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Wie halten Gott und Allah das Leid der Gläubigen auf der Erde aus?

epa06959718 Muslim pilgrims rest near Mount Arafat, near Mecca, Saudi Arabia, 20 August 2018. Around 2.5 million Muslims are expected to attend this year's Hajj pilgrimage, which is highlighted b ...
Pilger in Mekka suchen im Schatten Schutz vor der Hitze.Bild: keystone
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Wie halten Gott und Allah das Leid der Gläubigen auf der Erde aus? Sind sie ihnen egal?

Geistliche und Theologen geraten in eine Argumentationsnot, wenn sie erklären sollen, weshalb Gott das Elend auf der Welt zulässt.
06.07.2024, 08:0007.07.2024, 10:04
Hugo Stamm
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Früher war die Kirche noch im Dorf. Die Gläubigen gingen am Sonntag in den Gottesdienst, und der Pfarrer verkündete das Wort Gottes. Angezweifelt wurden die Dogmen in der Regel nicht, schliesslich stützte er sich auf die Bibel, die als Wort Gottes aufgefasst wurde. Der Geistliche stellte meist einen Bibelvers an den Anfang der Predigt.

Man glaubte an Gott, weil (fast) alle ihm glaubten. Und weil die Kirche eine mächtige Institution war. Der Glaube gehörte irgendwie zur sozialen DNA. Grundsätzliche Zweifel an Gott und dem christlichen Glauben galten rasch als Blasphemie oder Ketzerei.

Autorität der Pfarrer geriet ins Wanken

Mit der 1968er-Revolte holten die Intellektuellen und Freidenker den Pfarrer von der Kanzel, Kritik am Glaube und der Kirche waren nicht mehr tabu. Ausserdem nagten die Individualisierung und Säkularisierung am Fundament der Kirchen, die sich der Diskussion stellen mussten. Die Frage, ob Gott tatsächlich existiert oder nur ein Gedankenkonstrukt ist, um die Angst vor dem Tod zu mildern und die Hoffnung auf ein Leben danach in paradiesischen Zuständen zu führen, war kein Sakrileg mehr.

Die meisten Skeptiker liessen sich nicht auf eine vertiefte theologische Diskussion ein. Vielen fehlte der theologische Hintergrund, und Dispute mit Frommen waren unergiebig, weil sie eben gläubig waren, was eine intellektuelle Auseinandersetzung verunmöglichte.

Die Agnostiker und Atheisten versuchten die Gläubigen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Kernpunkt war der Glaube, ihr Gott sei als Schöpfer allmächtig, barmherzig und gütig. Schliesslich wurde er als Vater im Himmel dargestellt, der als guter Hirte für seine Schäfchen auf der Erde sorgt.

Eine Abhandlung aus ethischer Sicht, weshalb Gott Leid und Elend auf der Erde zulässt.Video: YouTube/Ethik-Abi by BOE

Damit gruben die Gläubigen in den Augen der Skeptiker ihre eigene Falle. Wo ist dein gütiger Gott, wenn Kleinkinder an Krebs sterben, im Krieg Spitäler bombardiert werden und Soldaten Frauen und Kinder vergewaltigen und massakrieren, fragten sie.

Das schlagendste Argument lieferten den Kritikern die Nazis im Dritten Reich mit dem Holocaust: Wo war euer Gott, als Millionen von Juden, die zum auserwählten Volk Gottes gehörten, umgebracht wurden, wollten die Atheisten wissen. Plausible Antworten konnten die Theologen und Geistlichen nicht liefern, obwohl sie unzählige Schriften und Bücher zu diesem Thema verfassten. Dieses Phänomen wird unter dem Fachbegriff «Theodizee» zusammengefasst.

Das Dilemma: Wie kann der liebende Gott, der uns Menschen angeblich nach seinem Ebenbild geschaffen hat, das allgegenwärtige Leid und Böse ertragen?

Fehlt ihm das Mitgefühl für seine Geschöpfe? Oder ist er unfähig, in den Lauf der Welt einzugreifen?

Viele Gläubige erklären das Paradox mit dem Argument, dass Gott uns Menschen einen freien Willen gegeben habe. Also die Freiheit, nicht an Gott zu glauben und Böses zu tun. Das ist nicht plausibel und ein Ablenkungsmanöver. Das würde bedeuten, dass Gläubige den Skeptikern und Atheisten moralisch und ethisch überlegen wären. Es ist aber zu bezweifeln, dass Gläubige «bessere Menschen» sind.

Doch nicht nur Christen glauben, dass Gott in der Welt präsent ist und ins Schicksal der Menschen eingreifen kann. Auch Muslime sind überzeugt, dass Allah den Rechtgläubigen beisteht. Schon im Diesseits.

radar-reuters Der Menschenstrom reißt nicht ab: Hunderttausende Pilger halten sich derzeit im saudi-arabischen Mekka auf, um die Pilgerreise Hadsch zu begehen. Jeder gesunde Muslim, der finanziell daz ...
Pilger im saudi-arabischen Mekka.Bild: kaltura://1789921/178992100/66000/1_6xz4v3cd

Doch auch sie erleben immer wieder, dass Allah durch Abwesenheit glänzt, wenn Gläubige in Not sind. Auf der Pilgerreise nach Mekka, der heiligsten Stätte des Islam, starben vor wenigen Tagen rund 1300 Muslime den Hitzetod bei über 50 Grad. Sie pilgerten zu Ehren Allahs zum schwarzen Schrein, doch er kam ihnen beim Todeskampf nicht zu Hilfe. Immerhin gehört die Hadsch zu den fünf heiligen Pflichten der Muslime.

Ist die Existenz Gottes ein Mythos?

Für Skeptiker ist klar: Wenn Allah nicht einmal bei diesem heiligen Ritual den todgeweihten Pilgern zu Hilfe eilt, dann tut er es wohl nie. Das ist für sie ein klarer Hinweis, dass seine Existenz ein Mythos ist.

Der französische Schriftsteller Stendhal (1783–1842) hat gesagt: «Die einzige Entschuldigung für Gott ist, dass es ihn nicht gibt!» Atheisten bezeichnen die Theodizee-Frage gern als den «letzten Sargnagel» für den Gottesglauben.

Gottes Abwesenheit hat schon Jesus am Kreuz erlebt, rief er doch: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»

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Hugo Stamm, Sektenblog
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Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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889 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Händlmair
06.07.2024 08:20registriert Oktober 2017
Etwas was nicht existiert, kann auch keine Empathie für irgend etwas auf der Erde haben. Das spezielle an dieser Frage ist, mit welchen Erklärungsversuche die Gläubigen, Massenmorde, Naturkatastrophen oder Kriege erklären.

Es sei eine Prüfung Gottes. Wie oft sollen Menschen noch geprüft werden? Es wäre eine Läuterung, damit Gläubige stärker werden. In dem das man Sie tötet? Es wäre Gottes Plan. Es sei eine Strafe, Aufgrund der begangenen Sünden.
Oder Gott lehrt damit die Menschen in Demut zu leben.


Schlechtere Ausreden gibt es wirklich nicht mehr!
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Lucida Sans
06.07.2024 10:00registriert Februar 2017
Nicht irgendein ‚liebender Gott’ hat uns erschaffen. Wir selbst haben uns Gott in diversen Ausprägungen geschaffen. Da diese Geschöpfe nur in unseren Köpfen existieren und in erster Linie als Mittel der Macht genutzt werden, ist es völlig unsinnig, die Frage nach der Betroffenheit dieser Gedankengebilde zu stellen.
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Hermes Trismegistos
06.07.2024 08:17registriert Dezember 2022
Was nicht ist, kann nicht helfen.
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889
Mal eine klarmachen ...
Da Lara und ich nicht exklusiv sind, könnte ich ja anderweitig Sex haben. Aber nur weil ich könnte, heisst das noch lange nicht, dass ich kann.

Bis vor zwei Wochen war alles gut. GUT! Für alle, die mehr Adjektive von mir wollen, gut muss gut genug sein. Gut ist in meiner Welt, wenn es um Frauen und Sex und Sex mit Frauen und Frauen, die mit anderen Sex haben, während sie auch mit mir Sex haben, weil sie nicht nur mit mir Sex haben wollen, obwohl sie vor allem mit mir Sex haben wollen, aber weil sie ja können, was sie wollen, ach, was rede ich, gut ist viel mehr als gut, wenn es um Lara geht. Oder besser gesagt, es war alles gut.

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