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Binswanger Mathias

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre. Er ist Autor von zahlreichen Büchern und Fachartikeln. Sein jüngstes Buch trägt den Titel «Geld aus dem Nichts».

Interview

«Ohne Fiat Money wäre unser Wohlstand undenkbar»

Die Vollgeld-Initiative ist eine Art Volkshochschule für das Verständnis unseres Bankensystems geworden. Der Ökonom und Geldexperte Mathias Binswanger erklärt, warum die Zentralbanken die Kontrolle über die Geschäftsbanken verloren haben, weshalb Vollgeld kein linkes Projekt ist und warum Geld aus dem Nichts schaffen auch positive Seiten hat.



Bis vor kurzem war der Ausdruck «Fiat Money» ein technischer Begriff, den nur Insider kannten. Heute ist er selbst Laien geläufig. Warum?
Weil wir heute fast nur noch mit «Fiat Money», d.h. mit Geld ohne innerem Wert bezahlen. Die wichtigste Form von Fiat Money ist heute das sogenannte Giralgeld, welches nur als Zahl auf einem Bankkonto existiert. Und so langsam setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass dieses Geld durch die Geschäftsbanken geschaffen wird.    

«Es ist falsch zu glauben, dass im Vollgeld-System der Staat entscheidet, wer welchen Kredit erhält.»

Für die klassische Ökonomie ist Geld nebensächlich, ein Schmiermittel quasi. Was hat sich geändert?
Wenn man anerkennt, dass die Geschäftsbanken mittels Kredit Geld aus dem Nichts schöpfen können und dafür nicht auf Spargelder angewiesen sind, muss man auch zugeben, dass diese Geldschöpfung einen Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen hat. Geld ist damit nicht neutral, wie das die herkömmliche Ökonomie behauptet.    

ARCHIVBILD - ZUR MELDUNG BEZUEGLICH BANKEN GEGEN EIGENMITTELVERORDNUNG -  Paradeplatz Square with the headquarter of Swiss banks UBS, centre, and Credit Suisse, right, and the tram stop Paradeplatz in the square's centre, in Zurich, Switzerland, on October 4, 2016. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Zürich Paradeplatz ist Sinnbild für die Macht der Schweizer Banken geworden. Bild: KEYSTONE

Wir alle sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass Banken unsere Spargelder verleihen und von der Zinsdifferenz leben.
Die Banken haben diese Vorstellung auch gefördert, weil sie dadurch in einem sympathischen Licht erscheinen. Sie haben eine Bilderbuchwelt zusammengezimmert, die leicht nachvollziehbar ist. In der Realität stimmt dieses Bild aber seit ein paar hundert Jahren nicht mehr.    

Jetzt kommt die Vollgeld-Initiative, die verbieten will, dass Geschäftsbanken via Kredit Geld schöpfen. Wie realistisch ist das?
Es würde bedeuten, dass die Geldschöpfung von der Zentralbank direkt erfolgt und damit kontrolliert wird. Das wäre allerdings ein relativ unflexibles System, das kurzfristig nicht auf unvorhergesehenen Kreditbedarf reagieren kann. Deshalb lässt selbst die Vollgeld-Initiative ein Hintertürchen offen, indem die Banken sich bei Bedarf kurzfristig von der Zentralbank weiteres Geld beschaffen dürfen.

«Alle Macht den Zentralbanken» ist gewissermassen das Credo der Vollgeld-Initiative. Das tönt sehr links, doch die Idee dahinter ist sehr bürgerlich.
Das Konzept ist in den 30er-Jahren an der Universität Chicago entstanden. Es ist falsch zu glauben, dass im Vollgeld-System der Staat entscheidet, wer welchen Kredit erhält. Selbst nach Annahme der Vollgeld-Initiative würden die Geschäftsbanken in dieser Hinsicht autonom bleiben. Es geht einzig darum, wer Geld schöpfen darf. Heute dürfen dies auch die privaten Geschäftsbanken tun, und sie tun das in der Absicht, einen maximalen Gewinn zu erzielen.    

«Irgendwann ist das Potential an kreditwürdigen Kunden ausgeschöpft.»

Was ist daran schlimm?
Auf der Suche nach dem maximalen Gewinn vergeben Banken manchmal auch fragwürdige Kredite wie vor der jüngsten Finanzkrise in den USA. Das kann zu gefährlichen Spekulationsblasen führen.    

Ist das der Grund, weshalb auch die Hardcore-Liberalen der sogenannten «österreichischen Schule» eine gewisse Sympathie für das Vollgeld haben?
Ähnliche Ideen wie die Vollgeldidee stammen von sehr marktorientierten Ökonomen. Milton Friedman beispielsweise vertrat die schon in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte Idee des 100-Prozent Geldes, wo die Banken neu geschaffenes Geld zu 100 Prozent mit Zentralbankengeld unterlegen müssen. Es ist auch eine Tatsache, dass die massive Kreditvergabe der amerikanischen Banken zum Kauf von Aktien ein bedeutender Treiber für die Spekulationsblase war, die 1929 geplatzt ist. Vor diesem Hintergrund ist die Idee des 100-Prozent-Geldes entstanden.    

16583 - Dr. Milton Friedman of the University of Chicago, who won the 1976 Nobel Prize for economics, is a recognized leader of the conservative Chicago School of Economics, shown Nov. 29, 1976. He is associated with laissez-faire, or hands-off policy toward business and trade. (AP Photo/Eddie Adams)

Wollte 100-Prozent-Geld: Milton Friedman. Bild: AP NY

Die Banken mögen das Vollgeld nicht. Sie wollen – sehr vereinfacht ausgedrückt – möglichst viel Geld verkaufen, und das tun sie, indem sie Kredite verleihen.
Irgendwann jedoch ist das Potential an kreditwürdigen Kunden ausgeschöpft. Geld in grösserem Stil an nicht-kreditwürdige Kunden zu verleihen geht nur, wenn man sich der Kontrolle der Zentralbanken irgendwie entzieht.    

Wenn das Papiergeld durch Gold gedeckt ist, dann ist es ebenfalls sicher, ist eine weit verbreitete These. Was ist der Unterschied zwischen dem Goldstandard und dem Vollgeld?
Unter einem Goldstandard ist die Zentralbank verpflichtet, Papiergeld jederzeit in eine vorher bestimmte Menge Gold umzutauschen. Das schränkt die Kreditschöpfung der Geschäftsbanken ebenfalls massiv ein. Doch die Geschäftsbanken können die Kontrolle der Golddeckung leicht umgehen, indem sie ihre Kunden auffordern, mit Schecks oder heute direkt mit dem virtuellen Geld auf dem Bankkonto zu bezahlen.    

Warum hat die Idee eines Goldstandards auch heute noch Anhänger?
Gold gibt den Menschen das Gefühl, dass hinter dem Papiergeld etwas Reales steht. Nur täuscht dieses Gefühl. Eine volle Golddeckung hat es nie gegeben. Der Goldstandard musste schon im 19. Jahrhundert mehrere Male ausser Kraft gesetzt werden, sonst wäre das Bankensystem zusammengekracht. Heute ist der Goldstandard keine ernst zu nehmende Lösung mehr.    

«Am liebsten vergeben Banken Kredite an Kunden, die sie gar nicht brauchen.»

Und was ist der Unterschied zum Vollgeld?
Beim Vollgeld geht es nicht darum, dass Papiergeld mit Gold gedeckt sein muss. Es geht darum, wie Geld in Umlauf gebracht wird und wer das darf.    

Das mittels Kredit geschaffene Fiat Money hat einen schlechten Ruf. Zu Recht?
Nein. Kredite haben das Wirtschaftswachstum erst möglich gemacht. Ohne die Möglichkeit der Geldschöpfung durch die Banken hätte es keine industrielle Revolution gegeben. Die Investitionen hätten nicht finanziert werden können.    

Hätten die Spargelder nicht ausgereicht?
Sparen heisst, den Konsum einzuschränken. Deshalb hätte es gar keine Nachfrage nach den Produkten gegeben, weil die Menschen kein Geld gehabt hätten, um diese Produkte zu kaufen. Folgerichtig hätten die Unternehmer keinen Anreiz gehabt zu investieren. Konsum und Investitionen müssen parallel wachsen, und das ist nur mit aus dem Nichts geschöpftem Geld möglich, wo nicht gleichzeitig mehr gespart werden muss.    

Wird Fiat Money für produktive Zwecke verwendet, dann sind diese Kredite somit ein Segen?
Wenn man Wirtschaftswachstum will, dann ja. Ohne Fiat Money wäre unser Wohlstand undenkbar. Das Problem liegt darin, dass heute ein grosser Teil der Kredite nicht mehr dazu verwendet wird, die Wirtschaft produktiver zu machen. In der Schweiz werden rund 85 Prozent aller Kredite für Hypotheken gebraucht.

Bau von Zweitwohnungen in Arosa am Dienstag, 14. Mai 2013. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Ferienwohnungen in den Alpen. 85 Prozent aller Kredite in der Schweiz sind Hypotheken. Bild: KEYSTONE

Was ist daran schlecht? Ein Haus ist doch ein sicherer Wert und Bauen ein respektables Geschäft.
Im Gegensatz zu einer Maschine macht ein Haus die Wirtschaft nicht produktiver, und es wird nur einmal gebaut. Wenn mit Immobilien spekuliert wird, dann kommt es zu einer Inflation, allerdings nicht zu einer Verteuerung der Alltagsgüter, sondern zu einer sogenannten Vermögensinflation. Daran ändert übrigens auch die Vollgeld-Initiative nichts. Selbst bei einer Annahme dieser Initiative würden die Banken weiterhin einen Grossteil ihrer Kredite für Hypotheken verwenden.

Warum ist das für die Banken attraktiver als in Unternehmen zu investieren?
Hypothekarkredite sind in der Regel gut gesichert und einfach zu vergeben. Kredite an kleine Unternehmen sind hingegen aufwändig, und unsicher. Kurz: Sie bedeuten viel Aufwand für wenig Ertrag.    

Eigentlich ist es absurd, dass sich Investitionen in die reale Wirtschaft kaum mehr lohnen.
Am liebsten vergeben Banken Kredite an Kunden, die sie gar nicht brauchen. Wer kein Geld braucht, ist in der Regel kreditwürdig. Wer Geld braucht, ist bereits verdächtig. In der Schweiz fördern wir mit Steueranreizen das Vergeben von Hypothekarkrediten. Deshalb haben wir auch die hohe Hypothekarverschuldung.

«Konsum und Investitionen müssen parallel wachsen, und das ist nur mit aus dem Nichts geschöpftem Geld möglich.»

Die Zentralbanken können seit der Finanzkrise die Geldschöpfung der Geschäftsbanken kaum mehr kontrollieren. Weshalb?
Bis 2008 waren die Geschäftsbanken auf das Zentralbankengeld angewiesen, sei es, weil ihre Kunden Bargeld beziehen, oder sei es, weil es eine Mindestreserve-Vorschrift gibt. Und schliesslich wickeln Banken ihre Zahlungen untereinander mit Zentralbankengeld ab. Die Finanzkrise hat dazu geführt, dass verschiedene Zentralbanken durch Wertpapierkäufe sehr viele Reserven geschaffen haben, um so einen Kollaps des Systems zu verhindern. Die Schweizer Nationalbank musste dagegen Devisen kaufen, um eine überrissene Aufwertung des Frankens zu verhindern. Das hat dazu geführt, dass die Schweizer Banken heute die Mindestreservepflicht von 2,5 Prozent etwa 30 Mal übertreffen. Sie haben daher immer genügend Reserven, um jede Menge neue Kredite zu schöpfen.    

Es gibt eine weit verbreitete Angst, dass die grosse Ausweitung der Reserven bei der Nationalbank zu einer Inflation führen wird. Teilen Sie diese Befürchtung?
Nein. Der grosse Preisanstieg der Immobilien ist im Moment gebremst. Im Übrigen hatten wir in den letzten Jahren sogar eine leichte Deflation. Das Problem liegt darin, dass die Banken nicht mehr so recht wissen, wem sie noch in grossem Stil weitere Kredite geben sollen. Der Hypothekenmarkt scheint allmählich ausgereizt zu sein. Daher sehe ich auch keine Inflationsgefahr.

Die Vollgeld-Initiative verspricht auch, dass die Zentralbank in diesem System jährlich hunderte von Milliarden Franken verdienen wird, das sie als Volksvermögen verteilen kann. Stimmt das?
Kaum. Ich halte das für eine Spekulation.

ZUM THEMA CYBERWAEHRUNGEN AN DER FRUEHLINGSSESSION 2018 VOM 26. FEBRUAR BIS ZUM 16. MARZ STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Bitcoins, fotografiert bei der Firma Bitcoin Suisse AG in Baar am Dienstag, 24. Mai 2016. .Ab dem 1. Juli 2016 kann man bei der Einwohnergemeinde Zug mit Bitcoin einen Betrag bis zu CHF 200.00 bezahlen. Zug ist weltweit die erste Stadt, welche Bitcoins einsetzt. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Wollen die Banken aushebeln: Kryptowährungen wie Bitcoin. Bild: KEYSTONE

Sprechen wir noch von den Kryptowährungen. Wie weit sind sie interessant für die Banken?
Sie sind – zumindest in der aktuellen Form – gegen die Banken gerichtet. Mit den Kryptowährungen will man auch die steigenden Bankgebühren aushebeln. Nur funktionieren sie bisher weniger als Währung, sondern viel mehr als Spekulationsobjekte.

Könnten sie als Währung funktionieren?
Theoretisch schon, und die Zentralbanken überlegen sich ja teilweise bereits, selbst Kryptowährungen zu schaffen. Nur würde ein Krypto-Dollar oder ein Krypto-Franken anders funktionieren als Bitcoins. Die Zentralbanken würden ihre zentrale Rolle im Bankensystem und bei der Entwicklung der Geldmenge behalten.

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