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Der Präsident der Schweizerischen Vereinigung der Kinder- und Jugendpsychologie begrüsst den Protest der Maturanden. bild: keystone / montage watson

Interview

Wer am meisten leidet, wenn Maturaprüfungen durchgeführt werden

In zahlreichen Petitionen fordern Maturanden, dass auf die Abschlussprüfungen verzichtet wird. Zu gross sei die psychische Belastung und Chancenungleichheit. Der Präsident der Schweizerische Vereinigung der Kinder- und Jugendpsychologie begrüsst die Proteste und sagt, wen die ungleiche Lösung am härtesten trifft.



Ob auf Instagram oder Webseiten von Jungparteien – die Maturandinnen und Maturanden mobilisieren derzeit gegen die Durchführung der Abschlussprüfungen. Überrascht Sie dieser Protest?
Philipp Ramming: Nein, der freut mich! Diese Leute setzen sich für die Gestaltung ihrer Welt ein. Das ist natürlich eine verständliche Reaktion. Ihre Vorbereitungsmöglichkeiten sind stark eingeschränkt.

«Das ist, wie wenn man jahrelang für einen Hundertmeterlauf trainiert und dann krank wird.»

Also sind ihre Forderungen nachvollziehbar?
Ja, völlig. Sie haben sich darauf eingestellt, dass sie am Ende ihrer Ausbildung Abschlussprüfungen absolvieren müssen. Nun wurde aber der Weg dahin mit dem auf die Prüfung Einstellen und dem Vorbereiten unterbrochen. Das ist, wie wenn man jahrelang für einen Hundertmeterlauf trainiert und dann krank wird. Wenn man trotzdem antreten muss, ist das eine dumme Idee. Es wird von den Maturanden ganz plötzlich ein Verhalten verlangt, das vorher nicht wirklich trainiert wurde. Sie müssen alles selbstständig organisieren und sich den Stoff selber aneignen.

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Philipp Ramming ist Präsident der Schweizerische Vereinigung der Kinder- und Jugendpsychologie. bild: zvg

Die EDK argumentierte, dass dies von einem Matura-Schüler verlangt werden kann, immerhin sind das angehende Akademiker.
Diese Aussage kann ich nicht verstehen und möchte sie deshalb auch nicht kommentieren.

Sie sind also gegen die Durchführung der Abschlussprüfungen.
Ich möchte keine Partei ergreifen. Wenn die Prüfungen so gestaltet und beurteilt werden, wie wenn die Coronakrise nicht da wäre, dann ist es nicht korrekt. Die Umstände müssen in Rechnung gestellt werden. Diese Anpassung ist sehr wichtig. Die Situation ist nicht normal, warum sollen die Schülerinnen und Schüler normal funktionieren? Es heisst aber nicht, dass sie gar nicht funktionieren sollen. Genauso wie man von den Maturanden verlangt, professionell mit der Situation umzugehen, müssen dies die Institutionen auch tun. Ich denke jedoch, dass das in den meisten Fällen so gemacht werden wird.

Die Maturanden sagen ausserdem, dass bei einer Durchführung der Prüfung die Sorge um die Gesundheit belastend sei.
Das kann tatsächlich eine zusätzliche Belastung sein. Prüfung heisst auch ohne Corona Stress: Man hat Angst, durchzufliegen oder einen Schaden zu erleiden. Jetzt kommt alles zusammen. Das ist unheimlich viel aufs Mal.

Neben der Gesundheit stellt sich auch die Frage nach der Chancengleichheit.
Es ist klar, dass Kinder aus der Mittel- und Oberschicht mit einem akademischen Umfeld einen Vorteil haben. Solche, die keine Hilfe beanspruchen können, haben schlechtere Chance. Diese Schüler belastet diese Situation zusätzlich. Wenn jemand nicht gut vorbereitet ist, ist diese Person mehr auf Unterstützung und Glück angewiesen.

Auch unter den Kantonen gibt es Unterschiede, nicht alle werden die Maturaprüfungen durchführen. Ist es für die Jugendlichen so noch schwieriger, mit der Situation umzugehen?
Das ist tatsächlich gemein und unfair. Aber es war auch schon vorher so. Die Jugendlichen müssen lernen, mit diesen Differenzen fertig zu werden und der Tatsache, dass die Welt unfair ist. Das ist nun mal so.

Inwiefern können die Jugendlichen von dieser Erfahrung profitieren?
Sie werden lernen, dass man zu sich selber Sorge tragen muss. Andere setzen sich zum ersten Mal politisch ein, das finde ich gut. Andererseits werden sie merken, dass jeder seines Glückes Schmied ist und ein bisschen Reserve nie schadet. Ihnen wird vielleicht klar, dass jedes System seine Fehler hat. Und es wird ihnen bewusst werden, dass es keine absoluten Wahrheiten gibt, nur von Menschen gemachte Strukturen. Uns allen wird zudem noch stärker bewusst, dass wir ein Bildungssystem haben, das selektioniert.

«Uns allen wird zudem noch stärker bewusst, dass wir ein Bildungssystem haben, das selektioniert.»

Wie wichtig sind die Abschlussprüfungen für die persönliche Entwicklung?
Diese Abschlussprüfungen wird die jetzige Maturageneration so oder so prägen. Natürlich sind Prüfungen ein Abschluss einer Zeit. Aber es braucht nicht zwingend eine Prüfung. Es braucht jedoch zwingend einen Abschuss, in welcher Form auch immer.

Noch immer herrscht Unklarheit, wie und ob die Abschlussprüfungen durchgeführt werden. Ist das lange Warten zumutbar?
Es muss nun möglichst schnell etwas passieren. Je früher die Schülerinnen und Schüler Klarheit haben, desto mehr Sicherheit haben sie. Lange hin und her zu diskutieren und dann plötzlich mit der Prüfung zu kommen, ist nicht sehr elegant. Aber man darf auch nicht vergessen, wie schwierig das für die Entscheidungsträger ist. Sie können es eigentlich nur falsch machen.

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