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Eingang zur Universität Zürich. An Hochschulen sind Snowflakes besonders zahlreich vertreten.
Eingang zur Universität Zürich. An Hochschulen sind Snowflakes besonders zahlreich vertreten.Bild: KEYSTONE
Analyse

Die Snowflakes – oder warum hypersensible Linke den Rechten einen Steilpass spielen

Hypersensible Linke und politisch unkorrekte Rechte liefern sich immer heftigere Gefechte.
23.08.2018, 16:4724.08.2018, 07:50

In den USA werden hyperempfindliche Menschen auch «Snowflakes» genannt, wahrscheinlich weil sie bei der geringsten Erwärmung sofort einbrechen. Snowflakes sind an Universitäten weit verbreitet. Sie weigern sich, Vorlesungen über Themen zu besuchen, die sie erschrecken, und halten ihnen nicht genehme Referenten vom Universitäts-Campus fern.

Die Diskussionen um den Sommerhit 079 und die Basler-Scharade um die Guggenmusik Negro-Rhygass zeigen, dass das Snowflake-Phänomen auch die Schweiz erreicht hat. Auch dass wir uns darüber streiten, ob man einen Mohrenkopf noch Mohrenkopf nennen darf, gehört in dieses Kapitel.

Francis Fukuyama ist einer der bekanntesten Politologen der Gegenwart.
Francis Fukuyama ist einer der bekanntesten Politologen der Gegenwart.Bild: EPA/ANSA

Nun könnte man sagen: Glücklich ein Volk, das sich mit Problemen dieser Art herumplagen kann. Stimmt leider nicht. Die vermeintlich läppischen Streitereien sind Ausfluss der sogenannten Identitätspolitik. Sie hat in der modernen Gesellschaft den Klassenkampf ersetzt – und das hat Folgen.

Aufklärung und Industrialisierung haben uns nicht nur Demokratie und Rechtsstaat beschert, sondern auch den Klassenkampf. «Die Politik war während beinahe des gesamten 20. Jahrhunderts geprägt von wirtschaftlichen Themen», schreibt Francis Fukuyama in einem Essay im Magazin «Foreign Affairs». «Heute hingegen ist sie weniger von ökonomischen oder ideologischen Sorgen bestimmt, als von Fragen der Identität.»

Mai-Demonstration in Basel. Wird dies bald zur Folklore?
Mai-Demonstration in Basel. Wird dies bald zur Folklore?Bild: KEYSTONE

Die zentrale Aussage von Karl Marx, wonach das Bewusstsein des Menschen primär von seinem wirtschaftlichen Sein bestimmt wird, ist unvollständig. Menschen streben auch nach Würde und Respekt. Wird ihnen dies verweigert, dann reagieren sie heftig, vor allem dann, wenn ihnen gleichzeitig ein wirtschaftlicher Abstieg droht. Das ist gegenwärtig bei weiten Teilen des westlichen Mittelstandes der Fall.

Den Linken wurden die Themen geraubt

Klassenkampf ist in der modernen Gesellschaft kein taugliches Mittel mehr. Der Kommunismus ist diskreditiert, die klassischen Arbeiter sind zu einer aussterbenden Rasse geworden, die Grenzen des Sozialstaates sind ausgereizt, und in der Gig-Wirtschaft lassen sich Arbeitnehmer schlecht organisieren.

Den Linksparteien wurden so allmählich ihre zentralen Themen geraubt. Im Gegenzug haben sie die Minderheiten entdeckt. Kampf gegen Rassismus und sexuelle Diskriminierung und Einsatz für Migranten wurden zu Kernthemen der Linken.

Wer für die Rechte von Frauen und Minderheiten kämpft, hat zwei Optionen: Er kann verlangen, dass sie gleich behandelt werden wie die anderen, oder er kann verlangen, dass die Eigenheiten einer anderen Identität respektiert werden. In der jüngsten Vergangenheit setzt sich vermehrt die zweite Option durch.

Frauen demonstrieren gegen Trump, auch in Zürich.
Frauen demonstrieren gegen Trump, auch in Zürich.Bild: KEYSTONE

Fukuyama nennt als Beispiel die Entwicklung des Feminismus: «Die Forderungen der Mainstream-Bewegung konzentrierten sich zunächst auf die gleiche Behandlung der Frauen am Arbeitsplatz, in der Erziehung, vor Gericht, usw. Gleichzeitig gab es jedoch auch einen wichtigen Trend in der feministischen Bewegung, der das spezifische Bewusstsein und die Lebenserfahrung der Frauen betont, die grundsätzlich verschieden sind von männlichen.»

Grundsätzlich ist am Einsatz gegen Rassismus und für Feminismus nichts auszusetzen. Auch heute noch werden Farbige diskriminiert und Frauen am Arbeitsplatz belästigt, wie die #metoo-Bewegung gezeigt hat. Mit der Betonung der Identität haben die Linken jedoch ungewollt den Rechten einen Steilpass gespielt. «Vielleicht das Schlimmste an der aktuellen Identitätspolitik der Linken ist die Tatsache, dass sie den Aufstieg einer Identitätspolitik von rechts begünstigt hat», stellt Fukuyama fest.

Demonstration der rechten Identitären in Berlin.
Demonstration der rechten Identitären in Berlin.

Die rechte Identitätspolitik dreht sich um Rasse und Nationalität, verbunden mit der Angst vor einem sozialen Abstieg. «Wir wollen unser Land zurück» und «Wir sind das Volk» sind Parolen, die auf fruchtbaren Boden fallen. Die Rechten nutzen auch die Hyperempfindlichkeit der linken Snowflakes aus. Die Grenze des Anstands zu verletzen und sich keinen Deut um die politische Korrektheit zu kümmern, wird zu einer Tugend und zu einem politischen Erfolgsrezept. Das hat Donald Trump beispielhaft vorexerziert. Seine Vulgarität wird von seinen Anhängern als Authentizität verstanden und gepriesen.

Geschickt spannt die Rechte das Verlangen nach Respekt für ihre Zwecke ein. Der weisse Mittelstand sei das wahre Opfer und seine Anliegen würden von einer abgehobenen Elite nicht mehr wahrgenommen, argumentieren sie und können damit punkten: Mit dieser Botschaft wurde Trump ins Weisse Haus und das Vereinigte Königreich aus der EU gehievt.

Eine reine Multikulti-Gesellschaft wird gemäss Fukuyama niemals überleben. Er plädiert deshalb für eine Leitkultur, welche Identität verspricht, ohne gleichzeitig andere auszuschliessen und zu unterdrücken. «Eine funktionsfähige nationale Identität muss substanzielle Ideen enthalten, eine Verfassung, Rechtsstaatlichkeit und die Gleichheit der Menschen», so Fukuyama.

Eine solche Gesellschaft darf, ja muss auch ihre Grenzen schützen. «Die internationalen Gesetze stellen nicht in Frage, dass Staaten ein Recht darauf haben, ihre Grenzen zu kontrollieren und Kriterien für die Einbürgerung festzulegen», so Fukuyama. Diese Kriterien sollen jedoch nicht durch das «Blut», sondern durch den «Boden» bestimmt sein. Will heissen: Wer in einem bestimmten Land geboren und aufgewachsen ist, soll dort auch als Bürger aufgenommen werden.

Kurz zusammengefasst lautet Fukuyamas Botschaft wie folgt: Ohne Leitkultur verkommt die Identitätspolitik zu einem wehleidigen Jammern einzelner Gruppen gegeneinander und zu einer zunehmenden Radikalisierung. Und ohne sichere Grenzen werden die Rechten mit ihrer Identitätspolitik triumphieren.

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161 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Sherlock_Holmes
23.08.2018 19:42registriert September 2015
Wir müssen wieder lernen einander in erster Linie als Menschen zu begegnen und nicht als Angehörige bestimmter Gruppen, welche sich gegenseitig ausschliessen.
Das braucht Mut und Bereitschaft zum Dialog - und in erster Linie eine annehmende Grundhaltung.
Ich möchte meinem Gegenüber Werte zugestehen, auch wenn ich sie letztlich nicht vollkommen teilen kann. Das gleiche wünsche ich mir auch umgekehrt.
Brücken bauen heisst nicht, dass ich mich am anderen Ufer heimisch fühlen muss. Fürs erste genügt es, sich in der Mitte der Brücke begegnen zu können.
Vielleicht folgen dann gegenseitige Besuche.
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Angelo C.
23.08.2018 17:34registriert Oktober 2014
Für einmal ganz uneingeschränktes Lob, Philipp Löpfe...
Gutes Eigendenken, verbrämt mit kompetenten Zitaten.

Ich gehe davon aus, dass sowohl Linke wie Rechte mit diesem Artikelinhalt leben, ihn grossmehrheitlich als fundiert bezeichnen können.
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Schlingel
23.08.2018 17:49registriert März 2018
"(...) dass sie den Aufstieg einer Identitätspolitik von rechts begünstigt hat."

Sehe ich genau so. Viele Personen, welche ehemals eher links wählten, können sich mit den Themen, oder deren Priorisierung heutzutage nicht mehr identifizieren und treiben dadurch immer mehr nach recht, oder wählen aus Prinzip nicht mehr. Zudem verkommt die gesamte, jedoch primär die linke Politik immer mehr zu einem Kindergarten. Es geht nurnoch ums provozieren, oder sich über die kleinsten Dinge aufzuregen. Leider wird dadurch die sinnvollen und konstruktiven Stimmen aus ebendiesen Lagern übertönt....
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