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Wie der Bund einst mit Job-Verlagerung die Zuwanderung bremsen wollte

Die italienischen Arbeiterinnen Cesira und Ida Barbotti bei der Einreise in Chiasso 1945.
Schweizerisches Sozialarchiv
Gastarbeiter Zuwanderung Tessin
Die italienischen Arbeiterinnen Cesira und Ida Barbotti bei der Einreise in Chiasso 1945.Bild: Schweizerisches Sozialarchiv

Wie der Bund einst mit Job-Verlagerung die Zuwanderung bremsen wollte

Seit mehr als hundert Jahren fürchtet sich die Schweiz vor der «Überfremdung». 1964 präsentierte eine hochkarätige Kommission eine erstaunliche Lösung.
02.05.2026, 16:05
Pascal Michel / ch media

Die Angst vor der unkontrollierten Zuwanderung hat in der Schweiz eine über hundertjährige Tradition. Bereits um 1900 prägte der Zürcher Armensekretär Carl Alfred Schmid in einer Schrift den Begriff der «Überfremdung»: Er warnte davor, dass die Sozialwerke angesichts der «Invasion» von Fremden zusammenbrechen könnten, die Schweiz ihre «Kultur» und schliesslich gar ihre «nationale Existenz» verlieren könnte. Damals betrug der Ausländeranteil 11,6 Prozent.

Als Schmid sein Pamphlet veröffentlichte, entfaltete es kaum Wirkung. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg: Angesichts der nationalistischen Abschottung und der aufziehenden kommunistischen Bedrohung nahmen Politik und Behörden den Begriff auf. Sie verfolgten nun eine Migrationspolitik, die ganz auf Fremdenabwehr setzte.

Direkte Folge davon waren im Zweiten Weltkrieg eine erbarmungslose Flüchtlingspolitik gegenüber Jüdinnen und Juden, das Saisonnier-Statut und 1970 die – knapp gescheiterte – Schwarzenbach-Initiative. Diese wollte den Ausländeranteil auf 10 Prozent beschränken.

Ein Wust an Massnahmen

Mittlerweile ist der belastete Begriff der «Überfremdung» aus dem politischen Vokabular verschwunden. Doch die Ängste sind noch immer da. Im SVP-Argumentarium zur «10-Millionen-Initiative» klingen sie sogar ziemlich ähnlich wie vor 100 Jahren: «Wenn es so weitergeht, verliert die Schweiz ihre Identität. Viele Menschen sind besorgt: Sie wollen sich nicht plötzlich fremd im eigenen Land fühlen», heisst es seitens der Volkspartei. Die Initiative kommt am 14. Juni zur Abstimmung.

Wie die «Ausländerfrage» zu bewältigen sei, darüber kursierten seit den Anfängen der Überfremdungsdebatte unterschiedlichste Vorschläge. Neben verschärften Einbürgerungsregeln, prozentualen Obergrenzen oder dem nun vorgeschlagenen 10-Millionen-Deckel sticht eine Idee heraus. Im Jahr 1964 schlug eine Kommission des Bundes eine erstaunliche Massnahme vor: Firmen sollten ihre Produktion ins Ausland verlagern, um die Zuwanderung zu bremsen.

«Anstatt die Arbeitskraft aus dem Ausland zu holen und für die ausländische Bevölkerung Wohnungen, Schulen, Spitäler, Verkehrseinrichtungen zu erstellen, sollte in vermehrtem Masse versucht werden, die Arbeit durch Tochter- oder Lizenzbetriebe im Ausland, wo noch Arbeitskräfte verfügbar sind, ausführen zu lassen», heisst es im Bericht «Das Problem der ausländischen Arbeitskräfte» von 1964.

Um dieses Ziel zu erreichen, wollte die Kommission entsprechende Anreize bei den Zöllen setzen. Im Visier standen «arbeitsintensive Produkte» oder Bestandteile, die «ohne dringenden Grund im Inland produziert werden». Zudem stellte sie die Neuansiedlung von Unternehmen in Frage: «Die Niederlassung von ausländischen Firmen läuft den Bestrebungen zur Einsparung von Arbeitskraft zuwider.»

Italienerinnen und Italiener befeuerten die Debatte

Diese Vorschläge, die so gar nicht zur wirtschaftsliberalen Schweiz passten, machte eine hochkarätig besetzte Kommission. Dort sassen neben unzähligen Professoren auch Beamte wie Max Holzer, Direktor des Bundesamts für Industrie, Gewerbe und Arbeit, dem heutigen Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Die Gruppe hatte den Auftrag gefasst, die Auswirkungen der wachsenden Zahl an Ausländerinnen und Ausländern zu untersuchen und Massnahmen zu erarbeiten.

Von einer «Überschwemmung» konnte allerdings keine Rede sein. Tatsächlich war der Ausländeranteil Anfang der 1960er-Jahre im Vergleich zu heute gering. Er lag bei rund 11 Prozent. Heute sind es 27 Prozent. Die grösste Gruppe der Einwanderer strömte in dieser Zeit aus Italien ins Land. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer italienischen Einwanderungswelle, die in den 1960er-Jahren ihren Höhepunkt erreichte.

Auch Gewerkschaften warnten vor der Zuwanderung

Diese Menschen halfen massgeblich dabei, dass die Schweiz nach dem Krieg goldene Jahre des Aufschwungs erlebte. Selbst die Expertengruppe anerkannte, dass ohne diese ausländischen Arbeitskräfte der Boom nicht möglich gewesen wäre. Noch 1946 hatte der Bund im südlichen Nachbarland Werbekampagnen gefördert, um Italiener anzuwerben.

Davon war man nun weit entfernt. Die Experten glaubten 1964, die «Überfremdungsgefahr» habe ein Ausmass erreicht, das zum Einschreiten nötige. Dass selbst eine offizielle Kommission solche Begriffe verwendete, war kein Zufall: Zur selben Zeit war die These, die Schweiz werde «überfremdet», wieder in aller Munde. Selbst die Gewerkschaften standen dem Zustrom ausländischer Arbeiter skeptisch gegenüber, sie befürchteten Lohndumping und höhere Mieten.

Die Erkenntnisse der Kommission «für das Problem der ausländischen Arbeitskräfte» veranlassten den Bundesrat, in den folgenden Jahren Massnahmen zu ergreifen. Eine zielte darauf ab, den Ausländerbestand in den einzelnen Unternehmen zu beschränken. 1970 folgten, unter dem Eindruck der nur knapp abgewendeten Schwarzenbach-Initiative, erstmals Kontingente.

Der Vorschlag, die Firmen sollten Arbeit ins Ausland verlagern, um die Zuwanderung zu bremsen, verhallte. Doch später griffen die Unternehmen im grossen Stil auf dieses Konzept zurück. Dabei ging es ihnen allerdings nicht um die Zuwanderung. Sie wollten schlicht und einfach Kosten sparen.

Das «Verdienst» der Kommission lag somit darin, dass durch die Verlagerungsidee «eine Entwicklung angedacht wurde, die später massiv einsetzte und in der Schweiz viele Industriebrachen zurückliess», schreibt der Wirtschaftshistoriker Adrian Knoepfli im neuen Buch zur Migrationsgeschichte des Kantons Schaffhausen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die grosse Expansion

Bekannte Schweizer Grossfirmen wie das Seidenimperium Schwarzenbach, der Nahrungsmittelmulti Nestlé oder der Alusuisse-Konzern hatten bereits früh Fabriken im Ausland aufgebaut. Andere Schwergewichte wie das Industrieunternehmen Georg Fischer scheuten hingegen das Risiko einer Produktion im Ausland.

ARCHIV --- DIE SCHWEIZ HOLTE IN DEN JAHRZEHNTEN NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG VIELE ARBEITERINNEN UND ARBEITER AUS DEN SUEDEUROPÄISCHEN LAENDERN INS LAND UM DEN ARBEITSKRAEFTEMANGEL IN DER INDUSTRIE, DER ...
Italienische Gastarbeiter verlassen am 12. Dezember 1964 Zürich und kehren für die Festtage nach Italien zurück.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Nun expandierten Schweizer Firmen in der ganzen Welt, es entstanden bedeutende multinationale Konzerne. «Dies führte etwa in der Textilindustrie dazu, dass auch der hiesige Markt mit günstigen Produkten aus dem Ausland, hergestellt von Schweizer Firmen, bedient wurde», sagt Adrian Knoepfli.

Ein Beispiel dafür sind die Firmen Calida oder Triumph. Durch solche Verlagerungen gingen zwar in der Schweiz Arbeitsplätze verloren. Doch längerfristig tat dies dem Wirtschaftswachstum und dem steigenden Bedarf an Arbeitskräften keinen Abbruch. Der Boom kam nun vermehrt von anderen Branchen, etwa aus der Pharma- oder Finanzindustrie. Die Schweizer Bevölkerung stieg von 6,2 Millionen auf heute 9 Millionen.

Die Entwicklung zeigt, dass sich mit starren wirtschaftspolitischen Massnahmen die Zuwanderung nur beschränkt bremsen lässt. Selbst als Firmen massiv ins Ausland verlagerten – zwar aus anderen Motiven, aber ganz im Sinne der damaligen Expertengruppe –, wanderten weiterhin Arbeitskräfte ein. Die innovative Schweiz war und ist schlicht sehr attraktiv für ausländische Firmen wie Arbeitnehmer. Wer sie fernhalten will, müsste Standortbedingungen verschlechtern – und so einen sinkenden Wohlstand in Kauf nehmen.

Das wusste bereits Carl Alfred Schmid, der Erfinder des «Überfremdungs»-Begriffs. Er betonte 1900, dass man die «Fremdenfrage» nur lösen könne, indem man viel mehr Ausländer einbürgere. Die Zuwanderung zu erschweren sei «ganz verfehlt» und würde die Industrie schädigen, weil man die ausländischen Arbeiter gar nicht entbehren könne. «Wir wollen die Fremden weder aus- noch abweisen, wir wollen sie inkorporieren, sofern sie, was bei sehr vielen der Fall [ist], gut eingelebt sind.»

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Die beliebtesten Kommentare
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Ralph G. Meier
02.05.2026 17:01registriert Juli 2015
Ich möchte aucht nicht, dass die Schweiz „ übervölkert“ wird, aber es widerstrebt mir zutiefst, eine Initiative der SVP zu unterstützen, weil ich weiss, dass diese Partei noch nie Gutes im Schilde führte
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