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ARCHIVBILD ZU DEN HEUTIGEN DEBATTEN UM DAS FRUEHFRANZOESISCH, AM MITTWOCH, 3. MAI 2017 - A French lesson of a middle school class at the day school Bungertwies in Zurich, Switzerland, on March 12, 2015. The school has two kindergartens (1st and 2nd kindergarten year) and six classes of mixed ages (1st to 3rd grade and 4th to 6th grade). The mixed age group system means that the children can study together and learn from each other. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Französisch ist nicht einfach, aber wichtig für die Willensnation. Bild: KEYSTONE

Kommentar

Eine Fremdsprache in der Primarschule? Jawohl – mais français, s'il vous plaît!

Die Arroganz vieler Deutschschweizer gegenüber dem Frühfranzösisch entzweit das Land. Dabei ist der Ausweg ganz einfach: Alle Schulkinder müssen als erste Fremdsprache zwingend eine Landessprache lernen. Englisch lernen sie sowieso.



Für die Schweiz wird gerne der Begriff Willensnation verwendet. Wir haben keine gemeinsame Sprache und Kultur, uns hält allein der Wille zusammen, eine nationale Einheit zu bilden. In der Realität kann von einem Zusammenleben der Sprachregionen kaum die Rede sein. Wir leben eher aneinander vorbei und geben uns Mühe, einander nicht in die Quere zu kommen.

Dieser nationale Zusammenhalt funktioniert in der Regel ganz gut, auch wenn sich die Tessiner nicht zu Unrecht darüber beklagen, dass sie vom Rest des Landes vernachlässigt werden. Das Verhältnis zwischen Deutschschweiz und Romandie aber ist leidlich entspannt, erst recht seit der ominöse «Röstigraben» in Volksabstimmungen kaum noch eine Rolle spielt.

Befuerworter des Franzoesischunterricht am Eingang zum Grossen Rat im Ratshaus in Frauenfeld am Mittwoch, 3. Mai 2017. Der Grosse Rat stimmt am Mittwoch ueber den Franzoesisch Unterricht in der Primarschule ab. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Ein Befürworter des Französischunterrichts versuchte vergeblich, die Thurgauer Parlamentarier zu überzeugen. Bild: KEYSTONE

Nun aber ist der helvetische Sprachfrieden ernsthaft gefährdet. Das Thurgauer Kantonsparlament hat diese Woche beschlossen, den Französischunterricht an den Schulen auf die Sekundarstufe zu verlegen. In den Primarschulen soll als einzige Fremdsprache Englisch unterrichtet werden. Die Befürworter begründeten den Entscheid mit der Überforderung vieler Schülerinnen und Schüler.

Der Beschluss ist nicht definitiv, dürfte aber kaum umgestossen werden. Die Reaktionen in der Westschweiz fielen heftig aus. Die Entscheidung der Thurgauer sei «nicht akzeptabel», sagte der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard. Die Zeitung «24heures» meinte, der Thurgau lasse den «Sprachenkrieg» wieder aufleben und hielt in einem Kommentar fest, der Entscheid sei «von Egoismus geprägt».

Sind das nur überempfindliche Reaktionen von welschen Sensibelchen? Die partout nicht einsehen wollen, wie wichtig die Weltsprache Englisch ist? Man kann durchaus argumentieren, dass zwei Fremdsprachen in der Primarschule zu viel sind. Wichtiger sei, dass die Lernziele bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit erfüllt seien, meinen die Frühfranzösisch-Gegner.

Schulischer Röstigraben

Pardonnez-moi, aber solche Argumente zielen am Grundproblem vorbei. Es zeigt sich beim Blick auf die Sprachenkarte: In der Westschweiz lernen die Kinder als erste Fremdsprache Deutsch, diesseits der Saane aber Englisch. Besonders deutlich manifestiert sich dieser Zustand im dreisprachigen Graubünden. Im deutschsprachigen Kantonsteil dürfen die Primarschüler zuerst Englisch lernen, die Rätoromanen und Italienischbündner aber müssen Deutsch büffeln.

Das ist die Realität des helvetischen «Sprachenkompromisses»: Die Minderheiten lernen zuerst die Mehrheitssprache, ohne die man national kaum Karriere machen kann. Wir Deutschschweizer aber gönnen unseren Kindern die Freuden des Englischen. Wen wundert es da, dass die Angriffe der Deutschschweizer auf das Frühfranzösisch im Welschland als arrogant empfunden werden?

Überforderte Romandie

Was wäre die Lösung dieses Dilemmas? Wohlmeinende «Totos», wie uns manche Romands etwas despektierlich nennen, schlagen einen Schüleraustausch zwischen den Regionen oder gar eine Wiederbelebung des Welschlandjahrs vor. Im Grundsatz ist das absolut richtig, wir kennen uns ohnehin zu wenig. Die Idee hat nur einen gewaltigen Haken: Die Westschweiz ist viermal kleiner als die Deutschschweiz und wäre mit einem «Ansturm» heillos überfordert.

Sind Sie für oder gegen Frühfranzösisch?

Der zuständige Bundesrat Alain Berset, als Freiburger für dieses Thema besonders sensibilisiert, hat mit einer Intervention des Bundes gedroht, sollte der Frühfranzösisch-Unterricht in der Deutschschweiz weiter unter Druck kommen. In der Romandie gibt es zudem Pläne für eine Volksinitiative. Diesen Abstimmungskampf aber will man lieber nicht erleben, er dürfte hässlich werden.

Es gibt nur einen vernünftigen Ausweg: Alle Kinder in der Schweiz lernen als erste Fremdsprache zwingend eine Landessprache. In der Deutschschweiz wäre dies Französisch oder Italienisch. Man schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Der Sprachfrieden wäre gewahrt, und der Unterricht an den Primarschulen liesse sich ohne grössere Reibereien auf eine Sprache beschränken.

Englisch lernen die Kinder sowieso, das sagen auch Fachleute. Die Sprache Shakespeares ist omnipräsent. Selbst Chüngelizüchtervereine geben sich heute Namen wie SwissRabbit. Es schadet überhaupt nicht, wenn der Unterricht erst auf der Sekundarstufe stattfindet. Allenfalls könnte man Englisch in den Primarschulen als Wahlfach anbieten.

Zürcher Entscheid mit Signalwirkung?

Einen möglichen Entscheid in diese Richtung könnte es schon bald geben. Am 21. Mai stimmt der Kanton Zürich über eine aus Lehrerkreisen lancierte Fremdspracheninitiative ab. Sie verlangt ebenfalls, dass an den Primarschulen nur noch eine Fremdsprache unterrichtet wird. Welche es sein soll, lassen die Initianten offen. Der Regierungsrat hat durchblicken lassen, dass er sich für Französisch entscheiden und Englisch in die Oberstufe «verbannen» wird.

Als Stimmberechtigter im Kanton Zürich neige ich zu einem Ja und hoffe darauf, dass die Regierung im Fall einer Annahme ihrer Linie treu bleiben wird. Ein Entscheid des grössten Schweizer Kantons für Frühfranzösisch und gegen Englisch hätte Signalwirkung für das ganze Land. Der Thurgau wird sich dann hoffentlich eines Besseren besinnen und seinen Entscheid revidieren.

Ja, Französisch ist mühsam, ich habe mich als Schüler auch damit schwer getan. Aber ich möchte den Unterricht keinesfalls missen. Auch andere Fächer sind schwer und werden später kaum noch gebraucht. Und heisst es nicht immer, die Volksschule sei wichtig für die Integration? Das gilt auch für die innerschweizerische Integration, die Bildung einer echten Willensnation.

Deshalb, liebe Thurgauer und andere «Abtrünnige»: Français, s'il vous plaît!

Quiz
1.Wenn wir den nationalen Zusammenhalt beschwören wollen, müssen wir als allererstes den Röstigraben überwinden. Aber wie nennen eigentlich die Frankophonen die imaginäre Grenze zwischen Deutsch-und Westschweiz?
Kalbsbratwurst an Zwiebelsauce mit Roesti, aufgenommen im Februar 2005. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) === ,  ===
KEYSTONE
Rideau de Rösti
Barrière de pommes de terre fricassées
Frontière de Rösti
Rideau de Vacherin
2.In der Westschweiz redet man französisch, soviel hast du vom Unterricht in der Schule gerade noch mitbekommen. Nicht aber in der Gemeinde Ederswiler, der einzigen deutschsprachigen Enklave im Kanton Jura. Wieso das?
Bild zur Frage
shutterstock
Aus Angst vor einem Einmarsch der Nazis haben die Ederswiler in einer Abstimmung 1942 die Einführung des Deutschen als Amtssprache beschlossen. Dieser Entscheid wurde nie rückgängig gemacht.
Beim Gründer und Namensgeber des Dörfchens handelte es sich um einen waschechten Urner, der seine Sprache natürlich auch am neuen Ort pflegen wollte. Gottlieb Jeremias Eder zu Ehren haben die Bewohner von Ederswil seither allen Versuchen der Vereinnahmung durch das Französische widerstanden.
Nix mit Demokratie und Föderalismus: Bei der Gründung des Bundesstaates 1848 pochten die Deutschweizer Kantone auf eine sprachliche Vertretung in der Romandie. Die Gemeinde Ederswil wurde dazu auserkoren. Seither spricht man im jurassischen Weiler Deutsch.
Bis Mitte des 17. Jahrhunderts sprach man im Ort französisch. Dann raffte die Pest den Grossteil der Ederswiler dahin. Deutsche Kolonisten belebten die Gemeinde anschliessend wieder und brachten ihre Sprachgewohnheiten mit.
3.Wenn die Westschweizer herzhaft lachen wollen, dann führen sie sich Reden von Deutschschweizer Politiker aus dem Parlament zu Gemüte. Abgesehen von einigen Ausnahmen, die die Regel bestätigen, klingt das Französisch der meisten National- und Ständeräte tatsächlich eher nach Envol 1 als nach Balzac. Wie nennt man den unbeholfenen Versuch der Deutschschweizer Politiker, in der Sprache Voltaires zu parlieren?
Bild zur Frage
Français national
Français fédéral
Français parlementaire
Français nausée
4.Nachdem wir das mit der Sprache einigermassen geklärt hätten, setzen wir einen Fuss in die Romandie. Findest du raus, wo sich dieses Gebäude befindet?
The UN flags fly at half-mast to commemorate Mandela's death in front of the Palais des Nations, at the United Nations building in Geneva, Switzerland, Friday, December 6, 2013. Nobel Peace Prize winner Nelson Mandela died at age 95, in Johannesburg, South Africa, on 5 December 2013. A former lawyer, Mandela was the first black President of South Africa voted into power after the countries first free and fair democratic elections that witnessed the end of the Apartheid system in 1994. Mandela was founding member of the ANC (African National Congress) and anti-apartheid activist who served 27 years in prison, spending many of these years on Robben Island. In South Africa, Mandela is often known as Tata Madiba, an honorary title adopted by elders of Mandela's clan. Mandela won the Nobel Peace Prize in 1993. (KEYSTONE/Martial Trezzini)
KEYSTONE
Das ist die ETH Lausanne. Diese verrückten welschen Physik-Studenten arbeiten sogar nachts!
Das ist das Büro der Vereinten Nationen in Genf. Diese verrückten Diplomaten trinken, äh, verhandeln sogar nachts!
Das ist die Uhrenmanufaktur von Ulysse Nardin in Le Locle. Diese verrückten Uhrmacher tüfteln sogar nachts an grossen Komplikationen!
Das ist die Villa von Sepp Blatter in Visp. Dieser verrückte Ex-Fussball-Gott hält nichts von Energiesparen.
5.Seit wann existiert der Begriff «Romandie»?
Bild zur Frage
wikicommons
Seit dem 15. Jahrhundert.
Seit 1799. Im Zuge der Errichtung der Helvetischen Republik wurde der Begriff der Romandie von keinem Geringerem als Napoleon Bonaparte eingeführt.
Erst seit 1914. Der Autor und Professor Samuel-Éli Rocheblave prägte in der Gazette de Lausanne den Ausdruck «Romandie».
Seit 1848.
6.Wie viele der (neu) 13 UNESCO-Welterbe-Stätten befinden sich in der Westschweiz?
Une bouteille de vin blanc est photographiee devant les vignes du Lavaux depuis le stamm du comite des opposants del'initiative
KEYSTONE
1
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Keine. Ein Stachel im Fleisch der welschen Patrioten.
7.Welches ist der bevölkerungsreichste Westschweizer Kanton?
Wallis
Waadt
Genf
Fribourg
8.Klar, Sitten steht für Sion, Biel für Bienne und Siders für Sierre. Aber welche welsche Ortschaft trägt auf Deutsch den Namen Wifflisburg?
Bild zur Frage
Porrentruy
Delémont
Yvérdon
Avenches

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