Gary McAllister, Nordire zu sein war wohl in den vergangenen 30 Jahren nie so schön wie jetzt. Das Land hat an der EM 2016 teilgenommen und steht nur noch einen Schritt vor der WM-Teilnahme 2018.
Gary McAllister: Absolut. Für so ein kleines Land – und wenn man bedenkt, dass wir noch vor vier Jahren gegen Luxemburg verloren haben – ist diese Entwicklung fantastisch. Wir waren in Frankreich an der EM und nun können wir von der WM in Russland träumen, das ist grossartig.
Nordirland hat eine starke WM-Qualifikation gespielt, musste sich im Kampf um den Gruppensieg nur dem Weltmeister Deutschland geschlagen geben. Wie optimistisch ist man im Land nun, dass es in der Barrage gegen die Schweiz klappt?
Jeder ist sehr aufgeregt. Wir sind ein kleines Land, das seit 1986 nicht mehr an einer Weltmeisterschaft gespielt hat. Schon die EM im letzten Jahr zu erreichen, war eine riesige Leistung. Wir dachten alle, dass dies das Ende der Geschichte sein würde. Aber nun schreibt die Mannschaft noch ein Kapitel dieser Geschichte. Wir wissen, dass die Schweiz ein starkes Team mit vielen guten Spielern ist. Aber wir müssen einfach daran glauben, dass wir sie schlagen können. Wenn du im Fussball nicht an den Sieg glaubst, musst du gar nicht antreten. Wir glauben daran.
Was wissen Sie denn über die Schweiz?
Ich kann nicht viele Spielernamen aufzählen. Aber ich habe nachgeschaut, wo die Schweizer alle spielen. Einige spielen bei den besten Klubs in Europa: Juve, Milan, Arsenal, Mönchengladbach. Und natürlich kenne ich Xherdan Shaqiri, der bei Stoke City spielt. Vergangene Woche habe ich einige der Schweizer Spiele aus der WM-Qualifikation angeschaut und ich muss sagen: Das ist wirklich ein sehr gutes Team.
Die nordirischen Fans sind berühmt für ihren Gesang. Woher könnt ihr das alle? Lernt ihr das in der Schule, in der Kirche oder habt ihr das alle in den Genen?
Die meisten von uns lernen es im Pub! Wir trinken Bier und irgendwann stimmt einer ein Lied an und die anderen stimmen ein. Man nimmt eine bekannte Melodie, singt dazu einen neuen Text und wenn der Song gut ist, verbreitet er sich. Sehr bekannt ist beispielsweise «We're Not Brazil, We're Northern Ireland» zur Melodie der «Battle Hymn of the Republic», einem Lied aus dem amerikanischen Bürgerkrieg.
Ihr Fans von der «Green and White Army» geltet im Vergleich mit anderen Nationen als besonders leidenschaftliche Anhänger. Ist das vielleicht deshalb so, weil der Klubfussball in Nordirland nur eine kleine Rolle spielt und das Nationalteam das grosse Aushängeschild ist?
Genau so ist es. Die Fans der einheimischen Teams sind zwar ebenfalls mit Leidenschaft dabei. Aber wenn wir als so kleines Land gegen Weltmeister Deutschland spielen können, wenn wir Spanien schlagen können oder England mit Gerrard, Beckham und Rooney, dann sind wir halt einfach wahnsinnig stolz darauf. Das Nationalteam macht uns auf der Weltkarte sichtbar.
Hat sich durch den jüngsten Erfolg eigentlich etwas verändert innerhalb der Fan-Szene? Sind jetzt andere Anhänger da?
Das ist doch bei jedem Fussballteam so: Wenn es erfolgreich ist, hat es immer mehr Fans, als wenn es nicht läuft. Für uns ist der Zuwachs wichtig. Denn ich bin davon überzeugt: Auch wenn es einmal nicht mehr so gut läuft, haben wir nun eine neue Generation von Fans ins Stadion geholt und viele von ihnen werden dann bleiben. Das ist wichtig für unser kleines Land mit seinen etwa 1,8 Millionen Einwohnern.
Wieso nennt ihr euch eigentlich «Green and White Army»? Die Farben sind ja nachvollziehbar, aber weshalb eine Armee, wenn es doch um Fussball geht und nicht um Krieg?
Ach, das ist einfach ein Ausdruck. Viele Fans in Grossbritannien bezeichnen sich als Armee und man kann auch eine freundliche Armee sein – so wie wir.
Nordirland ist ein Land mit einer schwierigen Vergangenheit, zwischen 1969 und 1998 tobte ein heftiger Konflikt zwischen Grossbritannien-treuen Protestanten und irischen Katholiken. Gibt es diesen Graben immer noch oder schafft es die Nationalmannschaft, die beiden Lager zu vereinen?
Nun, leider ist es immer noch so, dass Menschen in Nordirland die Republik Irland unterstützen, weil sie sich als Iren sehen. Aber es gibt auch Katholiken, die für Nordirland sind. Letztlich denke ich, dass jeder das machen kann, was er will, das ist sein gutes Recht. Ich sehe es sportlich: Wir sind für dieses Team, andere sind für ein anderes Team. So ist der Fussball. Für mich sind das einfach Rivalen, so wie es die Rivalität zwischen Liverpool und Everton gibt oder zwischen der AC Milan und Inter Mailand.
Wenn Nordirland auswärts spielt, reisen jeweils sehr viele Fans mit. Doch von Ausschreitungen ist selten bis nie zu hören. Ertragt ihr den Alkohol einfach besser oder hat das andere Gründe?
Ich reise seit 20 Jahren mit der Nationalmannschaft mit. Bei meinem ersten Auswärtsspiel 1997 in Portugal, sagte mir ein älterer Freund, dass wir uns benehmen müssten und dass wir Botschafter für unser Land seien. Das nahm ich mir zu Herzen und das gebe ich auch immer den anderen Fans weiter: «Wenn ihr ans Auswärtsspiel reist, dann vergnügt euch, habt Spass. Aber seid anständig, respektiert die anderen, seid gute Aushängeschilder für Nordirland.» Natürlich gehört auch Bier dazu, das ist ja ein Teil der Fussballkultur. Manche trinken ein bisschen mehr als andere, aber jeder bleibt anständig. Die Hauptsache ist schliesslich das Spiel und nicht das Pub.
Wenn wir es gerade vom Bier haben: Ist George Best eigentlich auch noch für die jüngere Generation das ganz grosse Idol, für jene, die ihn selber nicht mehr spielen gesehen haben?
Ich habe ihn in einem Freundschaftsspiel im Stadion gesehen, 1984, zum Ende seiner Karriere. Ein grossartiges Erlebnis. Und eine Szene von 1976 hat sich mir für immer ins Hirn gebrannt. Nordirland holte bei Holland, das damals zu den besten Teams der Welt gehörte, ein 2:2 – und George Best schob Johann Cruyff einen Tunnel. Für mich einer der grössten Momente der Fussballgeschichte. Best schiebt Cruyff den Ball zwischen den Beinen hindurch! Er wird für immer ein Held sein. George Best war leider nie in einem erfolgreichen nordirischen Team, das sich für eine Endrunde qualifiziert. Das wäre das i-Tüpfelchen gewesen. Doch er ist eine Klasse für sich, unser bester Fussballer aller Zeiten. Das sehen die jüngeren Fans genauso.
Bests Nachfolger sind bei Weitem nicht so bekannt. Es gilt vielmehr das Berti-Vogts-Motto: «Der Star ist die Mannschaft.»
So ist es, wir haben ein Team, das diese Bezeichnung auch wirklich verdient. Es geht um harte Arbeit, um den Glauben, um Leidenschaft und Geduld. Das zeichnet uns aus. Wir haben aber schon auch einige sehr gute Fussballer: Jonny Evans, Steven Davis oder Gareth McAuley. Aber klar, der Erfolg kommt definitiv dank des Teamspirits zustande.
Nun, einen weltberühmten Fussballer hat Nordirland ja. Man hört, dass Verteidigungen in Ehrfurcht vor ihm erstarren …
Ja klar, Will Grigg's on fire! (lacht) Er fehlte zuletzt zwar im Nationalteam wegen Verletzungen, aber man hört den Song nach wie vor. Für mich wird das Lied auf immer mit der Euro 2016 verbunden sein. Alle sangen es dort ja, nicht nur wir Nordiren. Einmal zum Beispiel stand ich in der Hotellobby nach dem Sieg über die Ukraine, da betrat ein kroatischer Fan das Hotel. Er sah mich in meinem Trikot und fing sofort an zu singen: «Will Grigg's on fire! Your defense is terrified, Will Grigg's on fire!» Will ist kein grosser Star, aber durch diesen Song wird er für immer einen Platz in Nordirlands Fussballgeschichte haben.
Gegen die Schweiz steht Will Grigg nicht im Aufgebot. Was erwarten Sie von den zwei Barrage-Spielen?
Ich schätze, dass wir zwei sehr umkämpfte Partien sehen werden. Sie dürften wohl eng sein, mit vielen Toren rechne ich nicht. Für beide Teams steht sehr viel auf dem Spiel, sie haben die fantastische Möglichkeit, sich für die WM zu qualifizieren. Vor allem das Hinspiel in Belfast dürfte ein harter Fight werden, das Rückspiel in Basel dann etwas offener.
Am Sonntag werden wiederum viele nordirische Fans ihr Team in die Schweiz begleiten. Mit wievielen Anhängern rechnen Sie?
Soviel ich weiss, werden rund 2500 Fans nach Basel reisen. 1800 von ihnen sind im Gästesektor, und dann weiss ich von Leuten mit einem Ticket für andere Sektoren. Und dann wird es auch solche geben, die ohne Billet anreisen und ihr Glück vor Ort versuchen oder das Spiel sonst halt im Pub schauen.
Die Fans sind nicht gänzlich unbegleitet. Ihr von der Fanklub-Vereinigung stellt jeweils Tipps für sie zusammen, organisiert vor Ort Treffpunkte und helft, wenn es etwas zu helfen gibt.
Es ist mit viel Aufwand verbunden und wir machen das alles in unserer Freizeit. Wir setzen uns mit den Verbänden zusammen, setzen uns für die Anliegen der Fans ein, schauen, dass es ihnen gut geht. Wir tauschen uns dazu auch mit den jeweiligen gegnerischen Anhängern aus. So können wir unseren Jungs und Mädels sagen, wo man sich in der Stadt am besten trifft, was ein Bier kostet oder wie teuer der Weg vom Flughafen in die Stadt ist. Natürlich haben wir all das auch unseren Schweizer Freunden mitgeteilt, damit sie sich in Belfast wohlfühlen. Wenn du siehst, wie vielen Leuten du helfen und wie viele du glücklich machen kannst, dann lohnt sich dieser grosse Aufwand.
🎥 Northern Ireland's 'biggest fan' @TheDaveElliott has a message for @SFV_ASF 🇨🇭 ahead of our @FIFAWorldCup play-off... 😂👏 #GAWA pic.twitter.com/CU3PGvHhAa
— Northern Ireland (@NorthernIreland) 7. November 2017
Wo war eigentlich die beste Party bei einem Länderspiel?
Hm … das ist eine schwierige Frage! Ich darf sagen, dass ich in rund 30 Ländern gewesen bin mit dem Team und nirgends unfreundlich behandelt wurde. Wo wir hinreisen, machen wir uns Freunde. Ich war zwar schon in der Schweiz, aber nicht wegen eines Spiels zwischen Nordirland und der Schweiz, darauf freue ich mich nun.
In Russland wird nur eine Nation Party machen können im nächsten Sommer. Wer fährt an die WM?
Ich muss ehrlich sein: Eine bessere Chance, um sich für eine WM zu qualifizieren, wird Nordirland wahrscheinlich nie mehr erhalten. Und ich glaube fest daran: die Barrage gegen die Schweiz, das werden unsere zwei Spiele sein.