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GRLPWR

Grlpwr-Aufdrucke haben oft nichts mit einer inneren, feministischen Einstellung zu tun. tumblr

Kommentar

Ausverkauf des Feminismus – die 3 dümmsten Gründe, Feministin zu sein

Feminismus ist so sexy wie nie. Er wird gefeiert und vor allem kommerzialisiert. Die Gefahr von Grlpwr-T-Shirts und Taylor-Swift-Sakralisierung: Schnell kann Feminismus dabei an Glaubwürdigkeit einbüssen und verkommt zu einem Hype der Popkultur.



Als Feministin bezeichnet zu werden, war lange der Alptraum junger Frauen. Denn zum Feministinsein gehörten eine Portion Männerhass, krause Achselhaare und Birkenstock-Sandalen. Zumindest war dieses Klischee in vielen Köpfen weit verbreitet. Diese Zeiten sind vorbei und das ist gut so. 

Der neue Feminismus tendiert zum Gegenteil: Er ist hip wie nie, er glitzert, er ist girly – vor allem aber ist er Popkultur. Einerseits bringt dies feministische Anliegen einer breiteren Masse nahe (hey, es gibt sogar einen Wikihow-Beitrag zum Feministin-Werden) und wird endlich nicht mehr negativ dargestellt. Andererseits geraten immer mehr Menschen in das popkulturelle Fahrwasser der Bewegung, missverstehen Feminismus als Effekthascherei und tragen dieses Missverständnis so auch gen aussen. 

Ein ehemaliger Chef riet mir, das Wort Feminismus künftig zu meiden. Ich solle zur Beyoncé statt einer Alice Schwarzer werden. In meinem Instagram-Feed tauchen immer wieder Fotos von Bloggern in Grlpwr-Shirts auf. Während meines letzten Urlaubs blätterte ich einige Frauenmagazine durch und musste feststellen, dass auch hier das Thema neben Abnehm-Tipps abgehandelt wird. Seit wann wird Feminismus als Mode-Statement verkauft? Es gibt sehr viele gute Gründe, heute Feministin zu sein. Allerdings gibt es auch einige, die der Sache eher unzuträglich sind.

1. Wegen des Styles!

Die «Glamour» rät den Lesern, die sich politisch engagieren möchten, sich an den grossen «Revoluzzern» zu orientieren – in Sachen Style. Demnach geht eine Che-Mütze immer. Und natürlich die Trends mitmachen! So sollte man nicht ohne einen Pussyhat an einer Frauendemo auftauchen.

Feminismus-Fail

Dass eine Che-Mütze immer geht, steht in der aktuellen «Glamour». screenshot glamour

Mit Feminismus lässt sich Geld verdienen. instagram

Ein Beitrag geteilt von RTSinfo (@rtsinfo) am

Diese Pussyhats haben kaum einen modischen Zweck – sehr wohl aber eine politische Aussage.  instagram

In derselben Ausgabe verrät das Magazin auch Ansätze zur Cellulite-Behandlung, da diese «unser inneres Beach Babe stört». Der Artikel «Kugel? Sicher!» widmet sich ganz dem Bauch, natürlich mit pseudo-feministischer Note. So soll endlich Schluss sein mit Sixpack und Baucheinziehen. Endlich können wieder «richtige» Frauen wie Cara Delevingne oder Lady Gaga ihre unperfekten Bäuche zeigen. Illustriert werden die Seiten mit einer ganzen Reihe Bäuchen, für die viele Frauen – die nach wie vor unter dem Druck des vorherrschenden Schönheitsideals stehen – morden würden.

Bild

Die «Lieblingsbauch-Ikonen» sollen aufzeigen, dass «Kugeln» okay sind. Man suche die Kugeln. screenshot glamour

Um den Grlpwr-Trend mitmachen zu können, muss man sich ja quasi zum Feminismus bekennen.   instagram

Modeunternehmen bringen spezielle Feminismus-Linien auf den Markt. Sogar H&M verkauft T-Shirts mit Feminismus-Aufdrucken, die von Menschen unter miserablen Arbeitsbedingungen produziert wurden. Wer mit einem Grlpwr-Shirt herumläuft, für das eine Näherin ein paar Rappen bekommen und ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat, muss Girlpower absolut missverstanden haben und sollte sich dringend mit den Inhalten von Feminismus auseinandersetzen.

Derweilen im Vogue-Atelier. instagram

Und auch sonst gibt es ja wohl genügend stylische Accessoires, für die es sich lohnt, Feministin zu sein. instagram

Feminismus-Fail

Statt sich selber zu überlegen, welche Kernbotschaft auf dem Plakat stehen sollte, liefert Pinterest Inspiration, was wirklich schick ist. screenshot glamour

Dann aber bitte zumindest auf die Interpunktion achten.  instagram

2. Weil es Emma, Taylor und Beyoncé auch sind 

Immer mehr berühmte Persönlichkeiten outen sich als Feministinnen. Beyoncé, Emma Watson und Taylor Swift vermitteln ihren Fans einen positiven Feminismus, der mit dem alten Klischee der behaarten Männerhasserin bricht. Auch sie funktionieren als gewaltiges Sprachrohr, das Feminismus einer grossen Menge näherbringt.

IMAGE DISTRIBUTED FOR PARKWOOD ENTERTAINMENT - Beyonce performs on stage during the Beyonce and Jay Z - On the Run Tour at the Rose Bowl on Saturday, August 2, 2014, in Los Angeles. (Photo by Frank Micelotta/Invision for Parkwood Entertainment/AP Images)

Beyoncé performte vor einem riesigen «Feminist»-Schriftzug.  Bild: Invision for Parkwood Entertainment/Invision

Allerdings sind diese Stars privilegiert. Erfolgreich, schön, reich. Sie verkaufen ihre Musik oder erhöhen ihren Marktwert, indem sie die Seite des Feminismus bedienen, die sich so schön inszenieren lässt. Und dies unterscheidet sie von den Frauen, für die der Feminismus weiterhin eine Notwendigkeit und keine Wahl, ja kein Verkaufsargument ist. Für viele Promis scheint Feminismus die gleiche Funktion wie ein Instagram-Filter zu haben. Natürlich darf man die Stars dafür feiern, dass sie ihren Bekanntheitsgrad für feministische Anliegen nutzen. Allerdings sollten diese Anliegen dann auch zu Ende gedacht werden. 

Taylor Swift performs on ABC's

Taylor wurde zur Neonazi-Ikone und hält sich über eigene politische Ansichten bedeckt. Bild: Greg Allen/Invision/AP/Invision

Taylor Swift wird von vielen selbsternannten Feministinnen vergöttert – obwohl sich Taylor selbst kaum zu feministischen Anliegen äussert. Ausser, ihre Marke profitiert selbst davon (böse Zungen behaupten, dass sie deshalb mit Lena Dunham abhängt).

In ihrem Musikvideo «Bad Blood» zieht Taylor in den Krieg gegen ihre Kollegin Katy Perry. Und zwar vor allem wegen eines gemeinsamen Exfreundes (John Mayer) und ein bisschen, weil Taylor glaubt, Katy habe ihre Show sabotiert. So viel zu GRLPWR. Während der US-Präsidentenwahl sprach sie sich kein einziges Mal gegen Trump aus. Ein ziemliches No-Go für jemanden, der sich über feministische Themen profiliert. 

3. Weil es sich so gut auf Instagram und Facebook macht!

Eigentlich ist ja klar, dass man sich selbst nicht über politische Themen profilieren sollte: Wem es nicht um die Sache geht, sondern darum, über eigene Postings Likes abzustauben, tut der Sache einen Abbruch. So ist das auch beim «Fame-inismus». Seit einer Weile verwende ich den Begriff für opportunistische Feministinnen, für Menschen, denen es darum geht, Fame über Feminismus zu erlangen – und feministische Ideologie nur Werkzeug dazu ist.

Auch Blogger haben den Feminismus-Trend erkannt. instagram

Wer das Netz nach vermeintlich sexistischen Inhalten durchkämmt und schliesslich bei jeder Kleinigkeit einen Aufschrei fordert, banalisiert gleichzeitig Missstände, die der Feminismus thematisieren muss.

Natürlich ist es nicht egal, wenn einem auf der Strasse zum hundertsten Mal nachgepfiffen wird. Natürlich darf man seinen Ärger darüber der Facebook-Gefolgschaft kundtun. Dass aber täglich etwa 800 Frauen aufgrund von vermeidbaren Komplikationen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt sterben, dass laut WHO in Indien Selbstmord die Todesursache Nummer eins bei Frauen ist, dass nun auch in unserer westlichen Welt das Recht auf Abtreibung immer wieder neu verhandelt und erkämpft werden muss – das sind Themen, die dabei zu kurz kommen. Und für die zu viele Menschen keinen Nerv mehr haben, deren Feed mit Postings aufgeregter «Fameinistinnen» überschwemmt wurde, die Bildbeweise dafür liefern, dass man auch in Glitzerröckchen ein Buch lesen kann. 

Ein Beitrag geteilt von no (@freak_feminist) am

Natürlich kann man auch mit geschminkten Lippen Feministin sein. Nur machen einen rosa Lippen nicht zur Feministin. instagram

Feminismus ist das neue Cool

Der neue Feminismus ist ästhetisch, in den Medien präsent und hat berühmte Galionsfiguren. Auch in der Werbung ist er deshalb angekommen: Dove und Always machten sich feministische Inhalte früh zunutze. Dabei ist die Werbung nicht feministisch, denn sie wirbt nicht für Feminismus, sondern für ein Produkt. Die Werbung hilft nicht, feministische Anliegen auf den Tisch zu bringen, sondern benutzt die Themen, um eine Zielgruppe zu erreichen, die bereits existiert. 

Schon in den 60er-Jahren warb die Zigarettenmarke Virginia Slims mit dem Slogan «You've come a long way, baby!» dafür, dass Frauen die Marke auch öffentlich rauchen dürfen – und sprach damit gezielt die sogenannte zweite Generation der Feministinnen an. 

Popularisierung von Feminismus ist also nicht das eigentliche Problem. Das Problem ist das drohende Missverständnis, dass Werbung, Produkte oder das Absetzen von Likes-versprechenden Postings gleichzusetzen wäre mit politischem Engagement. Das Absurde an dem Popkultur-Feminismus ist in der Folge, dass Menschen, die sich diesen nicht leisten können, in ihm keine Rolle mehr spielen. Es trifft also die Menschen, für die Feminismus eine Notwendigkeit wäre – und kein Privileg.

«Die Frauen sind wütend und haben genug»: Über 10'000 Pussyhats marschierten durch Zürich

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Kommentar

Liebe Koriander-Hasser, ihr NERVT

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Jüngst, in der Kommentarspalte:

Ach, ihr Ärmsten! All die feinen Tacos, die indischen Chutneys, die Thai-Curries und und und, die ihr nicht essen könnt!

Mein Beileid.

Aber wisst ihr was? Ihr könnt nichts dafür.

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