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Warum die Schweizer Stromkonzerne voll auf «grünen» Wasserstoff setzen

epa09944408 Spain's King Felipe VI (C); Spanish electricity company Iberdrola Chairman and CEO, Jose Ignacio Sanchez Galan (3-R), and Castilla La-Mancha's Regional President, Emiliano Garcia ...
Spanien will beim grünen Wasserstoff eine zentrale Rolle spielen. Im Mai wurde in Anwesenheit von König Felipe im Dorf Puertollano die bislang grösste Produktionsanlage in Europa eröffnet.Bild: keystone

Warum die Schweizer Stromer voll auf grünen Wasserstoff setzen

Die Schweiz braucht für die künftige Energieversorgung deutlich mehr Strom. Ein bislang zweitrangiger Energieträger soll dabei zur tragenden Säule werden: «grüner» Wasserstoff.
18.12.2022, 15:0119.12.2022, 16:45
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Lange war Energie im Überfluss und billig verfügbar. Deshalb wurde gerade in der Schweiz viel zu wenig für die künftige Energieversorgung unternommen. Beim Zubau der erneuerbaren Energien gehörte sie im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern. Die Stromkonzerne investierten lieber in ausländische Projekte wie Offshore-Windanlagen.

Die aktuelle Energiekrise, ausgelöst durch den Ukraine-Krieg und den russischen Gaslieferstopp nach Europa, hat die Problematik schlagartig verschärft. In aller Eile hat der Bund Sparpläne entwickelt, die teilweise für Befremdung sorgten. Auch die Politik hat den Handlungsbedarf erkannt, wie die vom Parlament beschlossene Solaroffensive zeigt.

In den Fokus rückt die Frage, wie sich langfristig eine sichere und gleichzeitig klimaneutrale Energieversorgung realisieren lässt. Einen Denkanstoss liefert die am Dienstag vorgestellte Studie «Energiezukunft 2050», die der Verband Schweizerischer Elektrizitätswerke (VSE) zusammen mit der Empa erstellt hat. Sie liefert eine wissenschaftlich modellierte Grundlage.

«Tragende Säule» für Winterstrom

Denn es gilt sehr rasch vieles aufzuholen, was bislang versäumt wurde. Ein Aspekt wirkt dabei auf den ersten Blick überraschend: Für die Versorgungssicherheit vor allem im Winter soll grüner Wasserstoff zu einer «tragenden Säule» neben Wasserkraft und Photovoltaik werden. Bislang galt Wasserstoff für die Schweiz als zweitrangige Energiequelle.

Zu gross schienen die Nachteile. So haben mit Wasserstoff betriebene Autos einen deutlich geringeren Wirkungsgrad als Elektromobile. Die Produktion ist aufwändig, und Wasserstoff gilt als nicht unproblematischer Energieträger. Fachleute allerdings erachten dieses Problem als aufgebauscht und Wasserstoff für nicht gefährlicher als Erdöl, Gas oder Uran.

Schweiz nur beschränkt geeignet

Die Verwendung von Wasserstoff zum Heizen oder Autofahren mittels Brennstoffzelle steht für die Elektrizitätswerke ohnehin nicht im Zentrum. «Primär wird der importierte grüne Wasserstoff in Gaskraftwerken zur Stromproduktion verwendet», heisst es in der Studie. Im bestmöglichen Szenario könnten damit 20 Prozent des Winterbedarfs gedeckt werden.

Herr Senn tankt ein mit Wasserstoff betriebenen Brennstoffzellen-Lastwagen an der Coop Wasserstofftankstelle in Hunzenschwil am 3. November 2016. Die Coop Wasserstofftankstelle ist die ersten oeffentl ...
Wasserstoff tanken kann man in der Schweiz schon heute, doch in Zukunft steht die Stromproduktion im Zentrum.Bild: KEYSTONE

Klar ist, dass die Schweiz nur beschränkt grünen Wasserstoff herstellen kann. Allenfalls ist dies im Sommer möglich, wenn mehr Strom produziert als verbraucht wird. Der grösste Teil muss deshalb eingeführt werden. Der VSE setzt dabei auf «die entstehende europäische Wasserstoffinfrastruktur».

Ehrgeizige Ziele der EU

Die Europäische Union setzt sich im Rahmen ihres Green Deals ehrgeizige Ziele. Sie hat die Europäische Allianz für sauberen Wasserstoff ins Leben gerufen und will schon 2030 durch Elektrolyse mindestens 40 Gigawatt erzeugen. Die gleiche Menge soll von ausserhalb der EU stammen, vor allem aus den sonnenreichen Regionen in Nordafrika und Nahost.

Konkrete Pläne existieren im Sultanat Oman. Es will mit Solarenergie im grossen Stil grünen Wasserstoff produzieren. Erst kürzlich wurde eine erste Ausschreibungsrunde lanciert. Der Wasserstoff könne über bestehende Terminals für Flüssiggas (LNG) exportiert werden, sagte VSE-Direktor Michael Frank an der Medienkonferenz vom Dienstag in Bern.

Verteilnetz muss erst entstehen

Noch existiert kein Wasserstoffnetz in Europa. Dennoch könne «mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass ein solcher Backbone in Europa entstehen wird», so die Studie. Empa-Forscher Matthias Sulzer ist überzeugt, dass grüner Wasserstoff «ab 2040 in grossen Mengen über eine europaweite Infrastruktur verfügbar sein wird».

Aerial view of the solar plant of Ouarzazate, central Morocco, Thursday, Feb.4, 2016. Morocco unveils what's billed as the world's biggest solar plant, taking advantage of the Sahara sunshin ...
Solarkraftwerk Ouarzazate in Marokko. Dort und in ähnlichen Ländern soll künftig auf diese Weise grüner Wasserstoff produziert werden.Bild: AP/AP

Diesen Optimismus teilen längst nicht alle, doch gerade die derzeitige Energiekrise kann den Wasserstoffplänen der EU einen Schub verleihen. Kritiker zweifeln zudem, dass genügend grüner Wasserstoff verfügbar sein wird und man allenfalls weiterhin auf «grauen» Wasserstoff angewiesen sein wird, der aus Erdgas oder Methan erzeugt wird.

Elektrolyse mit hoher Effizienz

Als klimaneutral kann man dies nicht bezeichnen. Die Studienautoren von VSE und Empa sind trotzdem vom Potential des grünen Wasserstoffs überzeugt. Seine Herstellung benötigt wesentlich weniger Energie als jene von synthetischen Treibstoffen. Und die Elektrolyse, also die Aufspaltung von Wasser, hat eine vergleichsweise hohe Effizienz.

Noch bleiben Unsicherheiten, ob Wasserstoff bei der Energieversorgung 2050 die Rolle spielen wird, die ihm die Studie einräumt. Aber die meisten Alternativen überzeugen nicht, etwa die Kernenergie. Heutige Reaktortypen könne man vergessen, meinte ein Branchenvertreter am Rande der Medienkonferenz: zu teuer, zu geringe Akzeptanz.

Energieabkommen mit der EU

Die von Bill Gates und anderen propagierten Small Modular Reactors (SMR) sind derzeit nicht mehr als ein Versprechen. Auf sie zu wetten, wäre ziemlich riskant. Und bis mit der Kernfusion zuverlässig und günstig Energie in grossen Mengen produziert werden kann, ist es trotz der am Dienstag verkündeten «Sensation» noch ein sehr weiter Weg.

Bleibt als wohl grösstes Hindernis die Integration der Schweiz in den europäischen Wasserstoffverbund. Für Michael Frank ist klar, dass die Schweiz mit der EU nicht nur ein Strom-, sondern ein Energieabkommen benötigt. Und dafür müssen nach Ansicht der Brüsseler EU-Kommission erst die institutionellen Fragen geklärt werden.

Konkret braucht es ein Rahmenabkommen, und damit tut sich die Politik schwer. Ob sie auf die mahnenden Worte der Strombranche hören wird, darf man bezweifeln. Sie ist mit diesem Anliegen bisher auf taube Ohren gestossen.

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103 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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El Vals del Obrero
18.12.2022 16:26registriert Mai 2016
"Bislang galt ("grüner") Wasserstoff für die Schweiz als zweitrangige Energiequelle."

Eine Energieǫᴜᴇʟʟᴇ ist er ja auch nicht. Sondern "nur" eine Möglichkeit neben anderen (Speicherseen, Akkus ...) zur Energiesᴘᴇɪᴄʜᴇʀᴜɴɢ und allenfalls -transport. Alle diese Energiespeichermöglichkeiten haben ihre unterschiedlich ausgeprägten Vor- und Nachteile (Platzbedarf, Effizienz/Verluste, Transportfähigkeit usw.).

Dafür kann es unter Umständen, neben anderen Möglichkeiten, schon auch sinnvoll sein.

Nicht mehr und nicht weniger.
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Doppellottotreffer
18.12.2022 17:57registriert September 2021
Wasserstoff ist keine Energiequelle sondern ein Energiespeicher mit extrem schlechtem Wirkungsgrad und noch schlechterer Haltbarkeit und Transportfähigkeit. Falls Solar- oder Windstrom im Überfluss verfügbar wäre, könnte Wasserstoff als Energiespeicher über kurze Zeiträume und Distanzen ein Thema sein, ein realistisch absehbarer Zeitpunkt dafür ist jedoch nicht in Sicht.
Dreckiger Wasserstoff aus Erdgas sollte sowieso gar kein Thema sein.
Aus all diesen Gründen sollten diese nicht fertig gedachten Ideen endlich den Platz räumen für gangbare, realistische Lösungen!
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Alter Mann
18.12.2022 17:14registriert September 2020
"Die aktuelle Energiekrise, ausgelöst durch den Ukraine-Krieg und den russischen Gaslieferstopp nach Europa, hat die Problematik schlagartig verschärft." Dieser Satz ist grundlegend falsch. Denn die Energiekrise beruht darauf, dass in den letzten 2 Jahrzehnten der Ausbau von Solarenergie in der Schweiz sträflich verhindert wurde (Einsprachen und Denkmalschutz). Der Krieg und der damit verbundene Gaslieferstopp aus Russland hat lediglich die Preise nach oben schiessen lassen. Jetzt muss in Bezug auf Solardächer und Kleinkraftwerke endlich umgedacht werden.
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Eklat in der SVP: Christian Imark stellt pikante Forderung an Magdalena Martullo-Blocher
Das ist höchst ungewöhnlich. Energiespezialist Imark greift SVP-Vizepräsidentin Martullo-Blocher offen an. Sein Vorwurf: Mit ihrem Nein zum Stromgesetz gefährde sie langfristige Parteiinteressen.

Auf der einen Seite steht Christian Imark. Der SVP-Nationalrat aus Solothurn brachte am 2021 das CO₂-Gesetz praktisch im Alleingang zum Absturz. Im Februar 2024 reichte er als Mitglied des Initiativkomitees die Blackoutinitiative ein, die neue AKW wieder erlauben will. Und 2023 war er als Vertreter der Energiekommission (Urek) verantwortlich dafür, dass die SVP-Fraktion das Stromgesetz von SVP-Bundesrat Albert Rösti mit 36:18 Stimmen absegnete. Die Volksabstimmung findet am 9. Juni statt.

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