berechnen, wie viele Schweizer Franken für Öl und Gas jährlich nach Russland fliessen. Es dürften aber mehrere Milliarden sein. Wie der europäische Thinktank Bruegel berechnete, überwiesen europäische Kunden Anfang März 660 Millionen Euro für Gas – an einem Tag.

Welche Alternativen gibt es zum Gas aus Russland?

Geht es nach Simonetta Sommargua, so soll der Geldhahn gen Russland zugedreht werden, indem die Energiewende vorangetrieben wird. Das fordern auch Grüne und SP. Sie gehen sogar noch weiter und wollen einen Importstopp von russischem Gas. «Energiepolitik ist Sicherheitspolitik», begründete Grünen-Nationalrätin Aline Trede an der dringlichen Debatte zum Ukraine-Krieg ihre Forderung.

Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) verwendete ähnliche Worte, um die kürzlich angekündigte Investition von 200 Milliarden Euro in die Energiewende zu rechtfertigen.

Sofort auf russisches Gas und Öl zu verzichten – so wie es die USA macht – wird in diesen Breitengraden aber kaum möglich sein. Zu abhängig ist Europa von den Lieferungen aus dem Osten. Für die USA hingegen spielen russische Gas- und Öllieferungen keine grosse Rolle.

In Europa lassen sich auf die Schnelle – vor allem im Gasbereich – keine Alternativen finden. «Die bittere Nachricht ist, wir brauchen noch russisches Gas. Wir können die strategischen Fehler der letzten Jahrzehnte nicht innerhalb von drei Wochen ungeschehen machen», sagte Habeck am Sonntag in Katar.

Energiewende – ein Luftschloss?

Wäre Europa ein Auto, so wäre es also bestimmt kein Tesla. Der Motor, der Wirtschaft und Gesellschaft am Laufen hält, ist nach wie vor ein Benziner. Stellt sich also die Frage: Wie kommt man überhaupt von den fossilen Energieträgern weg? Die kurzfristige Antwort: Gar nicht.

In der Schweiz könnte man die fossilen Energieträger vor allem mit Wasser- und Solarkraft substituieren. Das sieht die Energiestrategie 2050 des Bundesrats vor. Die Windkraftanlagen hingegen scheinen in einem Dickicht aus Einsprachen festzustecken, die Geothermie steckt noch in den Kinderschuhen – bis heute wurde durch Geothermie kein einziges Kilowatt Strom produziert.

Wie so kurz- bis mittelfristig 900'000 fossile Heizungen ersetzt und eine Million Häuser energetisch saniert werden sollen, bleibt ein Rätsel. In der Solarbranche herrscht ein akuter Fachkräftemangel. Um die Klimaziele bis 2050 zu erreichen, bräuchte man in den nächsten Jahren mindestens 11'000 zusätzliche Vollzeitstellen. Das sind doppelt so viele, wie jetzt vorhanden sind.

«Wir sehen durchaus ein realistisches Szenario, dass wir die Energie- und Klimaziele wegen des Fachkräftemangels nicht erreichen können oder dass es sich zumindest hinauszögert», sagte Kornelia Hässig von Energie Schweiz gegenüber dem SRF.

Kommt hinzu, dass die Schweiz auch mit der Umsetzung der Energiewende nicht komplett unabhängig wird vom Ausland. So werden 70 Prozent aller Fotovoltaik-Module in China hergestellt. Bei der Produktion von Silizium, das in Solarmodulen steckt, ist Chinas Dominanz ähnlich erdrückend.

Die schnelle Energiewende, wie sie Sommaruga fordert, entspricht also momentan eher politischem Wunschdenken. Der Krieg in der Ukraine offenbart die Komplexität dieser Herkulesaufgabe, diese zu lindern vermag er aber nicht. Im Gegenteil.

Gas- und Atomkraftwerke erleben Renaissance

Heute deutet realistisch gesehen alles auf eine Verzögerung der Energiewende hin, auch wegen des Krieges. Das hat unter anderem mit der Gefahr einer nationalen Strommangellage zu tun, welche das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) als grösste Gefahr für die Schweiz einstuft.

Demnach drohen der Schweiz in extremen Fällen, also bei einer Verkettung mehrerer unglücklicher Ereignisse, bereits im Jahr 2025 während 10 bis 20 Tagen Strommangel.

Die Befürchtungen, bald auf russisches Öl und Gas verzichten zu müssen, befeuern diese Angst noch. Dies könnte zur Folge haben, dass zum Beispiel die Idee neuer Atomkraftwerke weitere Zustimmung findet. Nach dem Reaktorunfall in Fukushima schien die Zeit der Atomkraft endgültig besiegelt, das Schweizer Stimmvolk entschied sich 2017 für ein Verbot neuer Atomkraftwerke.

In den letzten Jahren häuften sich aber die Stimmen in der Politik nach neuen Reaktoren. So will die FDP diese Option zum Beispiel nicht mehr ausschliessen. Der Energie Club Schweiz, eine Vereinigung von Atomkraftbefürwortern, weibelt zudem mit der Lancierung einer Volksinitiative mit dem Titel «Stoppt den Blackout». Ziel der Initiative wäre es, das Verbot für den Bau neuer Kernkraftwerke aufzuheben.

Auch Gaskraftwerke, welche zu 100 Prozent vom Ausland abhängig sind, sollen in der Schweiz gebaut werden. Kurz vor Kriegsbeginn stellte Sommaruga einen Notfallplan vor, der die drohende Gefahr von Strommangellagen mindern soll. Neben Wasserkraftreserven sind darin auch zwei neue Gaskraftwerke vorgesehen. Diese sollten jedoch nur im absoluten Notfall verwendet werden, sie seien eine «Rückversicherung zum Wasserstrom». Inwiefern es realistisch ist, dass zwei Gaskraftwerke grösstenteils unbenutzt herumstehen, sei dahingestellt.

Innovation durch Krieg

Befeuert der Krieg in der Ukraine nun also die Energiewende? Jein. Es ist kompliziert. Und paradox. Wenig könnte dem Kampf gegen den Klimawandel weniger dienlich sein, als Panzer mit Dieselantrieb, die ganze Landstriche zerstören. Und doch schafft der Krieg es, Europa und der Schweiz die weit verflochtenen Abhängigkeiten der fossilen Energiewirtschaft aufzuzeigen. Und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass nur erneuerbare Energien aus diesem Schlamassel herausführen können.

Ein gesteigertes Bewusstsein reicht jedoch nicht. Die Energiewende scheitert bislang an der Realität. An zu wenigen Arbeitsplätzen, an politischen Grabenkämpfen und zu wenig Geld. Dementsprechend spielt der Krieg nur eine untergeordnete Rolle. Mehr noch: Mit überhasteten Ausstiegsversuchen von russischem Gas und Öl läuft die Schweiz Gefahr, die fossilen Energieträger lediglich von anderen Anbietern zu beziehen, anstatt sie durch erneuerbare Quellen zu ersetzen.

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quelle: globalsecurity.org
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175 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Leverage
23.03.2022 06:10registriert Dezember 2017
Immer wieder liest man, dass die Energiewende nicht klappt wegen Fachkräftemangel und den Abhängigkeiten zu anderen Ländern.

Windkraft: Statt über neue Atomkraftwerke könnte man auch über die Einschränkung von Einsprache möglichkeiten abstimmen.

Solarenergie: Wo ein attraktiver Markt ist, sind auch Fachkräfte ziemlich schnell vorhanden. Bessere Preise für Private Rückspeiser würde zB sehr helfen. Und Atom braucht auch Fachkräfte.

Abhögigkeiten: Wie wenn wir Uran oder Erdöl in der Schweiz abbauen würden. Und bei den Atomkraftwerken ist man ebenfalls auf Know-How des Auslandes angewiesen.
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Verbesserer
23.03.2022 07:10registriert Mai 2020
Was wir dringend brauchen, sind Politiker die nicht aus eigen Interesse alles blockieren was schon seit Jahrzehnten hätte gemacht werden müssen.
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bokl
23.03.2022 07:34registriert Februar 2014
Nach einer serösen Lagebeurteilung sollte man zum Schluss kommen, alle verfügbaren Ressourcen in eine unabhängige Energieversorgung zu investieren. Stattdessen wird einfach eine andere Kleptokratie (Katar) alimentiert und zusätzlich Geld den Rüstungsfirmen in den Rachen geworfen.
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