Hasst noch jemand die Bayern? Wie er den Klub zum Sympathieträger machte
Früher verhielt es sich mit dem FC Bayern München wie mit Lakritz oder Rosenkohl. Manche waren grosse Fans, der Rest hasste den Klub abgrundtief. Der übermächtige Bundesliga-Rekordmeister war ein beliebtes Feindbild: arrogant, abgehoben und schlicht unsympathisch.
Das trifft heutzutage aber alles kaum noch zu. Plötzlich fällt es deshalb selbst Fans anderer Klubs viel schwerer, die Bayern zu hassen. Auf einmal sind die Münchner gar ein Sympathieträger. Das Gesicht dieses Wandels ist Trainer Vincent Kompany.
Der 40-Jährige übernahm Bayern München im Sommer 2024, nachdem der erfolgsverwöhnte Klub gerade seine erste titellose Saison seit zwölf Jahren hinter sich hatte. Kompany war bei den Bayern zwar nur etwa die siebte Wahl, doch brachte er das Team schnell wieder auf Kurs.
Am Sonntag haben sich die Münchner mit einem 4:2-Sieg gegen Stuttgart vier Runden vor Schluss die Meisterschaft gesichert. Und hatten sie in der ersten Saison unter Kompany noch Probleme gegen die Topteams, was sich vor allem in der Champions League zeigte, sind sie nun Topfavorit auf den Titel in der Königsklasse. Wie im DFB-Pokal steht Bayern dort im Halbfinal, wo es auf PSG trifft. Im nationalen Cupwettbewerb geht es am Mittwoch gegen Leverkusen.
Angreifen wie ein Spitzenteam, ackern wie im Abstiegskampf
Kompanys Spielstil zeichnet einerseits ein attraktiver Offensivfussball aus. Der langjährige Schützling von Trainer Pep Guardiola setzt auf Ballbesitz und längere Passstafetten, aber auch mal direktes Spiel nach vorne. Das resultierte in der laufenden Bundesligasaison in bisher 109 Toren. Der alte Rekord aus der Saison 1971/72 von 101 Treffern wurde schon nach 29 Partien übertroffen.
Der ehemalige Innenverteidiger lässt seine Stars aber auch ordentlich arbeiten. Nur Hoffenheim läuft im deutschen Oberhaus noch mehr. Kompany setzt auf hohes Pressing und ein Defensivsystem, das etwas aus der Zeit gefallen ist: die Manndeckung. In den letzten Jahren feierte diese unter anderem dank Atalanta Bergamo ein kleines Comeback, nachdem seit über drei Jahrzehnten eigentlich die von Arrigo Sacchi entwickelte Raumdeckung dominiert. Bayern hat damit aber Erfolg, wenn auch Real Madrid im Champions-League-Viertelfinal einige Schwächen in der Münchner Defensive offenlegte.
In knapp zwei Jahren hat Kompany ein Team geschaffen, das auch bei Führungen nicht aufhört anzugreifen und sich gleichzeitig abrackert, als wäre es gerade im Abstiegskampf. Das sind nicht mehr die Dusel-Bayern, die zum Teil gar nicht so gut spielen und trotzdem gewinnen. Es ist ein Team, das Fussballfans begeistert und mitreisst.
Seine Rede gegen Rassismus gehöre in den Bundestag
Gleichzeitig nimmt sich Kompany nicht zu wichtig – womit er sich klar von seinen Vorgängern Thomas Tuchel oder Julian Nagelsmann unterscheidet. Als langjähriger Manchester-City-Captain weiss er, wie er Stars führen muss. Er stellt sich stets vor seine Mannschaft, behält Kritik intern und legt sich nicht mit der Vereinsführung an. Dennoch scheut er nicht davor zurück, sich öffentlich über Themen zu äussern, die ihn beschäftigen.
Kompany begeisterte auch schon mit intelligenten Voten zu politischen Themen. So zum Beispiel, als er Benfica-Trainer José Mourinho dafür kritisierte, die rassistischen Beleidigungen von Fans und einem Benfica-Spieler gegen Vinicius Junior mit dessen Jubel erklärt und relativiert zu haben. Nach seiner zwölfminütigen Rede waren die Reaktionen durchweg positiv. In der Sendung «Doppelpass» hiess es gar, dass Kompany diese im deutschen Bundestag halten solle. Auch damit gab der Trainer seinem Klub ein neues, ein sympathisches Gesicht.
Kane und Olise statt Matthäus und Kahn
Helfen tun dabei natürlich auch Spieler wie Harry Kane. Ein Mittelstürmer, der sich fallen lässt, am eigenen Strafraum aushilft, selbst Angriffe einleiten kann und vorne so treffsicher ist wie nur wenige Menschen auf diesem Planeten. Oder ein Michael Olise, der kurz nach Kompany nach München kam und seither ganz Fussball-Deutschland begeistert mit seinen Pässen, Dribblings und Traumtoren.
Auch sonst sucht man Spieler, die polarisieren wie einst Lothar Matthäus oder Oliver Kahn, im aktuellen Kader abgesehen von Joshua Kimmich und mit Abstrichen Manuel Neuer vergeblich. Womöglich hilft den Bayern auch, dass die anderen internationalen Schwergewichte wie Manchester City oder PSG aufgrund der Öl-Milliarden oder Real Madrid aus zahlreichen Gründen in den Augen vieler echte Unsympathen sind.
Und so stellen sich viele Fans der Bundesliga gerade die Frage: «Wie soll man dieses Bayern München noch hassen?»
