Thun schrammt knapp am Podest vorbei – die 10 grössten Fussballwunder
Der Meistertitel des FC Thun ist eine der verrücktesten Sportgeschichten. Ein kleiner Klub dominiert als Aufsteiger die Liga und holt sich im 128. Jahr seines Bestehens den ersten nationalen Titel.
Wenig macht Fussballromantiker so glücklich wie Aussenseiter-Triumphe. Die Meistertitel des FC Aarau (1993) und des FC St.Gallen (2000) waren solche unvergessenen Exploits. In Italien bleiben die Meisterschaften von Cagliari (1970) und Hellas Verona (1985) in Erinnerung, in Spanien die Meistersaison von Deportivo La Coruña (2000). Und in Schottland errang Kilmarnock 1965 den schottischen Meistertitel, während es das ewig dominierende Duo Rangers und Celtic nur auf die Ränge 5 und 7 schaffte.
Diese Erfolge schrammen ebenso knapp an unseren Top 10 vorbei wie der Meistercup-Triumph von Steaua Bukarest 1986 über Barcelona und der Champions-League-Erfolg des FC Porto 2004. Der WM-Titel der Schweizer U17-Nati fällt weg, weil er im Juniorenbereich gewonnen wurde. Für diese Fussballwunder haben wir uns entschieden:
Deutschland
Weltmeister 1954
Heute kaum zu glauben, aber 1954 ist Ungarn im WM-Final gegen Deutschland haushoher Favorit. Die goldene Elf um Ferenc Puskas und Sandor Kocsis, die später für Real Madrid bzw. den FC Barcelona spielten, ist seit 31 Spielen ungeschlagen und gilt als weltbestes Team. In der Gruppenphase hat Ungarn die Deutschen 8:3 geschlagen, der Final nimmt eine ähnliche Richtung: Nach acht Minuten führt Ungarn 2:0. Doch dann dreht sich der Wind. Deutschland, das erstmals seit Ende des zweiten Weltkriegs bei einem internationalen Turnier antreten darf, gleicht bis zur 18. Minute aus. In der Schlussphase dann die legendäre Szene, die von Radioreporter Herbert Zimmermann mit folgenden Worten begleitet wird:
Es ist der Treffer zum 3:2-Endstand. Deutschland wird Weltmeister – das Spiel geht als Wunder von Bern in die Geschichte ein und hat über den Sport hinaus einen grossen Einfluss auf die ganze Bundesrepublik.
Sambia
Afrika-Cup-Sieger 2012
Für gewöhnlich ist für Sambia beim Afrika-Cup in der Gruppenphase Endstation. Seit 1998 war dies mit zwei Ausnahmen immer der Fall. Eine dieser Ausnahmen ist das Jahr 2012, in welchem das Land sensationell den Titel holt. Mit einer Elf von Unbekannten – in der Schweiz sind manchen höchstens noch Emmanuel Mayuka (Ex-YB) oder Nathan Sinkala (halbes Jahr bei GC) ein Begriff – bezwingt Sambia im Halbfinal Ghana und im Final nach Penaltyschiessen dann die Elfenbeinküste um Didier Drogba, Gervinho oder die Brüder Kolo und Yaya Touré. Besonders emotional: Das Endspiel findet in Gabun statt, wo 1993 ein Grossteil des sambischen Nationalteams bei einem Flugzeug-Absturz umgekommen ist.
Mjällby AIF
Schwedischer Meister 2025
Der kleine Ort Hällevik hat gerade mal 1500 Einwohner – und er hat ein Fussballstadion mit Platz für 7000 Fans, das die Heimat des aktuell besten Fussballklubs von ganz Schweden ist. Mjällby kommt nie in die Nähe des Titels, bis es 2025 zum grossen Schlag ausholt. Der Dorfklub eilt unaufhaltbar von Sieg zu Sieg und wird, neun Jahre nachdem er beinahe in die Viertklassigkeit abgestiegen wäre, mit einem überlegenen neuen Punkterekord erstmals Meister.
Dänemark
Europameister 1992
Zehn Tage, bevor die EM beginnt, wird Jugoslawien wegen des Balkankriegs ausgeschlossen. Dänemark, dessen Spieler teils aus den Sommerferien einrücken, erbt den Platz – und gewinnt den Titel. Nach einem 0:0 und einem 0:1 stehen die Dänen schon vor dem Aus. Doch sie schlagen Frankreich 2:1, werfen danach im Halbfinal Titelverteidiger Niederlande im Penaltyschiessen raus und stehen sensationell im Final. Dort hält Goalie Peter Schmeichel alles und vorne treffen John Jensen und Kim Vilfort. Dänemark schlägt Weltmeister Deutschland 2:0 und feiert einen Triumph, den zwei Wochen vor dem Turnier noch wirklich niemand kommen sah.
1. FC Kaiserslautern
Deutscher Meister 1998
1996 steigt Kaiserslautern nach über drei Jahrzehnten in der Bundesliga ab – und gewinnt eine Woche später den DFB-Pokal. Grosse Teile der Mannschaft bleiben, als neuer Trainer übernimmt Otto Rehhagel. Er führt die «Roten Teufel» zum direkten Wiederaufstieg und in der Saison darauf als Aufsteiger zum Meistertitel. Für Rehhagel ist es auch eine persönliche Genugtuung, die Bayern zu schlagen: Dort war der Erfolgstrainer zuvor mit Schimpf und Schande verjagt worden.
HSC Montpellier
Französischer Meister 2012
Im Mai 2011 steigt das Emirat Katar bei Paris Saint-Germain ein. Es ist der Beginn einer Zeitenwende im französischen Fussball. Doch in der ersten Saison mit den Scheichs schlägt ihnen ein Underdog ein Schnippchen: Champion wird nicht PSG mit Star-Trainer Carlo Ancelotti, sondern Montpellier. Die Südfranzosen sind im Jahr zuvor nur knapp dem Abstieg entgangen, nun folgt die Sensation. Neben dem Platz unterhält der exzentrische Präsident Louis Nicollin, auf dem Rasen geht – spät – ein Stern auf: Olivier Giroud startet mit 26 Jahren durch, wird Torschützenkönig der Ligue 1 und später Weltmeister.
FC Thun
Schweizer Meister 2026
Kommen wir zum aktuellen Anlass für diese Rangliste: dem Meistertitel des FC Thun. Als Aufsteiger dominieren die Berner Oberländer die Super League. Dass Basel, YB und Co. schwächeln, schmälert den Erfolg des Teams von Trainer Mauro Lustrinelli kaum. Schliesslich bastelte Thun lange an einer der besten Saisons der Schweizer Liga-Geschichte, bevor es womöglich auch aufgrund des riesigen Vorsprungs etwas die Spannung verlor. Auch die jüngste Schwächephase konnte nichts mehr an der grossen Sensation verhindern. Dennoch verpasst Thun bei uns knapp die Top 3.
Nottingham Forest
Englischer Meister 1978, Meistercupsieger 1979 und 1980
Kein Wunder, schwärmen sie auf der Insel bis heute von Brian Clough. Der Trainer übernimmt Nottingham Forest Anfang 1975 in der Zweitklassigkeit und führt die Reds nach zweieinhalb Jahren zurück ins Oberhaus. Dank überragender Defensive stürmt Forest zum Meistertitel – und setzt im Jahr danach noch einen drauf. Cloughs Männer gewinnen den Meistercup, den Vorläufer der Champions League, und wiederholen diesen Triumph sogar. Ein Durchmarsch, wie es ihn wohl nie mehr geben wird.
Griechenland
Europameister 2004
Eigentlich kann es so eine Geschichte gar nicht geben: Dass Griechenland Europameister wird, scheint nur mit diesem Wundermacher namens Otto Rehhagel – siehe Kaiserslautern – möglich. Bei ihrer erst zweiten EM-Teilnahme marschieren die Griechen mit ihrer Betonabwehr und einem Team aus Spielern, die 22 Jahre später abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Angelos Charisteas nur Experten noch ein Begriff sind, tatsächlich zum Titel. In der K.o.-Runde schlagen sie Frankreich, Tschechien und im Final dann Gastgeber Portugal allesamt 1:0. In Athen muss «Rehakles» für Speis und Trank seither wohl nicht mehr bezahlen. Griechenland schafft es in der Folge noch je zweimal an EM und WM, gewinnt aber nie mehr ein K.o.-Spiel.
Leicester City
Englischer Meister 2016
Die Quote von 5000:1 vor der Saison spricht eine deutliche Sprache. Damit, dass der Vorjahres-14. Leicester City zwei Jahre nach dem Aufstieg englischer Meister wird, hat wirklich niemand gerechnet. Doch in einer Liga mit hochpotenten Weltklubs wie Manchester United, Manchester City oder Arsenal stürmen Jamie Vardy, N'Golo Kanté, Riyad Mahrez und Co. zum Titel. Ein echter Weltstar wird später keiner von ihnen – wobei es bei Kanté vor allem an seiner Schüchternheit liegt. Es ist für uns das grösste Wunder der Fussballgeschichte. Dass die «Foxes» genau zehn Jahre später in die drittklassige League One absteigen werden, trägt nur zusätzlich zur Legendenbildung bei.
Und du?
Nun interessiert uns auch deine Meinung. Was hältst du vom Ranking und wen würdest du noch aufnehmen?
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