Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Sozialhilfe-Tourismus» ist in der Schweiz kein Thema



THEMENBILD ZU KENNZAHLEN SOZIALHILFE IN SCHWEIZER STAEDTEN --- A regional train in a living quarter of Lucerne, Switzerland, on July 16, 2015. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Wohngebiet in Luzern: «Sozialhilfetourismus» ist in der Schweiz selten. Bild: KEYSTONE

Wer in einer Stadt neu Sozialhilfe bezieht, lebte zumeist schon vorher dort. Nur jeder Zwölfte zog zu. Dies zeigt ein Bericht der Berner Fachhochschule und der Städteinitiative Sozialpolitik. Fälle von «Sozialhilfetourismus» seien selten.

«Die räumliche Mobilität in der Sozialhilfe ist gering», erklärte Nicolas Galladé, Präsident der Städteinitiative Sozialhilfe und Winterthurer Stadtrat, am Dienstag vor den Medien in Bern. Die grösste Schweizer Stadt, Zürich, habe letztes Jahr nur 170 Fälle verzeichnet, in denen jemand bereits vor dem Zuzug woanders Sozialhilfe bezog – bei einer Gesamtzahl von 12'000 Fällen.

Zwar wird laut Galladé die These immer wieder aufgegriffen, dass Menschen von Ort zu Ort ziehen, um immer neue Sozialhilfe zu beziehen. In den 13 untersuchten Städten fand sich dafür aber kein Beleg. «Es handelt sich um Einzelfälle, die nicht ins Gewicht fallen.»

Dennoch sorgen diese schweizweit immer wieder für Schlagzeilen – so wie der Fall eines Sozialhilfebezügers von Berikon, der jegliche Kooperation mit der Aargauer Gemeinde verweigert hatte und 2012 vor Bundesgericht recht erhielt. Unteressen hat er sich in eine andere Gemeinde niedergelassen. Für Galladé vergifteten solche Einzelfälle das Klima zwischen Gemeinden und stigmatisierten Armutsbetroffenen.

Stabile Zahlen in grossen Städten

In den grossen Schweizer Städten bleibt die Zahl der Sozialhilfefälle relativ stabil, wie es in dem jährlich erscheinenden «Kennzahlenvergleich zu Sozialhilfe in den Schweizer Städten» heisst. Lausanne konnte die Sozialhilfequote im letzten Jahr gar von 9,2 auf 8,8 Prozent senken. Ebenfalls einen leichten Rückgang verzeichneten Zürich und Bern.

THEMENBILD ZU KENNZAHLEN SOZIALHILFE IN SCHWEIZER STAEDTEN --- Blick ueber die Daecher der Stadt Zuerich, aufgenommen vom Hochhaus Werd am Dienstag, 23. September 2014. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Blick über Zürich. Bild: KEYSTONE

Die neuen Sorgenkinder der Städteinitiative Sozialhilfe sind die mittelgrossen Städte. In Winterthur stieg die Zahl der neuen Sozialhilfefälle zwischen 2010 und 2015 um rund 30 Prozent. In den Städten Zug, Luzern, Schlieren ZH, Uster ZH und Schaffhausen schwankte die Zunahme zwischen 14 und 23 Prozent.

Rechnet man das Bevölkerungswachstum mit ein, ist die Sozialhilfequote in Winterthur seit 2011 um 0,7 Punkte auf 5,3 Prozent gestiegen. In Luzern und in Schaffhausen ist es ein Anstieg um 0,4 Prozentpunkte auf 3,5 respektive 3,2 Prozent. Damit sind diese Städte aber entfernt von Biel, das die Statistik mit einer Quote von 11,6 Prozent weiterhin anführt (Vorjahr 11,5).

Arme weichen auf Agglo aus

Mit ein Grund für den Anstieg bei der Sozialhilfe in den mittelgrossen Städten ist das Wohnungsangebot. Es werde kaum mehr günstiger Wohnraum geschaffen, kritisierte Galladé. Für Arme sei es deshalb schwierig, eine Wohnung zu finden. In der Folge weichen sie auf Agglomerationsgemeinden oder mittelgrosse Städte aus.

Dazu trägt auch der Wegfall von Jobs für niedrig Qualifizierte bei. Besonders spürbar sei dieser wirtschaftliche Wandel in Städten mit industrieller Vergangenheit wie Winterthur, Schaffhausen oder Biel, erklärte Galladé. Als anfälliger erweisen sich auch Städte, die Zentrumslasten zu tragen haben.

Längere Bezugsdauer

Erschwerend kommt hinzu, dass die durchschnittliche Bezugsdauer der Sozialhilfe in den untersuchten Städten auf 42 Monate gestiegen ist. Je länger aber jemand Sozialhilfe beziehe, desto schwieriger werde es, aus ihr rauszufinden. Entscheidend sei eine frühe Intervention, sagte Galladé.

Aus Sicht der Städteinitiative Sozialhilfe lohnt es sich deshalb, neue Sozialhilfebezüger intensiv zu beraten und in Bildung und Weiterbildung zu investieren. Pionierarbeit leistet in dieser Hinsicht die Stadt Lausanne, die 2014 ein Spezialprogramm für junge Arbeitslose lanciert hat, die Sozialhilfe beziehen.

(sda)

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Rund 330 Hospitalisierte – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Neue Kampfjets kosten 18 Milliarden Franken

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 24.08.2016 01:51
    Highlight Highlight Ich bin ein Superreicher. Was kümmern mich eure kleinkarierten Arme-Leute-Problemchen. Ach, ihr armen Schlucker! Ihr habt ja keine Ahnung, wie gut es uns reichen Leuten geht. Eben bin ich aus St. Moritz ausgezogen und lasse mich in Monaco nieder. Ausserdem habe ich zwei Häuser in Gstaad, und eines in Bournemouth - aber ihr wisst halt nicht, wo Bournemouth ist, schon klar.

32-Stunden-Woche und Flugverbot: 3 Fakten zum Krisenaktionsplan der Klimajugend

Die Coronakrise machte der Klimajugend einen Strich durch die Rechnung. Nun melden sich die Aktivistinnen und Aktivisten mit einem Krisenaktionsplan zurück. Die Coronakrise soll als Sprungbrett in eine ökologischere Zukunft dienen.

«Unsere Bewegung ist lahmgelegt», hiess es Anfang April von der Klimajugend. Nun lässt die Bewegung wieder von sich hören. Mit einem «Krisenaktionsplan» traten sie heute vor die Medien. Der Plan soll dafür sorgen, dass die Massnahmen, die ergriffen wurden, um die Coronakrise zu überwinden, klimagerecht gestaltet werden. Der «Wiederaufbau der Wirtschaft» nach der Coronakrise müsse im Rahmen der präsentierten Strategie geschehen.

«Um die Klimakrise nicht noch weiter anzuheizen ist es zentral, ein …

Artikel lesen
Link zum Artikel