Schweiz
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«Damit ich mich vertreten fühle, braucht es kein ‹ic› im Namen»

Der Politologe Thomas Milic zu Migranten und ihrer politischen Integration in der Schweiz.

18.12.17, 13:53

Manuel Bühlmann / az Aargauer Zeitung



Thomas Milic Bild: 

Herr Milic, Personen mit Migrationshintergrund sind gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil in der Politik stark untervertreten. Warum?
Thomas Milic: Der Hauptgrund: Die wenigsten Leute lassen sich primär deshalb einbürgern, um an der Politik teilhaben zu können. Dies zeigt sich deutlich am Beispiel der Beteiligungsdaten der Stadt St. Gallen. Bei den eingebürgerten Wahlberechtigten liegt die Beteiligung 10 bis 20, manchmal gar 30 Prozentpunkte tiefer als bei den gebürtigen Schweizern. Nachdenklich stimmt dabei, dass die grössten Differenzen ausgerechnet bei den Jungen festzustellen sind.

Inwiefern sind die Erkenntnisse aus St. Gallen auch aussagekräftig für die Deutschschweiz?
Die Befunde haben mit grosser Wahrscheinlichkeit auch in der übrigen Deutschschweiz ihre Gültigkeit. Angesichts dieser Ergebnisse überrascht es nicht, dass die Bevölkerungsgruppe der Migranten auch im Parlament nach wie vor unterdurchschnittlich vertreten ist.

Wie erklären Sie sich die tiefere Beteiligung?
Wir wissen, dass das soziale Umfeld und im Speziellen das Elternhaus eine wichtige Rolle spielen für die politische Sozialisation. Wer zu Hause nicht mit politischen Themen in Berührung kommt, beschäftigt sich meist auch später nicht damit. Das Interesse an der Politik ist zudem generell tiefer bei Personen mit geringem Einkommen und Bildungsstand, in jener gesellschaftlichen Schicht also, zu welcher vergleichsweise viele Migranten zählen. Diese Gruppen – also Bildungsferne und Einkommensschwache – sind im Parlament ja ebenfalls stark untervertreten. Das politische Interesse hat deshalb nicht nur mit dem Migrationsstatus zu tun, sondern auch mit sozioökonomischen Faktoren.

Was lässt sich dagegen unternehmen?
Das politische Interesse zu wecken, ist keine einfache Angelegenheit. Die politische Bildung in der Schule zu verstärken, ist eine Option, allerdings darf man sich davon keine Wunderdinge erhoffen. Die Schüler sind entweder zu jung, um das Gelernte direkt umsetzen zu können, oder können in der Politik noch keine persönliche Betroffenheit erkennen, weshalb dies doch oft eine trockene Angelegenheit bleibt.

Ist die Untervertretung der Migrantinnen und Migranten für die Demokratie ein Problem?
Nicht zwangsläufig. Die zentrale Frage ist: Fühlen sich die Migranten selbst angemessen vertreten? Mir persönlich ist die politische Haltung eines Politikers zum Beispiel viel wichtiger als seine Herkunft. Damit ich mich vertreten fühle, braucht es kein «ic» im Namen. (aargauerzeitung.ch)

Migration

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Juliet Bravo 18.12.2017 18:41
    Highlight Danke für das Interview. Klare Fragen (z.B. „Ist das ein Problem“?). Kurz und bündig erklärt von Herrn Milic.
    13 1 Melden
  • tuogol 18.12.2017 15:42
    Highlight Ich, mit Migrationshintergrund, Doktortitel und am politischen Leben interessiert werde trotzdem nicht aktiv daran teilhaben. Wieso? Ich errechne mir die Chancen überhaupt irgendwo gewählt zu werden als relativ gering. Denn die Mehrzahl der Schweizer haben eben keinen Migrationshintergrund und denen macht es halt oft aus, ob der Name gutbürgerlich schweizerisch ist oder nicht.
    11 29 Melden
    • Besserwisser 18.12.2017 17:10
      Highlight @ tuogol Hängt halt stark damit zusammen, wo, für wen und auf welcher politischen Ebene du kandidierst. Wohnst du z.B. in einer Stadt und tritts als SP-Kandidat für die Stadt-Legislative an, wäre die Chance sicher höher als auf dem Land;) Wenn ich du wäre, würde ich es einfach einmal versuchen. Aber aufzugeben bevor man es überhaupt versucht hat, halte ich für keine Option.
      40 3 Melden
    • tuogol 18.12.2017 20:32
      Highlight Im Normalfall geb ich dir völlig recht. Aber als Appenzeller sehe ich leider schwarz 😉
      16 0 Melden
  • TanookiStormtrooper 18.12.2017 14:56
    Highlight Natürlich sind einkommensschwache im Parlament untervertreten, wie sollen die auch einen Wahlkampf bezahlen?
    Aber bei den Bildungsfernen bin ich mir da nicht sicher, da gibt es doch einige, die einfach blind ihrem Allvater nachplappern und ausser ein paar Allgemeinplätzen nicht viel zu sagen haben.
    48 8 Melden
    • Roman h 18.12.2017 18:59
      Highlight Die Kosten für den Wahlkampf sind nicht das Problem.
      Wir wählen ja in listen also eher die Partei und keine Personen.
      Das Problem ist die Zeit.
      Man muss viel Zeit für die Gemeinde Opfern um in seinem Bezirk auf die Liste zu kommen und Zeit ist halt Geld.
      Nur wer dafür Zeit hat, kann es in einen Rat schaffen.
      Eine verwante von mir hat es auch ohne eigener Wahlkampfkosten in den Kantonsrat geschafft.
      Kinder und dan in den Schulrat und so weiter.
      Da fehlte halt die Zeit zum 100% arbeiten
      1 4 Melden
  • Troxi 18.12.2017 14:36
    Highlight Ein sehr schönes Interview. Was sicherlich auch noch dazu führt, dass Finanzstarke gewählt werden, ist sicherlich die Listenwahl. Dies führt dann dazu, dass sehr viele einfach einer Partei die Stimmen geben und dann werden meist die Finazstarken der jeweiligen Partei gewählt, da höhere Medienpräsenz etc. Panaschieren, kommulieren und streichen heisst das Zauberwort hierführ, aber die Schweizer sind etwas Demokratiemüde und ein solcher Aufwand machen die wenigsten...
    10 4 Melden
  • raues Endoplasmatisches Retikulum 18.12.2017 13:57
    Highlight "Mir persönlich ist die politische Haltung eines Politikers zum Beispiel viel wichtiger als seine Herkunft. Damit ich mich vertreten fühle, braucht es kein «ic» im Namen."
    So liberale Gedanken vernimmt man leider immer weniger.
    163 5 Melden

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