Schweiz
Kommentar

Davoser Schlitten-Fail: Das fehlende Gespür für Antisemitismus

epa10616003 Ultra-Orthodox Jews visit the gravesite of Rabbi Shimon Bar Yochai at Mount Meron, as they celebrate the Jewish holiday of Lag Ba'Omer in Israel, 08 May 2023. The day marks the annive ...
Sind die orthodoxen Juden das Problem – oder die Tatsache, dass man sie an ihrer Kleidung erkennt? symbolbild: keystone
Kommentar

Der Davoser Schlitten-Fail und das fehlende Gespür für Judenhass

Der Umgang mit jüdischen Gästen im Bündner Ferienort sorgt wieder einmal für negative Schlagzeilen. In der Schweiz fehlt es in solchen Fällen häufig am nötigen Sensorium.
13.02.2024, 16:5614.02.2024, 07:07

Davos ist für manche Dinge berühmt: das Jahrestreffen des World Economic Forum (WEF) im Januar, seine Tradition als Luftkurort (bekannt durch Thomas Manns «Zauberberg» oder die Fernsehserie «Davos 1917»), den Spengler Cup, das Kirchner-Museum, das Skigebiet. Und für einen Holzschlitten, der nach dem Bündner Ferienort benannt wurde.

Nun hat ein Schlitten, oder vielmehr dessen Diebstahl, für grosse Aufregung gesorgt. Im Bergrestaurant des Skigebiets Pischa konnte man am Wochenende auf einem auf hebräisch verfassten Zettel lesen, aufgrund «diverser trauriger Vorfälle», darunter besagter Diebstahl, vermiete man «keine Sportgeräte mehr an unsere jüdischen Brüder».

Der jüdische Zürcher FDP-Gemeinderat Jehuda Spielmann veröffentlichte den Aushang auf X, und der Shitstorm nahm seinen Lauf. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und sein Generalsekretär Jonathan Kreutner, ein regelmässiger Feriengast in Davos, zeigten sich entsetzt: Der Inhalt des Zettels sei «höchst diskriminierend und antisemitisch».

Ausgrenzend und rassistisch

Widerspruch ist zwecklos: Eine ganze Gruppe aufgrund des Fehlverhaltens einzelner Leute zu bestrafen, ist ausgrenzend und rassistisch. Die Kantonspolizei Graubünden hat ein Verfahren eröffnet. Der Pächter des Restaurants zeigte sich einsichtig, betonte gegenüber dem «Blick» aber, der Vorfall habe «sicher nichts mit Antisemitismus zu tun».

Diese Rechtfertigung wirkt wenig glaubwürdig. Es gibt Wege, solche Vorfälle zu verhindern, ohne auf bestimmte Menschen zu zielen. Um zu verhindern, dass Sportgeräte gestohlen oder stehen gelassen werden, kann man ein Depot einziehen. Um Unfälle zu vermeiden, verlangt man eine passende Ausrüstung, wie dies auf einem neuen Aushang der Fall ist.

Eine spezielle Klientel

Warum wurden trotzdem nur jüdische Gäste «angeprangert»? Eine erste schriftliche Stellungnahme des Restaurants gegenüber «20 Minuten» ist aufschlussreich. Darin hiess es, dass «wir keine Lust mehr haben auf diese täglichen Diskussionen und Reibereien». Es sei immer wieder zu ärgerlichen Vorfällen mit jüdischer Kundschaft gekommen.

This image of December 10, 1936, shows Jewish student David Frankfurter (middle) in the dock during his trial in Chur in the canton of Grisons, Switzerland. David Frankfurter shot down Nazi official W ...
Auch das ist Davos: 1936 erschoss der jüdische Student David Frankfurter den NSDAP-Landesgruppenleiter Wilhelm Gustloff. Er erhielt 18 Jahre Gefängnis und wurde nach Kriegsende abgeschoben.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Das lässt sich ein Stück weit erklären. Orthodoxe Juden sind eine spezielle Klientel, denn sie leben vielfach in einer eigenen Welt. Trotzdem bemühen sich Schweizer Ferienorte wie Davos, Arosa – wo ein anderer gegen Juden gerichteter Zettel vor einigen Jahren ebenfalls für einen enormen Shitstorm sorgte – oder das Walliser Saastal um sie.

Ein idealer «Blitzableiter»

Sie bieten religiöse Einrichtungen nach ihren Bedürfnissen und koscheres Essen und ziehen damit Gäste aus ganz Europa und Übersee an. Gleichzeitig kommt es zu Irritationen und Querelen, wobei Jonathan Kreutner gegenüber der «Südostschweiz» betonte, diese Probleme würden nicht nur von jüdisch-orthodoxen Gästen verursacht.

Allerdings seien diese aufgrund ihrer Kleidung besser zu identifizieren. Das macht sie zum idealen «Blitzableiter» für pauschale Vorwürfe, auch wenn die Mehrheit dieser Gäste zu keinen Beanstandungen Anlass gibt. Und führt zu einem weiteren schwierigen Punkt: dem in der Schweiz oft fehlenden Gespür für jüdische Befindlichkeiten – und für Judenhass.

Dunkles Kapitel der Geschichte

Der Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens ist ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte, und das betrifft nicht nur die Wegweisung von Flüchtlingen im Zweiten Weltkrieg. Antijudaismus und Antisemitismus reichen zurück bis zu den Pogromen im Mittelalter und zur «Verbannung» in die Aargauer «Judendörfer» Endingen und Lengnau.

Bei der Gründung des Bundesstaats 1848 erhielten die Juden keine Gleichberechtigung. Dies änderte sich erst auf Druck des Auslands. Als Bedingung für ein Handelsabkommen forderte Frankreich die Niederlassungsfreiheit in der Schweiz für seine Staatsbürger – auch die jüdischen. Die Diskriminierung der Schweizer Juden wurde damit unhaltbar.

Vermehrte Übergriffe

Sie wurde 1866 per Volksentscheid abgeschafft, doch der Antisemitismus liess sich nicht beseitigen. Davon zeugen explizite Einträge in den Gästebüchern von Engadiner Hotels, und noch 1986 berichtete der «Spiegel» über Vorurteile und Feindseligkeiten gegenüber orthodoxen Juden in Arosa, auch und gerade unter Einheimischen.

Sehr viel weiter scheint man seither nicht gekommen zu sein, wie der Vorfall in Davos zeigt. Er wirkt besonders irritierend, weil antisemitische Übergriffe seit der Eskalation im Nahen Osten auch in der Schweiz zugenommen haben. Und im letzten Sommer ist in Davos ein Vermittlungsprojekt des SIG mit orthodoxen Touristen laut der NZZ «krachend gescheitert».

Es ist herausfordernd, eine Balance zwischen den Lebenswelten strenggläubiger Juden und der säkularen Schweiz zu finden. Ein Minimum an Gespür im Umgang mit diesen Gästen sollte aber drin liegen. Das nützt auch dem gegenseitigen Verständnis. Ansonsten leidet der Ruf des Schweizer Tourismus.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Albanerinnen und Albaner beschützten im 2. Weltkrieg Juden und Jüdinnen vor den Nazis
1 / 9
Albanerinnen und Albaner beschützten im 2. Weltkrieg Juden und Jüdinnen vor den Nazis
Drita Veseli (mit einem Bild ihres Mannes Refik Veseli): «Mein Mann war Fotograf. Er erlernte den Beruf als Teenager von einem jüdischen Fotografen namens Moshe Mandil. Die Italiener hatten die Familie Mandil von Priština im Kosovo nach Tirana deportiert. Als die Deutschen Albanien besetzten, bekam mein Mann die Erlaubnis seiner Eltern, alle vier Mitglieder der Familie Mandil und drei der Familie Ben Joseph im Haus seiner Familie in dem Bergdorf Krujë zu verstecken. Alle sieben Juden waren dort bis zur Befreiung.» Foto: Yad Vashem/Norman Gershman ... Mehr lesen
Auf Facebook teilenAuf X teilen
So erleben junge jüdische Schweizer Antisemitismus
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Rémy Wyssmann will in den Bundesrat – watson hat getestet, wie es um sein Englisch steht
Der Solothurner Nationalrat Rémy Wyssmann will in den Bundesrat. Das verkündete er bei einer Medienkonferenz. Vier Dinge, die beim Auftritt aufgefallen sind, und was der Solothurner selbst dazu sagt.
Rémy Wyssmann begründet seine Kandidatur damit, dass er das Vertrauen in den Staat und die Institutionen «wiederherstellen» wolle. «In den letzten 30 Jahren wurden unsere Institutionen viel zu häufig von Geschäftemachern, Ideologen oder Gescheiterten aus der Privatwirtschaft missbraucht», sagte der Anwalt, der auf nationaler Ebene bisher wenig bekannt war.
Zur Story