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Frischer Blumenschmuck vor diesem Mural der Ulster Volunteer Force belegt: Der Nordirland-Konflikt ist wohl noch lange nicht beigelegt. Bild: watson

Die Instagram-Stadt, in der Menschen immer noch durch eine Mauer getrennt werden

Belfast stand nie zuoberst auf einer Liste von Städten, die ich mal besuchen wollte. Ja, um ehrlich zu sein: Sie stand nicht einmal etwas weiter unten. Nun hat es mich dank der Schweizer Fussball-Nati hierhin verschlagen – zum Glück!

Ralf Meile, Belfast



Und dann stehe ich vor einer Hauswand und studiere, was ich da sehe. Die «Ulster Defence Association» präsentiert sich darauf, wie sie eine Strassensperre errichtet hat. Wie passend! Denn das Wandgemälde befindet sich nur ein paar hundert Meter vom Windsor Park entfernt, dem Stadion, in dem die Schweiz heute Abend das Barrage-Hinspiel gegen Nordirland absolviert (Anpfiff 20.45 Uhr, im watson-Liveticker). Und der Gegner der Nati ist schliesslich bekannt für seinen Defensiv-Verbund.

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Wäre die Geschichte nicht so tragisch, könnte man die defensiv starke Fussballnati Nordirlands als Ulster Defence Association bezeichnen. Bild: watson

Dieses Gemälde symbolisiert jedoch keineswegs die Abwehr der nordirischen Fussball-Nati. Es ist einer von vielen in der Stadt wahrnehmbaren Hinweisen auf den blutigen Nordirlandkonflikt, der das Leben in Belfast von den 60er-Jahren bis 1998 bestimmte. Das kleine, eigentlich unscheinbare Nordirland war dadurch ein Teil meiner Kindheit, meiner Jugend. Denn die vielen Anschläge damals wurden auch bei uns in der Schweiz im Radio vermeldet, im Fernsehen gezeigt, in der Zeitung beschrieben. 1300 Kilometer entfernt von Belfast gehörten Begriffe wie IRA oder Sinn Fein auch bei uns zum Alltag.

Stark vereinfacht ging es darum: Es war einmal eine Insel, die zweigeteilt wurde. Nordirland wurde Grossbritannien zugeschlagen, der Süden der Insel wurde zur Republik Irland. Das sorgte für bürgerkriegsähnliche Zustände, zu Bombenanschlägen von Katholiken (für ein vereintes Irland) und Protestanten (der Queen zugetan) und zum Tod von rund 3500 Menschen. Etwa die Hälfte der Opfer waren keine Kämpfer, sondern unschuldige Zivilisten. Selbst Anschläge auf Kinder waren nicht tabu. Seit 1998 gilt ein Waffenstillstand. Das, noch einmal, sehr stark vereinfacht.

Auch heute noch gibt es unweit des Stadtzentrums in Belfasts Westen eine hohe Mauer, welche die beiden einst verfeindeten Parteien trennt. «Peace Wall» heisst sie, was einerseits verwirrend ist, denn wenn es eine Mauer benötigt, kann wohl kaum von Frieden gesprochen werden. Andererseits brachte sie wohl eine Beruhigung der Lage, weil kontrolliert werden konnte, wer sich wo aufhielt.

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Sprayereien auf der protestantischen Seite … Bild: watson

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… bei den Katholiken sieht sie so aus. Bild: watson

Aber merkt man als Aussenstehender des Konflikts überhaupt, in welchem Gebiet man sich gerade befindet? Die Häuser sind schliesslich hüben wie drüben aus Backsteinen und die Hundescheisse wird hier wie dort auf dem Trottoir gelassen. Doch es gibt markante Merkmale, die einem sofort verraten, wo man ist, ob in der Shankill Road bei den Loyalisten, oder in der Falls Road bei den Iren: die grossflächigen Wandgemälde, Murals genannt. Sie erinnern an die Gefallenen, sie werben für das eigene Anliegen, sie rufen zu Widerstand oder Einheit auf. Je nachdem, ob man links oder rechts von der Mauer steht.

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«Ulster to England» heisst es drüben in der Shankill Road … Bild: watson

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… und in der Falls Road: «Wir wollen die Freiheit unseres Landes und eure Soldaten draussen.» Bild: watson

Diese Murals, fällt mir plötzlich auf, sind im Prinzip das Instagram vergangener Tage in Belfast: Man teilt mit einem Bild anderen etwas mit. Es kommen noch regelmässig neue hinzu, alte werden übermalt. Der Konflikt mag sich beruhigt haben, doch er schwelt weiter.

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Wo heute dieser Bankomat ist, war einst ein Fish'n'Chips-Laden. 1993 kamen dort durch eine Bombe der IRA neun Menschen ums Leben: Frauen, Männer, Kinder. Bild: watson

Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass hier immer noch Menschen durch eine Mauer getrennt leben. Und während sich in Berlin einst wohl vielmehr die Staaten verachtet hatten und nicht der einfache Mann in BRD und DDR, war (oder ist?) hier purer Hass für den Nachbarn da.

Wieviel ist tatsächlich noch ernsthafter Widerstand? Wieviel ist Folklore, ist Tradition, ist dem Vater nachplappern? Ein Urteil kann ich nicht abgeben. Aber ich stelle mir vor, dass in dieser verhältnismässig kleinen Stadt von gut 300'000 Einwohnern sehr viele Menschen jemanden in der Verwandtschaft haben, oder mit jemandem befreundet sind, der in den Konflikt verwickelt war. Der vielleicht sogar deswegen ums Leben kam. Das sind Narben, die nicht so schnell verheilen. 

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Die Tore sind offen: Heute kann man gefahrlos zwischen den Seiten wechseln. Bild: watson

In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind sich die beiden Parteien näher gekommen. Doch der nahende Brexit bedroht diesen Frieden. Wenn Grossbritannien bald die EU verlässt, die Republik Irland aber bleibt, könnten an der inner-irischen Grenze neue Spannungen auftreten, so die Befürchtung. Heute ist diese Grenze nicht mehr sichtbar. Davon profitieren beide Länder und ihre Bewohner.

Letztlich wohnen links und rechts der Mauer in Belfast die gleichen (Nord)iren in den gleichen Backsteinhäusern, sie lassen sich vom Coiffeur den gleichen Haarschnitt verpassen (oben kurz, auf der Seite rappelkurz), sie lieben ihr Fish'n'Chips und sie müssen hier wie dort der Hundescheisse auf dem Trottoir ausweichen. Die verschwindet hoffentlich noch eher aus dem Stadtbild als die Peace Wall, deren Tage irgendwann wohl auch gezählt sein werden.

Fürs erste bin ich aber auch mit weniger zufrieden. Mir reicht es schon, wenn die Schweizer Nati heute Abend und am Sonntag im Rückspiel die Mauer einreisst, welche die Ulster Defence Association defensiv so starke nordirische Nationalmannschaft vor ihrem Tor aufbaut.

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Aus Schweizer Sicht ist zu hoffen, dass dieses Mural nicht erweitert werden muss: Es zeigt die vier nordirischen Nationalteams, die es an ein grosses Turnier geschafft haben. Bild: watson

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