Wieso Norwegen die Winterspiele seit Jahren dominiert
Im ewigen Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele steht die Schweiz – eine stolze Wintersportnation – mit 69 Goldmedaillen auf Platz 8. Norwegen hat fast 100 Olympiasiege mehr und ist damit hinter Deutschland auf Platz 2. Die Skandinavier verkürzen den Rückstand aber im Eiltempo und dürften bald an die Spitzenposition übernehmen. Aus einem Rückstand von 15 Goldmedaillen auf Deutschland vor dem Beginn der Spiele in Mailand und Cortina wurde eine Mini-Hypothek von vier Triumphen.
Dabei ist Norwegen ein Land mit nur circa 5,6 Millionen Einwohnern. Die Schweiz hat über neun Millionen. Dennoch dominieren die Norweger Winterspiele für Winterspiele das Geschehen. Auch andere Nationen wie die USA, Kanada oder Frankreich haben keine Chance. Journalisten und Wintersport-Legenden erklären, was hinter dem Erfolg der Norweger steckt.
Freude am Sport – für alle
«Jeder macht einfach Sport», sagt Ex-Biathletin Tiril Eckhoff. Es sei nicht die Frage, ob man in Norwegen Sport mache, sondern welchen, erklärt die zweifache Olympiasiegerin. Das bestätigt auch Biathlon-Ikone Ole Einar Björndalen. «In Norwegen spielt Sport eine grosse Rolle in der Kultur. Das ist der grösste Faktor. Wir geniessen es einfach, draussen zu sein und Sport zu machen.»
In Norwegen ist Sport viel mehr in der Kultur verankert als in anderen Ländern, Bewegung gehört dazu. «Jeder kann Skifahren», sagt Journalist Rasmus Lie vom Fernsehsender TV2. In ländlichen Regionen gebe es sogar den Fall, dass Kinder per Ski zur Schule fahren.
Sport wird in Norwegen nicht als Qual oder als Mittel zum Zweck gesehen, sondern als Ort von Freude. Daran wollen sich alle beteiligen, sagt Björndalen. «Es gibt viele Ehrenamtliche und Eltern, die bei den Veranstaltungen helfen. Nur wenige Menschen werden wirklich bezahlt, um die Talente zu trainieren.»
Dass es so viele Leistungssportler im Wintersport gibt, hat auch damit zu tun, dass sich der Norwegische Sportverband (NIF) auf die Fahne geschrieben hat, Spass zu fördern. «Joy of Sport – for All» (zu Deutsch: «Freude am Sport – für alle») heisst das Motto eines sportpolitischen Leitfadens, den der NIF vor 15 Jahren veröffentlicht hat.
Bei Sportwettkämpfen für Kinder bis inklusive zwölf Jahren spielen Ergebnisse keine Rolle. Auf Tabellen wird nicht gross geachtet, berichtet auch Journalist Sander Smördal von TV2: «Die Kinder können ihre Zeiten sehen, wenn sie wollen. Aber die Ergebnisse werden nicht von gut nach schlecht geordnet, sondern einfach aufgelistet.»
So viel wie möglich, so lange wie möglich
Ein ähnliches System gibt es auch im englischen Fussballverband FA, der im Bereich Nachwuchsausbildung zu den Vorreitern des Weltfussballs zählt. Dort gibt es beispielsweise die Regel, dass im Bereich der U7 bis zur U11 keine Ergebnisse veröffentlicht werden dürfen. Auch im österreichischen Fussball wurden Tabellen bis zur U12 abgeschafft.
Das Ziel ist das gleiche wie im norwegischen Skisport: Die Kinder sollen Spass haben und sich nicht von Ergebnissen beeinflussen lassen. «Freude ist ein wichtiger Teil in der norwegischen Vereinskultur», sagt Tiril Eckhoff. «Nur, wenn es Spass macht, machen die Kinder lange Sport.» Sie selbst habe die vielen Staffel-Wettbewerbe in ihrer Kindheit geliebt, so die Ex-Biathletin.
In anderen Ländern wird dies hingegen kritisch gesehen. In Deutschland betitelte BVB-Präsident Hans-Joachim Watzke die Abschaffung von Tabellen im Bereich der Unter-Elfjährigen einmal als «unfassbar und für mich nicht nachvollziehbar». In Norwegen ist dieses Konzept jedoch ein Teil des Erfolgs im Wintersport.
Die norwegische Philosophie dahinter passe zu einem norwegischen Sprichwort, sagt Sportjournalist Rasmus Lie. «Flest Mulig, lengst mulig», zu Deutsch: «so viel wie möglich, so lange wie möglich». Die Kinder sollen sich möglichst viel bewegen und damit auch im Teenageralter nicht aufhören. Das funktioniere aber vor allem dann, wenn sie nicht den Spass daran verlieren, erklärt Tiril Eckhoff.
Daher erhalten in Norwegen im jüngeren Kindesalter entweder alle einen Pokal oder niemand. Und es wird auch darauf geachtet, dass am Wochenende nicht viel Zeit im Auto oder im Zug verbracht werden muss. «Die Wettbewerbe sind eher regional», sagt Eckhoff. «Erst mit 15, 16 Jahren gibt es dann nationale Wettkämpfe.»
Calgary als Wendepunkt
Dass Norwegen bei Olympischen Winterspielen den Ton angibt, war aber nicht schon immer der Fall. 1980 in Lake Placid holten die Skandinavier nur einmal Gold, selbst Liechtenstein war dank Hanni Wenzel erfolgreicher. 1984 in Sarajevo blieb Norwegen hinter Schweden und Finnland. Als Wendepunkt in der norwegischen Sportgeschichte werden aber die Winterspiele in Calgary 1988 gesehen. Sechs Jahre vor den Heimspielen in Lillehammer blieb das Land gänzlich ohne Goldmedaille.
Es musste sich etwas ändern. Der NIF gründete ein Jahr nach Calgary eine Organisation namens «Olympiatoppen» mit einem Spitzensportzentrum in Oslo. Die Idee hinter Olympiatoppen war es, einen Ort für die Entwicklung von Kompetenz und Leistungskultur im norwegischen Spitzensport zu haben, der sich nicht auf einzelne Sportarten beschränkt. Alle sollten davon profitieren.
Seitdem bündelt Norwegen auf Trainerebene seine Kompetenzen. Die Nationaltrainer verschiedener Sportarten haben keine Geheimnisse mehr voreinander, berichten Rasmus Lie und Sander Smördal von TV2. «Alle sollen teilen, was sie wissen, was sie tun und warum sie es tun, damit auch die anderen etwas davon haben. Das unterscheidet Norwegen wahrscheinlich von vielen anderen Ländern», vermutet Smördal. Dieses Wissen geht dann auch an die Sportler, die daraufhin unter anderem ihr Training und ihre Ernährung optimieren können.
Die Frage nach dem Geld
Als grösster Antriebsfaktor für eine Karriere im Leistungssport gilt vielerorts aber nicht Wissen, sondern Geld. Wer es nach ganz oben geschafft hat, ist reich, so die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit. Gerade bei einem wohlhabenden Land wie Norwegen könnte man meinen, dass die Athleten sehr viel Geld erhalten. Das Gegenteil ist der Fall. «In anderen Ländern werden einige Sportler zu 90 Prozent vom Staat bezahlt und zu 10 Prozent von Sponsoren. In Norwegen ist es andersherum», sagt Ole Einar Björndalen.
Es gebe zwar Stipendien, die sehen aber mehr wie eine Grundsicherung aus als eine Durchfinanzierung. Daher müssen die Athleten in Norwegen selbst das Interesse von Sponsoren wecken, um sich langfristig eine Profikarriere leisten zu können. «In jungem Alter ist es sehr schwer, vor allem, wenn du nicht aus einer wohlhabenden Familie kommst», erklärt Björndalen. «Du musst dich durchkämpfen, weil du keine Chance hast, vom Sport zu leben. Ich musste auch alles selbst regeln. Meine Eltern waren Bauern, hatten wenig Geld.»
Auch Tiril Eckhoff musste sich Geld dazuverdienen, um Profisportlerin werden zu können. Hat ihr das geholfen, auch den nötigen Biss zu entwickeln? «Vielleicht», sagt sie. «Ich musste ein Risiko eingehen, womöglich hat das eine Rolle gespielt.»
Die Rufe nach mehr finanzieller Unterstützung seitens der Verbände sind da. Die Eisschnellläuferin Ragne Wiklund sprach jüngst offen über die finanziellen Probleme einiger Top-Athleten. «Ich weiss, wie schwer es ist, Sponsoren zu finden. Es gibt nur sehr wenige Sportler, die ein glamouröses Leben führen», so die Bronzemedaillengewinnerin über die 5'000 Meter.
Nicht einmal für einen Olympiasieg erhalten die Athleten Geld. Während Swiss Olympic 50'000 Euro für eine Goldmedaille, 40'000 Euro für Silber und 30'000 Euro für Bronze zahlt, gibt es in Norwegen keinen Cent. «Es ist schon komisch, wenn du all die Athleten aus anderen Ländern darüber reden hörst, und wir bekommen gar nichts, wenn wir gewinnen oder aufs Podium kommen», sagte Biathlet Vetle Sjastad Christiansen nach dem Silber-Triumph in der Staffel.
Auch, wenn hohe Prämien kein Teil des norwegischen Erfolgskonzepts sind, greifen die anderen Faktoren ineinander. Eine tief verwurzelte Sportkultur, klare Leitlinien im Nachwuchsbereich und ein Spitzensportsystem, das Wissen teilt, statt hortet. Erfolg wird nicht verordnet, sondern entwickelt – über Jahre hinweg und auf vielen Ebenen zugleich. Vielleicht erklärt genau das, warum ein Land mit 5,6 Millionen Einwohnern den Wintersport seit Jahren prägt.

