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Ein Mann schaut im Fernsehen ein Fussballspiel der Weltmeisterschaft in Mexiko, aufgenommen im Juni 1970 (KEYSTONE/Str)

Fussball kam selten im TV, aber wenn, musste nicht noch extra dafür bezahlt werden: Zuschauer 1970. Bild: KEYSTONE

Kommentar

Was gut daran ist, wenn die Champions League aus dem Free-TV verschwindet

Ab Herbst 2018 schauen Schweizer Fussballfans in die Röhre: Wer die Champions League sehen will, muss dafür extra bezahlen. Die Billag-Gebühren für die SRG reichen dafür nicht mehr aus. Das ist bedauerlich, aber kein Weltuntergang.



Kein Streit mehr ums Fernsehprogramm am Dienstag- und am Mittwochabend: Grosszügig kann dessen Auswahl ab dem Herbst 2018 der Partnerin überlassen werden. Denn die Champions League gibt's in der Schweiz ab dann wohl nur noch im Bezahl-TV zu sehen. Heute leisten sich dieses bloss die wenigsten Fans.

Wer die Spiele legal sehen will, dem bleibt aber nichts anderes übrig, als dafür zu bezahlen. Denn auch in Deutschland und Österreich verschwindet die Champions League aus dem Free-TV. Wir müssen uns wohl oder übel an das Ende der «Gratis-Kultur» gewöhnen.

Gehören Real und Barça zum Schweizer Service Public?

Viele Fans kritisieren diesen Entscheid. «Wofür, wenn nicht dafür, sollen denn die hohen Billag-Gebüren verwendet werden, die jeder zahlen muss?», lautet der Tenor. Aber gehört die Champions League zum Service Public? Ja, solange es um die Spiele des Schweizer Meisters geht. Nein, wenn es um alle anderen Matches geht. Und weil – vermutlich, bestätigt ist noch nichts – nur «Alles oder Nichts» gekauft werden kann, verzichtet die SRG auf ein kostspieliges Wettbieten um die Rechte. Ihr ist die Königsklasse schlicht zu teuer geworden.

Vom Anfang des Endes des Fussballs wird nun, da die Champions League ins Pay-TV abwandert, bereits fabuliert. Das könnte falscher nicht sein. Der Fan wettert noch so sehr über dubiose WM-Vergaben, überzogene Transfersummen und dilettantische Sportchefs – er geht trotzdem immer wieder ins Stadion und schaltet trotzdem den Fernseher ein. Die Zahl derer, die sich tatsächlich ganz vom Fussball abwenden, ist sehr klein.

Der Mensch liebt den Fussball, er liebt Fussball-Übertragungen und es ist nicht absehbar, welche andere Sportart den Fussball von der Spitze der Popularitätsliste verdrängen könnte. Zu sehr haben er selber und das Fernsehen in den vergangenen zehn, 15 Jahren alles andere zu Randsportarten degradiert. 

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Chance für jeden anderen Sport

Wenn nun aber die Champions League verschwindet und wenn auch andere Fussballspiele vielleicht künftig nicht mehr im Free-TV zu sehen sind, dann könnte das für alle anderen Sportarten ein Gewinn sein. Sie dürfen darauf hoffen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Rechte kaufen und ihre Anlässe statt Fussball zeigen. Irgendetwas wollen sie ihren Zuschauern schliesslich bieten. Denn in unserer Zeit, in der TV häufig zeitversetzt konsumiert wird, damit die Werbung überspult werden kann, ist Livesport ein Quoten-Garant geblieben. Deshalb reissen sich die Sender auch um die Übertragungsrechte.

Ein Beispiel, wie aus einem eher langweiligen Ereignis ein TV-Kracher werden kann, ist das Skispringen. Das ist ja grundsätzlich 80 Mal das Gleiche: Einer nach dem anderen springt hinunter, der Laie sieht fast keinen Unterschied, ausser dass es mal weiter und mal weniger weit geht. Aber die Deutschen schafften es, auch dank ihrer herausragenden Athleten Martin Schmitt und Sven Hannawald, einen Hype zu kreieren, der die Nation vor die TV-Geräte fesselte. Und auch die Schanzen waren gut besucht, wenn die «Formel 1 des Winters» Station machte. Für Skisprung-TV-Rechte muss ein Bruchteil dessen ausgegeben werden, was die Champions League kostet – aber weil es spannend ist, schalten trotzdem viele Leute ein.

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Klein-Hoarau statt Klein-Messi?

Möglich, dass auch die Schweizer Fussballklubs zu den Profiteuren gehören, wenn die Königsklasse nicht mehr im Fernsehen kommt. Trugen Junioren früher im Training GC-Trikots in Zürich, YB-Trikots in Bern oder St.Gallen-Trikots in der Ostschweiz, so scheint es heute auf der ganzen Welt nur noch zwei Fussballer zu geben: Lionel Messi und Cristiano Ronaldo.

Die beiden Überfussballer von Barcelona und Real Madrid sind die mit Abstand populärsten Spieler der Welt – auch, weil selbst wir Schweizer jede Partie der spanischen Klubs sehen können. Fällt dies weg, steigt vielleicht wieder die Bindung zu den Klubs vor der eigenen Haustür. Und statt Klein-Messi stolpert Klein-Hoarau über einen Berner Rasen.

TV-Fussball fördert die Lust am Stadionerlebnis

Schon einmal wurde vermutet, dass das Pay-TV der Totengräber des Fussballs sein werde. Damals, in den 80er-Jahren, waren die Bundesliga-Stadien halb leer, dafür war die Sportschau am Abend der grosse TV-Kracher. Gleichzeitig war das Bezahl-Fernsehen in den Startlöchern und man sorgte sich um das Produkt Fussball (das damals noch gar kein Produkt war, sondern ein Sport). Die bange Befürchtung: Künftig sitzen wohl alle Zuschauer lieber gemütlich auf dem Sofa, um sich ein Spiel anzusehen – das deshalb in einem leeren, stimmungslosen Stadion ausgetragen wird.

Dieses Horrorszenario blieb aus, das Gegenteil war der Fall. Die abgelaufene Saison war die neunte in Folge, in der im Schnitt mehr als 40'000 Fans in die Arenen pilgerten und die Hälfte aller Bundesliga-Partien waren ausverkauft. Viel eher scheint es so zu sein, dass der viele Fussball im TV die Fans «gluschtig» machte, auch ins Stadion zu gehen. Dass in der Schweiz die Zuschauerzahlen letzte Saison zurückgingen, hat wohl wesentlich mit dem Fehlen von Absteiger Zürich zu tun und mit der Dominanz des Serienmeisters Basel, welche der Spannung abträglich ist.

In Asien spielt die Musik

Wie ein gefrässiger Hai frisst der Fussball alle kleinen Fische um ihn herum. Er ist mittlerweile in allen Medien und bei allen Stammtischgesprächen so dominant, dass es gar keine grosse Rolle mehr spielt, ob die Spiele nun von allen gesehen werden können oder nicht.

epa04771698 Chelsea's Thai fans holding replica trophies cheer prior the team's arrival at Don Mueang airport in Bangkok, Thailand, 28 May 2015. Chelsea, the English Premier League champions, will play a friendly soccer match against an Thailand All-Stars team on 30 May 2015 in Bangkok as part of the team's pre-season tour in Asia.  EPA/RUNGROJ YONGRIT

Thailändische Fans empfangen am Flughafen die Mannschaft von Chelsea. Bild: RUNGROJ YONGRIT/EPA/KEYSTONE

Zudem müssen wir uns in der alten Welt bewusst sein: In Europa wird zwar gespielt. Aber zugeschaut wird rund um den Globus. Spiel 1 der Finalserie in der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL lockte in China doppelt so viele Zuschauer vor den Bildschirm wie in Kanada und in den USA zusammen! Der Heimmarkt wird kaum mehr benötigt. Bei der Champions League und der angeblichen Fussballvernarrtheit der asiatischen Fans dürfte es ähnlich aussehen. Mit Herrn Li in Peking und Herrn Lee in Seoul ist Geld zu machen, nicht mit Meier und Müller in Hinterpfupfigen. Da können die noch so sehr darüber jammern, dass man ihnen die Champions League wegnimmt.

Wunsch nach Einzelkauf-Option

Trösten können sich Meier und Müller damit, dass es ohnehin erst in der K.o.-Phase richtig interessant wird. Barças Wunder-Comeback beim 6:1-Sieg gegen PSG nach 0:4-Niederlage im Hinspiel war legendär, Juve nahm Barcelona danach beeindruckend auseinander und Monaco stürmte mit offensivem Fussball in die Herzen vieler Fans. Aber sonst? Kaum einer wird die Gruppenphase, deren Resultate zunehmend absehbarer werden, vermissen.

Natürlich weder ein echter Account noch die echte Bundesrätin Doris Leuthard. Dafür ein gelungener Gag.

Wer wirklich will, leistet sich die Champions League auch in Zukunft. Zu wünschen ist, dass es auch die Möglichkeit geben wird, kein Abonnement zu lösen, sondern einzelne Spiele oder Konferenzen zu kaufen. Dann gibt es keinen Grund mehr zu jammern, dann nimmt man halt den Fünfliber oder die Zehnernote zur Hand. Die meisten von uns geben Geld oft dümmer aus.

Lauter Riesen-Kisten!

Video: watson

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