Liverpools Absturz vom Meister zum Punktelieferanten – das sind die Gründe
0:3 bei Manchester City, 0:3 gegen Nottingham Forest und 1:4 gegen PSV Eindhoven in der Champions League. Das sind die letzten drei Ergebnisse des FC Liverpool. Die Reds befinden sich gerade in einer tiefen Krise. Neun der letzten zwölf Spiele verloren sie – es ist die schlechteste Phase seit der Saison 1953/54.
Doch wie konnte der Meister in der Premier League so absacken? Nach zwölf Runden steht Liverpool auf dem zwölften Platz. Dabei legte es noch sensationell los, gewann die ersten 5 Partien der Saison und holte so 15 der nun 18 Punkte. Seither gab es in sieben Spielen aber nur einen Sieg und sechs Pleiten. Die Gründe sind vielseitig.
Was ist in dieser Saison anders?
Nach dem Rücktritt von Trainer Jürgen Klopp waren die Sorgen gross. Doch Nachfolger Arne Slot knöpfte nahtlos an die erfolgreiche Ära an. Liverpool pflügte durch die Liga und wurde vorzeitig Meister, die beste Offensive wurde von der zweitbesten Defensive der Liga unterstützt. Vorne wurden Chancen am Laufband erspielt, hinten stand man stabil. Davon ist aktuell nichts mehr zu sehen.
Bei der Anzahl Tore befindet sich Liverpool im oberen Mittelfeld, die Anzahl Gegentore wird nur von vier Teams übertroffen. An beiden Enden sind die Werte schlechter, als die «Expected Goals»-Werte (xG) vermuten lassen würden. Im Gegensatz zur letzten Saison mangelt es in der Offensive also an Effizienz und in der Verteidigung an Konsequenz. Ausserdem werden weniger Schüsse abgegeben und mehr zugelassen.
Auffällig ist auch, dass Liverpool in der letzten Saison etwa alle gut vier Spiele einen Penalty zugesprochen bekam. Nach einem knappen Drittel der aktuellen Saison war es nur einer. Der Grund dafür ist schnell gefunden: Die Reds kommen nicht mehr in die Gefahrenzone. In der Vorsaison drang der ballführende Spieler pro Partie fast zweimal häufiger in den Strafraum ein. Vier zusätzliche Ballkontakte hatte Liverpool innerhalb des Sechzehners. Und das, obwohl Slots Team im Durchschnitt über 61 Prozent Ballbesitz hat.
Was die Arbeit gegen den Ball angeht, sprechen die Daten ebenfalls eine klare Sprache. Kein Team erobert den Ball so selten wie Liverpool. Als Ballbesitz-orientiertes Team ist es offensichtlich, dass man in der Kategorie nicht Spitze sein kann, aber im Vergleich zu letzter Saison trennen die Liverpool-Stars die Gegner knapp fünfmal seltener vom Ball. Gerade im Mittelfeld und im Angriffsdrittel ist dies zu spüren, was zeigt, dass das hohe Pressing nicht ansatzweise so effektiv ist.
Dazu passen auch die Aussagen von Mittelfeldspieler Curtis Jones nach der Klatsche in der Königsklasse. «Wir müssen kämpfen, mal jemanden niederschmettern», so der 24-Jährige, der sich selbst in der Pflicht sieht: «Wir stecken in der Scheisse und es liegt an uns Spielern, das zu wenden und nicht mehr so nett zu sein.»
Problemfall Salah
Bei der Suche nach Verantwortlichen für die Krise kommt man schnell zu Mohamed Salah. Der 33-jährige Ägypter brillierte in der Vorsaison mit wettbewerbsübergreifend 34 Toren und 23 Assists – also 57 Torbeteiligungen in 52 Spielen. Da kommt er aktuell nicht ansatzweise ran. In 18 Partien gelangen ihm 5 Treffer und 3 Vorlagen. Auch was die Anzahl Schüsse, die herausgespielten Chancen und die Präsenz im Strafraum angeht, hängt der Rückgang zu einem beträchtlichen Anteil mit dem Rechtsaussen, der im April einen neuen Vertrag bis 2027 unterschrieben hat, zusammen.
Gerade die Tatsache, dass er viel seltener im Strafraum auftaucht, überrascht, da er eine ähnliche Anzahl an Ballkontakten hat und er mit dem Ball gar häufiger im Angriffsdrittel anzutreffen ist als in der Vorsaison. Trotz seines schwindenden Einflusses stand er in jedem Ligaspiel und drei von fünf Champions-League-Partien in Arne Slots Startformation. Dies sei der grösste Fehler des Niederländers, schrieb der Guardian Mitte November.
Wenn Salah nämlich die offensive Durchschlagskraft fehle, würden seine Defizite stärker zu spüren. Der Ägypter sei noch nie für seine Defensivarbeit bekannt gewesen, wodurch auch der Rechtsverteidiger hinter ihm unter zusätzlichen Druck gerate, weil er es regelmässig mit zwei Gegenspielern zu tun bekomme. Ausserdem mangle es Liverpool an Physis, weil neben Salah unter anderem auch der schmächtige Florian Wirtz zur nominellen Topformation gehört. Salah habe sich nicht verändert, «doch war das egal, als er von wahnsinnig gierigen Mitspielern flankiert wurde», heisst es im «Guardian».
Ein Vorwurf wird Salah dabei nicht gemacht. Vielmehr heisst es: «Er ist 33, relativ klein und hat schon über 700 Spiele absolviert. Was haben alle erwartet, dass passiert?» Ähnlich sieht dies auch Liverpool-Legende Jamie Carragher. Zwar sagt der heutige TV-Experte, dass Salah seinen Zenit überschritten habe, doch habe er «legendäre Dinge für den FC Liverpool» getan. Nun müssten eben andere Spieler in die Bresche springen. Nur zweifelt Carragher deren Fähigkeit dazu an: «Ich habe mich schon letzte Saison manchmal gefragt, ob einige Spieler gut genug für diesen Klub sind. Das waren zum Teil klägliche Auftritte, doch sie wurden von Salah und Co. getragen.»
Teure Stars ohne Wirkung
Damit nicht mehr so viel an Salah hängt, investierte Liverpool im Sommer fast 500 Millionen Euro – einen Grossteil davon in die Offensive. Alexander Isak, Florian Wirtz und Hugo Ekitiké wurden damit an die Merseyside gelockt. Wirklich eingeschlagen hat davon noch keiner so richtig, selbst Ekitiké ist nach einem guten Start in ein Formtief gefallen.
Besonders in der Kritik stehen aber Isak und Wirtz. Bei Ersterem spielt die fehlende Fitness aufgrund seines Streiks vor dem Wechsel eine grosse Rolle, wie auch Trainer Slot zugibt: «Wenn er 100 Prozent fit ist, ist er ein grosser Gewinn.» Das müsse er aber erst noch erreichen – und dazu müsse er spielen, «auch wenn ein anderer Spieler zum jetzigen Zeitpunkt wohl fitter ist». In bisher zehn Einsätzen kommt der 25-jährige Schwede, der für 145 Millionen Euro aus Newcastle gekommen ist, bisher auf ein Tor und einen Assist.
Viel schlimmer ist jedoch, dass Isak bisher wie ein Fremdkörper wirkt. Der Stürmer wurde geholt, um mehr Torgefahr zu bringen als Vorgänger Darwin Nuñez, aber auch, weil er im Aufbauspiel mitwirken und selbst Chancen kreieren kann. Im Vergleich zu seiner Zeit in Newcastle, wo er die treibende Kraft im Sturm war, ist er aber in all diesen Belangen bisher deutlich schwächer. Bei der 0:3-Klatsche gegen Nottingham war er kaum ins Spiel eingebunden, wie The Athletic zeigte. Am Ende hatte er nur 15 Ballkontakte. «Der teuerste Spieler der Premier-League-Geschichte war unsichtbar», hiess es dort, und weiter: «Die ersten Monate hätten kaum schlechter laufen können.»
Ähnliches könnte man wohl auch über Wirtz sagen. Der 125 Millionen teure Spielmacher ist gar noch ganz ohne Tor und agiert bisher ebenso glücklos wie Isak. Von seinem Genie in Leverkusen ist an der Anfield Road bisher wenig zu sehen. Beim Bundesligisten hatte der 22-Jährige gemäss fbref.com pro 90 Minuten knapp eine Aktion, die zu einem Tor führte, jetzt ist es eine nach 689 Minuten. Auch er ist viel weniger am Ball, nicht mehr der Spieler, um den sich in der Offensive das ganze System dreht.
Taktik-Experte Constantin Eckner schrieb Ende Oktober bei t-online über den Deutschen: «Er wirkt bislang eher wie ein Mitläufer in seinem neuen Umfeld.» Wirtz dürfe längst nicht so frei agieren wie in Leverkusen und wirke dadurch auch gehemmt. «Er ist noch kein Impulsgeber.» Auch im Pressing habe er seine Stärken noch nicht zeigen können. Derzeit fehlt Wirtz Liverpool verletzt.
Problemfall Defensive
Die Probleme bei Liverpool sind aber nicht nur offensiver Natur, sondern liegen auch in der Defensive. Einerseits hat neben Salah auch der 34-jährige Virgil van Dijk nachgelassen. Jamie Carragher kommentierte: «Er ist nicht mehr übermenschlich.» Der Niederländer könne den anderen Spielern nicht mehr helfen und alleine für eine stabile Defensive sorgen.
Gerade Nebenmann Ibrahima Konaté ist dies anzumerken. Der 26-jährige Franzose zeigt sich ungewöhnlich unsicher und fehleranfällig. Zwar hat er sich in Sachen Balleroberungen verbessert, kann den Rückgang bei van Dijk aber nicht ganz ausmerzen. Zudem verliert er den Ball deutlich häufiger. Und dahinter fehlen die Alternativen.
Neben Joe Gomez ist im 18-jährigen Giovanni Leoni nur ein weiterer Innenverteidiger tauglich für Premier-League-Einsätze. Der Italiener ist aber langfristig verletzt. Eigentlich sollte im Sommer deshalb Marc Guéhi von Crystal Palace verpflichtet werden. Der Transfer scheiterte aber daran, dass Palace keinen Ersatz fand.
Was der Defensive zusätzlich schadet, ist die Veränderung im Mittelfeld. In der letzten Saison bestand dies meist aus Alexis Mac Allister, Ryan Gravenberch und Dominik Szoboszlai, die alle eine gewisse Physis mitbringen und besonders im Falle von Mac Allister eine Menge Bälle eroberten. Wird einer der drei durch Wirtz ersetzt, leidet die Defensive – und bisher profitierte auch die Offensive nicht.
Die schwerwiegenden Verluste
Nicht vergessen darf man natürlich die Spieler, die nicht mehr bei Liverpool spielen. Der sportlich gewichtigste Abgang war wohl jener von Trent Alexander-Arnold zu Real Madrid. Der Rechtsverteidiger geriet zwar immer wieder in die Kritik, war aufgrund seiner Qualitäten am Ball aber von immenser Bedeutung für Liverpools Spiel. Im Ballbesitz war er sozusagen ein zusätzlicher Mittelfeldspieler, wodurch die Reds dort Überzahlsituationen kreieren konnten. Dies fällt nun weg. Neuzugang Jeremie Frimpong ist ein ganz anderer Spieler, der eher auf die Flügel stösst als ins Zentrum. Ausserdem war der Ex-Leverkusener bisher viel verletzt.
Den Offensivdrang von Luis Diaz, der in der Bundesliga für Bayern München glänzt, konnte Cody Gakpo, der auf dem linken Flügel nun gesetzt ist, fast eins zu eins ersetzen. Doch fehlt jetzt eine zweite Option, die sich auf der Position vollumfänglich wohlfühlt.
Dies liegt auch am tragischen Tod von Diogo Jota, dessen Wirkung im Team nicht messbar ist. Wie sehr der Portugiese seinen ehemaligen Mitspielern fehlt, zeigte zuletzt ein Interview von Andrew Robertson, nachdem dieser mit Schottland die WM-Qualifikation geschafft hatte, aber nur an seinen alten Freund denken konnte.
Obwohl dies oft erwartet wird, funktionieren selbst Profifussballer nicht wie Maschinen. Ein unerwarteter Todesfall im engsten Umfeld kann auch Folgen für die Leistung haben – gerade, wenn die Spieler wohl täglich daran erinnert werden, dass einer ihrer Kollegen fehlt. Das sollte in der aktuellen Krise nicht unterschätzt werden. Insbesondere, wenn das Selbstvertrauen ohnehin gerade ins Bodenlose sinkt.
Was ist mit Trainer Slot?
Arne Slot wurde in der letzten Saison direkt in den Heldenstatus gehoben, weil er in Jürgen Klopps riesige Fussstapfen trat und Liverpool direkt zum Meistertitel führte. In der Rückrunde taten sich aber bereits einige Risse auf. In der Champions League schieden die Reds im Achtelfinal am späteren Sieger PSG, zudem ging der Final im Ligacup gegen Newcastle verloren. Von einer Krise konnte man da aber nicht sprechen – jetzt muss man es.
Slot muss beweisen, dass er sein Team aus dieser herausführen kann. Bisher geniesst er das Vertrauen der Verantwortlichen, wie er sagt: «Ich fühle mich sicher und spüre die Unterstützung von oben.» Liverpool geniesst den Ruf, hinter seinen Trainern zu stehen. Auch Jamie Carragher unterstützt den Coach: «Es macht mich wütend, wenn wir über den Trainer sprechen.»
Dennoch gerät der 47-Jährige zunehmend in die Kritik – nicht nur seitens der Fans. Liverpool zeigt immer wieder die gleichen Schwächen, wie zum Beispiel Anfälligkeit bei schnellen Gegenstössen. Ausserdem zeigten die Reds in dieser Saison wenig Moral. Mit einer Ausnahme verlor Liverpool jedes Spiel, bei dem es in Rückstand geriet – und gewann jedes, bei dem es in Führung ging.
Curtis Jones hat ein klares Ziel: «Die Gegner denken, dass sie hierherkommen und zwei Tore schiessen können. Früher hassten es die Gegner, hier zu spielen, mit den Fans, unserem Pressing und wie wir gespielt haben.» Dort müsse man wieder hinkommen. Dafür gibt es aber einige Baustellen zu beheben. Vielleicht gelingt ja schon am heutigen Sonntag bei West Ham (15.05 Uhr) ein Schritt in die richtige Richtung.
