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Xhaka über Kosovo-Pfiffe: «Ich kenne dieses Volk, es ist sehr emotional»

Switzerland's Granit Xhaka, left, and Switzerland's head coach Murat Yakin, right, during the FIFA 2026 World Cup Group B qualifying soccer match between Kosovo and Switzerland, at the stadi ...
In der 75. Minute wird Granit Xhaka (Mitte) in Rücksprache mit Trainer Murat Yakin ausgewechselt.Bild: keystone

Xhaka über Kosovo-Pfiffe gegen ihn: «Ich kenne dieses Volk, es ist sehr emotional»

Granit Xhaka stand kurzzeitig im Kosovo wieder im Fokus. Er reagiert auf die Pfiffe so gelassen, wie es möglich ist.
19.11.2025, 05:3419.11.2025, 09:59
Christian Brägger, Pristina / ch media

In die Suppe der Schweizer konnten die Kosovaren mit dem 1:1 im letzten WM-Qualifikationsspiel nicht mehr spucken. Dafür war der Unterschied schon im Vorfeld des «Endspiels» zu gross. Und die Nati in der gesamten Kampagne wie im Spiel in Pristina zu souverän, um nicht zum sechsten Mal in Folge ans WM-Turnier zu fahren.

«Wir haben die Qualifikation überragend überstanden. Es freut mich unglaublich, an der WM die Schweiz vertreten zu dürfen. Wenn wir weiter alle am gleichen Strang ziehen, können wir Grosses erreichen», sagte also Manuel Akanji in der Mixed Zone. Breel Embolo strahlte ebenfalls: «Wir sind extrem glücklich. Ich bin auch gar nicht mehr überrascht, dass wir uns ständig steigern. Weil ich weiss, wie gross unsere Qualitäten sind.» So weit, so gut und normal.

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Video: watson/lucas zollinger

Dann erschien Trainer Murat Yakin an der Pressekonferenz nicht allein, dafür mit: Granit Xhaka. Das kam sehr überraschend. Davor glaubte man nämlich, der Nati-Captain würde sich den Fragen der Journalisten entziehen. Zumal ihm doch etwas den Magen verdorben hatte: die Pfiffe und Buhrufe, die er bei jedem Ballkontakt von den kosovarischen Fans über sich ergehen lassen musste. Deshalb sagte Xhaka dem Schweizer Fernsehen kurz nach dem Schlusspfiff:

«Ich war überrascht, das habe ich nicht erwartet – vor allem hier zu Hause. Es schmerzt, wenn ich ehrlich bin, aber ich muss das akzeptieren.»

Die Frage ist nur, weshalb Xhaka in seinem 143. Länderspiel zur Zielscheibe geworden war. Denn eigentlich ist er in der Heimat der Eltern ein Held und sein Abbild zum Beispiel an Plakatwänden sichtbar.

Die Vorgeschichte: alles zugespitzt

Xhaka hatte dem «Blick» vor einer Woche ein Interview gegeben und darin über die vom Schweizer zum kosovarischen Verband abgewanderten Albian Hajdari und Leon Avdullahu gesagt:

«Spieler mit ihrer Qualität will man definitiv nicht abgeben. Aus ihrer Sicht geht es darum, den eigenen Status einschätzen zu können. Hätten sie es geschafft, sich innerhalb von drei, vier Jahren einen Stammplatz in der Nati zu erkämpfen? Da würde ich ein Fragezeichen setzen, wenn man sieht, wer bei uns aktuell nicht spielt, aber schon weiter ist in der Karriere. Ardon Jashari ist seit drei Jahren bei uns dabei und kommt auf vier Spiele. Ist Leon weiter als Ardon? Ich glaube es nicht.»

Natürlich waren die Aussagen in den kosovarischen Medien als Statement gegen das Duo (das notabene geschont wurde) gewertet worden. An der Pressekonferenz spürte man aber unverzüglich, dass für Xhaka alles halb so schlimm war. Und es nicht mehr so sehr an jenem Spieler nagte, der einst bei Arsenal vom eigenen Publikum so viel zu ertragen hatte. Also sagte Xhaka zu den Vorkommnissen im Fadil-Vokrri-Stadion:

«Ich kenne dieses Volk, es ist sehr emotional. Ich wurde schon von 60’000 Fans ausgepfiffen und bin wieder aufgestanden. Es ist okay für mich, das gehört zum Fussball dazu.»

Es war also so, wie es Embolo zuvor in der Mixed Zone angekündigt hatte: «Er ist sich das gewohnt und wurde schon von einem viel grösseren Publikum ausgepfiffen. Wir wollten auch für ihn gewinnen. Das wird Granit nicht gross beeinflussen. Er ist ein grosser Junge mit breiten Schultern.»

Dabei liebt das Volk eigentlich Xhaka

Wie sehr dieses Volk Xhaka eigentlich liebt, wurde bei der abgesprochenen Auswechslung in der 75. Minute wieder klar. Es gab viel Jubel und herzlichen Applaus. Als sich der 33-Jährige nach Spielende für einige Minuten beim Gegner aufhielt, ging das Gekreische und die Frage nach Selfies los. Der Nachtportier des Medienhotels regte sich Stunden später noch auf:

«Wie konnte ihn mein Volk nur auspfeifen! Das hat mich hässig gemacht. Xhaka ist der beste Botschafter unseres Landes.»

Und wie dieser Botschafter an der Pressekonferenz neben Yakin so da sass, bei Antworten des Trainers immer wieder nickend und lächelnd, da gab es fast schon dieses Gefühl: Vater und Sohn. Der Nati-Trainer hat den neuen Vertrag, der dank der WM-Teilnahme bis zum Ende der EM-Qualifikation dauert, natürlich noch nicht unterschrieben. Vielleicht müssten die Spieler ja bei der Vertragsunterschrift etwas mithelfen, sagte Xhaka spitzbübisch.

Ohnehin war er voll des Lobes:

«Es ist für jeden Spieler ein Privileg, Murat als Trainer zu haben. Wie er mit uns umgeht und welche Freiheiten er uns gibt. Die Ergebnisse sprechen für ihn. Wir waren bei jeder Endrunde dabei. Wir freuen uns, dass er weitermacht. Wir lernen jeden Tag von ihm, ob das taktisch ist oder defensiv. Wir sind froh, dass er uns als Mannschaft so weiterentwickelt hat.»
Switzerland's Granit Xhaka, left, and Switzerland's head coach Murat Yakin, right, wear T-shirt with the inscription "QUALIFIED, see you in North America" after Switzerland's  ...
Ergänzen sich bestens: Granit Xhaka und Murat Yakin.Bild: keystone

Ein Test gegen Deutschland?

Unter Yakin ist die Nati erstmals seit 1945 ein Jahr lang ohne Niederlage geblieben in zehn Länderspielen. Eines der nächsten, das der 51-Jährige anleiten wird, dürfte das Testspiel gegen Deutschland sein, wohl im März-Länderspielfenster. Sofern die Schweiz im Topf 2 nicht in dieselbe WM-Gruppe gelost wird.

Apropos Auslosung: Sie ist der nächste Termin für den Nati-Trainer und findet am 5. Dezember in Washington statt. Schwebt Yakin ein Traumlos vor?

«Ich glaube eher, dass die Gegner uns nicht haben wollen. Wir haben uns diesen Ruf erarbeitet und spielen einen komplexen, vertikalen Fussball. Das Team steht vor einer goldigen Zukunft.»

Und Xhaka steht vor seiner achten Endrundenteilnahme. Der Captain liess sich da schon mehr über mögliche Wunschgegner aus: «Wir hatten schon oft Brasilien und letztes Mal Kamerun. Wunschgegner ist vielleicht falsch, aber wir haben noch eine Rechnung mit Argentinien offen. Und wenn die Demokratische Republik Kongo sich qualifiziert, wäre das etwas für uns.» Akanji seinerseits würde aus Topf 1 gerne Kanada, Argentinien oder Holland nehmen.

Doch bis es so weit ist, wollte die Schweizer Delegation in der Nacht von Pristina das Erreichte in ihrem Teamhotel feiern. Xhaka hob noch kurz den Mahnfinger, er müsse aufpassen, weil er mit 33 Jahren mehr Erholung brauche. «Mal schauen, was wir so machen.» (aargauerzeitung.ch)

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32 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Snowy
19.11.2025 06:15registriert April 2016
Natürlich hat Xhaka zu 100% Recht.

Dass man dies im Kosovo nicht gerne hört, ist verständlich.
Unverständlich sind die lautstarken Pfiffe bei JEDER Ballberührung von Xhaka und stetem Pfeiffen, wenn die Schweiz im Ballbesitz war und bei der Schweizer Nationalhymne.

Hätten besser die eigene Mannschaft angefeuert. Dieser Support war nämlich sehr bescheiden.
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001243.3e08972a@apple
19.11.2025 06:59registriert Juli 2024
Kein Publikum, das man sich wünscht.
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Soporpa
19.11.2025 08:32registriert Mai 2021
Ich finde es immer besonders lächerlich, wenn im Vorfeld eines Spieles von heissblütigen Fans und Hexenkessel die Rede ist, die Fans im Stadion ausser Pfeifen keinen wirklichen Support zu Stande bringen.
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