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5 Beispiele, wie Beamte die Wikipedia-Artikel genau manipulierten

Das Nachschlagewerk im Visier: Was wird von der Bundesverwaltung aus bei Wikipedia geändert? Die «Nordwestschweiz» stiess auf über 50 Artikel mit Schönfärbereien und dokumentiert hier fünf davon.

sven altermatt / Aargauer Zeitung



Zum Teufel mit Kritikern?

Artikel: Schweizer Luftwaffe und andere

Besonders anfällig für Manipulationen scheinen Artikel, die sich um die Schweizer Luftwaffe drehen. Der Hauptartikel zum Thema wurde von Benutzern aus der Bundesverwaltung munter abgeändert und aufpoliert – stets im Interesse der Behörden. Mittlerweile zählt der Text über 40 Änderungen aus dem Bundesnetz. Teilweise umfassen die hinzugefügten Passagen mehr als 2000 Zeichen. Manche der Änderungen schafften es ungefiltert in die Wikipedia.

Benutzer aus der Bundesverwaltung gelang es etwa, mehrere Passagen über gescheiterte Fliegerbeschaffungen zu entfernen. Ein Teil der Änderungen wurde von Administratoren jedoch entdeckt und rückgängig gemacht. So versuchten Autoren im November 2012, den gescheiterten Kauf von Transportflugzeugen als ideologisches Werk der Grünen und der SVP darzustellen.

Um andere Passagen gab es einen veritablen Informationskrieg: Bundesbeamte schrieben Werbetexte, Administratoren löschten diese, Beamte hauten erneut in die Tasten. Weiter ging nur noch die Forderung eines Beamten im Diskussionsforum zum Artikel. Den Volksinitiativen gegen die Beschaffung von Kampfflugzeugen werde «viel zu viel Platz beigemessen», monierte er im Dezember 2011. Der Beitrag solle lieber über die Luftwaffe informieren – «und nicht über indirekte Dinge».

Ämter und ihr poliertes Image

Artikel: Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit und andere

PR-Beiträge sind für die Administratoren der Wikipedia oft leicht erkennbar, vor allem dank blumiger Worthülsen. Auch Benutzer aus der Bundesverwaltung tappen in diese Falle. Regelrecht schöngefärbt wurde etwa der Artikel zur Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), der bislang unbeanstandet blieb. Selbstdarstellerische Sätze informieren über die Aufgaben der Entwicklungshelfer. Nur ein Beispiel: «Multilateral engagiert sich die Deza in internationalen Organisationen und unterstützt im Rahmen der globalen Programme gezielt Innovationen und Projekte in den Bereichen Klimawandel, Wasser, Ernährungssicherheit, Migration und Gesundheit

Der Beitrag zum Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) entstand ebenfalls zu grossen Teilen in den Berner Amtsstuben. Die Autoren berichten, wie Seuchen «mit grossem Einsatz auf allen Stufen der Veterinärbehörden» ausgerottet worden seien.

Ähnliche Phrasen versuchten Beamte in weiteren Artikeln unterzubringen: Unter anderem in den Beiträgen zu mehreren Bundesämtern und zum Aussendepartment. Aber auch in jenen zu Armasuisse (Rüstungsbehörde), Ruag (Rüstungsfirma) und zur staatlichen Militärakademie.

Der harmlose Nachrichtendienst

Artikel: Schweizer Nachrichtendienste

Die Schweizer Nachrichtendienste sorgen regelmässig für Aufsehen. Mal mit einer Datenpanne, mal mit dilettantisch anmutenden Spähmethoden. Auch der Wikipedia-Artikel zu den Nachrichtendiensten ist mit Vorsicht zu geniessen: Fand der geneigte Leser hier bis zum 18. Dezember 2011 noch einen Satz zur Diskussion um das Trennungsgebot zwischen Nachrichtendienst und Polizei, war dieser plötzlich verschwunden. Gelöscht wurde die Passage von einem Benutzer der Bundesverwaltung.

Im September 2012 folgten die nächsten Artikeländerungen, die sich dem Bundesnetz zuordnen liessen. So versuchte ein Mitarbeiter, Informationen über die Überwachung von Internet und Telefonie zu glätten. Fakten zur umstrittenen Vorratsdatenspeicherung, belegt mit amtlichen Quellen, sollten verschwinden. Mehrere Passagen wurden durch Allgemeinplätze ersetzt. So hiess es etwa schwammig: Im Fernmeldeverkehr würden Informationen anfallen, «die zur Aufklärung von schweren Verbrechen erforderlich sein können».

Schmeichelhafte Selbstdarstellung

Artikel: Weiterentwicklung der Armee

Die «Weiterentwicklung der Armee» ist das grosse Reformprojekt des Schweizer Militärs. Auf dem neusten Stand ist der Wikipedia-Artikel dazu zwar ohnehin noch nicht. So findet sich darin kein Wort, dass die Reform im Parlament zunächst gescheitert ist. Doch auch sonst ist der Artikel kaum eine verlässliche Quelle. Denn über zwei Drittel des aktuellen Textes wurden von Benutzern aus der Bundesverwaltung geschrieben.

Der Artikel strotzt vor PR-Floskeln: Die Reform diene der Armee dazu, ihre «regionale Verankerung zu stärken» und das Verhältnis zu den finanziellen Mitteln auf eine «nachhaltig solide Basis zu stellen». Damit solle die Armee in der Lage sein, «auch in Zukunft die Schweiz und ihre Bevölkerung wirksam gegen moderne Bedrohungen und Gefahren zu verteidigen und zu schützen».

Wie ein Pendenzenberg verschwindet

Artikel: Staatssekretariat für Migration

Immer mehr Asylgesuche, immer mehr Beschwerdeverfahren: Der Pendenzenberg im Bundesamt für Migration (heute Staatssekretariat für Migration) gibt oft zu reden. Besonders im Sommer 2007. Damals stapelten sich zeitweise über 6400 offene Fälle beim Bundesverwaltungsgericht. Gesetzliche Fristen konnten kaum mehr eingehalten werden. Die Kollegen vom Bundesgericht mahnten zur Eile und sprachen gar von einem «enormen Pendenzenberg». Die Lage entspannte sich erst nach einer Asylgesetzrevision.

Nur: Über die turbulente Situation im Jahr 2007 ist bei Wikipedia nichts mehr zu erfahren. Ein 225 Zeichen langer Abschnitt dazu ging einem Benutzer aus der Bundesverwaltung wohl gegen den Strich. Im Januar 2015 löschte er den entsprechenden Eintrag erfolgreich. 

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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • dracului 09.02.2016 17:23
    Highlight Highlight Aus Wikipedia:

    "Zensur ist der Versuch der Kontrolle der Information. Durch restriktive Verfahren – in der Regel durch staatliche Stellen – sollen Massenmedien oder persönlicher Informationsverkehr kontrolliert werden, um die Verbreitung unerwünschter oder ungesetzlicher Inhalte zu unterdrücken oder zu verhindern."

    Die Beamten sollten dringend diesen Artikel dringend ergänzen oder eventuell gleich löschen lassen!
  • Kastigator 09.02.2016 14:15
    Highlight Highlight “Beamte“? Der Beamtenstatus wurde vor bald 15 Jahren weitgehend aufgehoben, nicht?
  • DerWeise 09.02.2016 11:30
    Highlight Highlight apropo Wikipedia und Schwarmintelligenz:

    http://www.heise.de/tp/artikel/46/46435/1.html

  • Wilhelm Dingo 09.02.2016 11:22
    Highlight Highlight Es ist eigentlich egal welche Medien man nutzt, man sollte einfach immer zuerst hinter die Kulissen schauen. Oft sagt das mehr aus als der Inhalt.
  • poesie_vivante 09.02.2016 11:20
    Highlight Highlight Spätestens seit der Dokumentation "Die dunkle Seite der wikipedia" wissen wir, wie gross das manipulative Vorgehen in der deutschsprachigen wikipedia ist:
    Play Icon
    • Samon B. 09.02.2016 12:16
      Highlight Highlight Könnt ihr bitte mit dieser Dok aufhören. Inzwischen wird sie, jedesmal wenn jemand Wikipedia sagt, in die Runde geworfen. Und so unbestritten ist sie ja nicht.
  • Gustav.s 09.02.2016 10:09
    Highlight Highlight Da wird also mit unseren Steuergeldern unser Wissen manipuliert.
    Gibt es Namen? Könnte eine Anzeige etwas bewirken? Schliesslich könnte man Wikipedia inzwischen als Systemrelevant bezeichnen, leider.
    • zigi97 09.02.2016 11:26
      Highlight Highlight ich dachte die sind nur zum dienste der bevölkerung da?
  • mein Lieber 09.02.2016 09:04
    Highlight Highlight Zu diesem Thema empfehle ich die kostenlose Doku "Die dunkle Seite der Wikipedia". Wikipedia für politische Themen nutzen ist wie Schneemänner bauen in Florida; völlig sinnfrei.
  • The oder ich 09.02.2016 08:11
    Highlight Highlight Die haben sich doch bloss an das grosse Vorbild Köppel gehalten, der den Artikel über sich ja schon in den Frühzeiten von Wikipedia verschönbessert hat.
  • Raembe 09.02.2016 08:07
    Highlight Highlight @Watson, die Umfrage sollte besser lauten: Vertrauen Sie dem BND? 😉
    • CableTiger 09.02.2016 08:55
      Highlight Highlight Wäre wohl die interessantere Frage ;)

      kleine Anmerkung:
      der BND ist der deutsche Geheimdienst, NDB wäre von der Schweiz.
    • Raembe 09.02.2016 09:10
      Highlight Highlight Danke, voll verwechselt
    • C0BR4.cH 09.02.2016 09:24
      Highlight Highlight Jap, die Umfrage wär im Zusammenhang eindeutig besser.
  • xmap 09.02.2016 07:20
    Highlight Highlight Vielleicht gibts ja einige Bundesbeamte, welche ihre Kaffepause dazu nutzen, dem Wissen der Welt beizutragen? Abgesehn davon, Watson, habts ihr in der Hand: Ruft doch eure Leser dazu auf, sich bei Wikipedia zu beteiligen und ein breites Bild der Verwaltung zu malen?! Fände ich etwas positiver als nur einen Rant abzulassen...
    • Charlie Brown 09.02.2016 07:50
      Highlight Highlight @xmap: Du hast den Artikel schon gelesen? Unliebsame Fakten löschen ist nicht gleich das Wissen mit der Welt teilen...
  • Angelo Hediger 09.02.2016 06:56
    Highlight Highlight Die haben die Wikipediaartikel sicher nur geändert damit kein Terrorist was mitbekommt ;D

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