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Pierin Vincenz wird von der Vergangenheit eingeholt. Sandra Ardizzone/az

Pierin Vincenz am Boden – der Ex-Raiffeisen-Chef verbrachte eine Nacht in Gewahrsam

Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelt wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung des Ex-Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz.

Beat Schmid / Nordwestschweiz



«Als gestern Morgen früh die Polizei vor der Tür stand, war das für mich ein Schock». Mit diesem Statement wandte sich Pierin Vincenz am Mittwoch über einen Sprecher an die Öffentlichkeit. Er tat dies zu einem Zeitpunkt, als er bereits von der Staatsanwaltschaft in Zürich vernommen wurde. Diese gab nur Minuten zuvor bekannt, dass sie aufgrund einer im Dezember eingereichten Strafanzeige der Aduno Holding ein Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung eröffnet habe.

Das Verfahren richtet sich gegen den ehemaligen Verwaltungsratspräsidenten Vincenz und ein weiteres ehemaliges Mitglied des Verwaltungsrates der Aduno sowie gegen drei weitere Personen aus deren beruflichem Umfeld. Im Rahmen der Ermittlungen sei es am Dienstag zu «diverse Hausdurchsuchungen» gekommen, so eben auch in Niederteufen AR, wo der ehemalige Raiffeisen-Chef wohnt.

Offenbar verbrachten Vincenz und die anderen vier Beschuldigten die Nacht auf Mittwoch in Gewahrsam in Zürich. Gestern wurden sie den ganzen Tag von der Staatsanwaltschaft verhört. Corinne Bouvard, die Sprecherin der Oberstaatsanwaltschaft, bestätigte gegenüber der «Nordwestschweiz», dass es sich bei dem namentlich nicht genannten ehemaligen Verwaltungsratsmitglied um Beat Stocker handelt. Dieser ist langjähriger Geschäftspartner von Vincenz und war während Jahren CEO und Delegierter des Verwaltungsrats von Aduno.

Beschuldigte sind engste Partner

Die Identitäten der drei weiteren Beschuldigten wollte die Sprecherin nicht bestätigen. Mutmasslich handelt es sich um einen langjährigen Anwalt und Geschäftskollegen von Vincenz und Stocker sowie zwei Partner der Beteiligungsgesellschaft Investnet. Bis Redaktionsschluss war nicht bekannt, ob die Beschuldigten auf freien Fuss gesetzt oder ob sie in Untersuchungshaft genommen wurden.

Logo der Aduno Gruppe in Zuerich am Mittwoch, 28. Februar 2018.Die Zuercher Staatsanwaltschaft hat gegen Pierin Vincenz als ehemaligen Verwaltungsratspraesidenten der Kreditkartengesellschaft Aduno ein Strafverfahren wegen ungetreuer Geschaeftsbesorgung eroeffnet. Die Aduno Gruppe, Schweizer Spezialist fuer bargeldloses Bezahlen hat am 21. Dezember 2017 gegen zwei fruehere Organpersonen der Gruppe Strafanzeige wegen des Verdachts auf ungetreue Geschaeftsbesorgung eingereicht. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Die Aduno-Gruppe ist im Visier der Ermittler. Bild: KEYSTONE

Am Dienstag hat die Staatsanwaltschaft mehrere Hausdurchsuchungen vorgenommen. Neben Vincenz’ Privatdomizil wurde auch jenes von Beat Stocker und weiterer Beschuldigter durchsucht. Bei Raiffeisen ist es zu keiner Hausdurchsuchung gekommen, doch offenbar forderte die Staatsanwaltschaft ultimativ die Herausgabe von Dokumenten. Dies ist insofern brisant, als die Strafuntersuchung ursprünglich von Aduno initiiert wurde.

Offenbar hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren ausgeweitet und untersucht nun auch Transaktionen, die im Zusammenhang mit dem Raiffeisen-Beteiligungsvehikel Investnet stehen. Um diese Transaktionen geht es auch in einem Enforcement-Verfahren, das die Finanzmarktaufsicht (Finma) gegen Raiffeisen führt. Ein parallel geführtes Finma-Verfahren gegen Pierin Vincenz wurde Ende 2017 eingestellt, nachdem dieser aus dem Verwaltungsrat der Helvetia-Versicherung zurücktrat und gegenüber den Bankregulatoren versprach, nie mehr bei einem Finma-regulierten Finanzinstitut tätig zu werden.

Wie ein Finma-Sprecher auf Anfrage bestätigt, kooperiert die Finma mit den Strafverfolgungsbehörden in Zürich. Welche Informationen sie dabei aus ihrer eigenen Untersuchung den Ermittlern in Zürich zur Verfügung stellte, dazu wollte sich der Finma-Sprecher nicht äussern.

Der Eröffnung des Strafverfahrens ging eine wochenlange Voruntersuchung voraus. Im Herbst startete der Aduno-Verwaltungsrat eine interne Untersuchung über möglicherweise heikle Transaktionen während der Ära Vincenz. Am 21. Dezember reichte die auf Bezahllösungen spezialisierte Firma dann eine Strafanzeige ge- gen Vincenz und Stocker ein. Die Staatsanwaltschaft Zürich nahm darauf Ermittlungen auf, die gestern zur formellen Eröffnung eines Strafverfahrens führten.

Vincenz bestreitet Vorwürfe

Für Pierin Vincenz kommt die Strafuntersuchung offenbar wie aus heiterem Himmel. «Ich bin von dieser Strafuntersuchung total überrascht und erstaunt», heisst es in seinem Statement. Der Banker glaubt weiterhin, nichts Unrechtes getan zu haben: «Ich bestreite die gegen mich erhobenen Vorwürfe vehement und werde mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehren. Ich habe die Interessen der Firmen, für die ich gearbeitet habe, stets gewahrt und bin nach wie vor überzeugt, dass ich mir nichts habe zuschulden kommen lassen.»

Pierin Vincenz, Vorsitzender der Geschaeftsleitung, spricht an der Bilanzmedienkonferenz der Raiffeisen Gruppe, am Freitag, 27. Februar 2015, am Hauptsitz in St. Gallen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Seine Zeit bei Raiffeisen holt Vincenz wieder ein.  Bild: KEYSTONE

Vincenz wurden eine Reihe privater Transaktionen zum Verhängnis, die er im Umfeld von Firmen tätigte, an denen Raiffeisen beteiligt war. Diese gehen bis ins Jahr 2009 zurück. Damals kaufte Aduno das Unternehmen Commtrain Card Solutions. Schon vor bald zehn Jahren gab es Quellen, die glaubhaft darlegten, dass Vincenz mutmasslich über Mittelsmann Beat Stocker an Commtrain beteiligt war und sich möglicherweise in einem klassischen Interessenskonflikt befand. Wie die gleichen Quellen damals darlegten, flossen die Gelder aus dem Kauf der Commtrain über Umwege zu Vincenz’ privater Beteiligungsfirma Varaplan, die an seinem Privatdomizil ihren Sitz hatte. Vincenz hat die Vorwürfe stets bestritten.

Interessant wird sein, ob und wie das Strafverfahren auf Patrik Gisel abfärben wird. Was wusste der langjährige Stellvertreter und heutige Raiffeisen-CEO über die privaten Aktivitäten seines Vorgesetzten? Inwiefern trug er sie mit, indem er diesen oder jenen Vertrag mitunterzeichnete oder etwas nicht unterzeichnete, obschon er das möglicherweise hätte tun müssen? 

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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • N. Y. P. D. 01.03.2018 08:35
    Highlight Highlight «Ich bin von dieser Strafuntersuchung total überrascht und erstaunt»

    Ich auch, Pierre. Ich dachte schon, Du hättest einen Persilschein. Der Rechtsstaat funktioniert also noch bei uns.

    ..flossen die Gelder aus dem Kauf der Commtrain über Umwege zu Vincenz’ privater Beteiligungsfirma Varaplan..

    Nun gut, Du erklärst diese verdächtigen Transaktionen zu aller Zufriedenheit und schon darfst Du wieder Homestorys in der Schweizer Illustrierten machen.
  • Der Rückbauer 01.03.2018 08:22
    Highlight Highlight Der erste Schritt ist jetzt getan. Nun erwarte ich vom Recht(s)staat eine saubere Untersuchung und, falls Fleisch am Knochen ist, eine Anklage.
    Bisher war das meines Erachtens eher nicht der Fall. Die Zürcher Staatsanwaltschaft schickt jeweils bei Wirtschaftsdelikten die schwächsten Mitarbeiter ins Rennen (Rey, Swissair).
    Im übrigen kommt das alles etwa drei Jahre zu spät. Aber vorher war ja Mark "Libor" Bränson dahinter und machte einen Kuhhandel.
  • Gubbe 01.03.2018 08:10
    Highlight Highlight Hoch geflogen, tiefer Fall...
  • tobler-max 01.03.2018 08:04
    Highlight Highlight Die Finanzindustrie muss hart durchleuchtet werden. Es kann nicht ewig so weiter gehen, dass die Banken Geld selber drucken und mit einem Eigenkapital von 5% wild herumspekulieren, wobei sich die Manager gegenseitig irrwitzige Boni zuschieben. Verzockt sich die Bank, wird sie vom Steuerzahler gerettet. UBS fuhr 65 Milliarden an die Wand mit einem Vorgesetzten, dessen Jahressalär 30 Millionen betrug. Multipliziert man volkswirtschaftlicher Schaden mit Eigenbereicherung, so befindet sich die Ospel UBS an der Spitze vor Mobutu und Idi Amin. Hat man etwas gelernt? Bankeigenkapital heute 5%.
  • Töfflifahrer 01.03.2018 05:26
    Highlight Highlight Mit dem Einbehalten will man wohl bloss verhindern, dass die sich gegenseitig absprechen können. Ist auch ein Grund für eine U-Haft.
    • Zap Brannigan 01.03.2018 08:13
      Highlight Highlight Und auch damit keine Unterlagen vernichtet werden können. Man nennt das "U-Haft wegen Verdunkelungsgefahr".

«Bei Raiffeisen tritt ein Sumpf zutage, der sich schwer austrocknen lässt»

Raiffeisen muss 300 Millionen Franken abschreiben wegen den Übernahmen unter Ex-CEO Pierin Vincenz. Doch weder er noch andere Exponenten sollen sich dabei «strafrechtlich relevant verhalten oder persönlich bereichert haben», besagt ein diese Woche veröffentlichter Bericht. Investigativ-Journalist und Raiffeisen-Kenner Lukas Hässig kritisiert die Bank dennoch scharf.

Herr Hässig, bedeutet der sogenannte Gehrig-Bericht für die Bank eine Entlastung?Lukas Hässig: Im Gegenteil, der Bericht bedeutet eine absolute Verschärfung der Lage. Raiffeisen versucht jetzt natürlich, den Aspekt der fehlenden Strafbarkeit in den Vordergrund zu stellen. Weil Berichterstatter Bruno Gehrig jedoch jene Geschäfte ausgeklammert hat, welche die Zürcher Staatsanwaltschaft untersucht, muss das nicht besonders viel bedeuten. Im 28-seitigen Bericht steht sehr viel, das der Bank …

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