Digital

Die GLP will mit mehr Geld für Weiterbildungen die Digitalisierung fördern.  Bild: KEYSTONE

25-Stunden-Woche oder eine Säule 3w – so wollen die Parteien die Digitalisierung anpacken

Flexiblere Arbeitszeiten, radikale Senkung der Arbeitszeit oder eine Säule 3w: Schweizer Politiker präsentieren ihre Konzepte für die Job-Welt der Zukunft. 

28.08.17, 05:37 28.08.17, 16:10

jonas schmid / Aargauer Zeitung

Lange hat die Politik den Megatrend der Digitalisierung verschlafen. Es brauchte den lauten Protest der Taxifahrer gegen den Fahrdienst Uber oder der Hoteliers gegen die Buchungs-Plattform Booking.com, um die Politik aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Dabei liefern diese Konflikte erst einen Vorgeschmack darauf, was uns mit der digitalen Umwälzung noch alles bevorsteht. Bis zu 50 Prozent der heutigen Jobs könnten in den nächsten 20 Jahren durch die fortschreitende Automatisierung betroffen sein, schätzt die Beratungsfirma Deloitte. Hunderttausende neue Stellen könnten entstehen. Doch diese erfordern neue Qualifikationen. Es ist fraglich, ob der Wandel rechtzeitig vonstatten geht.

Die Ideen der SP-Reformer

Flexibilisierung

Der rechte Flügel der SP um Pascale Bruderer will flexiblere Arbeitszeiten, eine Bildungsoffensive, die Förderung der Plattform-Ökonomie und besseren Zugang für bisher ausgeschlossene Menschen, den Ausbau des Job-Sharings sowie Vereinfachungen im Sozialversicherungssystem.

Nachdem sich parlamentarische Vorstösse häufen und der Begriff Digitalisierung zum Lieblingswort von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann avanciert ist, beziehen – bis auf CVP und SVP – auch die Parteien Position. Dabei sind sie sich einig, die Digitalisierung sei nicht mehr aufzuhalten. Wie der Prozess aber erfolgreich gesteuert werden kann, darüber scheiden sich die Geister. Teils sogar innerhalb der Parteien, wie die SP zeigt. Letzte Woche skizzierte der rechte Flügel um die Ständeräte Pascale Bruderer und Daniel Jositsch seine Vorstellungen: «Wir sollten die digitalen Veränderungen aktiv und im Sinne der Chancengerechtigkeit mitgestalten», sagte Bruderer am Donnerstag in der «Nordwestschweiz». Wichtige Punkte sind für die Aargauer Ständerätin flexiblere Arbeitszeitmodelle und die Anpassung bestehender Gesetze an neue Rahmenbedingungen.

Ende der geradlinigen Karrieren?

Ganz andere Ansichten vertritt die Geschäftsleitung der Jungsozialisten um ihre Präsidentin Tamara Funiciello: In ihrem Papier zuhanden der Delegierten zitiert sie eingangs die Ökonomen Karl Marx und Friedrich Engels, wonach es im Kapitalismus schon immer technologischen Fortschritt gegeben habe. Die Digitalisierung müsse den Menschen nützen. Dann werden die Juso konkret und fordern eine radikale Senkung der Arbeitszeit auf 25 Stunden pro Woche bei gleichbleibendem Lohn.

Fordert eine 25-Stunden-Woche: SP-Jungpolitikerin Tamara Funiciello.  Bild: KEYSTONE

Das Juso-Konzept

Weniger arbeiten

25-Stunden-Wochebeigleichem Lohn und GAVs für Crowdworkerinnen wollen die Juso unter Präsidentin Tamara Funiciello. Die SP-Jungpartei will zudem AnerkennungundEntlöhnung der Care-Arbeit, Firmen wie Facebook, Uber und Google demokratisieren und den Datenschutz ausbauen.

Die Arbeitszeitverkürzung ermögliche wiederum Vollbeschäftigung, so die Idee. Unternehmen wie Uber müssten demokratisiert und in Genossenschaften umgewandelt werden, heisst es weiter. Auch müssten Facebook und Google, «die bereits heute faktisch staatliche Funktionen wahrnehmen, als Teil des Service public organisiert werden». Crowd-Worker, die Kleinstarbeiten im Internet verrichten, sollen mit Gesamtarbeitsverträgen zudem besser geschützt werden und Konzerne, die ihre Renditen steigerten, für die Aus- und Weiterbildung ihrer Arbeitnehmer aufkommen.

Möglichst wenig Staat

Konkret wird auch das GLP Lab, die hauseigene Denkfabrik der Grünliberalen. Gradlinige Karrieren, bei denen eine Ausbildung bis zur Rente ausreicht, haben nach Ansicht der Autoren ausgedient. Sie setzen auf die Weiterbildungen und schlagen analog zur Säule 3a eine Säule 3w vor, in die Personen im erwerbsfähigen Alter jährlich einen bestimmten Betrag – etwa 3000 Franken – einzahlen können. Das Geld darf für Weiterbildungen und die Lebenshaltungskosten während einer Umschulungsphase bezogen werden. Fach- und Hochschulen sollen zudem der Bevölkerung ein Kontingent an «Lerncredits» oder Bildungsgutscheine zur Verfügung stellen, die diese für den Bezug von Bildungsangeboten verwenden können. Auch sollen vorhandene praktische Kompetenzen an Weiterbildungen angerechnet werden, um den Erwerb von Zertifikaten zu erleichtern.

Fordert eine «Säule 3w»: GLP-Politikerin Bertschy.  Bild: KEYSTONE

Das GLP-Rezept

Weiterbildung

Das von Kathrin Bertschy präsidierte «GLP Lab» der Grünliberalen will Weiterbildung fördern mit einer «Säule 3w» und Lerncredits, Weiterqualifizierungen erleichtern, mehr gemeinschaftlichgenutzte Büroräume in Randregionen, Programmieren ab Primarschule, flexiblere Arbeitszeiten.

Neue Technologien erlauben es künftig immer mehr Beschäftigten, von zu Hause aus oder einem Ort ihrer Wahl zu arbeiten. Für Randregionen sei das eine Chance, um die Abwanderung zu stoppen, finden die Autoren. Voraussetzung ist ein rascher Ausbau der Infrastruktur. Durch die Umnutzung leerstehender Gebäude wie Schulhäuser oder Feuerwehrdepots zu «Co-Working spaces» könnten Dorfplätze wiederbelebt werden. Schliesslich fordert das GLP Lab, dass Schulkinder nicht nur Anwenderkenntnisse erwerben, sondern bereits programmieren lernen.

Auf die Bildung setzen auch die Jungfreisinnigen. «Der Staat soll möglichst wenig eingreifen», findet ihr Präsident Andri Silberschmidt. Er befürchtet, dass die Digitalisierung durch neue Regulierungen und Abschottungsmassnahmen wie einer «Lex Booking.com›» oder einer Netzsperre für Online-Casinos behindert, statt begünstigt werde. Die Aufgabe des Staats sei es lediglich, dafür zu sorgen, dass für alle die gleichen Spielregeln gelten. Nun gilt es, die Ideen in den politischen Prozess einzuspeisen – und gewiss nicht alle werden diesen auch überstehen.

Das Konzept des Jungfreisinns

Mehr Freiheit 

Freies Internet, Regulierungen abbauen, auf den freien Markt setzen lauten die Ansätze der Jungfreisinnigen. Die Jungpartei des Freisinns unter Präsident Andri Silberschmidt will ebenso das Leistungs- und Verursacherprinzipstärken, eineBildungsoffensive und Jahresarbeitszeiten. 

Roboter & 3D-Drucker ersetzen Menschen

54s

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Video: srf/SDA SRF

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • exeswiss 29.08.2017 16:40
    Highlight keine ideeen der SVP? who'd have thought...
    0 3 Melden
  • solani 29.08.2017 06:40
    Highlight Bin voll der Meinung der GLP Lab. Und die Arbeitszeiten werden sich sicher auch nach unten bewegen. Vor allem in der Schweiz, wo wir vergleichsweise eher längere Arbeitszeiten haben als die Nachbarn.
    Effizienz wir nicht proportional zu der Arbeitszeit gesteigert. Da bin ich mir sicher. Im Umkehrschluss kostet es auch nicht proportional mehr, wenn man sie ein wenig kürzt. ;) Wir sind wie gesagt keine Maschinen.
    4 1 Melden
  • Colourreader 28.08.2017 21:34
    Highlight Praktikable Ideen, die der Allgemeinheit nützen: Der solideste Vorschlag kommt aus meiner Sicht von den Grünliberalen. Wobei, eigentlich nicht: Dieser erste Vorschlag aus dem GLP Lab wurde nicht nur von Politikern und Experten erarbeitet, sondern auch von ganz normalen, parteilosen Menschen, die einfach an einen der Digitalisierungs-Anlässe des Labs gegangen sind. Cool! :-)
    5 0 Melden
  • infomann 28.08.2017 15:37
    Highlight Über kurz oder lang muss die Produktivitätssteigerung in Form von Arbeitszeitverkürzung weiter gegeben werden...Oder sollen immer weniger für die anderen arbeiten?
    6 2 Melden
    • Posersalami 30.08.2017 11:05
      Highlight Bester Vorschlag hier! Produktivitätssteigerung + Zielinflationsrate = jährliche Lohnerhöhung. Also so ca. 3 - 3.5% mehr Lohn jedes Jahr. Das würde auch Volkswirtschaftlich absolut Sinn machen..
      1 1 Melden
  • peterli90 28.08.2017 11:01
    Highlight Die Ideen der Juso tönen ja ganz verlocken. Die Frage ist nur: Wer bezahlt?

    Und bitte, Tämi, Du tust so, wie nur die Grosskonzerne von der Technologie profitieren würden und sich Leute eine goldende Nase verdienen. Fakt ist: Es geht uns heute besser als je zuvor. Immer so zu tun, als würden wir nicht vom Fortschritt profitieren, ist einfach nicht ehrlich.

    Und übrigens: Ja, alles ist produktiver geworden. Wenn wird wollen, könnten wir schon 25h pro Woche arbeiten. Aber dann reichts halt nicht mehr für Iphone, Ipad, Maledivenferien, BMW und 1. Klass-GA...
    25 12 Melden
    • Posersalami 30.08.2017 11:06
      Highlight Die Jusos haben halt mal nachgesehen und richtigerweise gemerkt, dass der Mehrgewinn aus Produktivitätssteigerung seit Ewigkeiten nicht mehr bei den Angestellten ankommt, sondern zum grossen Teil in den Taschen der Unternehmensbesitzer landet.
      1 2 Melden
    • peterli90 30.08.2017 13:49
      Highlight Lol, nehmen Sie mal ihre rot gefärbte Brille ab.

      Fakt ist: die Kaufkraft ist in der Schweiz so gross wie nie zuvor. Wir können uns Vieles leisten und haben viele Möglichkeiten. Klar, es geht nicht allen gut, aber sehr, sehr vielen. Und ein System ist nie perfekt.

      Das Problem der Juso: Sie haben eben noch nie in einem richtigen Betrieb nachgesehen, wie es läuft. Vorschläge wie: "Arbeitnehmer sollen bestimmen, was mit dem Gewinn passiert" zeigt ja genau, wie realitätsfremd die sind. Und was passiert, wenn der Betrieb Verlust macht...? jaja, schon klar... nehmt mal ein paar Lektionen VWL!
      0 1 Melden
    • Posersalami 30.08.2017 15:39
      Highlight @perli90: Das siebt grösste (!) Unternehmen Spaniens, eines der wenigen gut laufenden Betriebe, zB. ist längst "demokratisiert".
      https://de.wikipedia.org/wiki/Mondragón_Corporación_Cooperativa

      An dieser Forderung ist überhaupt nichts Realitätsfernes. Dieser Betrieb zB. erwirtschaftet immerhin 12mia € / Jahr, Tendenz steigend. In dieser Firma passieren Dinge wie "Die Schaffung von Arbeitsplätzen hat immer noch Vorrang vor Kapitalinteressen. So wurde seit der Gründung der Genossenschaft im Gegensatz zu anderen Industrieunternehmen kein Stellenabbau durchgeführt." ist doch geil!
      1 0 Melden
    • peterli90 30.08.2017 16:09
      Highlight Sehr gutes Beispiel! Mindesteinlage: 15'000 EUR pro Mitarbeiter. Das heisst, sie tragen auch Risiko, dann geht's schon.

      Es bleibt ihnen ja überlassen, solche Genossenschaften zu bilden - das können Sie in der Schweiz auch. Zudem können sich auch Mitarbeiter beteiligen, bei den grossen Unternehmen via Mitarbeiterbeteiligungen in Aktien. Dann können Sie auch mitbestimmen.

      Das Grundproblem der JUSO ist, dass sie das Eigentum nicht akzeptieren. Man kann nicht einfach Leute enteignen und Unternehmen verstaatlichen, sonst kommts so wie in Venezuela.
      1 0 Melden
    • Posersalami 30.08.2017 17:25
      Highlight Klar kann ich eine Genossenschaft gründen. Der Impakt auf die Probleme dürfte aber im nicht messbaren Bereich liegen.
      0 0 Melden
  • l. a. stalder 28.08.2017 10:39
    Highlight Es ist höchste Zeit, dass diese Diskussion geführt wird!

    Hoffe jedoch, dass die Politik nicht nur grosse Reden schwingt sondern auch endlich mal konkret handelt.
    Ansonsten steuern wir bereits in wenigen Jahren auf eine Katastrophe zu.
    10 5 Melden
  • Kaspar Floigen 28.08.2017 08:48
    Highlight Wer soll die Juso eigentlich jemals nochmal ernst nehmen? Bei jedem einzelnen Thema kommen sie mit vollkommen utopischen Vorstellungen.
    25 14 Melden
  • Gohts? 28.08.2017 08:43
    Highlight Die Antwort auf den Deppenleerschlag?:

    - 25-Stunden-Wochebeigleichem
    - AnerkennungundEntlöhnung
    - eineBildungsoffensive
    7 6 Melden
  • Xriss 28.08.2017 07:52
    Highlight Hei ei ei. Jedesmal wenn die Funiciello en Mund aufmacht, weiss ich nicht ob ich lachen oder weinen soll.
    Kann die mal jemand wachrütteln?!
    21 15 Melden
  • Majoras Maske 28.08.2017 07:32
    Highlight Ich denke schon lange, dass es öffentlich-rechtliche Webseiten à la Google und ohne Datenspeicherung geben sollte und zwar auf Stufe Europa. Wird aber sehr wahrscheinlich nie Realität werden...


    Und bezüglich der Arbeitszeitreduktion auf 25 Stunden denke ich nicht, dass der Lohn gleich bleiben sollte. Aufgrund der massiv höheren Freizeit hätten wir doch logischerweise auch massiv höhere und unbedingt notwendige Ausgaben. Daher wäre eine Lohnerhöhung um 50% das Mindeste. :P
    18 2 Melden
  • R. Peter 28.08.2017 07:12
    Highlight Was heisst eigentlich das Wort "demokratisieren"? Der Irak oder Afghanistan wurden demokratisiert - etwa das? Oder ist doch eher verstaatlichen, bzw. enteignen gemeint? Was wären wir bereit zu zahlen, was wenn die Eigentümer dennoch nicht verkaufen wollen?
    8 5 Melden
  • G. Schmidt 28.08.2017 06:17
    Highlight "...Firmen wie Facebook, Uber und Google demokratisieren..."

    ...wurde in der Sowjetunion auch so genannt.
    53 23 Melden
    • MaskedGaijin 28.08.2017 09:03
      Highlight Sowjetunion und Juso passt doch?
      16 7 Melden
  • mmmhhh 28.08.2017 05:51
    Highlight Und wie genau will die Juso amerikanische Grosskonzerne zu Genossenschaften machen? Ist es eigentlich zwingend, dass man absolut utopische Weltansichten haben muss, um Juso Mitglied zu sein?
    96 25 Melden
    • PaulDerGaul 28.08.2017 07:14
      Highlight Das muss sie Jan gar nicht durchsetzen wollen. Die Amerikaner stehen vor den gleichen Herausforderungen, wie wir in dieser Sache.
      7 1 Melden
    • Midnight 28.08.2017 07:57
      Highlight Utopisch ist eigentlich nur, so weiterzumachen wie bisher und zu glauben, dass das klappt. Die Wirtschaft glaubt schliesslich noch immer an das unendliche Wachstum...
      16 5 Melden

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