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Wenn die Frau den Mann haut – und umgekehrt. bild: aus dem fechtbuch von hans talhoffer via aemma

Bis dass der Tod euch scheidet! So sah Geschlechterkampf im Mittelalter aus

Bis in die Renaissance hinein war der Gerichtskampf eine der radikaleren Praxen zur Wahrheitsfindung. Es kam sogar vor, dass sich bis zur Unversöhnlichkeit zerstrittene Ehepaare einen solchen bewaffneten Zweikampf lieferten. Um die Chancengleichheit zu gewährleisten, musste der Mann allerdings aus einem Loch heraus kämpfen.



Mittelalterliche Gerichtsverfahren muten dem heutigen Menschen gemeinhin etwas seltsam an, da zur Feststellung der Wahrheit einige ziemlich erbarmungslose Methoden angewandt wurden.

Gott, den man in jenen Zeiten besonders gern in irdische Angelegenheiten zu verstricken pflegte, musste in den sogenannten Gottesurteilen den Sieg der Gerechtigkeit garantieren. Der Sachsenspiegel (ab 1220 entstanden) – das älteste Rechtsbuch des deutschen Mittelalters – führt aus, dass der Herr das Recht schütze, weil er selbst das Recht sei.

Dieser Vorstellung zufolge greift Gott eigenhändig in den Gerichtsprozess ein und sorgt beispielsweise bei der Feuerprobe dafür, dass der unschuldig Angeklagte sich beim barfüssigen Gang über sechs bis zwölf rotglühende Pflugschneiden nicht verletzt oder seine Wunden zumindest innert drei Tagen heilen. Eiterten die Verbrennungen, galt er als schuldig und wurde bestraft.

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Illustration im Rituale Romanum aus dem 12. Jahrhundert: Eine andere Variante der Feuerprobe bestand darin, dass die Angeklagte ein glühendes Eisen über eine Distanz von mindestens neun Fuss tragen musste. bild: wikimedia

Mussten Frauen sich dieser Prozedur unterziehen, ging es meist darum zu ermitteln, ob sie sich ihre Jungfräulichkeit auch tatsächlich bewahrt – oder im Falle einer verheirateten Dame – keinen Ehebruch begangen hatten (Keuschheitsprobe).

Auch Tiere wurden gern vor Gericht gezerrt, wenn sie einen Menschen verletzt oder getötet hatten ...

Allmählich verschwanden die Gottesurteile, dafür begann sich die Folter ab dem 14. Jahrhundert als sehr effektive Form der Wahrheitsfindung immer grösserer Beliebtheit zu erfreuen.

Auch die Gerichtskämpfe wurden immer seltener, selbst wenn sie bis zur Renaissance ein akzeptierter Teil der Rechtstheorie und -praxis blieben. Sie gehörten ebenso zu den germanischen Erblasten und aus ihnen sollten sich später die unheilbringenden Duelle entwickeln, in denen im Namen der Ehre bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein massenweise getötet und gestorben wurde.

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Aus Königsegger Fechthandschrift von Hans Talhoffer, um 1450: Lutold von Königsegg tötet seinen Gegner im Zweikampf (links) und Abnahme der Rüstung des Toten (rechts). bild: wikimedia

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Einbettung des Gegners in den Sarg (links) und Dankgebet des Lutold von Königsegg in Gegenwart Hans Taloffers (rechts). bild: wikimedia

Der Gerichtskampf war ein Zweikampf, dessen Ziel – auch wenn er immer wieder zu verzeichnen war – nicht der Tod, sondern die Kampfunfähigkeit des Gegners war. Er wurde vorrangig zwischen Rittern und freien Bürgern ausgefochten, wenn ein Streit wegen fehlender Beweise unlösbar schien.

Natürlich war ein solcher Kampf im Grunde Sache der Männer, doch für eine Frau bestand die Möglichkeit, einen Ritter für ihr Anliegen antreten zu lassen. Generell konnte jeder, der es sich leisten konnte, einen solchen Lohnkämpfer – auch Champione oder Kämpen genannt – zahlen, damit dieser an seiner Stelle in den Ring trat.

Einer, der sich in diesem lukrativen Geschäft betätigte, war der deutsche Fechtmeister Hans Talhoffer. Und in seinem hübsch illustrierten Fechtbuch (1467) findet sich ein Kapitel, das sich auch mit dem Kampf Frau gegen Mann beschäftigt.

Nanu?

Es wird angenommen, dass es sich dabei um Ehekonflikte der besonders üblen Sorte handeln musste, denn für gewöhnlich liess eine Frau ihren Gatten für sich kämpfen – ausser eben er selbst war das Problem.

Der Fechtmeister gibt zwei in schönstem Frühneuhochdeutsch gehaltene Versionen des Kampfausgangs an, erst lässt er den Mann, dann die Frau gewinnen – ganz nach dem Motto:

«Setze deine ganze Kraft in rechtem Masse ein.»

Fechtmeister Hans Talhoffer

Und nütze beim Verteidigen immer schön die Schwachstellen deines Angreifers aus ...

Der siegreiche Mann

Nun denn, lasst den Kampf beginnen!

In einem wohltuend unschmeichelhaften Ganzkörperanzug steht sie da, während er sich – in selbigem steckend – in einer Grube befindet, die er auch während des Kampfes nicht verlassen darf, um auf diese Weise seine körperliche Überlegenheit auszugleichen. Hoch lebe die Chancengleichheit.

Ihre Waffe besteht aus einem in ein Tuch gewickelten Stein, während er einen gewöhnlichen Streitkolben führt. Als Frau blieb es ihr verwehrt, Waffen zu tragen, weshalb sie hier wohl mit jenem eher lausig improvisiertem Morgenstern oder Kriegsflegel Vorlieb nehmen musste.

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bild: talhoffers fechtbuch via geschlechterallerlei

Bei Talhoffer klingt das dann so:

«Da statt die frow fry vnd wyl schlahen vnd hatt ain stain In dem Sleer wigt vier oder finf pfund.
So statt er In der gruben bis an die waichin vnd ist der kold so lang als Ir der Schleeer von der hand.»

(Hier steht die Frau frei und will zuschlagen, sie hat einen Stein im Tuch, der vier oder fünf Pfund wiegt. Er steht bis zur Taille in einem Loch und sein Schläger ist so lang wie ihre Schlinge.)

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bild: talhoffers fechtbuch via geschlechterallerlei

«Hie hatt Sie ain schlag volbracht. Nun hatt er den schlag versetzt vnd gefangen vnd wyl Sie zu Im ziehen vnd noetten.»

Umfrage

Noetten?!?

  • Abstimmen

1,262

  • Dieser Perversling! 11%
  • Wer würde sie nicht noetten wollen!26%
  • Ganz generell sollte viel mehr genoettet werden.62%

(Hier hat sie einen Schlag ausgeführt. Nun hat er den Schlag abgelenkt und gefangen und will sie zu sich ziehen und überwältigen.)

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bild: talhoffers fechtbuch via geschlechterallerlei

«Da hatt er sie zu Im gezogen vnd vnder sich geworffen vnd wyl sie wuergen.»

(Hier hat er sie zu sich gezogen und sie niedergeworfen und will sie erwürgen.)

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bild: talhoffers fechtbuch via geschlechterallerlei

«Da hatt sie sich vsz Im gebrochen vnd vnderstatt Sie In zu wirgen.»

(Hier hat sie sich von ihm gelöst und versucht, ihn zu erwürgen.)

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bild: talhoffers fechtbuch via geschlechterallerlei

«Hie hatt sie In gebracht an den Rucken
vnd wyl In wirgen vnd ziehen vsz der grub.»

(Hier hat sie ihn auf den Rücken gelegt und möchte ihn erwürgen und aus dem Loch ziehen.)

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bild: talhoffers fechtbuch via geschlechterallerlei

«Da hatt er sie zu Im gezuckt vnd wuerfft sie In die gruben.»

(Hier hat er sie zu sich gezogen und sie ins Loch geworfen.)

Als die Frau kopfvoran im Loch des Mannes verschwindet, scheint der Kampf entschieden zu sein – er gewinnt!

Die siegreiche Frau

Nun denn, auf in eine neue Runde!

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bild: talhoffers fechtbuch via geschlechterallerlei

«Als sie schlahen wyl So ist sie Im zu nach Tretten das er sie ergryfft by dem schenckel vnd wirt sie fellen.»

(Als sie zuschlagen will, kommt sie ihm zu nahe, sodass er ihr Bein packen kann und sie umwerfen wird.)

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bild: talhoffers fechtbuch via geschlechterallerlei

«So schlecht er sie Fuer die brust. Da hatt sie Im den schloeer vmb den hals geschlagen vnd wyl In wuergen.»

(Hier schlägt er ihr auf die Brust. Da hat sie den Schleier um seinen Hals gewickelt und will ihn erwürgen.)

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bild: talhoffers fechtbuch via geschlechterallerlei

«Da hatt sie In gefaszt by dem halsz vnd by sinem zug vnd wyl In vsz der gruben ziehen.»

Umfrage

«By sinem zug» hat sie ihn gepackt?!?

  • Abstimmen

1,337

  • Diese Teufelsbraut! 24%
  • Go, Girl! 32%
  • Da lässt es sich zugegebenermassen besonders gut festhalten.44%

(Hier hält sie sich am Hals und an seinem Glied fest und will ihn aus dem Loch ziehen.)

Dies nun ist eindeutig ein Sieg für die Frau!

Was danach geschieht, wissen wir nicht. Vielleicht war die Siegesbedingung für ihn, sie ins Loch hinein-, für sie dagegen, ihn aus dem Loch hinauszuziehen. Vielleicht aber prügelte der Sieger danach seinen Gegner noch ordentlich – eventuell bis ins Jenseits.

Arschtrompeten im Gebetsbuch und andere Obszönitäten aus dem Mittelalter

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    Alle Leser-Kommentare
  • Silly_Carpet 10.03.2019 11:05
    Highlight Highlight Jetzt ist mir grad das Nonnenturnier wieder eingefallen! Zitat gemäss Wikipedia:
    Nach dem Tod des Ritters in der Wüste beginnt dessen Geschlechtsteil ein Eigenleben und wandert in den Kreuzgang des Klosters, wo es entdeckt wird. Die Nonnen scheinen ob ihres Fundes zunächst entsetzt zu sein, streiten sich aber schon bald darum, wer den zagel mit in die Zelle nehmen darf. Aufgrund des Vorschlags der Äbtissin des Klosters wird ein Turnier veranstaltet, das allerdings in einem furchtbaren Kampf ausartet.
  • Wander Kern 08.03.2019 22:03
    Highlight Highlight Wenn das bei RTL bekannt wird, gute Nacht.
  • Jungleböy 08.03.2019 19:52
    Highlight Highlight Früher war alles besser

    😅
  • Voll de Morty 08.03.2019 15:44
    Highlight Highlight Die Illustrationen sind wirklich gut.
    Ganz besonders gefallen mir die Unisex Ganzkörper Kampfstrampler.
    • Mutzli 08.03.2019 16:30
      Highlight Highlight Der Talhoffer ist sowieso super, ist eines der Fechtbücher mit besseren Darstellungen, die man auch einfach online finden kann (z.b. https://de.m.wikisource.org/wiki/Fechtbuch_(Talhoffer) ).

      Warte immer noch auf das Spiel, in dem man sich auf Setzschildksmpf spezialisieren kann ;-)
      Benutzer Bild
    • gege 09.03.2019 08:16
      Highlight Highlight Trägt nicht Gigi Oeri noch ab und zu einen solchen Anzug?
  • Walter Sahli 08.03.2019 13:51
    Highlight Highlight Mich deucht's der Lenz schysse in minem zug vnd ich müsse ganz dryngend noetten.
    • Anna Rothenfluh 08.03.2019 14:04
      Highlight Highlight Wohlan, Walther, bitte gern inmitten der Vogelwaiden!
    • Walter Sahli 08.03.2019 14:46
      Highlight Highlight Sy synd so eine Schwerenoetterin, holde Annamaid vohn der Rothenfluh!
  • Lörrlee 08.03.2019 13:36
    Highlight Highlight Noch ein kurzer Input betreffend der im Artikel erwähnten Folter:
    Folter im Zusammenhang mit Gerichtsprozessen ist anders als weit verbreitet nicht in grosser Form im Mittelalter vorzufinden. Zwar stimmt es, dass die Folter ab etwa dem 12. Jahrhundert in den Gerichten Einzug finden konnte, allerdings ist nicht das Mittelalter das Zeitalter der Folter. Vielmehr kamen solche Praktiken im 16. und 17. Jahrhundert der Frühen Neuzeit zum Tragen.
  • Knäckebrot 08.03.2019 13:17
    Highlight Highlight Geben Dokumente Aufschluss darüber, wie häufig/selten solche Gerichtskämpfe und "Gottesurteile" waren? Und auch wie fest verbreitet? Bzw. war es für die Europäer routine oder doch aussergewöhnlich, so dass nicht jedes Dorf oder Städtlein dies erlebte?

    Ich frage mich manchmal, wenn in 500J Dokumente von unserer Zeit gefunden würden, wie dann unsere Zeit gedeutet würde (sofern denn die Dokumentmenge/Qualität etwas spärlicher wäre, als es jetzt zu erwarten ist).
    • Lörrlee 08.03.2019 13:32
      Highlight Highlight Wir hatten etwa einem Jahr ein Seminar dazu an der Uni Basel:
      In Deutschland und in der Schweiz: Nicht sehr häufig (Gerichtskampf). Allem Anschein nach gab es zwar die Gesetze dazu, allerdings schienen diese eine gewisse Abschreckende Wirkung zu haben, da jeder mit seinem eigenen Körper geradestehen musste, es sei denn er hatte Geld, was bekanntlich nicht bei vielen der Fall war.
      Gottesurteile schienen allerdings noch eher üblich zu sein.
      (Ist jetzt sehr verkürzt dargestellt, aber ich hoffe es beantwortet die Frage einigermassen.)
    • Mutzli 08.03.2019 16:01
      Highlight Highlight @Knäckebrot

      Ist nicht perfekt, aber DInzelbachers "Das Fremde Mittelalter: Gottesurteil und Tierprozess" ist ein gutes Einstiegs-/Übersichtswerk.

      Ist nicht eine serielle Auswertung, aber erkundet die verschiedenen Facetten und deren Entwicklung über die Zeit. Als Bonus wird als eines meiner Lieblingsthemen auch Tierprozesse behandelt, auch wenn ich mit seiner Interpretation nicht einig bin.

      Generell ist es ziemlich schwierig, definitive Antworten zu mittelalterlichem Rechtswesen zu finden, da z.B. dieser Prozess noch viel weniger verschriftlicht war, nebst anderen Faktoren die es gibt.
    • Knäckebrot 09.03.2019 11:45
      Highlight Highlight Danke, euch beiden
  • Eifachöpper 08.03.2019 12:58
    Highlight Highlight Hahahaha ach du scheysse... ych weys nycht wann ich das letzte mal so gelacht habe wy ab dysen umfragen 😂
  • T. aus B. 08.03.2019 12:54
    Highlight Highlight Danke Anna für den spannenden Artikel. Zudem hat mich die Umfrage nach «...wyl Sie zu Im ziehen vnd noetten.» kalt erwischt und bestens amüsiert.
  • TanookiStormtrooper 08.03.2019 12:54
    Highlight Highlight
    Benutzer Bildabspielen
    • In vino veritas 09.03.2019 16:05
      Highlight Highlight Willkommen im Club!
  • DemonCore 08.03.2019 12:49
    Highlight Highlight Klingt spannender als Bachelor.
  • Simsalabim Abracadabra Simorgh 08.03.2019 12:48
    Highlight Highlight haha

    bei diesen Beispielen war wohl Recht "sprechen" nicht die Königsdisziplin.

    Im Übrigen, mit kufenartige Schuhen an den Füssen, hätten die sich glatt für die Olympiade qualifizieren können.
  • darkshadow 08.03.2019 12:46
    Highlight Highlight da kann man von unserem Justizsystem halten was man will, aber besser als das ist es definitiv
  • G. Samsa 08.03.2019 12:44
    Highlight Highlight Die guten alten Zeiten...
    Wer wünscht sie sich nicht zurück?
  • Micha Schläpfer 08.03.2019 12:37
    Highlight Highlight Spannender Artikel ✌ buddel gerade ein Loch im Garten 😏
    • Simsalabim Abracadabra Simorgh 08.03.2019 12:53
      Highlight Highlight Nach deinem Vornamen zu beurteilen (obwohl es nur eine Vermutung ist), weisst du aber schon, dass dann DU im Loch bist 😜
    • Zauggovia 08.03.2019 15:30
      Highlight Highlight @hakuna: bitte kein Kink-shaming in den Kommentarspalten
    • Micha Schläpfer 08.03.2019 15:54
      Highlight Highlight Der eine Blitz ist dann wohl von meiner Freundin 😅😒🙏
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