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Zuerich, 20.05.2015, Fussball Super League - Grasshopper Club Zuerich - FC Sion, GC-Praesident Stephan Anliker. (Dominik Baur/EQ Images)

Stephan Anliker (60) ist der einzige Doppelpräsident. Bild: EQ Images

Eismeister Zaugg

Mit GC absteigen, mit Langenthal aufsteigen? Stephan Anliker als «doppelter Gotthelf»

Stephan Anliker ist eine der meistunterschätzten helvetischen Sport-Persönlichkeiten. In diesen Tagen durchlebt er meisterliche Aufstiegseuphorie und Abstiegs-Stress.



Stephan Anliker (60) ist der einzige Doppelpräsident. Er führt als Vorsitzender seit 2002 das NLB-Eishockey-Unternehmen SC Langenthal und seit 2014 als Verwaltungsratspräsident die GC-Fussballsektion.

Der SC Langenthal ist sportlich und wirtschaftlich ein Musterunternehmen der zweithöchsten Hockeyliga. Geschäftsführer Gian Kämpf und Sportchef Noel Guyaz haben die Sache im Griff und Kämpf ist auch in die Planspiele um ein neues Hockeystadion integriert. Stephan Anliker darf in seiner Heimat als Hockey-Präsident noch ein bisschen Sportromantik erleben. Nach dem Gewinn der NLB-Meisterschaft rockte Langenthal. Nun spielt «sein» SCL gegen Ambri in der Liga-Qualifikation um den letzten Platz in der NLA.

Bei GC ist die Lage etwas heikler. Dramatischer. Ein Abstieg in die NLB kann nicht ausgeschlossen werden. Und tief in den Herzen schmerzt es die Granden der grossen Stadt noch immer, dass erst der gute Mensch aus Langenthal (den die noble NZZ als Provinzfürsten schmäht) das Fussballunternehmen GC wirtschaftlich stabilisiert hat.

Stephan Anliker ist in diesen Tagen ein «doppelter Gotthelf». Eines der berühmtesten Werke des Dichterfürsten heisst «Geld und Geist». Geld oder Liebe, Himmel oder Hölle, Berg oder Tal, Aufstieg in die NLA oder Abstieg in die NLB. Nicht umsonst nannte der Zürcher Gottfried Keller seinen Kollegen Gotthelf ein «episches literarisches Genie».

Der Westzugang des Gotthelfzentrums, dem 1655 erbauten Pfarrhaus, am Montag, 4. Juli 2016, in Luetzelflueh. Im Pfarrhaus wohnte und wirkte Jeremias Gotthelf von 1831 bis zu seinem Tod im Jahre 1854. Im praechtigen Landsitz entstand sein ganzes schriftstellerisches Werk. Im Studierzimmer im ersten Stock schrieb Jeremias Gotthelf all seine Romane, Erzaehlungen und Novellen und erledigt seine Korrespondenz. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

In Lützelflüh im Pfarrhaus wohnte und wirkte Jeremias Gotthelf von 1831 bis zu seinem Tod im Jahre 1854. Im prächtigen Landsitz entstand sein ganzes schriftstellerisches Werk. Bild: KEYSTONE

Der Roman «Geld und Geist», 1842 lange vor der Gründung des SCL und der GC-Fussballsektion geschrieben, behandelt zwar vordergründig nicht den Sport. Sondern die Probleme der bäuerlichen Lebenswelten des Oberaargaus und Emmentals.

Tatsächlich ging es Gotthelf aber um grosse Fragen, die auch heute noch aktuell sind: Was macht das Streben nach Geld und Erfolg, was macht die Geldgier mit den Menschen in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, die wir heute Globalisierung nennen?

Wir sind kurz abgeschweift. Also: «Geist» ist bei Stephan Anliker das Engagement beim SC Langenthal. Das Sportunternehmen in «seiner» Stadt zu führen, ist eine Herzensangelegenheit. GC im fernen, urbanen Zürich ist hingegen im Sinne Gotthelfs eher eine «Geld-Angelegenheit». Das Präsidium des Zürcher Fussballunternehmens hat der erfolgreiche Architektur-Unternehmer (Ducksch + Anliker) wohl vor allem aus geschäftlichen Gründen übernommen.

Diese saloppe Einschätzung teilt er ganz und gar nicht. Eine Unterscheidung zwischen «Geld» und «Geist» lässt er nur in einem anderen Zusammenhang gelten. «Beim SC Langenthal haben wir genug Geist und es fehlt uns eher an Geld. Bei GC ist in erster Linie mehr Geist gefragt um uns in der NLA zu behaupten.»

Der freundliche Pragmatiker bestreitet keineswegs, dass der Sport ein ideales Umfeld für die Pflege von Geschäftsbeziehungen biete. Über seine Firma hält er auch Plätze im Hockeytempel von Marc Lüthi. Es kann ihm herzlich egal sein, wenn die Konkurrenten raunen, er habe sicherlich um die 80 Prozent seiner Geschäftskontakte über den Sport geknüpft. Auch das wusste schon der alte Gotthelf:

Neid ist die höchste Form der Anerkennung.

Heute bei GC gegen St.Gallen

Ein doppelter Präsident zu sein, ist allerdings nicht ganz einfach. Am letzten Sonntag verpasste Stephan Anliker das NLB-Finalspiel seiner Langenthaler in Rapperswil und war in Lausanne bei GC «an der Front». Heute Samstag wird er nicht im Schoren beim Gastspiel von Ambri sein. Sondern in Zürich beim Spiel GC gegen St.Gallen.

Beim SC Langenthal sind die Pläne für den Fall eines Aufstieges längst fertig ausgearbeitet. Das NLA-Abenteuer ist möglich.

Hat er bei GC einen Plan B in der Schublade, falls es zu einer Relegation in die NLB kommen sollte? Der GP-Präsident sagt, das sei der Fall. Nicht weil er mit einem Abstieg rechne. «Aber es ist die Aufgabe einer Führung auch auf einen solchen Fall vorbereitet zu sein.» Gouverner, c’est prévoir! Nur nicht die Nerven verlieren. Das Beispiel FCZ zeigt, dass eine Relegation nicht das Ende der Welt sein muss.

Was ist eigentlich an den Gerüchten dran, dass sich bei GC eine Palastrevolution gegen den Präsidenten anbahne?

Einmal erleben ist wertvoller als hundert Erzählungen lauschen: Stephan Anliker hat in den letzten Jahren mehr über das unergründliche Wesen des Mannschaftsportes gelernt als die meisten seiner Kollegen. In diesen Tagen erlebt der kluge Diplomat den Unterschied zwischen der beflügelnden Dynamik des Gelingens und der zerstörerischen Kraft des Misserfolges im besten Wortsinne am eigenen Leib. Längst ist ihm klar, wie zerbrechlich das Glück im Sport sein kann. Entwicklungen zu beeinflussen sei sehr schwierig. «Erst hinterher finden wir Erklärungen.»

Sportlich laufe es bei GC zwar nicht wunschgemäss. Aber die wirtschaftliche Situation habe sich stabilisiert. Man habe das Budget im Griff. «Wir müssen nicht mehr Ende Saison mit dem Hut die Runde machen.» Was er nicht sagt und nicht zu sagen braucht, weil es auf dem Dress gut sichtbar ist: Er trägt mit seiner Firma (Ducksch + Anliker) als Sponsor auch seinen Teil zum monetären Wohlergehen bei. Und wird sicherlich seinen Platz auf dem Dress gerne neuen Werbern überlassen. Verhandlungen dürften laufen.

GC CEO Stephan Anlike, rechts, spricht am Super League Fussballspiel zwischen dem Grasshopper Club Zuerich und dem FC Sion im Letzigrund, aufgenommen am Sonntag, 19. Februar 2017 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Anliker bei einem Stadiongespräch im Letzigrund. Bild: KEYSTONE

Betriebsfremde Zuschüsse sind halt nötig. Die polemische Behauptung, GC verdiene mit einem Heimspiel eigentlich fast kein Geld, sei gar nicht so falsch. Die Voraussetzungen seien wegen der komplexen Stadion-Situation nicht ideal. Es komme darauf an, wie man die Rechnung mache. Geld sei eigentlich nur bei einem Derby gegen den FC Zürich zu verdienen. 

«Der FCZ-Abstieg kostet uns diese Saison gut 750'000 Franken.»

Was ist eigentlich an den Gerüchten dran, dass sich bei GC eine Palastrevolution gegen den Präsidenten anbahne?

Von solchen Fragen lässt sich der erfahrene Unternehmer mit dem feinen Sinn für Selbstironie und Humor nicht provozieren. «So? Wo haben Sie denn das gehört? Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie genauere Informationen haben…»

Er schätze die Transparenz und das gegenseitige Vertrauen im Klub. Aber solches Gerede sei wahrscheinlich kaum zu vermeiden, wenn sich viele für eine Sache engagieren und an der Finanzierung beteiligt seien.

Der gutmeinende Chronist ist so bösartig, den Dramatiker Henry Montherlant zu zitieren. Der Sportliebhaber soll gesagt haben, das Gerücht sei die Rauchfahne der Wahrheit.

Alle NLA-Absteiger seit Einführung der Zwölfer-Liga

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