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Schweiz
Kommentar

Verbot von Koranverteilen: Keine Symbolpolitik, mehr Dialog mit normalen Muslime

Altstadt Marktgasse
Die Marktgasse in Winterthur: Hier fanden Koranverteilungs-Aktionen von «Lies!» statt.Bild: KEYSTONE
Kommentar

Immer nur Burka, Handschlag, Dschihadisten: Reden wir endlich über normale Muslime

Die Behörden müssen die öffentliche Sicherheit wahren. Wer sie bedroht, gehört gestoppt – wie etwa die Salafisten von «Lies!». Aber wir müssen aufhören, die Muslime in der Schweiz nur durch die Sicherheitsbrille zu betrachten. Sonst züchten wir genau den politischen Islam heran, den unsere Politik angeblich bekämpft.
05.05.2017, 17:3006.05.2017, 12:39

Der Kanton Zürich will, dass die Koranverteiler der Aktion «Lies!» aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Sicherheitsdirektor Mario Fehr empfahl den Zürcher Gemeinden heute an einer Pressekonferenz, keine Standaktionen der Salafisten mehr zu bewilligen. Dafür sprechen gute Gründe: Ein wesentlicher Anteil derjenigen Schweizer, die in den Dschihad in Syrien und Irak ziehen wollten oder das getan haben, haben einen Bezug zu «Lies!».

Die Opfer der Anschläge von Paris, Brüssel, Nizza, Berlin und Stockholm mahnen uns, die terroristische Bedrohung in Europa nicht auf die leichte Schulter zu nehmen – auch nicht in der Schweiz.

Und trotzdem hinterlässt die Pressekonferenz einen schalen Beigeschmack. Selbst der Nachrichtendienst des Bundes bezweifelt, ob ein Verbot von «Lies!» überhaupt umsetzbar ist. Nur weil die bärtigen Koranverteiler aus den Fussgänger verschwinden, löst sich ihre Anziehungskraft auf radikalisierungsgefährdete Jugendliche nicht in Luft auf. Ein Stück weit ist das Zürcher Verbot reine Symbolpolitik.

Doch viel wichtiger: Einmal mehr dominiert die Frage der öffentlichen Sicherheit die Schlagzeilen, wenn wir über Muslime reden. Geht es um die rund 430’000 Muslime – etwa 5 Prozent der Gesamtbevölkerung – ist das einzige Kriterium, das gemessen wird, häufig bloss die Nähe oder Distanz zum radikalen Islam und zum islamistischen Terror.

Religion muss Privatsache bleiben

Das muss aufhören. Solange die Schweizer Mehrheitsbevölkerung die hier lebenden Muslime nur als potenzielles Sicherheitsproblem wahrnimmt und die Politik Scheinprobleme hochstilisiert, beginnen sich die Schweizer Muslime längerfristig zurecht ausgegrenzt und als Bürger zweiter Klasse zu fühlen.

Dadurch werden Schweizer Muslime ihren Glauben irgendwann tatsächlich als etwas politisches wahrnehmen. Weil ihre Religionsangehörigkeit nicht mehr Privatsache sein darf, sondern politisches Ausgrenzungsmerkmal wird. In einem säkularen Rechsstaat muss die Religion aber Privatsache bleiben. Für die Bedrohung der öffentlichen Sicherheit – egal aus welcher Ecke – haben wir ein Strafgesetz und Sicherheitsbehörden.

Reden wir über die Hände von Schweizer Muslimen, sind es diejenigen der Handschlagverweigerer von Therwil BL. Reden wir über Kleider von Schweizer Muslimen, ist es die Burka, die hierzulande kein Mensch je sieht – ausser wenn Nora Illi in deutschen Talkshows auftritt. Trotzdem stimmt am Sonntag die Glarner Landsgemeinde über ein Burkaverbot ab.

Fussballtrainer, nicht Salafisten-Boxlehrer

Reden wir über Standaktionen von Schweizer Muslimen, sind es diejenigen von «Lies!». Reden wir über Sportclubs von Schweizer Muslimen, ist es der Winterthurer Boxclub des in den Reihen des «IS» getöteten Thaiboxers Valdet Gashi.

Die Hände von Schweizer Muslimen drücken täglich die Hände ihrer Arbeitskollegen, Kunden, Kindergärtnerinnen oder waschen unsere Pflegebedürftigen in den Altersheimen. Wenn sich Schweizer Muslime Gedanken über Kleider machen, geht es darum, ob die neue Jeans sitzt und welches Oberteil dazu passt – nicht um die Burka.

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Machen Schweizer Muslime Standaktionen, so ist das allermeistens ein Stand, um per Kuchenverkauf zusammen mit Nicht-Muslimen Geld für einen Quartier- oder Sportverein zu sammeln – und keine Koran-Verteilungsaktion.

Lamm statt Schinkli im Teig, so what?

Wenn Schweizer Muslime in Sportvereinen tätig sind, so tun sie das als ehrenamtliche Trainer oder begeisterte Junioren irgendwo zwischen dem FC Satigny im Kanton Genf im Westen und dem FC Münsterlingen am Bodensee – nicht in einem finsteren Boxkeller in Winterthur voller Salafisten.

Schweizer Muslime feiern vielleicht Eid al-Fitr am Ende des Ramadans mit Lammfleisch und Baklava, statt Weihnachten mit Schinkli im Teig und Guetzli. Oder sie bestellen sich eine Pizza, weil sie keinen keinen Bock auf ein Essen mit der Familie haben. Wie du oder ich manchmal auch.

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70 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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atomschlaf
05.05.2017 18:57registriert Juli 2015
"In einem säkularen Rechsstaat muss die Religion aber Privatsache bleiben."

Kann ich unterschreiben, muss dann aber auch KONSEQUENT durchgezogen werden, d.h. keinerlei Extrawürste im öffentlichen Raum, z.B. betreffend Kopftuch, Schwimmbad, Schullager, Schwimm- oder Sportunterricht, Essen in der (Schul-)Kantine, etc.
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Maracuja
05.05.2017 18:55registriert Februar 2016
<.Aber wir müssen aufhören, die Muslime in der Schweiz nur durch die Sicherheitsbrille zu betrachten.>

Wir? Ich habe muslimische Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, meine Kinder hatten muslimische Sporttrainer usw. Wäre mir nie in den Sinn gekommen, diese Menschen durch eine Sicherheitsbrille zu betrachten. Ich hab auch Null Befürchtung, dass diese sich radikalisieren, wenn Aktion Lies keine Standaktionen mehr durchführen darf oder Nikabs verboten werden. Durch die "Sicherheitsbrille" betrachte ich nur Islamisten genauso wie andere Extremisten wie z.B. Pnos.
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atomschlaf
05.05.2017 23:39registriert Juli 2015
Weil es grad' so schön zum Thema passt, was aus der Nachbarschaft:

Die Volkshochschule Konstanz hat eine geplante Veranstaltung mit dem Islam-Kritiker Hamad Abdel-Samad wegen Todesdrohungen von Islamisten und des resultierenden Sicherheitsaufwands abgesagt.

http://www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/Zu-hohe-Sicherheitsanforderungen-Veranstaltung-mit-Islam-Kritiker-Abdel-Samad-abgesagt;art372448,9236591

Islam kommt.
Free speech geht.
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