Wie bereitet man sich auf ein Team vor, das bisher weit unter seinen Verhältnissen spielte? Das seine eigentliche Qualität noch überhaupt nicht auf den Platz bringen konnte? Das in den ersten vier EM-Spielen noch jegliche Kreativität und Variabilität zu wünschen übrig liess? Dieser schwierigen Aufgabe sehen sich nun Nati-Trainer Murat Yakin und sein Assistent Giorgio Contini gegenüber.
Bisher brillierte der Schweizer Trainerstab mit seinen taktischen Kniffen und damit, wie es die Nati auf den jeweiligen Gegner einstellte. Gegen jeden bisherigen Gegner hatten Yakin und Co. ein Ass im Ärmel. Zum Auftakt gegen Ungarn bestachen die überraschend in der Startformation stehenden Kwadwo Duah und Michel Aebischer als Torschützen. Letzterer ist bisher ohnehin eine Erleuchtung auf der linken Aussenbahn – obwohl er normalerweise ein zentraler Mittelfeldspieler ist.
Dann gegen Schottland traf Xherdan Shaqiri in seinem bisher einzigen Einsatz an dieser Europameisterschaft traumhaft, bevor sich das mutige Auftreten mit hohem Pressing gegen Deutschland und dann vor allem gegen Italien – gepaart mit hoher Intensität und dem Plan, das Spielgeschehen zu bestimmen – als goldrichtige Entscheidung erwies. Yakin liess seine Kritiker spätestens mit dem überzeugenden Sieg im EM-Achtelfinal gegen die Azzurri verstummen.
Nun muss er die Nati um Captain Granit Xhaka aber auf ein Team vorbereiten, bei dem man nicht so recht weiss, was einen erwartet. Das ist für einen Trainer eine alles andere als einfache Aufgabe. Nur weil die Engländer bisher miserabel und uninspiriert auftraten, offensiv wie – vor allem im Achtelfinal – defensiv Schwachstellen offenbarten, heisst das nicht, dass sie es auch gegen die Schweiz tun werden. Und das dürfte Yakin, der sich vor dem England aus den ersten vier Spielen kaum fürchten müsste, Sorgenfalten bereiten.
Denn obwohl es aktuell schwierig ist, sich vorzustellen, dass dieses England unter Gareth Southgate zur Galaform aufläuft, wäre die Qualität eigentlich vorhanden. Harry Kane, Jude Bellingham und auch Phil Foden beweisen in ihren Klubs von Spiel zu Spiel, dass sie zu den besten Fussballern der Welt gehören – nur im Nationalteam können sie ihre Stärken an diesem Turnier bisher noch gar nicht ausspielen.
Aber was, wenn es plötzlich Klick macht? So wie an der letzten EM, als sich England zwar ungeschlagen, aber mit nur zwei Treffern durch die Gruppenphase kämpfte und sich in der K.-o.-Phase plötzlich von einer anderen Seite zeigte. Erst wurde Deutschland souverän 2:0 besiegt, dann die Ukraine 4:0 vom Platz gefegt. Kane traf in diesen Spielen dreimal, nachdem er in der Gruppenphase ohne Torerfolg geblieben war. Auch sonst zeigte England unter Southgate bereits ein anderes Gesicht, schoss an der WM 2022 in fünf Spielen insgesamt 13 Tore und beendete die EM-Qualifikation ungeschlagen mit einem Torverhältnis von 22:4.
Wenn aus den drei Löwenbabys also wieder ausgewachsene Raubkatzen werden, könnte die Schweiz überwältigt werden. Denn auf dieses Szenario könnte sie sich nur schwer vorbereiten. Dann wäre die Nati kaum noch in der Favoritenrolle, welche englische, aber auch deutsche Experten der Nati nun zuschreiben. Es wäre dieses Überraschungsmoment, das sich für England als Vorteil erweisen könnte.
Dafür müssten sich Kane, Bellingham, Foden und Co. aber in einen Rausch spielen. Diesen Superstars traut man das im Mutterland des Fussballs zu, skeptischer sind die Fans hingegen bei Trainer Southgate. Dass er die Baustellen beheben kann, glaubt kaum noch jemand. Solange es um Taktik und System geht, hat die Schweiz mit Yakin die Nase also vorne – aber wehe, wenn sich der Knoten bei den Engländern plötzlich löst.