In Syrien ruhen die Waffen: Kinderlachen auf Spielplätzen statt Bombenexplosionen
Durchatmen: Kinder während der Waffenruhe in Syrien.
Bild: MOHAMMED BADRA/EPA/KEYSTONE
Die Waffenruhe hat den Menschen in Syrien die langersehnte Atempause verschafft. Die Bewohner umkämpfter Städte, die seit Jahren mit Gewehrschüssen, Artilleriefeuer und Bombenexplosionen leben müssen, erwachten am Wochenende in ungewohnter Stille.
«Zu dieser Zeit kreisen normalerweise drei oder vier Flugzeuge über uns, bereit, Fassbomben abzuwerfen», berichtete der Oppositionsaktivist Schadi Mattar am Samstagmorgen in der Rebellenhochburg Daraja bei Damaskus. «Heute, Gott sei Dank, geschieht nichts.»
«Wir sind völlig verloren heute, unser Tagesablauf ist durch diese Waffenruhe auf den Kopf gestellt», scherzte der Aktivist Hassan Abu Nuh am Samstag in der umkämpften Rebellenhochburg Talbisse in der Provinz Homs. «Normalerweise heben die Helikopter um 08.00 Uhr ab und die Party beginnt. Heute dagegen nichts.»
Die sogenannten Weisshelme, die in den Rebellengebieten Verletzte bergen, schrieben auf Twitter mit einem Augenzwinkern: «Wegen Waffenstillstands geschlossen.»
Ungewohnte Ruhe
Selbst in Aleppo, das seit Juli 2012 zwischen Rebellen und Regierung geteilt ist, herrschte am Wochenende ungewohnte Ruhe. Der elfjährige Ahmed freute sich, dass sein Vater ihn und seine Geschwister erstmals unbegleitet auf einen Spielplatz liess.
Und Ussama Diri zeigte sich überrascht über die vielen Leute auf der Strasse. «Normalerweise gibt es sehr wenig Bewegung bis mittags wegen der Flugzeuge im Einsatz», erzählte der Einwohner des Viertels Magajer.
Diese 23 Bilder aus Syrien beweisen, dass gerade was komplett falsch läuft
Die Lage an der syrisch-türkischen Grenze ist prekär. Rund 40'000 Menschen warten darauf, das Bürgerkriegsland zu verlassen. X03674 / AMMAR ABDULLAH
Doch das geht nicht mehr, weil die Türkei die Grenze dicht gemacht hat. X03674 / AMMAR ABDULLAH
Nur wenige Schwerverletzte dürfen derzeit den Grenzposten passieren, für die anderen ist ein Übertritt ins Nachbarland nicht mehr möglich. Beim Grenzdorf Akinci hat die Türkei sogar mit dem Bau einer Mauer begonnen. EPA/EPA / SEDAT SUNA
Auf syrischer Seite wurden zwar Flüchtlingslager eingerichtet, doch diese platzen aus allen Nähten. AP/AP / Bunyamin Aygun
Die türkischen Behörden rechnen damit, dass in den nächsten Wochen «schlimmstenfalls» bis zu 600'000 Menschen an der Grenze ankommen könnten. X02255 / OSMAN ORSAL
Grund für den rasanten Anstieg des Menschenstroms: Die nordsyrische Stadt Aleppo, die nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt ist, wird gerade dem Erdboden gleichgemacht. X03674 / AMMAR ABDULLAH
Mit Hilfe der russischen Luftwaffe will das syrische Regime die strategisch wichtige Ortschaft wieder unter seine Kontrolle bringen. EPA/EPA / SEDAT SUNA
Die russischen Kampfjets würden ganze Dörfer und Stadtteile zerstören, berichten Augenzeugen. Auch Schulen, Krankenhäuser und Märkte seien bombardiert worden: Rund 70 Prozent der Opfer seien Zivilisten. AP/AP / Bunyamin Aygun
Die Militärflieger setzen unter anderem auch international geächtete Streubomben ein. EPA/EPA / SEDAT SUNA
Russland beteuert, die Angriffe würden ausschliesslich «IS»-Terroristen gelten und schiebt den Schwarzen Peter den USA zu. «Nicht wir, sondern die US-Politik im Nahen Osten hat den Flüchtlingstsunami ausgelöst», so der Kreml. AP/AP / Bunyamin Aygun
Die Folgen der Offensive sind verheerend: Es fehlt an Wasser, Benzin, Nahrungsmitteln und Medikamenten. EPA/EPA / SEDAT SUNA
Die verbliebenen Menschen in Aleppo rechnen mit einer Belagerung: Die Armee von Machthaber Baschar al-Assad will die von Rebellen beherrschten Teile der Stadt von der Aussenwelt abschneiden. X02255 / OSMAN ORSAL
Wichtige Nachschubrouten der Rebellen zur türkischen Grenze wurden vom Assad-Regime bereits blockiert. EPA/EPA / SEDAT SUNA
300'000 Menschen sollen sich gemäss UNO-Angaben noch in Aleppo befinden. X03674 / AMMAR ABDULLAH
Ausgerechnet die Europäer haben die katastrophale Lage der Flüchtlinge verschärft: Sie haben mitten in der Schlacht um Aleppo von der Türkei verlangt, die Kontrollen an den EU-Aussengrenzen zu verschärfen und fordern, eine Visa-Pflicht einzuführen. EPA/EPA / SEDAT SUNA
So sollen die Flüchtlinge gar nicht erst bis nach Bulgarien und Griechenland gelangen. X02255 / OSMAN ORSAL
Doch auch weil die Türkei bereits über zweieinhalb Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat, wurde in Ankara entschieden, die Grenze zu Syrien zu schliessen. EPA/EPA / SEDAT SUNA
Die Europäische Union versprach der Türkei zwar drei Milliarden Euro Soforthilfe. Das reicht gemäss türkischer Regierung jedoch bei weitem nicht aus, um die Flüchtlinge ausreichend versorgen zu können. EPA/EPA / SEDAT SUNA
Das kalte und feuchte Wetter in der Region macht den Vertriebenen zu schaffen. In der Nacht bleiben die Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt. Getty Images Europe / Chris McGrath
Unter den Zehntausenden, die an der Grenze festsitzen, befinden sich viele Kinder und Frauen, da die meisten Männer in Aleppo zurückbleiben, um die Stadt gegen die Armee Assads zu verteidigen. AP/AP / Bunyamin Aygun
Seit rund fünf Jahren ist der Bürgerkrieg in Syrien nun schon im Gange. AP/IHH
Gemäss UNHCR sind bereits über viereinhalb Millionen Syrer ins Ausland geflüchtet. X02255 / OSMAN ORSAL
Hinzu kommen rund drei Millionen Menschen, welche innerhalb des kriegsgeschädigten Landes Schutz suchen. Ein Ende der Tragödie ist nicht absehbar: Die Genfer Friedensgespräche wurden bis Ende Februar vertagt. AP/AP / Bunyamin Aygun
An der Feuerpause ab Samstag um Mitternacht (Ortszeit), die von den USA und Russland vermittelt worden war und auch von den anderen Mitgliedern des UNO-Sicherheitsrats unterstützt wurde, beteiligten sich die syrischen Regierungstruppen mit ihren russischen Verbündeten und fast hundert Rebellengruppen.
Die Terrorgruppen «Islamischer Staat» («IS») und Al-Nusra-Front waren nicht Teil der Vereinbarung. Am Wochenende wurden zwar vereinzelt Kämpfe und Luftangriffe aus verschiedenen Landesteilen gemeldet, doch hielt die Waffenruhe weitgehend.
«Die Leute sind müde»
Der Rebellenkämpfer Abu Scherif berichtete, es sei so ruhig gewesen, dass er von der Front nach Hause zurückkehren konnte. «Es gab keine Angriffe, keine Infiltrationsversuche seitens der Regierungstruppen. Natürlich gab es von Zeit zu Zeit Schüsse, doch weder Artilleriebeschuss noch Luftangriffe», sagte Abu Scherif. Selbst die radikale Islamistengruppe Ahrar al-Scham, die mit der Al-Nusra-Front verbündet ist, sagte zu, sich an die Feuerpause zu halten.
«Erstmals fühlen wir uns in Sicherheit, weil alle die Waffenruhe respektieren», sagte der Händler Bassam Salhab in der Hauptstadt Damaskus, die von der Regierung gehalten wird. Zwar gingen einige Geschosse auf dem Platz der Abassiden nieder, doch gab es keine Opfer, allgemein war es ruhig.
Der 55-Jährige sah in der Feuerpause ein Hoffnungszeichen. «Die Leute sind müde, der Krieg hat bereits zu lange gedauert», meinte Salhab. «Die einzige Lösung ist eine Waffenruhe.» (sda/afp)
Syrien vor dem Krieg
Gebäude an der Sharia al-Quwatli. Flickr / irishtravel
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