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Verena (l.) und Susanne (r.) mit Töchterchen Ronja. bild: watson

Wie Mami und Mama zu richtigen Müttern wurden

Verena und Susanne gehören zu den ersten Frauenpaaren der Schweiz, die – ganz offiziell – gemeinsam ein Kind haben. watson hat die Regenbogenfamilie besucht.



In Ronjas Leben haben sich kürzlich zwei Dinge grundlegend verändert. Erstens: Sie ist jetzt ein «Sofakind». In der Krippe muss die bald 4-Jährige, im Gegensatz zu den Kleinen, kein Mittagsschläfchen mehr halten. Zweitens: Sie hat nun offiziell zwei Mütter.

Die erste Veränderung ist für Ronja aktuell deutlich einschneidender als die zweite. Schliesslich wird man nicht alle Tage vom Zwangsnickerchen entbunden. Mit Mami Susanne (34) und Mama Verena (44) lebt das Mädchen hingegen schon seit ihrer Geburt unter einem Dach. In einem Reiheneinfamilienhäuschen in einer kleinen Stadt im Mittelland, die Rebberge im Rücken und den Waldrand in Sichtweite.

«Ziemlich bünzlig eben.»

Auf dem Sitzplatz hängen bunte Kleider zum Trocknen an der Sonne, in den Beeten spriessen Basilikum und Walderdbeeren. Die Nachbarn haben eine Schweizerfahne gehisst, auf dem Trottoir schräg gegenüber macht gerade der Milchmann mit seinem Lieferwagen halt. «Ziemlich bünzlig eben», bemerkt Verena, und strahlt dabei übers ganze Gesicht.

Es wird wohl noch einige Jahre dauern, bis Ronja die Tragweite von Ereignis zwei versteht. Warum Verena Anfang Juni am Briefkasten plötzlich in Freudentränen ausgebrochen war. Warum sie mit zitternden Fingern Whatsapp-Nachricht um Whatapp-Nachricht verschickte und der Garten kurz darauf voller Freunde und Verwandter war, die der Familie gratulierten.

Seit Anfang Jahr haben gleichgeschlechtliche Paare in der Schweiz Zugang zur Stiefkindadoption. Susanne und Verena dürften landesweit zu den ersten gehören, die vom neuen Recht Gebrauch machten.

Im Coop fragten die Verkäuferinnen: «Wann ist es so weit?»

Susanne, Pixiehaarschnitt, grosse blaue Augen, ist die leibliche Mutter von Ronja. Seit acht Jahren ist sie mit Verena liiert, seit fünf Jahren leben die beiden Frauen in eingetragener Partnerschaft. Es war in dieser Zeit, als die beiden den Beschluss fassten, ein Kind zu bekommen. Sie erfüllten sich den Wunsch mithilfe einer Samenspende in Dänemark.

Im Städtchen blieb es nicht unbemerkt, dass der Bauch der lesbischen Frau plötzlich wuchs. Im Coop fragten die Verkäuferinnen: «Wann ist es so weit?» Und wenn Verena allein einkaufen ging: «Ui, ist das Baby schon da?» Falls es Menschen gab, die sich am Anblick störten, haben sie es das Paar nicht spüren lassen. «Die Reaktionen waren ausschliesslich positiv», sagt Susanne. Wobei sie auch Familien kenne, die andere Erfahrungen gemacht haben.

«Ah, ein Regenbogenkind!»

Während das Paar auf dem Sitzplatz in Erinnerung schwelgt, erklimmt Ronja gerade das Dach ihres Spielhauses. «Chasch es ihre jetzt säge, Mami?», stürmt das Mädchen mit den blonden Locken. «Es» – das sind die Breaking News aus der Krippe. Die Besucherin soll unbedingt erfahren, dass sie es mit einem echten Sofakind zu tun hat.

Wenn die beiden Frauen von der Schwangerschaft sprechen, legt sich ein verträumter Ausdruck über ihr Gesicht. «Weisst du noch, dein Grosi?», stupst Verena ihre Partnerin an. «Wie alt ist sie nochmals?» – «96», antwortet diese, wohlwissend, welche Geschichte nun kommt. Die 96-Jährige nämlich hatte im Sommer vor vier Jahren fleissig Kinderkleidli gestrickt, und ihre Mitbewohnerinnen im Altersheim wissen lassen: Die Enkelin und ihre Frau erwarteten eben ein Baby. Worauf die nicht minder betagte Zimmernachbarin fachkundig bemerkt habe: «Ah, ein Regenbogenkind!»

Es sind Episoden wie diese, die den Frauen das Gefühl geben, ihr Lebensmodell sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und dann gibt es andere, in denen sie merken: Selbstverständlich ist das, was sie hier tun, noch lange nicht.

Bis in diesem Juni war Verena – auf Papier – schlicht und einfach inexistent in Ronjas Leben. Im Spital hätte sie kein Formular für das Kind unterschreiben dürfen. Wäre Susanne etwas zugestossen, hätte Verena darum kämpfen müssen, dass Ronja bei ihr bleiben darf. Susanne galt als alleinerziehende Mutter, die, rein zufällig, in einer eingetragenen Partnerschaft lebte.

Als das Parlament zum ersten Mal darüber diskutierte, schwulen und lesbischen Paaren die Stiefkindadoption zu erlauben, hatte Ronja gerade ihren ersten Geburtstag gefeiert. Ein Walliser CVP-Ständerat trat ans Mikrofon und warnte davor, dass die betroffenen Kinder in der Pubertät ihre beiden Mütter oder ihre beiden Väter ablehnen könnten, «weil diese Konstellation gesellschaftlich, wie bereits erwähnt, nicht akzeptiert ist».

Ein Referendum sollte verhindern, dass die «Büchse der Pandora» geöffnet und das Kindeswohl «auf dem Altar von nimmersatten Ideologien geopfert» wird.

Andere Gegner verwiesen darauf, dass das Stimmvolk die eingetragene Partnerschaft 2005 nur deshalb akzeptiert habe, weil die Vorlage die Adoptionsfrage ausgeklammert habe. «Salamitaktik!», tönte es aus dem konservativen Lager. Die Befürworter hielten dagegen, die Gesellschaft ändere sich eben, und Regenbogenfamilien gebe es in Realität schon heute zuhauf.

Schliesslich nahmen beide Räte die Gesetzesänderung deutlich an. Und die unterlegenen Gegner aus den Reihen von SVP, CVP und EDU unternahmen einen letzten Versuch, doch noch die Notbremse zu ziehen. Ein Referendum sollte verhindern, dass die «Büchse der Pandora» geöffnet und das Kindeswohl «auf dem Altar von nimmersatten Ideologien geopfert» wird, wie sich das Komitee einer Mitteilung ausdrückte.

«Als die Unterschriftensammlung anlief, zitterten wir wie verrückt», erzählt Susanne. Die erlösende Nachricht kam im Oktober, um Ronjas zweiten Geburtstag herum: Das Komitee hatte es nicht geschafft, die nötigen 50’000 Unterschriften zusammenzutragen.

Damit war der Weg definitiv frei für das neue Adoptionsgesetz. Und im Häuschen von Verena und Susanne begann der Papierkrieg: Betreibungsauszüge wurden beschafft, eine Wohnsitzbescheinigung, ein Nachweis des Familienstands, und so weiter und so fort.

In detaillierten Lebensläufen gaben beide Frauen Persönlichstes preis. Coming-out, frühere Partnerinnen, die gemeinsame Liebesgeschichte, die Beziehung zu Ronja, die Erziehungsphilosophie, Vereinstätigkeiten, berufliches Engagement, religiöse und politische Einstellungen. «Wir liessen so richtig die Hosen runter», so Verena.

Eine 1000-Franken-Rechnung und zwei Monate später erhielten die Frauen einen Termin beim Kanton. Noch einmal zweieinhalb Stunden Rede-und-Antwort-Stehen bei der Sozialarbeiterin, gefolgt von einem Hausbesuch. Und dann, endlich, am 2. Juni, flatterte der Adoptionsentscheid ins Haus. Nicht mit dem eingeschriebenen Brief, den die Frauen bei jedem Klingeln an der Tür erwartet hatten. Die frohe Botschaft kam in Gestalt eines unauffälligen A-Plus-Briefs.

Hoffen auf die «Ehe für alle»

Das Verfahren läuft nicht in allen Fällen so reibungslos ab. Oft dauern die Abklärungen lang und die Adoption ist mit viel Aufwand und hohen Kosten verbunden, wie die Anwältin Karin Hochl zu watson sagte, die auf die Familienplanung gleichgeschlechtlicher Paare spezialisiert ist. Zusätzlich stellt sich je nach Ausgangslage die Frage, inwiefern der genetische Spender im Adoptionsprozess mitwirken muss. So verlangen gewisse Kantone eine Bestätigung der Samenbank und stellen Nachforschungen zum Vater an.

«Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen, als unsere Tochter rechtlich endlich abgesichert war. Unter dem Strich ist das ganze Prozedere aber immer noch unnötig kompliziert», sagt Susanne, den Lollipop der kletternden Ronja in den Fingern. Eine Kindsanerkennung müsste aus ihrer Sicht gleich nach der Geburt möglich sein, ohne den Umweg über eine Adoption. «Ist ein Mann zeugungsunfähig und seine Frau lässt sich künstlich befruchten, wird er schliesslich auch automatisch zweiter Elternteil.»

Für gleich lange Spiesse könnte die «Ehe für alle» sorgen, die derzeit im Parlament behandelt wird. Damit dürften sich homosexuelle Paare künftig nicht nur Ja-Wort geben, sondern auch Kinder adoptieren, die mit keinem der Elternteile genetisch verwandt sind.

Der Zugang zur Fortpflanzungsmedizin soll nach dem Willen der zuständigen Nationalratskommission in einer späteren Etappe geregelt werden. Heute dürfen sich Lesben in der Schweiz – im Gegensatz zu verheirateten, heterosexuellen Frauen – nicht künstlich befruchten lassen. Frauenpaare weichen deshalb häufig auf ausländische Samenbanken aus, so wie es Susanne und Verena getan hatten. Wenn Ronja 18 ist, wird sie die Möglichkeit haben, sich bei der Samenbank zu melden, damit sie mehr über ihre genetischen Wurzeln erfährt und bei Bedarf einen Kontakt zum Spender herstellen kann.

Nur kürzlich, da haben die beiden einfach geschwiegen. Als eine Bekannte darüber sinnierte, dass Ronja wohl nicht besonders gross wird, so klein wie ihre beiden Mütter sind.

«Diese ‹Ehe für alle› auf Raten einzuführen, ist doch ein Witz. Wir wollen keine Menschen zweiter Klasse mehr sein», sagt Susanne bestimmt, und zwirbelt dabei den Stiel des Lollipops in ihren Fingern. «Die Gesellschaft ist bereit, da bin ich ganz sicher.» Ja, die Leute hätten noch viele Fragen. «Auf dem Spielplatz gibt es zum Beispiel immer wieder Hetero-Eltern, die wissen wollen, wie das bei uns genau funktioniert hat mit dem Kind.» In dieser Situation gebe es nur eines, so das Paar. «Wir beantworten alle Fragen, bis keine mehr da sind.»

Nur kürzlich, da haben die beiden einfach geschwiegen. Als eine Bekannte darüber sinnierte, dass Ronja wohl nicht besonders gross wird, so klein wie ihre beiden Mütter sind. «Es war herzig, dass sie uns so selbstverständlich als normale Familie betrachtete und vergessen hat, dass da noch andere Gene mitwirken. Wir haben das total genossen – und einfach nichts gesagt.»

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