freundlich
DE | FR
19
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Sport
Eismeister Zaugg

«It’s the Goalie, stupid!» – So einfach ist das Problem unserer Hockey-Nati

epa06316630 Patrick Fischer, head coach of Switzerland national ice hockey team, looks on during the 2017 Karjala Cup ice hockey match between Switzerland and Canada in the Tissot Arena in Biel, Switz ...
Wie fest beschäftigen Nati-Coack Patrick Fischer seine Torhüter?Bild: EPA/KEYSTONE
Eismeister Zaugg

«It’s the Goalie, stupid!» – So einfach ist das Problem unserer Nationalmannschaft

Die Lösung des grossen Problems der Schweizer ist 100 Kilometer nördlich zu finden. Es geht nachdem 2:3 gegen Tschechien – wieder einmal – um die Torhüterfrage.
10.11.2017, 19:1911.11.2017, 12:15
klaus zaugg, helsinki

Überrascht, überfordert, überfahren. So lässt sich die Leistung der Schweizer gegen Tschechien auf drei Worte reduzieren.

Vom Tempo überrascht, dann überfordert (was sich in der Strafenstatistik niederschlug) und schliesslich überfahren. Bereits nach 26 Sekunden kassiert Chris Baltisberger eine Strafe, bereits im ersten Powerplay fällt das 0:1. Auch der zweite und dritte Gegentreffer kassieren die Schweizer in Unterzahl. Am Ende stehen acht Zweiminutenausschlüsse gegen die Schweiz und nur vier gegen Tschechien. Wer in den meisten Situationen hinterherfährt, begeht mehr Fouls.

Switzerland’s goaltender Jonas Hiller, left, fights for the puck against Canada's Gilbert Brule during the 2017 Karjala Cup ice hockey match between Switzerland and Canada in the Tissot Arena in Biel, ...
Gegen die Kanadier hütete noch Jonas Hiller das Tor.Bild: KEYSTONE

Nationaltrainer Patrick Fischer monierte den verschlafenen Start, das ungenügende Boxplay und ein Mangel an Disziplin. Alles verursacht durch das hohe Tempo. Der Nationaltrainer sagt: «Deshalb sind diese Spiele für uns so wichtig und so wertvoll. Jedem wird wieder klar, was es auf diesem Niveau braucht.»

Der Karjala Cup als Ausnahme

Eine Vertiefung dieser Ausführungen können wir uns sparen. So ist es jedes Jahr im Herbst. Die Nationalmannschaft durchläuft einen Angewöhnungsprozess ans höhere internationale Niveau mit schnellerem, intensiverem Spiel und strengerer Regelauslegung der Schiedsrichter.

Gegen Titanen wie Kanada, Tschechien oder Russland verläuft dieser Prozess schmerzhafter als in Operetten-Testspielen gegen die Slowakei und Deutschland. In diesem Jahr dürfen wir ausnahmsweise beim Karjala Cup in Helsinki testen und müssen nicht zum Deutschland Cup reisen.

Erst in der intensiven Phase der WM-Vorbereitung gelingt es dann im Frühjahr internationales Niveau zu erreichen und den Grossen auf Augenhöhe zu begegnen.

Zu schwache Schweizer Torhüter

Was wir am Mittwoch und Biel gegen Kanada und nun am Freitag in Helsinki gegen Tschechien gesehen haben, dieser phasenweise Rückfall auf das Niveau von «Pausenplatz-Hockey» gegen Tschechien, ist also kein Grund zur Panik oder gar Polemik. Es ist ganz einfach das, was wir seit Jahren von unserer Nationalmannschaft sehen, wenn die Blätter von den Bäumen fallen.

Und doch gibt es einen Hinweis auf ein Problem, das uns in den nächsten Jahren beschäftigen wird. Die Torhüter. Bill Clinton gewann seinen ersten Wahlkampf um die US-Präsidentschaft mit dem Slogan «It’s the economy, stupid!» («Alles dreht sich um die Wirtschaft, Idiot!»). Bei der Beurteilung unserer Nationalmannschaft können wir allen Kritikern, Zweiflern und Polemikern sagen: «It’s the goalie, stupid!» («Alles dreht sich um den Torhüter, Idiot!»)

Former President Bill Clinton speaks at a symposium in Georgetown University in Washington, Monday, Nov. 6, 2017. (AP Photo/Manuel Balce Ceneta)
Er hat's schon vor über 20 Jahren gesagt: Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton.Bild: AP/AP

Auf internationalem Niveau können wir Spiele nur mit aussergewöhnlichen Torhüterleistungen gewinnen. Auch dann, wenn die Feldspieler in besserer Verfassung sind als jetzt im Herbst. Die Finnen, Tschechen, Russen, Schweden, Amerikaner und Kanadier sind offensiv stark genug, um auch mal mit einem durchschnittlichen Torhüter eine Partie zu gewinnen. Wir sind es nicht. Jonas Hiller (90,32 Prozent Fangquote gegen Kanada) und Gilles Senn (88,46 Prozent gegen Tschechien) waren gute, aber keine grossen Torhüter. Ein grosser Torhüter hätte beide Partien für die Schweiz gewinnen können. Zweimal ein 2:1 wäre möglich gewesen.

Statistisch grosse Torhüter stoppen mindestens 93 Prozent der Schüsse. Jahrelang hatten wir gleich mehrere grosse Torhüter. Reto Pavoni, David Aebischer, Martin Gerber, Jonas Hiller, Reto Berra und Leonardo Genoni. Sie alle haben internationale Heldentaten vollbracht.

Inzwischen ist nur noch Leonardo Genoni ein grosser Torhüter – und er ist schon 30. Reto Pavoni, David Aebischer und Martin Gerber sind nicht mehr aktiv. WM-Silberheld Reto Berra hat das WM-Niveau von 2013 nie mehr erreicht, Tobias Stephan und Robert Mayer haben nicht das Charisma zu einer Nummer eins bei einem Titelturnier. Jonas Hiller ist kein grosser internationaler Goalie mehr und Gilles Senn ist noch keiner. Ob er einer wird, ist fraglich.

Akira Schmid – unsere Hoffnung?

Das Gesprächsthema bei den NHL-Scouts hier in Helsinki ist ein helvetischer Torhüter. Die meisten waren am Mittwoch nach Häämenlinna gefahren, 100 Kilometer nördlich von Helsinki. Dort hat unsere U18-Nationalmannschaft sensationell die Amerikaner 3:2 nach Penaltys besiegt. Bei einem Schussverhältnis von 17:36 stoppte Akira Schmid 94,40 Prozent der Pucks, die auf ihn prasselten und hexte den Sieg gegen den Weltmeister schliesslich im Penaltyschiessen heraus.

Zum ersten Mal waren die NHL-Talentsucher an der letzten U18-WM in Poprad (Slowakei) im Viertelfinal gegen die Amerikaner auf Langnaus grösstes Goalietalent aller Zeiten aufmerksam geworden. Bei der 2:4-Niederlage hielt er 43 von 47 Schüssen.

epa06320514 Swiss goalie Gilles Senn (C) concedes a goal during the 2017 Karjala Cup ice hockey match between the Czech Republic and Switzerland in the Hartwall Arena in Helsinki, Finland, 10 November ...
Gilles Senn kann ein weiteres Gegentor gegen Tschechien nicht verhindern.Bild: EPA/COMPIC

Der 17-jährige Langnauer hat alles, was es für die grosse Karriere braucht: Eine ruhige Art, eine Grösse von 192 Zentimeter und eine erstaunliche Stilsicherheit – nun braucht er auch noch das Glück, das jeder für eine grosse Karriere benötigt. Er ist sozusagen unsere Goalie-Antwort auf Nico Hischier. Im Erwachsenenhockey hat er erst einen einzigen Teileinsatz im Schweizer Cup gegen die Aargovia Stars hinter sich. Zahlreiche NHL-Scouts haben nun angekündigt, in den nächsten Wochen bei den Partien der Langnauer Elitejunioren das Wunderkund zu beobachten.

In fünf bis sieben Jahren kann Akira Schmid unser Nationaltorhüter und der Nachfolger von Leonardo Genoni sein. Unser nächster Goalie, der für uns Spiele auf internationalem Niveau gewinnen kann.

Marcel Kull als Retter

Nationalmannschafts-Direktor Raeto Raffainer wiederspricht solchen Prognosen nicht, warnt aber vor zu grossen Erwartungen und gibt zu bedenken, wie viele Faktoren die Entwicklung eines jungen Spielers beeinflussen können. Und er hat Hoffnungen, dass nicht erst Akira Schmid der Nachfolger von Leonardo Genoni wird. «Marcel Kull bringt auch Gilles Senn und Joren van Pottelberghe auf internationales Niveau.» Marcel Kull ist der beste Torhütertrainer der Schweiz. Er hat beim HCD u.a. bereits Jonas Hiller, Reto Berra und Leonardo Genoni ausgebildet. Nun arbeitet er mit Gilles Senn (21) und Joren van Pottelberghe (20). Raeto Raffainer sagt: «Für das, was er für unser Hockey leistet, müssten wir ihm eigentlich ein Denkmal errichten.»

Wäre es da nicht wünschenswert, dass sich Marcel Kull auch um die Ausbildung von Akira Schmid kümmert? Dass unser Torhüter-Jahrzehnttalent von Langnau nach Davos zügelt? Raeto Raffainer sagt: «Wenn Sie das schreiben, dann dürfen Sie sich in Langnau nie mehr blicken lassen …»

Corsin wäre im Hockeystadion wohl eher unwohl: «Hör auf zu lüften! Es ist sch**sskalt!»

Video: watson/Corsin Manser, Emily Engkent

Die Schweizer in der NHL und AHL 2017/18

Unvergessene Eishockey-Geschichten

Alle Storys anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

19 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Jein
10.11.2017 20:10registriert August 2017
Fangquoten von 88 und 90% mögen zwar nicht überragend sein, sind nun aber auch nicht so schlecht als das man nur deswegen verliert. Die Disziplin sollte im Fokus stehen wenn man drei Tore in Unterzahl kassiert, nicht die Torhüterleistung.
985
Melden
Zum Kommentar
avatar
UncleHuwi
10.11.2017 21:43registriert Mai 2015
"Auf internationalem Niveau können wir Spiele nur mit aussergewöhnlichen Torhüterleistungen gewinnen.." aha! Das schreibt nur jemand, der keine Ahnung hat wie es ist als Goalie in Unterzahl zu spielen. Anstatt den Torhüter zu kritisieren sollte lieber mal das Boxplay verbessert werden. Oder die unnötigen Strafen reduzieren!
946
Melden
Zum Kommentar
avatar
Amboss
10.11.2017 20:57registriert April 2014
Sorry, aber Genoni und "internationale Heldentaten"?
Klar, Genoni hat sehr gut gespielt, zB an der letzten WM (Genoni spielt immer sehr gut), aber ich finde, "Heldentaten" hat er international noch nicht wirklich gezeigt... Da ist er schon noch eine Stufe unter den anderen.
Ich finde einfach, man merkt, dass er nie im Ausland gespielt hat...

Aber klar. Genoni ist unsere klare Nummer eins, und heldentaten können auch noch kommen. Ansonsten, treffende Analyse
493
Melden
Zum Kommentar
19
Zweithöchste K.o.-Runden-Pleite der WM-Neuzeit – nur Brasilien verlor höher als die Nati
Die Schweiz ist im WM-Achtelfinal gegen Portugal absolut chancenlos und kassiert eine verdiente 1:6-Pleite. Es ist die zweithöchste Niederlage in einer WM-K.o.-Runde der Neuzeit – nur Brasiliens 1:7 gegen Deutschland war noch schlimmer.

An der WM in Schweden landen die Franzosen am Ende auf Platz 3. Im Viertelfinal siegen «Les Bleus» souverän gegen Nordirland. Just Fontaine erzielt an seiner einzigen Weltmeisterschaft 13 Tore, gegen Nordirland trifft er doppelt.

Zur Story