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Die Schriftstellerin Zoe Jenny spricht an der Mahnwache fuer die getoeteten Flaacher Geschwister und fordert die Entmachtung der KESB am Freitag, 13. Maerz 2015, in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Herausgeberin und KESB-Gegnerin Zoë Jenny im März 2015 an der Mahnwache für die getöteten Flaacher Geschwister. Bild: KEYSTONE

«Sie schlafen nicht, sie sind tot» – Jenny veröffentlicht Buch der Flaacher Kindsmörderin

In der Silvesternacht 2014 tötet Natalie K. in wahnhafter Verzweiflung ihren fünfjährigen Sohn und ihre zweijährige Tochter. Rund acht Monate später nimmt sich die damals 27-Jährige in ihrer Zelle das Leben. Nun sind ihre Memoiren erschienen, die sie im Gefängnis geschrieben hat. K. macht sich darin von der Täterin zum Opfer.



«Der Tod hat mir nie Angst gemacht, der Tod ist nichts Böses, denn er bringt Erlösung. Danke euch allen von Herzen! Natalie K., Montag, 2.2.2015.»

Sieben Monate später, am 7. August 2015*, wird Natalie K., 27 Jahre alt, gelernte Altenpflegerin, leblos in ihrer Zelle im Bezirksgefängnis Zürich gefunden. Sie hat sich nach dem Mittagessen selbst stranguliert.

Ihr Tod markiert das Ende einer Tragödie, bei der zwei Kinder ihr Leben lassen mussten und eine Mutter das ihrige beendete – jene Tragödie, die als «Fall Flaach» durch die Medien geschleppt und von Gegnern der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) als Vehikel für massive Kritik an der KESB benutzt wurde.

Eine dieser Kritikerinnen ist die Schriftstellerin Zoë Jenny, berühmt geworden mit ihrem Roman «Das Blütenstaubzimmer», berühmt geblieben mit ihrem Kreuzzug gegen die Anfang 2013 ins Leben gerufene Behörde. Nun gibt Jenny das Buch «Meine Geschichte beginnt in einem wunderbaren Dorf» heraus. Es handelt sich dabei um die Manuskripte, die Natalie K. im Februar vor zwei Jahren in ihrer Zelle hinterlassen hat. K. habe Jenny selber gebeten, das Buch herauszugeben.

Es ist ein Rechenschaftsbericht geworden – nach der Tat und vor der Tat. Der forensische Psychiater Frank Urbaniok wird Natalie K. nach dem Mord an ihren zwei Kindern eine psychische Störung attestieren. Sie habe einen ausgeprägten Geltungsdrang – gepaart mit einem Hang zur grossen Geste.

«Ich habe nun schon zweimal versucht zu sterben, aber ich sollte wohl noch warten. Ich hatte offenbar noch diese eine Aufgabe: dieses Buch zu schreiben.»

Narzisstisch, manipulierend

Auf knapp hundert Seiten schildert Natalie K. in chronologischer Folge Episoden aus ihrem Leben. Aus einer idyllischen Kindheit im Schoss der Familie, die aber durch mobbende Mitschüler getrübt wurde, aus einer Jugend, die geprägt war von einer glücklichen und erfolgreich abgeschlossenen Lehrzeit und der Liebe ihres Lebens, Mike K., und aus einem frühen Erwachsenenleben, in dem sie rasch doppelte Mutter wurde von zwei Kindern, die sie an der Silvesternacht 2014 im Alter von 2 und 5 Jahren mit eigenen Händen im Schlaf erstickte.

«Meine Geschichte beginnt in einem wunderbaren Dorf namens Rüdlingen. Es ist Sommer und angenehm warm. Ich sitze in unserem Garten mit meinem kleinen Bruder L. und beobachte unsere Meerschweinchen. Meine blonden Haare glänzen in der Sonne und meine blauen Augen strahlen. Ich bin gerade erst 5 Jahre alt und habe mein Lieblingskleid, das mit Blumen beschmückt ist, an.»

Episode für Episode lässt Natalie K. den Leser in ihre Psyche blicken – aber eben nur oberflächlich. Abgründe tun sich keine auf, nicht mal vor der Tat in der Silvesternacht 2014. Damit (und weil der Ausgang der Tragödie jedem bekannt ist) verliert auch der Eindruck, den Natalie K. zu erwecken versucht, sie sei ihr Leben lang eine gute Mutter gewesen, habe aber einfach sehr, sehr viel Pech gehabt, an Glaubwürdigkeit.

Gerichtspsychiater Thomas Knecht, der sich bereits im Juni 2016 zu Teilen des Manuskripts äusserte, befand, der Text, den die 27-Jährige in ihrer Zelle hinterlassen hatte, zeige den Narzissmus von Natalie K.: Sie belaste andere und wasche sich selber rein. Dass sie die Tat damit nicht rechtfertigen könne, sei ihr wohl bewusst gewesen, sagt Knecht, deshalb habe sie sich vermutlich das Leben genommen. So konnte sie sich ihre Version der Geschichte aufrecht erhalten.

«Ich bekomme im Spital ein Einzelzimmer mit meinem Sohn und geniesse jetzt schon die Zeit als Mutter. Vom ersten Augenblick an wusste ich, dass ich diesem kleinen Wesen alles geben und ich es für immer lieben und beschützen werde.»

In zahlreichen Abschnitten und Aussagen zeigt sich Natalie K. selbst als hingebungsvolle Mutter, eingebettet in eine liebevolle, intakte Familie. Natalie K. manipuliere damit den Leser, sagt Knecht, besonders Mütter, indem sie als Begründung angebe, dass sie ihre Kinder nicht habe enttäuschen wollen. Weder dieses, noch irgend ein anderes Argument aber rechtfertige eine solche Tat, sagt Knecht. 

Scheinwelt und Fantasterei

Natalie K. scheint naiv durchs Leben zu stolpern, was so lange gut geht, bis ihr Ende 2013 von der Polizei eröffnet wird, dass ihr Mann mehrere Leute um Geld betrogen hat, um der Familie einen Lebensstandard zu finanzieren, der weit über ihren Verhältnissen liegt.

«Ich wurde natürlich jedes Mal traurig und auch zornig, wenn er wieder ein Haus absagte. Ich wollte ja, dass wir beide glücklich sind, und er hat mir versprochen, dass alles korrekt ist und auch klappt.»

Bis ihr, ein knappes Jahr darauf, verweigert wird, den Sohn in den Kindergarten im Nachbardorf zu schicken, wo die Familie ein Haus kaufen will, das sie sich nicht leisten kann. Bis die Schule aufgrund des Zustands des Sohnes eine Gefährdungsmeldung bei der KESB einreicht und die Polizei wegen mehrfachen Betrugsverdachts das Elternpaar verhaften will. Auch durch diese Ereignisse stolpert Natalie K., mehr so nebenbei, immer das Wohl der Familie im Blick. Die Hölle, das sind die anderen.

«Sie sagt mir ins Gesicht: ‹Ich sorge persönlich dafür, dass ihr nicht in unsere Gemeinde kommt!› Dies tat sie auch und machte eine Gefährdungsmeldung bei der KESB.»

Frank Urbaniok, links, Gutachter im Strafverfahren,  und Jacqueline Fehr, rechts, Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern an der Medienkonferenz

Gutachter Frank Urbaniok (hier an einer PK zum Fall Flaach im Januar 2016) kam zum Schluss, dass die Behörden nicht hätten voraussagen können, wozu Natalie K. fähig ist. Bild: KEYSTONE

Der Gutachter Frank Urbaniok wird später urteilen, Natalie K. habe sich eine Scheinwelt aufgebaut. Die Eltern, die ihrer Tochter sehr nahe standen, werden sagen, sie habe oft fantasiert. Mike K., der im September 2016 wegen Betrugs zu 42 Monaten Haft verurteilt werden wird, wird bei seinem Prozess zu Protokoll geben, Natalie K. habe keine Lust mehr gehabt, zu arbeiten, aber immer mehr gewollt.

«Heute ist Dienstag, der 4.11.2014, der Tag, an dem alles begann und gleichzeitig der Tag, an dem alles endete. Die Beamten halten mir einen Haftbefehl hin, gegen mich. Ich lese ihn ungläubig durch: Betrug, Urkundenfälschung und Zechprellerei. (...) Jetzt kommen noch mehr Leute herein und stellen sich vor. Sie sind von der KESB und haben den Auftrag, die Kinder vorübergehend zu hüten.»

«Sie schlafen nicht, sie sind tot»

K. wirft der Behörde im Buch leere Versprechungen, einen schlechten Umgang mit ihren Kindern, Kaltblütigkeit und Faulheit vor. Nie habe sich die KESB für sie interessiert, nie eine Platzierung der Kinder bei ihren Eltern geprüft. Die Behörde habe, so K., von Anfang an vorgehabt, ihre Kinder länger im Heim zu behalten. Das Buch liest sich, zunächst zurückhaltend, mit jeder Seite aber wütender, als scharfe Anklage aus der Gefängniszelle.

Die Grosseltern der Kinder sprechen an der Mahnwache fuer die getoeteten Flaacher Geschwister und fordern die Entmachtung der KESB am Freitag, 13. Maerz 2015, in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Die Eltern von Natalie K. an einer Mahnwache. Bild: KEYSTONE

Zwei Experten werden später in einem Gutachten festhalten, dass die Massnahmen der KESB nachvollziehbar gewesen seien – sowohl der Obhutsentzug, als auch, die Kinder im Heim zu behalten. Allerdings kritisiert dasselbe Gutachten, dass die Behörde nicht gut kommuniziert habe, die Eltern von Natalie K. nicht genug einbezogen und eine Platzierung bei ihnen nicht genügend geprüft hätte. K. jedenfalls fühlt sich von der Behörde betrogen. Ihre zunehmende, wahnhafte Verzweiflung wandelt sich auf Papier zu einer Entschlossenheit, die Kinder nicht zu enttäuschen, ihnen das Heim zu ersparen. 

Das Tatort-Haus (linker Hausteil) in Flaach aufgenommen (ZH) am Freitag, 2. Januar 2015. In Flaach im zuercherischen Weinland sind am Neujahrstag zwei Kinder im Alter von zwei und fuenf Jahren getoetet worden. Die 27-jaehrige Mutter wurde unter dringendem Tatverdacht verhaftet. Sie hat sich selber Verletzungen zugefuegt, die aber nicht lebensgefährlich sind. (KEYSTONE/Walter Bieri)

In diesem Haus tötete Natalie K. ihre beiden Kinder. Bild: KEYSTONE

«Nach dem Essen bringe ich Nicolas in sein Bett und gebe ihm einen Kuss und gehe mit Alessia in mein Bett. Sie schläft schnell in meinen Armen ein und ich nicke auch ein. (...) Richtig aufgewacht bin ich erst wieder im Spital. Vom Rest des Abends habe ich nur zwei schreckliche Szenen im Kopf: Ich stehe neben meinem Bett und sehe beide Kinder in meinem Bett liegen. Sie sind zugedeckt und halten ihre Lieblingsstofftiere in den Armen, aber sie schlafen nicht, sie sind tot. Ich gebe den beiden einen Kuss und hole ein Messer aus der Küche. Ich muss sie erstickt haben, weil sie blaue Lippen haben. Da sie schliefen, hat die Bewusstlosigkeit sicher schnell eingesetzt, aber ich kann mich an das nicht mehr erinnern. Ich sehe nur das Bild von meinen zwei toten Kindern im Bett und es zerreisst mich.»

Kritik an der KESB

Wie Herausgeberin Zoë Jenny auf Anfrage sagt, habe K. sie darum gebeten, das Buch zu publizieren. «Ich habe mir das nicht gewünscht», sagt Jenny, «doch ich wusste, ich muss diese Aufgabe zu Ende führen». In der ganzen Tragödie habe die Mutter ihre Sichtweise nie darlegen können.

Jenny hofft, dass die Veröffentlichung ein anderes Licht auf den Fall werfen wird. Denn die Klarheit, mit der sich Natalie K. in ihrem Buch ausdrücke, widerspreche dem Bild einer verwirrten Frau und zeige vielmehr das einer liebenden Mutter, die am Kampf gegen die Behörde verzweifelt sei. Eine Behörde, die sich im Fall Flaach weder Fehler eingestanden habe und deren Macht aufgrund der Fehler trotzdem nie beschränkt worden sei.

«Nun ist es fertig, alle meine Gedanken, Gefühle, und auch mein Leben sind in diesem Buch. Alles, was du, liebe Leserin, lieber Leser, gelesen hast, ist wahr. So wie ich es erlebt und gefühlt habe.»

* In einer früheren Version dieses Artikels stand, Natalie K. hätte sich am 7. Februar 2015 das Leben genommen. Richtig ist der 7. August 2015. Wir entschuldigen uns für den Fehler. 

Der Kampf gegen die KESB

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Der Kampf gegen die Kesb
quelle: keystone / walter bieri
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