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Was ging in Ihrem Kopf ab, als Sie dieses Bild angeschaut haben? 
Was ging in Ihrem Kopf ab, als Sie dieses Bild angeschaut haben? kafi freitag
FragFrauFreitag

Kafi, darf man für den Style die Umwelt verpesten?

Grüezi Frau Freitag. An einem der ersten Frühlingstage radle ich zur Arbeit und eine retro-schicke Dame in einem Velosolex wartet vor mir an der Ampel. Gedanke 1: So cool, sieht gut aus! Gedanke 2: So daneben, wer fährt im Jahre 2017 noch mit so einem Zweitakt-Gletscherschmelzer rum! Gedanke 3: Frag Frau Freitag! Ich weiss, Sie sind als bekennender Auto-Fan nicht neutral. Und zu Recht schreiben Sie immer, dass jede/r machen soll, was für ihn/sie stimmt. Aber für den Style die Umwelt verpesten? Peter, 47
13.03.2017, 10:4713.03.2017, 11:19

Lieber Peter

Vor vielen vielen Jahren ist mir etwas passiert, das mein Weltbild stark verändert hat. Im Parkhaus Letzipark fuhr ich auf einen Parkplatz, der direkt an einen Parkplatz für Behinderte grenzte. Beim Aussteigen sah ich, wie ein schnittiger Porsche recht zackig auf den Behindertenparkplatz bog, hinter dem Steuer ein sehr attraktiver Mann um die 30. Typisch Porschefahrer!, so dachte es mir. Als er die Fahrertür einen Spaltbreit öffnete, nutzte ich die Gelegenheit, ihn in wunderbarster Kafimanier zu fragen, ob er eigentlich behindert sei, oder was. Er antwortete nicht, aber der Kofferraum öffnete sich und eine eingebaute Vorrichtung hievte ihm einen Rollstuhl neben die Fahrertür.

Ich weiss nicht, ob Sie sich vorstellen können, wie sehr ich mich geschämt habe. Es gibt kaum Vokabular dafür, meine Gefühle zu beschreiben, es traf mich sehr tief und sehr nachhaltig.

Was das mit Ihrer Geschichte zu tun hat, fragen Sie? Viel, lieber Peter. In Ihrem Kopf ist ein Strang an Gedanken gestartet, der sich von Bewunderung über den gedanklich erhobenen Zeigefinger zu einer Wertung mit anschliessender Frage entwickelt hat. Dieser Gedankengang passiert so schnell, wir können ihn kaum steuern. So wie ich ihn an jenem Tag im Parkhaus nicht steuern konnte. Nicht selten mündet er in einer Vorverurteilung, die aus unserem eigenen Weltbild hinaus passiert. Das ist so menschlich. Und dennoch manchmal doof. Denn was wissen wir schon?

Wissen Sie, ob diese Frau tagtäglich mit dem Velosolex durch die Stadt kurvt oder ob sie es einmal im Jahr aus der Garage holt und damit den Geburtstag ihres verstorbenen Grossvaters begeht, der ihr das Teil vermacht hat? Wissen Sie, ob diese Frau das Velosolex gedankenlos mit Töfflibenzin betankt, oder ob sie es für viel Geld in einen Elektroroller hat umbauen lassen? Natürlich gibt es dazwischen viele andere Versionen, aber das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass Sie und ich keine Ahnung haben und uns aber dennoch anmassen, darüber zu urteilen, was jemand anderes tut.

Und wie würden Sie darüber denken, wenn Sie wüssten, dass es tatsächlich eine Abgasschleuder ist, die Frau aber ihre ganze Lebensfreude aus dem Fahren damit zieht, die sie dringend braucht, weil sie zu Hause eine sterbende Mutter zu versorgen hat und zwei kleine Kinder, für die der Kindsvater nicht aufkommt, weil er sich kurz nach deren Geburt abgesetzt hat?

Wir Menschen wollen immer bewerten. Das ist ein uralter Instinkt und hat zu Zeiten, als man blitzschnell zu entscheiden hatte, ob der Mann vor der Höhle eine Keule bei sich trägt oder doch eher eine Schweinshaxe, ganz viel Sinn gemacht. Heute laufen wir mit unserer Bewerterei eher in eine Sackgasse. Wir sehen immer nur einen kleinen Ausschnitt und uns fehlt immer das ganz grosse Ganze. Und dabei ist gerade der Kontext so immens wichtig, wenn man über einen Sachverhalt nachdenkt. Um die Frau auf dem Solex könnte ich Ihnen in einer Stunde 50 Geschichten bauen. Vermutlich wäre keine Einzige davon wahr.

Aber natürlich können Sie den Tatbestand des Solexfahrens auch ganz ohne Kontext bewerten. Das tun viele. Aber wird es der Sache wirklich gerecht? Was denken Sie lieber Peter?

Mit herzlichem Gruss und ebensolchem Dank für diese sehr spannende Frage! (Eine ähnliche habe ich im letzten Jahr beantwortet, die Antwort dazu finden Sie hier.)

Ihre Kafi

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Kafi Freitag (41!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 12-jährigen Sohn in Zürich.

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45 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Blitzmagnet
13.03.2017 10:55registriert Juni 2015
Mal wieder tiefgründig und zum Nachdenken anregend.
Damit schon fast eine willkommene Abwechslung zu den Einzeilern ;)
Danke Kafi
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Menel
14.03.2017 09:14registriert Februar 2015
Als Mama einer behinderten Tochter, deren man die Behinderung nicht ansieht und die aber bis sie 4 Jahre alt war nicht richtig stehen, geschweige denn gehen konnte, kenne ich die be- und verurteilenden Blicke, wenn man dieses "gesunde" Kind auch noch mit 4 im Kinderwagen rumfährt.
Mein "Vorteil" war, dass ich einen querschnittsgelähmten Vater hatte/habe und die Blicke schon von klein auf kannte. Man gewöhnt sich daran und wenn man gut drauf ist, macht man auch seine Spässe damit. Es prägt aber auch die Sicht auf eine Gesellschaft und was man von ihrer Meinung hält.
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Raphael Stein
13.03.2017 11:29registriert Dezember 2015
Wir Menschen wollen immer bewerten...und werden bewertet.
Ueberbewertet, abgewertet, unterbewertet...
Scheint eine Wertegemeinschaft zu sein.
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«Gfollowt, highgfivet» – Wenn ihr Swinglish braucht, dann darf ich das auch
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