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Live in der Wahlnacht: Fox News auf dem Times Square. Bild: EPA/EPA

Ein Jahr Trump-Wahl: Wie ich den Glauben an die Menschheit verlor

Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten war mehr als ein Erdbeben. Sie hat die politische Tektonik der USA auf den Kopf gestellt. Ein Versuch, das Undenkbare mit Abstand von einem Jahr einzuordnen.

Plötzlich steht man da und versteht die Welt nicht mehr. Man schaut hoch zum gigantischen Videoscreen am New Yorker Times Square, auf dem Fox News in der Wahlnacht sendet. Und erlebt, wie das Lieblingsmedium der Republikaner Donald J. Trump zum Sieger im Bundesstaat Wisconsin erklärt. In diesem Moment weiss man: Er wird es schaffen!

Die anderen Fernsehsender zögern noch, wohl weil sie selbst nicht glauben können, was sich am späten Abend des 8. November 2016 ereignet. Wie die Menschen hier im Herzen von Manhattan, deren Gesichter Fassungslosigkeit und Leere ausdrücken. Wie konnte das passieren?

Des einen Freud ist des anderen Leid ...

Jubel bei Republikanern in New York: Donald Trump wird der 45. US-Präsident. EVAN VUCCI
Im Gegensatz dazu befindet sich die Stimmung bei Clinton-Anhängern in Dallas auf dem Tiefpunkt. NATHAN HUNSINGER
Da darf man sich ruhig auch mal ein Küsschen geben – Trump-Supporter in Manhatten knutschen sich vor Freude. JONATHAN ERNST
Hillary Clinton hat Trump telefonisch zum Sieg gratuliert. Da hilft nur noch tröstendes Kuscheln. CRAIG RUTTLE
Exil-Republikaner in Sydney lassen zum Sieg von Trump die Korken knallen. PAUL MILLER
Selbsterklärend ist auch die Freude bei Trump riesig. Was er in seiner ersten Rede als «President Elect» gesagt hat, findest du >> hier. JONATHAN ERNST
«Make America Great Again»: Trumps Wahlkampfspruch ist beim Wähler angekommen. SHAWN THEW
Freude herrscht bei Trump-Anhängern in Phoenix. Ross D. Franklin
Grosse Bestürzung hingegen bei Clinton-Supportern in Genf oder ... ZUM WAHLTAG DER AMERIKANISCHEN PRAESIDENTSCHAFTSWAHLEN AM DIENSTAG, 8. NOVEMBER 2016, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Supporters of Democratic presidential candidate Hillary Clinton react, during the US election night party, in Geneva, Switzerland, Wednesday, November 9, 2016. Every four years on the first Tuesday in November, the Americans of Geneva organize an all night party for those who wish to follow the US Presidential Elections live. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi) SALVATORE DI NOLFI
... auch bei diesen Frauen, welche den Wahlkampf in Hong Kong mitverfolgten. VINCENT YU
Emotionen pur bei dieser Clinton-Befürworterin in New York. JUSTIN LANE
Auch diese beiden Herren sind bestürzt über die Wahlresultate. GARY HE
Ungläubigkeit beim Clinton-Lager. LUCAS JACKSON
Der Gesichtsausdruck zeigt: Die 45. US-Präsidentschaftswahl ist hochemotional. JUSTIN LANE
Doppelter Face-Palm bei Anhängern von Hillary Clinton. LUCY NICHOLSON
Da können auch mal Tränen fliessen. JUSTIN LANE
Ernüchterung bei diesen Clinton-Supportern in New York. CARLOS BARRIA
Bestürzung auch in Melbourne, Australien. JULIAN SMITH
Ohnmacht bei dieser Clinton-Supporterin in New York. SHANNON STAPLETON
Keine Kraft mehr: Die Clinton-Supporter bereiten sich auf eine Niederlage vor. PETER FOLEY
Jubel im Trump-Lager in Washington. Der Republikaner überrascht alle – ausser seine Anhänger. MICHAEL REYNOLDS
Freude bei diesem Herrn in New York. SHAWN THEW
Wohl selbst etwas überrascht über die bisherigen Resultate: Trump-Supporter in New York. SHAWN THEW
Trumps Sieg ist vollbracht. JONATHAN ERNST
Ein Trump-Supporter jubelt nach dem Sieg in Ohio. Joe Burbank
Brüderliche Umarmung zum Sieg des Republikanischen Kandidaten. John Locher
Die Trump-Entourage klebt vor dem Bildschirm im New Yorker Hilton-Hotel. (bild: twitter/donaldtrumpjr)
Ganz anders die Gemütslage im Lager der Demokraten. LUCAS JACKSON
Es fliessen erste Tränen. CARLOS BARRIA
Wer hätte das gedacht? CARLOS BARRIA
Die Vereinigten Staaten von Amerika halten den Atem an. Julio Cortez
Skepsis beim Hillary-Anhang. JUSTIN LANE
Da war die Laune im Clinton-Lager noch besser. JUSTIN LANE
Der Trump-Anhang liebäugelt mit der grossen Überraschung. Michael Conroy
«Hat sie auch am richtigen Ort das Kreuzchen gemacht?» CARLO ALLEGRI
Hochspannung. JUSTIN LANE
Nettes Accessoire! TRACIE VAN AUKEN
Wir lassen die Bilder für sich sprechen ... DARREN ORNITZ
Justin Sellers
MARK LYONS
TRACIE VAN AUKEN
JUSTIN LANE
DAVID MAXWELL
MIKE NELSON
MARK LYONS
MONICA M. DAVEY
MIKE NELSON
OLAF KRAAK
DAVID MAXWELL

Kurz nach Mitternacht steht fest: Donald Trump ist der 45. Präsident der USA.

Wenige Stunden zuvor hatte kaum etwas auf einen solchen Ausgang hingedeutet. Als ich von meiner Airbnb-Absteige in Brooklyn Richtung Manhattan aufbrach, ging ich davon aus, über Hillary Clintons Wahlsieg zu berichten. Zur Entlastung sei angeführt, dass ich nicht allein war. Im Gegenteil: Mit wenigen Ausnahmen gingen alle halbwegs seriösen US-Politauguren von diesem Szenario aus, angefangen beim vermeintlichen Demoskopie-Guru Nate Silver.

Clinton hatte zur grossen Party ins Javits-Kongresszentrum geladen. Mit seinem Glasdach war es der perfekte Ort für die symbolische gläserne Decke, die sie als erste US-Präsidentin durchstossen wollte. Donald Trump hingegen hatte sich mit seinen Getreuen im Hotel Hilton in Midtown verschanzt. Es schien, als würden die beiden damit das Wahlergebnis vorwegnehmen.

Je später der Abend, umso mehr geriet diese Überzeugung ins Wanken. Auf meinem Streifzug durch Manhattan stiess ich auf enthusiastische Trump-Wähler, die überzeugt waren, dass ihr Kandidat Amerika wieder gross machen würde. Eine ähnliche Begeisterung beim Clinton-Anhang war weit und breit nicht zu erkennen. Irgendetwas geschieht hier, musste ich mir eingestehen.

Video: watson

Die Kurven für Clinton und Trump in Nate Silvers scheinbar narrensicherem Prognose-Modell bewegten sich fast im Minutentakt in die Gegenrichtung. Der am frühen Abend noch klare Vorsprung der Demokratin verwandelte sich in einen Rückstand. Auch die «normalen» Umfragen erwiesen sich als untauglich. Der Republikaner siegte in fast allen Swing States.

Man hätte gewarnt sein müssen

Trumps Siegesrede verfolgte ich auf dem Laptop in Brooklyn. Die Redaktion verlangte nach einer Einschätzung, dabei konnte ich mir selber keinen Reim auf das Geschehen machen. Wie konnte es sein, dass ein aufgeblasenes Grossmaul mit einem gestörten Verhältnis zur Wahrheit, ein Frauengrapscher mit zweifelhaftem Leistungsausweis als Unternehmer die Wahl gewann?

Ich verlor in dieser Nacht nicht nur meinen Glauben an die USA, die ich immer bewundert hatte, sondern an die Menschheit.

So richtig zurückgekehrt ist er bis heute nicht. Dabei hätte man gewarnt sein müssen. In den zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl reiste ich durch die Südstaaten der USA. Sie sind eine Bastion der Republikaner, es war stets klar, dass Trump hier gewinnen würde. Und doch war ich erstaunt, wie frustriert viele Menschen über den Zustand ihres Landes und die Untätigkeit der Classe politique in Washington waren. Und wie sie auf den «Erlöser» hofften.

Kein aalglatter Politiker

Donald Trump verkörperte ihn nicht obwohl, sondern weil er «anders» war, keiner dieser aalglatten Politiker. Er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er pfeift auf politische Korrektheit. Er verkauft sich als erfolgreicher Dealmaker, nicht zuletzt dank der Reality-Show «The Apprentice», die ihn über seine Heimatstadt New York hinaus zur national bekannten Figur gemacht hat.

Trumps Amerika

Beginnen wir die Reise durch Trumps Amerika in Oklahoma. In diesem «Sun Belt»-Staat hat Clinton kein einziges County erobert. Weder auf dem Land ... (bild: flickr)
... noch in den Städten. Auch Tulsa, die zweitgrösste Stadt im «Panhandle State», ging an Trump. (bild: pixabay)
Ebenso Fort Worth in Texas. Der «Lone Star State» ging klar an Trump. Nur die vier grössten Städte sowie einige Countys entlang der mexikanischen Grenze wählten demokratisch. (bild: wikimedia)
Texas ist Trump-Territorium wie sämtliche Staaten im östlichen Teil des «Sun Belts», der sich von Südkalifornien bis Florida erstreckt. (bild: wikimedia)
Wie in allen boomenden Gebieten des Südens sind in Texas Minderheiten – allen voran die Latinos – stark gewachsen. Weil 29 Prozent der Latinos Trump wählten, konnte er diese Regionen trotzdem halten. (bild: wikimedia)
Der tiefe Süden – «Deep South» – ist ohnehin Trump-Gebiet. Auch hier in Lanett, im US-Staat Alabama, wo sich dieses verlassene Fabrikgebäude befindet. (bild: wikimedia)
Oder Biloxi in Mississippi. Hier findet gerade ein Reenactment des Bürgerkriegs statt. Der Mann in der grauen Uniform spielt einen konföderierten Soldaten. (bild: wikimedia)
Obwohl es im Süden, wie hier in Louisiana, eine grosse afroamerikanische Minderheit gibt, hat Trump jeden Staat in «Dixieland» erobert – ausser Virginia. (bild: wikimedia)
Sichere «Red States» im Süden sind auch Tennessee ... (bild: wikimedia)
... und Kentucky, ... (bild: pixabay)
... wo Trump über 60 Prozent holte, ... HARRISON MCCLARY
... sowie der ehemalige Sklavenhalterstaat South Carolina. (bild: pixabay)
Das gilt auch für Arkansas – obwohl dort Bill Clinton lange Gouverneur war. (bild: wikimedia) Picasa
Georgia gehört wie alle Südstaaten zum «Bible Belt» und ist damit Trump-Gebiet – auch wenn Trump hier nicht ganz so deutlich siegte wie in den meisten anderen Südstaaten. (bild: wikimedia)
Trumps Amerika ist überwiegend christlich. Bei den christlichen Gruppen lag Trump mit bis zu 60 Prozent vorn. (bild: wikimedia)
Noch knapper als in Georgia war das Resultat in North Carolina, das als «Swing State» gilt. (bild: wikimedia)
Extrem knapp war das Ergebnis in Florida. Der «Sunshine State» ist ein klassischer «Swing State» und nur zur Hälfte Trump-Territorium. (bild: pixabay)
Florida hat mittlerweile mehr Einwohner als der Staat New York. Viele Alte zieht es in den Süden – das Durchschnittsalter im «Sunshine State» liegt höher als im Rest der USA. Bei den Alten punktete Trump landesweit überdurchschnittlich. (bild: wikimedia)
Wir verlassen den Süden und wenden uns dem «Rust Belt» zu. Das einstige industrielle Herz der USA erstreckt sich von Wisconsin im Westen bis New York und New Jersey im Osten. Im Zentrum des «Rostgürtels»: Ohio. (bild: wikimedia)
In diesem «Swing State» traf der Niedergang der US-Stahlindustrie einige Städte besonders stark, zum Beispiel Youngstown. (bild: wikimedia)
In Ohio ist aber auch die Landwirtschaft nach wie vor sehr wichtig. Das Land ist klar Trump-Territorium. (bild: pixabay)
Trump siegte, weil er die bisherigen demokratischen Bastionen im «Rust Belt» – Michigan, Wisconsin und Pennsylvania – erobern konnte. Die männlichen weissen Arbeiter bilden hier eine wichtige Wählergruppe – und sie liefen zu Trump über, der sie vor dem Freihandel und der Globalisierung zu schützen versprach. (bild: wikimedia)
Detroit, die grösste Stadt Michigans und bis Mitte des 20. Jahrhunderts die bedeutendste Industriestadt der Welt, wurde vom Niedergang der Autoindustrie schwer getroffen. (bild: wikimedia/albert duce)
Michigan, das wie Ohio eine bedeutende Agrarwirtschaft besitzt, ging an Trump. (bild: pixabay)
Genauso wie Pennsylvania, das sonst zuverlässig demokratisch wählte. Trump dominierte im Westen des Bundesstaats – ausser in Pittsburgh, der einstigen «Steel City». (bild: wikimedia) Picasa
Die ländlichen Gebiete Pennsylvanias gingen ohnehin an Trump. Nur im Osten, im Grossraum Philadelphia, konnte Clinton punkten. (bild: pixabay)
Wisconsin, der Milchstaat, war ebenfalls verlässlich demokratisch – und wurde von Trump erobert. (bild: pixabay)
Nur einige demokratische Inseln blieben übrig, darunter der Grossraum Milwaukee. (bild: pixabay)
West Virginia ist traditionell einer der ärmsten Bundesstaaten – und solides Trump-Gebiet. Kein einziges County in dem Appalachen-Staat wählte Clinton. (bild: wikimedia)
Der Bergbau spielt trotz der ökologischen Schäden, die er anrichtet, immer noch eine wichtige Rolle im «Mountain State». (bild: flickr)
Indiana im Mittleren Westen ist stark landwirtschaftlich geprägt und eine traditionelle Hochburg der Republikaner. Also sicheres Trump-Territorium. (bild: public domain pictures)
Iowa, das im «Corn Belt» liegt und ebenfalls stark landwirtschaftlich geprägt ist, gilt dagegen als «Swing State». Diesmal ging er klar an die Republikaner. (bild: flickr)
Missouri wiederum, einst ein «Swing State», ist heute ein klassischer «Red State». Trump-Gebiet par excellence. (bild: wikimedia)
Auch der Agrarstaat Kansas ist eine republikanische Hochburg und tiefstes Trump-Territorium. (bild: pixabay)
Klar Trump-Gebiet sind auch die restlichen Staaten im westlichen Teil des Midwests: Nebraska, ... (bild: wikimedia)
... North Dakota, ... (bild: wikimedia)
... und South Dakota. (bild: wikimedia)
Republikanische Bastionen sind ferner die «Mountain States»: Das flächenmässig riesige, aber dünn besiedelte Montana, ... (bild: pixabay)
... Wyoming, der vollkommen rechteckige und bevölkerungsmässig kleinste US-Staat, ... (bild: pixabay)
... Idaho und ... (bild: pixabay)
... der Mormonenstaat Utah. (bild: pixabay)
Arizona im Südwesten wählt meist auch republikanisch, trotz einer Latino-Minderheit von nahezu 30 Prozent. (bild: pixabay)
Trump-Gebiet ist zuletzt auch Alaska, der flächenmässig weitaus grösste, aber nur dünn besiedelte US-Staat. Sarah Palin, bis 2009 Gouverneurin von Alaska, gehörte zu den ersten republikanischen Parteigrössen, die Trump unterstützten. (bild: wikimedia)

Damit gelang es ihm, ein Wählersegment zu mobilisieren, das sich scheinbar aus dem politischen Prozess abgemeldet hatte: Weisse Menschen mit geringer Bildung, deren gut bezahlte Jobs in der Industrie verschwunden sind und die sich abmühen, den Anschluss an die Mittelklasse zu halten. Ihnen verdankt Trump den – knappen – Sieg in den Staaten des «Rust Belt» wie Wisconsin.

Frustration über Niedergang

Wie gross die Misere dort ist, stellte ich im Wahljahr 2012 selber fest. Ich fuhr damals durch die Kohle- und Stahlreviere im Süden des Bundesstaats Ohio. Die meisten Fabriken standen still, in den Stadtzentren war der Verfall nicht zu übersehen. Ich sprach mit dem Boss einer Stahlarbeiter-Gewerkschaft, die fast alle Mitglieder verloren hatte, und spürte seine Frustration über den Niedergang.

Es war der perfekte Nährboden für einen «Heilsbringer» wie Donald Trump. Trotzdem konnte und wollte ich nicht glauben, dass ein solcher Typ Präsident werden konnte. Seine Wahlchancen seien «gleich null», schrieb ich, nachdem er im Sommer 2015 seine Kandidatur erklärt hatte. Hatte nicht Barack Obama trotz widriger Umstände die Wahl 2012 gewonnen, auch in Ohio?

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Natürlich lag das auch an Hillary Clinton. Sie verkörperte das verhasste Establishment und schleppte zu viele Skandale mit sich herum. Als Wahlkämpferin konnte sie weder ihrem Mann noch Obama das Wasser reichen. Am Ende hatte sie unterschätzt, wie sehr Trumps Slogan «Make America great again» den Nerv der Menschen traf.

Video: watson

Und nun? Macht er Amerika wieder gross? Bislang ist Präsident Trump vor allem dadurch aufgefallen, dass für ihn keine Schublade zu tief ist, wenn es darum geht, Menschen zu beleidigen. Er feuert jeden Morgen einige Salven auf Twitter ab und mokiert sich dann gegenüber seinen Mitarbeitern, er sei wohl wieder «zu wenig präsidial» gewesen. Wie bei vielen Gerüchten um Trump kann man dazu nur sagen: Ist es nicht wahr, so ist es gut erfunden.

Ein Mann des 20. Jahrhunderts

Das Paradoxe daran: Trotz seines virtuosen Umgangs mit Twitter ist der Präsident ein Mensch des 20. Jahrhunderts. In ihrer Furcht vor den Zumutungen der Gegenwart haben die Amerikaner einen Mann ins Weisse Haus gewählt, der mit dem Wählscheiben-Telefon aufgewachsen ist. Und der China und Mexiko für den Verlust von Millionen Industriejobs verantwortlich macht, die in Wirklichkeit Automatisierung und Digitalisierung zum Opfer gefallen sind.

Auf der Habenseite kann man einwenden, dass Trump in der Sachpolitik bislang kaum Schaden angerichtet hat. Das Gesundheitsgesetz Obamacare existiert noch immer, und zum Atomkrieg mit dem «kleinen Raketenmann» Kim Jong Un ist es (noch) nicht gekommen. Ein Baustart für die Mauer an der Südgrenze, sein wohl wichtigstes Wahlversprechen, ist nicht in Sicht.

Bannons Kriegserklärung

Also alles halb so wild? Das wahre Problem findet man quasi in der zweiten Reihe. Trumps ehemaliger Chefstratege Steve Bannon, der bei der Mobilisierung der Wähler eine zentrale Rolle spielte, hat dem Establishment der Republikaner den Krieg erklärt. Er will die Partei auf einen stramm rechtsnationalistischen Kurs bringen und ist dabei schon bedenklich weit gekommen.

Bannons Geschichtsverständnis: Krieg ist unausweichlich

«Ich glaube fest, dass es eine Krise unserer Kirche, unseres Glaubens, des Westens und des Kapitalismus ist. Wir sind erst am Anfang eines sehr brutalen und blutigen Konflikts»: Wer Steve Banon zuhört, gewinnt den Eindruck, die USA stünden nicht bloss am Abgrund, ... Evan Vucci
... sondern befänden sich bereits im freien Fall. «Um brutal direkt zu sein: Ich meine, das Christentum in Europa stirbt aus und der Islam ist auf dem Vormarsch. Wir stehen jetzt am Anfang eines globalen Krieges gegen islamische Faschisten.» (Im Bild mit Kellyanne Convay) KEVIN LAMARQUE
Donald Trumps Chef-Stratege schürt in seinen Reden Ängste: «Wenn du unter 30 bist, werden deine Kinder arm sein und deine Enkelkinder werden Bettler sein.» Wie kommt er zu solchen Aussagen? WIN MCNAMEE / POOL
Bannon stützt sich auf eine Theorie der Historiker William Strauss und David Kaiser: In «Generations» von 1991 stellen diese die These auf, Geschichte wiederhole sich stets in vier Phasen, die sich nach den jeweiligen Generationen richten. Im vierten Zyklus gibt es jeweils eine Krise, ...
... bei der das System einer älteren Generation von einer unerwarteten, neuen Führung abgelöst wird. «Das ist die vierte Krise der amerikanischen Geschichte», glaubt Bannon. Die erste war die Lossagung von England, die zweite der Amerikanische Bürgerkrieg, die dritte die Grosse Depression und der Zweite Weltkrieg. Evan Vucci
Mit der Finanzkrise 2008 ist für Bannon die vierte Phase erreicht. «In den letzten 20 Jahren hat die Finanz-Elite unserer politischen Klasse sich nur um sich selbst gekümmert und das Land an den Rand des Ruins gebracht», sagt Bannon. «Öffentliche Schulden sind wie Heroin. Unser geliebtes Land ist abhängig.» ANDREW GOMBERT
Neben den «Globalisten» sieht er die Schuld bei den asiatischen Staaten, die den USA wirtschaftlich geschadet hätten, und bei Immigranten. «Die legale Einwanderung hat dieses Land überwältigt», schimpfte Bannon. Susan Walsh
Bannon will den «expansionistischen Islam und das expansionistische China» stoppen. Der «Washington Post» diktierte er ins Heft: «Wir werden nun Zeuge einer neuen politischen Weltordnung.» Evan Vucci

Donald Trumps Rolle in diesem Spiel ist diffus. Ist er Mittel zum Zweck oder aktiv daran beteiligt? Er verfügt über kein ideologisch gefestigtes Weltbild und eignet sich auch aus diesem Grund bestens als Projektionsfläche. Seine Beliebtheitswerte sind national auf einem Tiefpunkt, aber der harte Kern seiner Wählerschaft glaubt weiter, dass er das Land zu alter Grösse zurückführen wird.

Donald Trump im Weissen Haus ist eine Anomalie. Werden die USA und ihre Selbstheilungskräfte in der Lage sein, sie zu korrigieren? Früher wäre ich davon überzeugt gewesen. Nach der Erfahrung von vor einem Jahr habe ich den Glauben daran nicht gänzlich verloren. Aber sicher bin ich mir nicht mehr.

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