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Mit lautem Geschrei ist es nicht getan. Bild: Shutterstock

Fertig toibelet: Es ist an der Zeit, die Elternzeit-Diskussion wie Erwachsene zu führen

Die FDP portierte einen Gegenvorschlag zur Vaterschaftsurlaub-Initiative – drohte aber sogleich wieder mit dem Rückzug, weil ihr ein Krippenentscheid des Nationalrats nicht passte. Das ist kindisch und wenig zielführend. 

14.06.18, 14:53 15.06.18, 06:58


Das Kind bekommt nicht, was es will. Heulend wirft es sich vor der Migros-Kasse zu Boden, weigert sich partout, wieder aufzustehen. Für ein solches Verhalten kennen wir im Schweizerdeutschen ein Wort: «toibele».

Ganz ähnlich wie das Kind vor der Migros-Kasse verhält sich derzeit zum Beispiel die FDP, wenn es um die Familienpolitik geht. Noch vergangene Woche inszenierte sich die Partei als pragmatische Kraft: Eine kategorische Ablehnung der Vaterschaftsurlaubs-Initiative, wie der Bundesrat sie fordere, sei für die Fraktion keine befriedigende Lösung, teilte sie mit. Und kündigte an, einen indirekten Gegenvorschlag zu portieren.

Dieser sollte aus drei Elementen bestehen:

Bereits eine Woche später droht die Partei jedoch damit, den Vorschlag zurückzuziehen. Denn der Nationalrat hat beschlossen, das Programm zur Finanzierung neuer Krippenplätze um vier Jahre zu verlängern. Damit droht das dritte Element des FDP-Plans wegzubrechen. In dem Fall sehe man sich «bei den Papiferien nicht mehr in der Pflicht», sagte Fraktionspräsident Beat Walti zum Blick.

Das ist eine klassische Trotzreaktion: Die FDP weigert sich, auch nur einen Schritt weiterzugehen, wenn sie nicht bekommt, was sie will. Nun findet Politik natürlich nie im luftleeren Raum statt. Parteien brauchen ein Verhandlungspfand, um in einer Diskussion ans Ziel zu gelangen.

Wenn das Ziel für die FDP aber wirklich darin besteht, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, wie sie dies vorgibt, dann macht eine Verweigerungsstrategie wenig Sinn.

Wer schaut nach den 2 Wochen Papi-Zeit und den 14 Wochen Mutterschaftsurlaub zum Kind? Eine Elternzeit ersetzt den Krippenplatz nicht.

Zur Einordnung: Der erste Punkt des FDP-Plans sieht vor, dass der heutige Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen durch einen Elternurlaub von 16 Wochen ersetzt wird, der zwischen beiden Elternteilen aufgeteilt werden kann. Will die Mutter nach der Geburt gleich lang der Arbeit fernbleiben, wie ihr dies heute zusteht, bleiben noch 2 Wochen für den Vater übrig.

Das Engagement für einen solchen Kurz-Vaterschaftsurlaub an die Bedingung zu knüpfen, dass die Anschubfinanzierung für Kinderkrippen gestrichen wird, ist fast schon zynisch. Denn: Wer schaut nach den 2 Wochen Papi-Zeit und den 14 Wochen Mutterschaftsurlaub zum Kind? Eine Elternzeit ersetzt den Krippenplatz nicht.

Natürlich kann man gleichzeitig für Krippen und gegen eine weitere Anschubfinanzierung sein. FDP-Mann Christian Wasserfallen warb im Nationalrat dafür, die direkte Subventionierung von Kitas zu beenden und stattdessen die Steuerabzüge für die externe Kinderbetreuung zu erhöhen. So, wie es der FDP-Plan unter Punkt zwei vorsieht.

Das mag ordnungspolitisch die elegantere Lösung sein. Wer aus Protest gegen ein vierjähriges Finanzierungsprogramm jedoch alle Pläne für einen Vaterschaftsurlaub begräbt, dem kann es nicht so ernst damit sein, die «traditionellen Rollenbilder aufzubrechen», wie es die Partei in ihrer Strategie formulierte. So dachten offensichtlich auch einzelne FDP-Exponenten: Laurent Wehrli (VD), Isabelle Moret (VD) und Christoph Eymann (BS) stimmten der Krippenfinanzierung im Nationalrat zu – gegen den Widerstand der eigenen Fraktion.

Die Parteien müssen aufeinander zugehen, wenn sie ihr Versprechen, für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sorgen, tatsächlich einlösen wollen. Und versprechen tun sie dies – mit Ausnahme der SVP – alle.

Wir werden im Zuge der Debatte über die Vaterschaftsurlaub-Initiative noch den einen oder anderen Alternativvorschlag von Parteien präsentiert bekommen. Während die CVP ihre Idee für einen 2-wöchigen Vaterschaftsurlaub neu lanciert, fordern die Grünen eine Elternzeit nach skandinavischem Vorbild. Der heutige Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen bliebe dabei unangetastet. Zusätzlich sollen Mütter und Väter weitere 14 Wochen Elternzeit frei untereinander aufteilen können, wovon mindestens 8 Wochen der Mann beziehen müsste.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Modell im Jahr 2018 in der Schweiz mehrheitsfähig ist, scheint gering. Klar ist darum: Die Parteien müssen aufeinander zugehen, wenn sie ihr Versprechen, für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sorgen, tatsächlich einlösen wollen. Und versprechen tun sie dies – mit Ausnahme der SVP – alle (siehe Bildstrecke).

Von SP bis FDP wollen alle «Vereinbarkeit»

Es wäre darum hilfreich, sich an den Erwachsenen an der Migros-Kasse zu orientieren. Diese bezahlen ihre Einkäufe im Körbli in der Regel – und legen sich nicht tobend auf den Boden, nur weil ein Artikel nicht mehr in der Lieblings-Ausführung erhältlich ist.

Der springende Punkt dabei ist: Es sind keine sentimentalen Gründe, die zur seltenen Einhelligkeit führen, sondern knallharte Wirtschaftsinteressen. Die Erkenntnis, dass der Schweizer Arbeitsmarkt auf weibliche Fachkräfte angewiesen ist, hat sich längst quer durch alle politischen Lager durchgesetzt. Nur ist man vor lauter Trötzeln nicht bereit, auch nur einen Schritt vorwärts zu machen.

Es wäre darum hilfreich, sich an den Erwachsenen an der Migros-Kasse zu orientieren. Diese bezahlen ihre Einkäufe im Körbli in der Regel – und legen sich nicht tobend auf den Boden, nur weil ein Artikel nicht mehr in der Lieblingsausführung erhältlich ist.

Darum geht es in der Initiative ...

Video: srf

Vaterschaftsurlaub: So sieht es in den Nachbarländern aus

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • Kevegoal 15.06.2018 00:41
    Highlight Ich sehe in diesem Thema auch ein wichtiger Schritt zur tatsächlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau. Frauen im Alter zwischen 20 und 30 haben noch immer grosse Schwierigkeiten einen Job zu finden und sind durch den (eventuellen) Mutterschaftsurlaub benachteiligt bei der Selektion. Mit einem skandinavischen System könnte dies ausgeräumt werden und den Papis wird auch noch genüge getan 😊👍🏻
    2 0 Melden
  • Norbert Riedi 14.06.2018 21:34
    Highlight es wäre möglicherweise tatsächlich hilfreich, sich ganz generell an wirklich erwachsenen zu orientieren. die bezahlen nämlich meistens eh ganz selber, was sie wollen. elternzeit? vaterschaftsurlaub? auf wessen kosten denn? irgendwann einmal wird auch das paradies schlicht zu teuer …
    2 4 Melden
  • Turi 14.06.2018 17:29
    Highlight Soviel ich verstanden habe, hat die FDP nicht gefordert, dass die Aufteilung 14+2 Wochen sein muss. Das ist die Forderung der Autorin. Die FDP hat hingegen einfach eine Minimalzeit von 8 Wochen vorgeschlagen, der Rest kann von Mutter oder Vater bezogen werden.

    Insofern sprechen wir nicht nur von 2 Wochen Vaterschaftsurlaub, sondern von 16 Wochen für Vater und Mutter.

    Etwas Präzision bei der Berichterstattung sollte schon sein, es kann nicht sein, dass ich als aufmerksamer Leser besser Bescheid weiss als die Journalistin.
    9 6 Melden
  • Dominik Treier (1) 14.06.2018 16:13
    Highlight Tja der Typische FDP-Wähler von heute kann es sich eben problemlos leisten eine teurere Krippe zu bezahlen... Die die das Geld nicht haben sollen dann halt sehen wo sie bleiben, lieber die Steuern, für den Geldadel noch ein wenig reduzieren mit dem Betrag, der mit dem Streichen der Anschubfinanzierung frei wird... Es ist wie immer mit Steuerabzügen. Sie sind Assozial, weil sie wegen der Progression eben denen am meisten nützen, die es am wenigsten nötig haben...
    38 12 Melden
    • Madison Pierce 14.06.2018 16:43
      Highlight Das stimmt teilweise schon, jedoch bezahlen Geringverdiener wohl häufig gar keine Steuern mehr, wenn sie die Betreuungskosten noch abziehen können.

      Unabhängig davon frage ich mich schon, ob die Allgemeinheit für die Kinderbetreuung aufkommen soll, damit Eltern mehr arbeiten können. Mittagstische zum Selbstkostenpreis ab dem Kindergarten sind eine gute Sache, aber vorher soll nicht der Staat für die Kinderbetreuung zuständig sein.
      26 20 Melden
    • Marlon Mendieta 14.06.2018 20:12
      Highlight Schlecht verdienende Paare arbeiten sowieso beide, weil sie sich Kinder sonst nicht finanzieren können.
      Es geht der SP hauptsächlich darum Akademikerpaare zu subventionieren und hätscheln.
      Wählerbewirtschaftung nennt man das.
      Wenn sich ein gut ausgebildetes Paar entscheidet, dass sie zusammen nicht mehr als 140% arbeiten wollen, weil sich mehr nicht rechnet wegen Steuern und Krippe, dann ist das für mich ok.
      Schliesslich haben beide viel in ihre Ausbildung investiert.
      Aber jammern, wenn nachher die Karriere stockt ist einfach unverschämt und frech.
      6 10 Melden
  • Tomtom64 14.06.2018 16:10
    Highlight Würde ich jetzt nicht als "Toibele" bezeichnen. Mit der beschlossenen Weiterführung der Krippenfinanzierung fallen eigentlich zwei der drei Elements des Gegenvorschlags weg, denn dann sollte man logischerweise auch auf den Steuerabzug verzichten. Da erscheint es mir logisch den ganzen Vorschlag zurückzuziehen und einen der anderen, beispielsweise denjenigen der CVP zu unterstützen.

    15 7 Melden
  • leykon 14.06.2018 15:03
    Highlight Danke für diesen Artikel...
    Toibele beschreibt diesen Zustand treffend...
    40 10 Melden

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