Schweiz
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Wie steht es um das Schweizer Bildungswesen? Das sind die Herausforderungen

Zu viele Akademiker? Benachteiligte Schüler? Sparmassnahmen? Der Bildungsbericht, der nur alle vier Jahre erscheint, weist auf Probleme in den Schulen hin – und zeigt, dass es an Herausforderungen nicht mangelt.

Yannick Nock / az Aargauer Zeitung



Die Bibel wird alle vier Jahre neu geschrieben. Zumindest wenn es sich um die Bibel der Schweizer Bildungspolitik handelt. Gestern veröffentlichte der Bund nach 2010 und 2014 die dritte grosse Lagebeurteilung. Auf 330 Seiten werden mehr als 500 Themen bearbeitet. Hunderte Statistiken und Studien wurden von Bildungsökonom Stefan Wolter und seinem Team ausgewertet und liefern Antworten auf die Frage, wie es um die Bildung der Schweizer steht.

THEMENBILD KANTONALE ABSTIMMUNG BL FREMDSPRACHE ---- Eine Schuelerin streckt die Hand auf waehrend des Englischunterrichts im Schulhaus Feld am 25. September 2014 in Suhr, Kanton Aargau. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Wie erfolgreich Kinder in der Schule sind, hängt stark vom Elternhaus ab. Kinder mit Migrationshintergrund starten mit einem Nachteil, den sie nur schwer aufholen. Bild: KEYSTONE

An der gestrigen Medienkonferenz in Bern hob Bundesrat Johann Schneider-Ammann hervor, dass die Schweizer Bildung zu den besten der Welt gehöre. Doch die Bildung ist im Wandel. Auf die Schulen warten grosse Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen – vom Kindergarteneintritt bis zum Universitätsabschluss. Fünf der grössten Bildungs-Baustellen im Überblick:

Der digitale Wandel

Wie sämtliche Gesellschaftsbereiche werden technische Neuerungen die Schulen über Jahre prägen. Ganze Berufsbildungen wie das KV werden sich komplett ändern, heisst es im aktuellen Bildungsbericht. Bundesrat Scheider-Ammann betont deshalb: «Die Digitalisierung hat für mich höchste Priorität.» Dabei gehe es nicht nur um digitale Fähigkeiten. In einer Zeit, in der Computer und Maschinen viele Aufgaben übernehmen können, komme es stark auf die soziale Kompetenz an.

94

Prozent der Schweizer Jugendlichen verfügen über einen Abschluss auf der Sekundarstufe II. Das heisst, sie haben sich nach der obligatorischen Schulzeit weitergebildet.

Der Autor des Berichts, Stefan Wolter, zieht einen Vergleich: Nur der Hälfte der erwachsenen Bevölkerung würde es gelingen, einfachere kognitive Aufgaben zu lösen. Auf einem ähnlichen Niveau seien die heutigen Computer. In weniger als zehn Jahren seien sie allerdings fähig, fast 100 Prozent dieser Aufgaben zu lösen, während die Menschen stagnieren. Das Bildungswesen müsse sich deshalb überlegen, welche Fähigkeiten in Zukunft gefragt sein werden, sagt Wolter. «Damit der Computer dem Menschen hilft und nicht der Mensch dem Computer.»

Von Geburt an benachteiligt

Gemäss Bericht hat heute ein Drittel der 15- bis 17-Jährigen einen Migrationshintergrund. Obwohl es noch weitere Daten zu ihren Leistungen brauche, zeigen sich bereits grosse Unterschiede zu ihren Schweizer Altersgenossen. Noch immer ist das Ziel, dass 95 Prozent aller Jugendlichen einen Abschluss der Sekundarstufe II erreichen. Sie sollen nach der obligatorischen Schulzeit eine weitere Ausbildung (Lehre, Matura, Fachmittelschule) abschliessen.

73

Prozent der im Ausland geborenen Jugendlichen haben auf der Sekundarstufe II einen Abschluss gemacht. Ziel des Bundes sind 95 Prozent.

Während 94 Prozent der Schweizer dieses Ziel erreichen, sind es bei im Ausland geborenen Jugendlichen lediglich 73 Prozent. Sie schaffen es in der Regel nicht, die Defizite aufzuholen. Selbst im Kindergarten zeigen sich bereits Unterschiede. Die Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz, Silvia Steiner, spricht von einem besorgniserregenden Problem, das es nun anzupacken gelte, um Chancengleichheit zu schaffen (siehe Interview rechts).

Schülerzahlen auf Rekordhoch

Nachdem die Schülerzahlen über 15 Jahre gesunken sind, steigen sie seit 2017 wieder an. Der Bericht prognostiziert bis 2025 schweizweit eine Zunahme von 13 Prozent, in einigen Kantonen wie Basel-Stadt, Zürich oder Thurgau gar um fast 20 Prozent. Alleine auf der Primarstufe werden es künftig 87'000 Kinder mehr sein als heute.

60

Prozent der Bevölkerung werden 2045 gemäss Bildungsbericht einen höheren Abschluss erreichen (Hochschule oder höhere Berufsbildung). 2015 waren es noch 40 Prozent.

«Bis ins Jahr 2025 werden die Schülerzahlen in einigen Kantonen historische Höchststände erreichen», sagt Wolter. Die Trendwende kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt, da viele Kantone Sparmassnahmen umsetzten und zugleich viele Lehrer in Rente gehen werden. Der Lehrermangel sei ein ständiger Kampf, sagt Silvia Steiner. Es ginge jetzt darum die Ausbildung und den Beruf des Lehrers noch attraktiver zu machen.

Sparen in den Kantonen

Umstritten bleiben die Sparmassnahmen in der Bildung, die verschiedene Kantone angekündigt und umgesetzt haben. 2016 schickte der Kanton Luzern gar 20 000 Gymnasiasten und Lehrlinge eine Woche in die Zwangsferien. Mit den steigenden Schülerzahlen wird sich das Problem weiter verschärfen. Selbst der Erfinder der Pisa-Studie, der Deutsche Andreas Schleicher, mischte sich in die Debatte ein und empfahl der Schweiz grössere Klassen, was bei den Lehrern nicht gut ankam.

Welcher Einfluss Klassengrössen und Ausgaben auf den schulischen Erfolg haben, bleibt allerdings umstritten. Der Bildungsbericht zeigt deutliche Unterschiede in den Ausgaben. So steckt der Kanton Graubünden 16.2 Prozent der kantonalen Ausgaben in die Bildung, während es in Freiburg 31.7 Prozent sind. In absoluten Zahlen gibt Basel-Stadt mit jährlich 7330 Franken pro Kopf am meisten aus. Nidwalden mit 2500 Franken am wenigsten.

Ein Land der Akademiker

Gemäss Prognosen des Bundes wird die Schweiz ein Volk von Akademikern. Bis 2045 werden 60 Prozent der Bevölkerung einen tertiären Bildungsabschluss haben. Das bedeutet, sie haben einen Hochschulabschluss oder eine höhere Berufsbildung. 2015 waren es noch 40 Prozent. Wie sich die Entwicklung auf das duale Schweizer Bildungssystem auswirkt, ist unklar: Es sei richtig, dass sich heute zwei von drei Jugendlichen nach Abschluss der obligatorischen Schule für die Berufsbildung entscheiden, sagt Bundesrat Schneider-Ammann. «Ob das auch in 20 Jahren noch gilt, lasse ich offen.»

Hast du einen dieser Berufe erlernt?

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Video: srf

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    Alle Leser-Kommentare
  • Alnothur 20.06.2018 09:52
    Highlight Highlight "Silvia Steiner, spricht von einem besorgniserregenden Problem, das es nun anzupacken gelte, um Chancengleichheit zu schaffen"

    Also Schweizerdeutsch auch noch im Chindsgi verbieten?
  • Bündn0r 20.06.2018 09:16
    Highlight Highlight Der hohe Grad der Akademisierung ist vorallem eine Folge der verwässerung der akademischen Titel. Mit dem Aufkommen der Fachhochschulen und dem Wegfallen zwischen den Unterschiedlichen Abschlüssen (alle machen Bachelor), wird das ansehen eines echten akademischen Abschlusses (Universitätsniveau) entwertet.
    Anstatt Gegensteuer zu geben, fördert die Politik diesen Weg leider noch aktiv.
    Dies ändert nichts daran, dass ein FH und Uni Abschluss zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sind.
    • Fabian Studer 23.06.2018 01:55
      Highlight Highlight Stimmt Leute aus der fh sind in der Privatwirtschaft effektiv zu gebrauchen :'D
  • ZaharztAua 20.06.2018 08:54
    Highlight Highlight "Zu viele Akademiker?"

    ... Maturaquote?
  • Turi 20.06.2018 08:17
    Highlight Highlight Noch eine Zahle zum Schweizer Bildungswesen: 43% der Mädchen absolvieren die Matur, aber nur 33% der Männer.
    Seit mehr als 15 Jahren sind Jungs massiv in der Unterzahl. Doch kein Bildungs- oder Genderpolitiker stört die Feminisierung der Gymnasien.
    • Merida 20.06.2018 14:10
      Highlight Highlight Ich finde es unhaltbar Mädchen mit Männern zu vergleichen, zumal Gymnasiasten meiner Erfahrung nach kindischer sind als Gymnasiastinnen. 🤔
  • dr.gore 20.06.2018 08:10
    Highlight Highlight In unseren Primarschulen gibt es Deutschkurse für Kinder die hier gebohren sind. Soviel dazu
    • Mathis 20.06.2018 11:10
      Highlight Highlight Sollte es nicht „gebohrt“ heissen?
      Oder meintest du „hier zur Welt gekommen „?
  • Schneider Alex 20.06.2018 06:00
    Highlight Highlight Selbstverständlich ist es möglich, bei den Bildungsausgaben ohne Qualitätsverlust zu sparen.

    Wieso sollte es zum Beispiel nicht auch für Primarschüler auf dem Land zumutbar sein, sich über Dorfgrenzen hinweg transportieren zu lassen, um volle Klassenbestände zu erreichen wie das in den USA Alltag ist?

    Solange genügend qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer gefunden und ausgebildet werden können, ist die Lohnsituation für den Lehrerberuf nicht dramatisch. Auch dieser Beruf kann nicht von den Gesetzen des Arbeitsmarkts ausgenommen werden.

    • Chamael 20.06.2018 06:44
      Highlight Highlight Ihr dritter Pinkt ist der springende.
      Unter- und Mittelstufe: Viel zu wenig männliche Lehrer.
      Oberstufe: Allgemein viel zu wenig gute Lehrpersonen.
      Gymnasium: Zu viele LehrerInnen

      Je tiefer die Stufe umso mehr Wochenlektionen für 100%, Aufwand für Vorbereitung und unselbstständigere SchülerInnen...der Lohn aber steigt von Stufe zu Stufe...
    • sowhat 20.06.2018 07:11
      Highlight Highlight Zum dritten Punkt: es reicht nicht Lehrpersonen gut auszubilden. Was es braucht ist Wertschätzung seitens der Erwachsenenwelt und Respekt für den Aufwand den gute Lehrpersonen einsetzen. Sonst sind gerade diese zu schnell in die Wirtschaft abgewandert. - Wenn sie den Absprung schaffen bevor sie ausbrennen.
    • Charlie Brown 20.06.2018 08:58
      Highlight Highlight Schulverbände sind nicht nur in den USA sondern in der Schweiz auf dem Land Alltag.

      Bei uns werden bereits die Kindergärtner aus dem ganzen Einzugsgebiet mit dem Poschi (nota bene mit Regelkursen) transportiert.
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