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Schwarz, Blau und Weiss: Die Geschichte von Edgar, dem blinden FC-Luzern-Fan

Bild: 1901blog

Edgar ist leidenschaftlicher Fussballfan – und seit zwei Jahren fast ganz blind. Trotzdem steht der 20-Jährige jedes Wochenende in der Kurve des FC Luzern. Ein Porträt.



Du bist in der Dunkelheit. Der ohrenbetäubende Lärm, der noch vor Sekunden mit der Wucht eines Orkans in deine schwarze Welt eingedrungen ist, ist jetzt beinahe verstummt. Der Lautstärkeregler in Sekundenschnelle runtergedreht, die Arme des Dirigenten auf dem drahtbewehrten Hochsitz sind ausgestreckt, die Handinnenflächen weisen nach unten. Wer jetzt die heilige Stille stört, der wird aus der Messe gewiesen.

Lauf noch ein bisschen weiter, Schneuwly, weich noch einem Tackling aus, zieh dieses Mal rüdig gut durch, Schneuwly, damit wir in der nächsten Saison in die Ferne ziehen können.

Aber das siehst du nicht. Wenn du sehen könntest, dann sähest du ganz links aussen, bei 107 Grad horizontal, die Osttribüne, durchmischt, jung und alt, reich und arm, vorwitzig und kleinlaut; auf der anderen Seite die Westtribüne, da, wo die Fernsehkameras stehen und Bilder schiessen, und weiter oben, 107 Grad horizontal, 70 Grad vertikal, unters Dach mit den Solarpanels geklemmt, von Fensterglas geschützt, die Firmenbesitzer, Manager und ihre Freunde, Champagnertulpen in der Hand und Rücken zum Spielfeld.

Wenn du sehen könntest, dann sähest du jetzt im binokularen Deckfeld, da wo sich das linke und das rechte Auge treffen und räumliche Bilder erzeugen, wie Rodriguez den Pass auf Schneuwly nicht ganz perfekt spielt, wie Schneuwly nicht mehr ganz so schnell läuft wie vor ein paar Jahren noch, wie Lopar, der Goalie der Schiss-St.Galler, aus seiner Erstarrung erwacht und den Ball im letzten Moment vom Fuss des Stürmers spitzelt.

Ein ruinierter Orgasmus durchzuckt die Kurve, hundertfach geteilt und öffentlich zelebriert. Hundertfach angestaute Wut und Hoffnung entlädt sich in einem in die Länge gezogenen Seufzen.

Du kannst nicht sehen, aber du kannst hören. Dein Gehör funktioniert perfekt.

Fuessballklub Lozärn du besch üses Läbe,
Mer wörded för dini Farbe stärbe,
Fuessballklub Lozärn mer mönd wiiter senge,
So chömmer dech höt zom Siege brenge

Eine Nacht in Solothurn 

Das erste Mal in der Dunkelheit war Edgar am 14. September 2014. Im Kofmehl, einem Konzertlokal in einem Vorort von Solothurn, legte an diesem Abend SPCR auf, ein italienischer Dubstep-DJ. Edgar und ein Kollege tranken Cocktails. 18 Jahre alt war er da. Er hat Musik gehört, vielleicht kurz die Augen geschlossen und sich vorgestellt, wie viel intensiver man hört, wenn man nicht sieht.

Zwischen 3 und 6 Uhr setzte seine Erinnerung aus, wie bei Tausend anderen jungen Menschen jedes Wochenende.

Um 6 Uhr tauchte Edgar wieder auf aus dem Schwarz – und war ein anderer Mensch. Edgar hiess jetzt Simon T. und gab den zuständigen Polizisten in der Ausnüchterungszelle an, sich an nichts mehr erinnern zu können. Die Blutalkoholkonzentration lag bei 0,9 Promille. Betrunken, aber nicht so sehr, dass man sich nicht mehr an seinen eigenen Namen erinnern würde. Die Verwechslung wurde irgendwann aufgelöst. Wieso Edgar nicht seinen, sondern den Namen eines Freundes angab, kann er nicht sagen.

Aus den einschlägigen Foren: «K.o.-Tropfen können Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Atembeschwerden, Herzrhythmusstörungen, Gleichgewichts- und Gedächtnisstörungen auslösen.»

Edgars Kollege wachte neben einer Kirche auf. Auch er kann sich an nichts mehr erinnern.

34 Verdachtsfälle von K.o.-Tropfen wurden Tox Info Suisse, der Beratungsstelle für Vergiftungen, 2016 gemeldet. In zwei Fällen konnte eine Intoxikation mit K.o.-Tropfen ausgeschlossen werden. Bei allen anderen bleibt eine vage Vermutung – und der unausgesprochene Vorwurf, dass es vielleicht eben doch einfach nur zu viel Alkohol gewesen sei.

Auch Edgar hat keinen Beweis, dass ihm jemand etwas ins Getränk geschüttet hat.

Ausser, dass er nicht mehr sehen kann.

Einen Monat nach dem Vorfall fängt es an. 20.10.2014: Opticusneuritis rechts mit retrobulbärem Bewegungsschmerz. Die Sicht wird schlechter. Schubweise. Immer öfter wacht Edgar auf und kann nichts mehr erkennen, sieht anstelle von Menschen und Gegenständen nur noch Kanten und Schattierungen. Wo früher Menschen waren, sind jetzt Umrisse mit Stimmen. Wo früher Gegenstände waren, ist jetzt nur noch ertastbares Material. 20.1.2015: Chiasmitis mit Hemianopsie nach links. Manchmal wird es besser, Cortison hilft, Edgar denkt dann, dass es irgendwann wieder weggehen wird, hofft, dass er irgendwann wieder sehen kann. 15.4.2015: Erneute schwere Visumminderung und Gesichtsfeldeinschränkung links, Fernvisus rechts. Spitalaufenthalte werden zur Regelmässigkeit, der Besuch der Detailhandelsfachschule dagegen zur Ausnahme. An der Fasnacht vor der Lehrabschlussprüfung tritt Edgar aus der Lehre aus. Es geht nicht mehr, keine Chance. Das Fernseh- und Radiogeschäft, in dem er die Lehre absolviert, kündigt den Vertrag in gegenseitigem Einverständnis.

Gammahydroxybuttersäure (GHB), Gammahydroxybutyrolacton (GBL) und Butandiol (BD) sind die Stoffe, die als K.o.-Tropfen bekannt sind. GHB, auch Liquid Ecstacy genannt, wird auch zum Eigenkonsum verwendet, die beiden anderen Substanzen praktisch nur, um andere gefügig zu machen. Wenn Medien das Thema Ko-Tropfen beleuchten, dann immer in Kombination mit einem der folgenden Begriffe: Sexueller Missbrauch, Vergewaltigungen, Diebstahl.

Dass jemand wegen K.o.-Tropfen blind wird, gehört in Edgars Fall zu den grausamen Launen der Natur – Edgar leidet an einem Gendefekt.

FC Luzern für immer

Sektor B3, Rang 7, Stehreihe, 221-224. Du pumpst mit deiner linken Hand gegen deine Brust. Herzmassage, Wiederbelebung, schon wieder eine Chance versiebt. Die rechte hält einen Plastikbecher Bier, Eichhof, der Blindenstock mit dem weissen Zwiebelknollen am Ende liegt eingeklappt am Boden. Hier bist du in deiner Welt, hierher kamst du schon, als du noch klein warst und noch sehen konntest, zusammen mit deinem Vater, in das Stadion, das damals Allmend hiess und anders aussah. Hier bist du sicher, vielleicht könntest du dich auch ohne Blindenstock und ohne die Hilfe deiner Freunde bewegen, aber wer sollte dir dann erzählen, wie unendlich geil die Parade von Jonas Omlin eben war?

Do in Lozärn met em See ond de zwöi wonderschöne Brogge, Geds en Fuessballklub vom Volk ond sine Fans de ganz verrockte
Ond sie senged ond sie höpfed ond sie send scho weder voll, Ganz egal öb sie verlüred, denn sie schreied: schiess es Gool!
(nach: Mani Matter, Alpeflug)

Du darfst nicht verbittert sein, sagst du. Es gibt kein Vorher und Nachher in deinem Leben. Manchmal liegst du in der Nacht wach und fragst dich, wieso es nicht anders ist. Dann schaltest du den Fernseher ein und zappst die Gedanken zur Seite. Irgendwann kommt er, der Schlaf, und mit ihm die Träume. Dein Arzt hat gesagt, dass du in deinen Träumen sehen kannst, ist ein gutes Zeichen.

Wovon träumst du in deinem Leben?

Im Fussball?

Ja, das auch.

Davon, dass der FC Luzern Meister wird.

Und sonst?

Nichts, ich nehme es, wie es kommt.

Kaputte Nervenfasern

69. Minute. Das Spiel franst langsam aus. Ein eisiger Wind zieht durchs Stadion. Du singst immer noch, wenn deine Kollegen, zehn an der Zahl und mehr, neben dir eine Pause einlegen, singst du weiter, heiser bist du noch lange nicht. Du legst den Kopf in den Nacken, die lockigen Haare werden von der Bise gekitzelt. Vielleicht ruhst du dort oben kurz deine Augen aus. Deine Augen, die gesund aussehen, aber nutzlos sind. Die immer geöffnet sind, immer die Umgebung scannen, die tagtäglich Abertausende Bilder aufnehmen, speichern und dann nicht weiterleiten. Weil der Informationsfluss unterbrochen ist, weil der Mann mit den Ko-Tropfen deine Sehnerven zerschnitten hat, als er das GHB in deinen Cocktail träufelte.

Spielt es eine Rolle, dass er nicht wissen konnte, dass dein Immunsystem geschwächt war, erblich bedingt? Dass deine MOG-Antikörper nicht richtig funktionieren und deshalb das Gift des GHB nicht abbauen konnte? Dein Onkel, der Polizist, hat gesagt, eine Anzeige gegen Unbekannt lohne sich nicht. Das Konzertlokal hätte man vielleicht zur Verantwortung ziehen können, aber irgendwie warst du ja auch selbst schuld, sagst du. Es hatte überall Hinweise, dass man vorsichtig sein soll. Überall hingen Warnschilder. Der Barkeeper hat es dir eingeschärft. Ein Getränk unbeaufsichtigt lassen, wie dumm ist das? Dermassen dumm. Und wie wahrscheinlich ist es, dass ausgerechnet dir etwas passieren sollte? Unglaublich unwahrscheinlich.

Deine Augen zielen auf den Pilatus, wo sich Schneefladen trotzig an die Hänge klammern und von wo aus die Kälte ins Mittelland gepustet wird. Jetzt nur nicht aufgeben, Knesevic, nicht an die kalten Glieder denken, Haas, wir singen für euch.

Mer stönd emmer hender der,
blau-wiss Lozärn das send mer,
dorom semmer alli do,
alli do zom St. Galle schloh
Mer wend üch höt gwönne gseh,
met Liideschaft, Kampfgeischt ond no meh,
dorom semmer alli do, alli do zom St. Galle schloh.
(nach: Uriah Heep, Lady in Black)

72 Minute. Das Tor der St.Galler ist jetzt vor eurer Kurve. Eure Spieler rennen an, dringen in den Strafraum ein, werden hinausbugsiert, holen erneut Anlauf. Kryeziu hat den Ball am Fuss, 25 Meter vom Tor entfernt.

Du spürst es meist schon vorher, wenn es passiert, sagst du, wenn ein Goal fällt. Es wird leise, die Kurve hält den Atem an, der riesige Menschenmassenkörper öffnet die Augen weit, schiebt den Oberkörper nach vorne und spannt die Muskeln an. Wenn alle ganz still sind, kann sich Kryeziu besser konzentrieren.

Tor.

Du hast die Fäuste schon in der Luft, als dich der erste Bierschwall trifft. Geduckte Haltung, guter Stand, der Beton gibt dir Halt. Du bist schnell, hast früher selber Sport gemacht, 14 Jahre Fussball. Mehr Beinarbeit zwar, aber deine Arme haben nicht darunter gelitten. Du drischst mit deinen Fäusten gegen die klirrende Abendluft in der Swissporarena, zwei, drei, vier, fünf Mal. Aus Freude, aus Erleichterung, wie im Rausch. Wenn du je auf gewaltbereite gegnerische Fans treffen würdest, würdest du versuchen davonzurennen, sagst du.

Was ist passiert? erzähl: ‹Die St.Galler versuchen zu befreien, Toko kann den Ball vor dem Strafraum nicht kontrollieren, Kryeziu kommt angerauscht, stibitzt ihm die Kugel weg, legt sie sich vor, macht zwei grosse Schritte und hämmert das Ding links unten ins Eck! Wahnsinn!›

Schade, hast du nichts gesehen.

Das vermisst du am meisten, die schönen Tore – und die Choreos.

Wobei, ein bisschen siehst du noch, das rechte Auge ist nicht vollständig lädiert. Die Kontraste nimmst du noch wahr, von hell zu dunkel, von schwarz zu weiss. Und die Farbe Blau.

Super Luzern Allez,
Die schönsti Stadt am See,
Blau und Wiis, ja das sind eusi Farbe ...

Fasnacht in Luzern

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4
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Goon (Zeuge Del Curtos) 23.05.2017 16:29
    Highlight Highlight Traurige und zugleich teilweise such eine schöne Geschichte.

    Wunder mich gerade über die wenigen Kommentare
  • Pasch 23.05.2017 00:52
    Highlight Highlight Schiedsrichter kann er ja immernoch werden! (Und besser als so der ein oder andere)
  • Androider 22.05.2017 22:16
    Highlight Highlight Die Story hat mich schon gefroren, als ich sie im Blog gelesen habe. Aber auch jetzt wieder aufs Neue. Schön, dass watson die Story über die Kantonsgrenzen hinausträgt :)
  • alana 22.05.2017 21:13
    Highlight Highlight Grossartig geschrieben. Schade für den jungen Mann, aber schön, kann er auf seine Freunde zählen. Schon krass, was für Schicksale es gibt

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