Wetten gegen europäische Aktien auf Rekordhoch – doch am Mittwoch ging es schief
Wenn es in der Wirtschaft nach düsteren Zeiten aussieht, haben die sogenannten «short sellers» Hochkonjunktur. «Short sellers» sind Investorinnen und Investoren, die mittels Leerverkäufen auf den Absturz einer Aktie wetten, um mit dieser Wette Geld zu verdienen.
Leerverkäufe: Das bedeutet «Shorting»
Leerverkäufe (auf Englisch: shorting oder short selling) sind im Grunde genommen eine Wette gegen eine Aktie. Sie ermöglichen das Profitieren von Aktien, die einem aber in Tat und Wahrheit nicht gehören. Wie geht das?
Vereinfacht gesagt, so: Bei einem Leerverkauf leiht sich eine Marktteilnehmerin zunächst eine gewisse Anzahl an Wertpapieren. Kurz darauf, und wenn sie glaubt, dass diese demnächst an Wert verlieren werden, verkauft sie die Papiere an weitere Marktteilnehmer (ja, diese werden verkauft, obwohl die Investorin eigentlich nicht im langfristigen Besitz davon ist). Später kauft sich die «Leerverkäuferin» Aktien der gleichen Firma auf dem Markt zurück – zu einem tieferen Preis, wenn ihre Annahme korrekt war. So kann sie dann am Ende die geliehenen Aktien wieder zurückgeben – und den Profit behalten.
Wie die Financial Times schreibt, haben Hedgefonds in den letzten Monaten eine Rekordzahl an sogenannten Short-Positionen in europäischen Aktien aufgebaut. Dies wohl in der Erwartung, dass Europa von den wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs schwer getroffen wird.
Hedgefonds sind eine spezielle Art von Investmentfonds. Während Letztere Aktien kaufen, um auf deren Anstieg zu spekulieren, agieren Hedgefonds flexibler: Sie setzen mal auf steigende («long») und mal auf fallende («short») Aktientitel. Dabei nutzen sie oft komplexe Strategien und Produkte wie Derivate. Ursprünglich sollten solche Fonds für ihre Kunden Risiken absichern. Heute geht es aber oft vielmehr um aktive Renditejagd als reine Absicherung.
Die Zahl der Leerverkaufsmeldungen für in Europa notierte Aktien stieg gemäss FT, die sich auf Zahlen aus der Datenbank Breakout Point stützt, in den ersten drei Monaten dieses Jahres auf fast 12'000. Das ist der höchste Stand seit Einführung der Leerverkaufsmelderegeln im Jahr 2012. In den Monaten zuvor lagen die Leerverkaufsmeldungen zwischen 6000 und 8000. Das letzte Mal, als sie auf über 10'000 stiegen, war in den ersten Monaten der Corona-Pandemie.
Hedgefonds müssen ihre Leerverkaufspositionen melden, sobald diese netto 0,5 Prozent des ausgegebenen Aktienkapitals des geshorteten Unternehmens erreichen – eine Massnahme, die mögliche Marktmanipulationen offenlegen und Transparenz an den Finanzmärkten ermöglichen soll. Sie wurde in Europa (2012), den USA (2004) und auch der Schweiz (2016) nach der Finanzkrise 2008 eingeführt respektive verschärft.
Wetten auf Europas «Abstieg»
Wie die FT schreibt, haben die Wetten gegen europäische Aktien im Zuge des Iran-Kriegs stark zugenommen – auch wenn es bereits zuvor eine Tendenz dazu gab. Europa gilt angesichts einer drohenden Energiekrise als besonders vulnerabel, da die meisten Länder Netto-Importeure von Öl und/oder Gas und damit steigenden Energiepreisen besonders ausgeliefert sind.
Unter den am meisten geshorteten Unternehmen befinden sich solche aus sehr unterschiedlichen Branchen: zum Beispiel die britischen Billigflugairlines Wizz Air und Easyjet, der französische Videospiele-Hersteller Ubisoft, der Gerätehersteller Electrolux AB aus Schweden, die deutsche Porsche AG oder der deutsche Verpackungshersteller Gerresheimer.
Während bei einigen Unternehmen die Probleme hausgemacht sind, sind die Wetten gegen die Aktien anderer getrieben durch negative Erwartungen aufgrund hoher Energiekosten, inflationsbedingten Druck auf die Verbraucher oder Zinsschwankungen.
Mit anderen Worten: Hedgefonds erwarten, dass zahlreiche europäische Aktien an Wert verlieren werden.
Geht es Europa wirklich so schlecht?
Dabei sind es insbesondere US-Hedgefonds, die auch zu den grössten der Welt gehören, die gegen europäische Aktien wetten. Das passt zu einer US-Regierung, die seit ihrem Amtsantritt nicht müde wird, ihr Narrativ zu bekräftigen, wonach Europa seine besten Zeiten hinter sich hat und wirtschaftlich zunehmend abgehängt wird – natürlich vor allem von den USA.
Dieses Bild greift allerdings zu kurz. Es ist zwar richtig, dass viele europäische Länder mit einer zunehmenden Schuldenlast und einem teils geringen Wachstum zu kämpfen haben. Allerdings ist Ersteres auch ein grosses Problem des amerikanischen Staates – und dies insbesondere unter US-Präsident Trump. Zudem wächst die Wirtschaft in Europa extrem unterschiedlich: Länder wie Irland, Polen und Spanien weisen gerade starke Wachstumsraten auf. Andere wie Frankreich, Italien und vor allem der frühere «europäische Wirtschaftsmotor» Deutschland schwächeln eher.
Die Schweiz liegt mit einem Wachstum von 1,4 Prozent im vergangenen Jahr wohl irgendwo dazwischen. Fürs laufende Jahr wurden die Prognosen, auch aufgrund des Iran-Kriegs, gerade auf 1 Prozent herabgesetzt. Allerdings hat die Schweiz eines der höchsten Bruttoinlandsprodukte pro Kopf weltweit.
Was für die europäischen Volkswirtschaften jedoch tatsächlich zur Herausforderung wird, sind die erwarteten Preissteigerungen. Gerade kürzlich korrigierte die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Inflationsprognosen für 2026 nach oben: In ihrem Basisszenario geht die EZB nun davon aus, dass die Inflationsrate im Jahr 2026 bei 2,6 Prozent liegen wird. Das liegt klar über ihrem Zielwert von 2 Prozent – und über der im Dezember veröffentlichten Prognose von 1,9 Prozent.
Bereits sind die Energiekosten im März um durchschnittlich 4,9 Prozent gestiegen. Die Gesamtinflation in den 21 Ländern der Eurozone stieg im März auf 2,5 Prozent – gegenüber 1,9 Prozent im Vormonat. Allerdings: Ökonomen hatten zuvor eine leicht höhere Rate erwartet. Trotzdem drücken die Sorgen rund um Inflation, möglicherweise steigende Zinsen und eine drohende Rezession auf das Wachstum – Stichwort «Stagflation».
Gerade Deutschland hatte nämlich zuletzt wieder leicht steigende Wachstumsraten erwartet – eine Hoffnung, die durch den Krieg Israels und der USA gegen den Iran eben wieder zunichte gemacht wurde.
Leerverkäufe können auch schiefgehen
Derweil erweist sich das Geschäft mit Leerverkäufen als zweischneidiges Schwert. Einerseits kann eine hohe Leerverkaufsquote bei Unternehmen tatsächlich auf (kommende) Probleme hindeuten. So ist zum Beispiel seit Längerem klar, dass der deutsche Sportwagenbauer Porsche mit schwachen Renditen zu kämpfen hat. Zudem hatten sämtliche Börsen seit Ausbruch des Iran-Kriegs mit starken Verlusten zu kämpfen – nicht unbegründet, wenn man die drohenden wirtschaftlichen Konsequenzen bedenkt.
Gleichzeitig muss klar sein, was solche Wetten sind: Spekulationen, die (mittlerweise meistens) nichts anderem ausser dem «schnellen Geld» dienen. Und je mehr Leerverkäufe zunehmen, desto stärker können sie selbst auch Einfluss nehmen auf den Kurs einer Aktie – es folgt eine sogenannte «self-fulfilling prophecy», also eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Gerade weil so viele dagegen wetten, verliert eine Aktie umso mehr und umso schneller an Wert.
So hatten Leerverkäufe bei der gefallenen US-Bank Lehman Brothers ihre Finger im Spiel. Die Gamestop-Aktie ist ein weiteres Beispiel dafür, wie aktive Wetten den Preis einer Aktie beeinflussen können.
Die Gamestop-Aktie erinnert jedoch gleichzeitig daran, dass Leerverkäufe auch schiefgehen können. Das zeigte gerade der gestrige Tag: Am Dienstag verkündeten die USA, Israel und der Iran überraschend einen Waffenstillstand (der allerdings kurze Zeit danach bereits wieder auf der Kippe stand). Das liess sämtliche Börsenkurse hinaufschnellen – in Höhen, die bald einmal Skepsis aufkommen liessen, ob die Euphorie nicht doch etwas zu stark und zu früh ausfällt.
Doch wie sich jetzt herausstellt, dürften Leerverkäufe auch hier eine Rolle gespielt haben. Das berichtet zumindest das Wall Street Journal. Demnach gab es wohl einen sogenannten «short squeeze»: Hedgefonds leerverkaufen im Normalfall eine Aktie, weil sie denken, der Kurs wird fallen. Leerverkaufen heisst: Aktie ausleihen, verkaufen, später zurückkaufen. Das wird zu einem Problem, wenn die Kurse steigen, statt zu fallen.
Diese Grafik von Goldman aus der vergangenen Woche zeigt, dass Hedgefonds im März weltweit Aktien im schnellsten Tempo seit 13 Jahren netto verkauft haben, was in erster Linie auf Leerverkäufe zurückzuführen war.»Bild: screenshot twitter
Die Folge: Der Short-Seller muss die Aktie zurückkaufen, um seine Verluste zu begrenzen. Dabei kommt es zu einer Kettenreaktion: Wenn viele Short-Seller gleichzeitig kaufen müssen, steigt der Kurs noch schneller, und so weiter – es kommt zum «short squeeze».
Caitlin McCabe vom WSJ resümiert: «In den letzten Wochen haben sich diese Short-Positionen – bei denen es sich im Grunde um Wetten gegen Aktien handelt – ausgezahlt, da die weltweiten Indizes gefallen sind. Doch nun, da sich die Aktienkurse wieder kräftig erholen, machen diese Absicherungsgeschäfte wahrscheinlich Verluste und werden möglicherweise aufgelöst.»
Wie hoch und bei wem konkret diese Verluste ausfielen, ist (noch) nicht bekannt.
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