Schweiz
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ARCHIVE --- VOR 30 JAHREN, AM 1. NOVEMBER 1986, BRACH AUF DEM GELAENDE DER DAMALIGEN CHEMIEFIRMA SANDOZ IN SCHWEIZERHALLE EIN GROSSBRAND AUS. EIN LAGERGEBAEUDE MIT UEBER 1000 TONNEN CHEMIKALIEN BRANNTE VOLLSTAENDIG AUS. DIE BEVOELKERUNG IN DER REGION WURDE MIT SIRENENALARM GEWARNT UND ES WURDE EINE MEHRSTUENDIGE AUSGANGSSPERRE VERHAENGT. DAS LOESCHWASSER FAERBTE DEN RHEIN ROT UND DIE IN DEN FLUSS GESCHWEMMTEN CHEMIKALIEN VERURSACHTEN EIN GROSSES FISCHSTERBEN --- Grosseinsatz der Feuerwehr beim Chemiegrossbrand der Sandoz in der Schweizerhalle in Basel, Schweiz, aufgenommen in der Nacht auf den 1. November 1986. (KEYSTONE/Silvio Mettler)

Die frühen Morgenstunden des 1. Novembers 1986 im Industriegebiet Schweizerhalle. Bild: KEYSTONE

Rhein rot, Fische tot: Erinnerungen an einen Sirenen-Alarm, der keine Übung war

1986 brannte in Schweizerhalle bei Basel eine Lagerhalle mit Chemikalien.



Es ist ein Samstagmorgen, gegen 6 Uhr früh, mein Radiowecker geht los, ein ernster Mensch sagt, dass Schweizerhalle brennt. Die Autobahn ist gesperrt. Seit 3:43 Uhr röhren regelmässig die Sirenen. Züge nach Basel fahren keine. 1351 Tonnen Chemikalien drohen, in Flammen aufzugehen. Schweizerhalle! Ich geh' dort nebenan zur Schule, in Muttenz. Fast 30 Kilometer weit weg von meinem Wohndorf. Müssen wir jetzt alle in unsere Luftschutzkeller? Sterben wir jetzt? Seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl sind erst 185 Tage vergangen.

Ich renne ins Schlafzimmer meiner Eltern, man hat dort einen Blick über die Rheinebene in Richtung Basel, man sieht die Feldschlösschen-Brauerei in Rheinfelden, Schweizerhalle ist zu weit weg, aber vielleicht ist der Himmel rot? Ist er nicht. Ab 7 Uhr fahren die Züge wieder. Muss ich jetzt trotzdem nicht zur Schule? Muss ich nicht. Doch leider muss ich am Nachmittag unbedingt nach Basel. Ich hab da nämlich ein Problem. 

ARCHIVE --- VOR 30 JAHREN, AM 1. NOVEMBER 1986, BRACH AUF DEM GELAENDE DER DAMALIGEN CHEMIEFIRMA SANDOZ IN SCHWEIZERHALLE EIN GROSSBRAND AUS. EIN LAGERGEBAEUDE MIT UEBER 1000 TONNEN CHEMIKALIEN BRANNTE VOLLSTAENDIG AUS. DIE BEVOELKERUNG IN DER REGION WURDE MIT SIRENENALARM GEWARNT UND ES WURDE EINE MEHRSTUENDIGE AUSGANGSSPERRE VERHAENGT. DAS LOESCHWASSER FAERBTE DEN RHEIN ROT UND DIE IN DEN FLUSS GESCHWEMMTEN CHEMIKALIEN VERURSACHTEN EIN GROSSES FISCHSTERBEN --- Mitglieder des Seuchenkommandos bei den Aufraeumarbeiten nach der Brandkatastrophe vom 1. November 1986 in Schweizerhalle nahe Basel. Ueber 8'000 Faesser enthalten den ganzen giftigen Abfall der Sandoz-Katastrophe. (KEYSTONE/Michael Kupferschmidt)

260 Feuerwehrleute kämpfen gegen die drohende Umweltkatastrophe. Bild: KEYSTONE

Es ist kein schulisches, sondern ein amouröses: Zwei aus unserer Klasse haben sich verliebt, so richtig (sie sind noch heute zusammen), am Nachmittag wollen sie miteinander an die Basler Herbstmesse, nur einen Nachmittag allein sein, ist ihr Traum. Aber so ganz alleine dürfen sie da nicht hin. Es ist ja erst 1986, und wir sind alle noch sehr, sehr jung.

Ich hab' dem Pärli versprochen, als Anstandsperson mitzukommen. Wobei mich die Sache mit dem Anstand überhaupt nicht interessiert. Ich will sehen, wie sich die beiden küssen. Ich will Romance in action. Und auf ein paar gefährlichen Bahnen fahren.

ARCHIVE --- VOR 30 JAHREN, AM 1. NOVEMBER 1986, BRACH AUF DEM GELAENDE DER DAMALIGEN CHEMIEFIRMA SANDOZ IN SCHWEIZERHALLE EIN GROSSBRAND AUS. EIN LAGERGEBAEUDE MIT UEBER 1000 TONNEN CHEMIKALIEN BRANNTE VOLLSTAENDIG AUS. DIE BEVOELKERUNG IN DER REGION WURDE MIT SIRENENALARM GEWARNT UND ES WURDE EINE MEHRSTUENDIGE AUSGANGSSPERRE VERHAENGT. DAS LOESCHWASSER FAERBTE DEN RHEIN ROT UND DIE IN DEN FLUSS GESCHWEMMTEN CHEMIKALIEN VERURSACHTEN EIN GROSSES FISCHSTERBEN --- Bei der Basler Chemiefirma Sandoz bricht am 1. November 1986 kurz nach Mitternacht ein Grossbrand in einer Fabrikationshalle in Schweizerhalle / BL aus. In der durch das Feuer zerstoerten Lageralle befinden sich ueber 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Unser Bild zeigt die Loescharbeiten durch die Feuerwehr einen Tag nach dem Brand mit einem Wasserwerfer in Aktion. Das rote giftige Loeschwasser gelangt in den Rhein. (KEYSTONE/Michael Kupferschmidt)

Das giftige rote Löschwasser läuft tagelang in den Rhein und tötet Fische. Bild: KEYSTONE

Es ist ein Kunststück, die Eltern so zu bearbeiten, dass ich zwar nicht zur Schule muss, aber an die Herbstmesse darf. Das Radio hilft mir dabei. Denn das Radio meldet zwar, dass jetzt eine stark nach Schwefel stinkende Wolke über Basel hänge, dass der Rhein rotgefärbt und viele Fische verendet seien, aber dass keine Gefahr für die Bevölkerung bestehe. Höchstens ein bisschen Hustenreiz. Der Alltag kann weitergehen.

Das Pärli und ich fahren nach Basel. Wir erwarten Ungeheuerliches, besonders die toten Fische stellen wir uns grässlich vor: ein Leichenteppich auf dem Rhein. Zu sehen ist davon nichts. Gut, der Rhein ist tatsächlich rot und sicher viele Fische tot, aber nicht so viele, dass sie vom Stadtufer aus zu sehen wären.

ARCHIVE --- VOR 30 JAHREN, AM 1. NOVEMBER 1986, BRACH AUF DEM GELAENDE DER DAMALIGEN CHEMIEFIRMA SANDOZ IN SCHWEIZERHALLE EIN GROSSBRAND AUS. EIN LAGERGEBAEUDE MIT UEBER 1000 TONNEN CHEMIKALIEN BRANNTE VOLLSTAENDIG AUS. DIE BEVOELKERUNG IN DER REGION WURDE MIT SIRENENALARM GEWARNT UND ES WURDE EINE MEHRSTUENDIGE AUSGANGSSPERRE VERHAENGT. DAS LOESCHWASSER FAERBTE DEN RHEIN ROT UND DIE IN DEN FLUSS GESCHWEMMTEN CHEMIKALIEN VERURSACHTEN EIN GROSSES FISCHSTERBEN --- Bei der Basler Chemiefirma Sandoz bricht am 1. November 1986 kurz nach Mitternacht ein Grossbrand in einer Fabrikationshalle in Schweizerhalle / BL aus. In der durch das Feuer zerstoerten Lageralle befinden sich ueber 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Durch das giftige Loeschwasser, das in den Rhein gelangt, werden ueber 150 000 Aale getoetet. Unser Bild zeigt das Einsammeln der toten Aale am Rheinufer bei Iffezheim in Baden-Baden / BRD.   (KEYSTONE/Gardin)

Tote Aale am Rheinufer im deutschen Iffezheim. Bild: KEYSTONE

Der Gestank ist eher zu erahnen als präsent. Aber er wird uns in den folgenden Wochen noch sehr plagen: Sobald das Wetter von einem Tiefdruckgebiet beeinflusst wird, stinkt es um unser Schulhaus, als läge der ganze Pausenplatz voll fauler Eier. Und wir werden den Verdacht einfach nicht los, dass im Gestank noch irgendeine Gefahr lauert. Man versichert uns das Gegenteil. Ich trete Greenpeace bei.

ARCHIVE --- VOR 30 JAHREN, AM 1. NOVEMBER 1986, BRACH AUF DEM GELAENDE DER DAMALIGEN CHEMIEFIRMA SANDOZ IN SCHWEIZERHALLE EIN GROSSBRAND AUS. EIN LAGERGEBAEUDE MIT UEBER 1000 TONNEN CHEMIKALIEN BRANNTE VOLLSTAENDIG AUS. DIE BEVOELKERUNG IN DER REGION WURDE MIT SIRENENALARM GEWARNT UND ES WURDE EINE MEHRSTUENDIGE AUSGANGSSPERRE VERHAENGT. DAS LOESCHWASSER FAERBTE DEN RHEIN ROT UND DIE IN DEN FLUSS GESCHWEMMTEN CHEMIKALIEN VERURSACHTEN EIN GROSSES FISCHSTERBEN --- Studenten des Konservatoriums Basel veranstalten in Basel einen Trauermarsch fuer den Rhein. Auf klassischen und modernen Instrumenten spielen sie Trauermusik und druecken so ihre Gefuehle ueber die Ereignisse um die Brandkatastrophe in Schweizerhalle aus, aufgenommen im November 1986. Am 1. November 1986 kam es in Schweizerhalle bei Basel in einer Lagerhalle der Firma Sandoz zu einem Grossfeuer, dem ueber 1'000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel zum Opfer fielen. Der Oberlauf des Rheins war danach biologisch nahezu tot. (KEYSTONE/Michael Kupferschmidt) ===  ===

Studenten des Konservatoriums Basel spielen Trauermusik für den Rhein. Bild: KEYSTONE

Ob sich das Pärchen an jenem Samstagnachmittag im November 1986 tatsächlich geküsst hat? Ich habe daran keine Erinnerung mehr. Bis heute haben sich die beiden jedenfalls sehr, sehr oft geküsst.

Am 26. April 1986 kommt es in Tschernobyl zur Kernschmelze. Dies blieb von der Stadt übrig:

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