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bild: keystone/shutterstock

Nach Unfall-Serie: Lime zieht in der Schweiz alle E-Trottis aus dem Verkehr

Zuerst fällt der Tacho aus, dann blockiert die Vorderbremse: Gleich mehrere Fahrer von Lime-Leihscootern sind in der Schweiz in den letzten Monaten wegen Softwareproblemen verunfallt. Nach watson-Recherchen hat der US-Sharing-Gigant die Notbremse gezogen. 



Das US-Techunternehmen Lime zieht in der Schweiz per sofort alle 500 E-Trottis aus dem Verkehr. Grund dafür ist ein technischer Defekt. Denn watson sind mehrere Fälle bekannt, bei denen die Vorderbremse wegen Softwareproblemen bei vollem Tempo urplötzlich blockierte. Der Bug führte zu mehreren Unfällen, bei denen Lime-Fahrer im Spital landeten. 

Erst durch Recherchen von watson ist Lime überhaupt auf die mysteriösen Unfälle aufmerksam geworden. Das Unternehmen hat nun die Notbremse gezogen.  

Lime-Sprecher Roman Balzan bestätigt gegenüber watson: «Wir gehen den Hinweisen aktuell nach. Bis die Situation geprüft ist, haben wir als Sofortmassnahme beschlossen alle E-Trottinette in Zürich und Basel einzuziehen. Wir sind dabei jedes einzelne Gerät und die Software zu prüfen».  Alle Leih-Trottis müssen also in die Werkstatt.

Auf der Lime-App sind sowohl in Zürich als auch in Basel bereits keine e-Scooter mehr ausleihbar. Insgesamt betreibt der US-Tech-Gigant in der Schweiz eine Flotte 300 E-Trottis in Zürich und 250 in Basel

Die folgenden von watson aufgedeckten Fälle haben Lime zum Handeln gezwungen: 

Fall 1

Besonders schlimm trifft es den Basler Arzt Matthias Meier*. Am 3. November 2018 fährt er mit seinem Lime-Scooter vor der Uniklinik am Rheinknie durch, als zuerst die Tacho-Anzeige ausfällt. «Wie beim Velofahren blockierte wie aus dem Nichts die Vorderbremse und ich flog kopfvoran durch die Luft, hatte keine Chance zu reagieren», sagt Meier. Er bricht sich beim Sturz den linken Ellbogen.

«Immerhin verunfallte ich direkt neben der Notaufnahme», witzelt der Basler. Die Folgen sind für den selbstständigen Arzt aber weniger lustig. Operation, mehrtägiger Spitalaufenthalt. Physiotherapie. Danach kann er mehrere Tage nicht arbeiten und ist nun bis Mitte Januar zu 50 Prozent arbeitsunfähig. «Der Bruch ist kompliziert, ich muss sehr vorsichtig sein und kann meine Patienten nur eingeschränkt behandeln», so der Arzt.  

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bild: zvg

Fall 2

Der Zürcher Computerspezialist Dominic Peterhans* schnappt sich am 30. Oktober an der Leonhardstrasse in Zürich ein E-Trotti von Lime. Doch er kommt nicht weit. «Zuerst wurde das Display dunkel, dann blockierten die Bremsen bei 25 km/h. Das Schloss rastete urplötzlich ein», so Peterhans zu watson, er fliegt kopfvoran zu Boden. «Ich konnte nicht mehr aufstehen.»

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Ausschnitt aus dem Beschwerdemail an Lime des Zürcher Computerspezialisten. 

Beim Unfall kugelt er sich die Schulter aus und wird mit der Ambulanz ins Unispital Zürich eingeliefert. «Ich hatte Glück im Unglück. Aber Menschen können so bei einem Unfall sterben», schreibt Peterhans in einem mehrseitigen Beschwerdemail an Lime, das watson vorliegt. 

Der Zürcher verlangt nun Antworten vom US-Tech-Gigant: Wie ist es möglich, dass sich der Scooter während der Fahrt plötzlich ausschaltet und die Bremsen blockiert? «Dieser Bug ist ein Sicherheitsrisiko für die Nutzer wie auch für die Firma selbst». 

Fall 3

Robert Meier* stürzte Ende November beim Bahnhof Basel ebenfalls nach einer Brems-Blockade und zog sich Schürfwunden zu. «Ich bin richtig ‹gruusig› auf die Fresse gefallen. So etwas darf nicht wieder passieren». 

Die watson-Recherchen zeigen: Alle drei Fälle weisen exakt dasselbe Crash-Muster auf. Es ist also kein Einzelfall, wie es die Lime-Verantwortlichen im ersten watson-Bericht von Mitte Dezember erklärten. Schon damals war der zweite Basler Unfall bei Lime aktenkundig. Offenbar wurden die Schweizer Verantwortlichen vom Kundendienst, der sich in den USA befindet, darüber nicht informiert. 

Trotz des mehrseitigen Beschwerdeschreibens hat IT-Spezialist Peterhans bis heute keine Antwort erhalten. «Lime hat ein ernsthaftes Problem. In den USA könnte so ein Bug das Unternehmen Millionen kosten und das Geschäftsmodell gefährden». 

Peterhans will aber so oder so weiter auf Lime-Scootern durch Zürich fahren. «Die Chance ist zwar klein, dass so was wieder passiert. Aber wenn die elektronische Bremse ausfällt, sollte man sofort vom Bike springen», sagt er zu watson. 

«Der Unfall ist einzig Folge eines Produktfehlers»

Matthias Meier hat inzwischen einen Anwalt engagiert, der seine Interessen gegenüber Lime vertritt. «Es geht mir auch darum, dass mein Unfall aktenkundig wird. Denn es stimmt einfach nicht, dass nie etwas passiert. Der Unfall ist einzig Folge eines Produktfehlers.»

Lime entschuldigt sich bei den Nutzern für die lange Bearbeitungszeit der eingegangen Beschwerden: «Wir stehen mit den Betroffenen in Kontakt. Wir haben uns bei ihnen für die lange Wartezeit entschuldigt. Es ist klar, dass so etwas nicht passieren dürfte. Wir gehen den Ursachen für die Verzögerung nach und prüfen, wie wir die internen Abläufe verbessern können», so Balzan. 

Bist du wegen einer Brems-Blockade mit einem Lime-Scooter verunfallt? Dann schreibe uns: redaktion@watson.ch

Nico testet den Lime-Scooter auf der watson-Redaktion

Video: watson

*Name geändert

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    Alle Leser-Kommentare
  • no0815girl 09.01.2019 15:51
    Highlight Highlight Ich hatte auch einen Unfall mit einem Lime Scooter vor 4 Wochen. Allerdings funktionierte die Bremse gar nicht und ich zog mir einen Bänderriss zu, da ich zwangsläufig mit dem Fuss bremsen wollte wie bei einem Trotti ohne Bremse.
  • jafa8 09.01.2019 15:50
    Highlight Highlight Bei meinen ersten 2 Fahrten passierte genau das, einmal im Schritttempo. Das zweite mal bin ich fast geflogen, konnte aber rechtzeitig abspringen. Ich dachte ich hätte etwas falsch gemacht :-D
    Danach passierte es nie wieder, ich habe sie inzwischen oft gebraucht. Ein mulmiges Gefühl ist aber bei jeder Fahrt dabei...
    Finde es extrem wichtig haben sie nun konsequent reagiert, denn das Konzept ist grossartig und ich möchte es nicht mehr in der Stadt missen müssen!
  • quallbum 09.01.2019 01:21
    Highlight Highlight Ich finde die Dinger echt witzig und es wirkt irgendwie erheiternd auf mich, sie im Grauen Berufsaltag rumflitzen zu sehen. Aber das ist wohl auch nur so, weil sie so schön leuchten und irgendwie etwas futuristisches Ausstrahlen. (Nein so ergeht es mir auch nüchtern)
    Etwas irritierend finde ich, dass die Leserschaft die Trottis nun grundsätzlich ablehnt und nicht einfach die Optimierung der Geräte fordert. Dann fliegt halt mal wer auf die Fresse. Ich fahr auch immer betrunken oder schlimmer Velo, hab mir erst einmal was gebrochen
  • B-Arche 09.01.2019 00:09
    Highlight Highlight Hier in NYC wo ich wohne sind diese Lime Bikes überall da wo das offizielle citibike nicht ist. Also Richtung Long Island und Teile von Queens.
    Die Fahrräder liegen alle irgendwo herum, und seitdem findige herausgefunden haben wie man die Magnetsperre ohne App aushebelt werden die einfach überall hingeworfen. Habe nie irgendjemand von lime gesehen die diese Dinger wieder irgendwo ordnungsgemäss abstellt.

    Diese Scooter habe ich noch nicht gefunden. Ich denke das Strassenverkehrsgesetz hier erlaubt die nicht.

    Hat mich gewundert dass die in der Schweiz erlaubt waren.
  • Ril 08.01.2019 23:23
    Highlight Highlight Was, die Dinger machen 25km/h? Wo fahren die, auf der Strasse? So oder so ist das fahrlässig, für jeden der nicht Trotti-Stuntfahrer ist...
  • TanookiStormtrooper 08.01.2019 20:49
    Highlight Highlight "Zuerst fällt der Tacho aus, dann blockiert die Vorderbremse... Nach watson-Recherchen hat der US-Sharing-Gigant die Notbremse gezogen." Erst blockiert sie und danach wird sie noch absichtlich gezogen. Scheint mir als wäre das Bremsen hier ein grosses Problem... 😂
  • Friedolin 08.01.2019 20:31
    Highlight Highlight Sorry aber ich habe diese Dinger in LA ausprobiert und es hat ruesig spass gemacht und war extrem praktisch. Wenn es Lime in Biel gäbe würde ich es soo feiern!
  • Joe Smith 08.01.2019 19:50
    Highlight Highlight Egal, was man von diesen Elektrotrottis hält: Welcher Idiot kommt auf die Idee, es so zu bauen, dass die VORDER-Bremse blockiert?
  • HugiHans 08.01.2019 18:47
    Highlight Highlight Diese Dinger werde ich nicht vermissen im Strassenbild von Zürich. Viele wurden nicht für die Fortbewegung sondern einfach zum Schabbernack machen benutzt und entsprechend grobfahrlässig in Fussgängerzonen bewegt. Die Dunkelziffer an Stürzen von Fahrern und/oder Gerammten dürfte beträchtlich sein.
  • El Vals del Obrero 08.01.2019 18:12
    Highlight Highlight Eine rein mechanische Bremse wie bei einem Velo wäre doch auch eine Möglichkeit. Da kann es keine Softwarepannen geben.

    Aber da das nicht "digital" ist, wäre das heute wohl igitt und zu wenig hip.

    Erinnert irgendwie an die Spital-Alarmknopf-Geschichte.
    • Donald 08.01.2019 18:26
      Highlight Highlight Dann könnte es ja jeder klauen...
    • Zappenduster 08.01.2019 18:27
      Highlight Highlight Es ist gleichzeitig Bremse und schloss...
    • cinimodr 08.01.2019 18:43
      Highlight Highlight Absolut! Manche "ältere" Trottis von Lime sind schon heute so. In Schweden, wo Lime im November lanciert wurde sind übrigens ausschliesslich Velobremsen montiert. Aber schlussendlich kaufen die auch nur Produkte von Herstellern wie Segway ein - und elektronische Bremsen schonen theoretisch die Batterie.
    Weitere Antworten anzeigen
  • AmongThieves 08.01.2019 18:11
    Highlight Highlight sorry aber diese dinger sind auch verdammt gefährlich. habe schon paar mal gedacht wie lang es geht bis die verboten werden, da alle ohne helm fahren. bin froh fahren die nicht mehr rum.
    • salamandre 08.01.2019 21:05
      Highlight Highlight ...für mich ist ein Trotti mit Motor auch kein Trotti mehr.
    • AmongThieves 08.01.2019 22:46
      Highlight Highlight es ist allerdings nicht so toll wenn einer von euch unter meinem auto liegt. hab kein bock mich mein leben lang daran zu erinnern.
    • AmongThieves 09.01.2019 10:16
      Highlight Highlight Richtig! Die Überlebenschancen sind mit Helm allerdings weitaus höher.

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