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Die Grafik zeigt, dass der E-Banking-Trojaner GOZI bei einer früheren Angriffswelle 1500 Computer infizierte – an einem Tag. Am meisten Betroffene gab es in Zürich und Genf.
Die Grafik zeigt, dass der E-Banking-Trojaner GOZI bei einer früheren Angriffswelle 1500 Computer infizierte – an einem Tag. Am meisten Betroffene gab es in Zürich und Genf.
bild: switch

Erneuter Angriff auf «20 Minuten»-Leser: Sicherheitsexperte zeigt sich sehr besorgt

Kaum war die Bedrohung durch den E-Banking-Trojaner GOZI auf 20minuten.ch beseitigt, taucht schont der nächste Schädling auf: Der Schweizer IT-Sicherheitsexperte Serge Droz erklärt, was es mit den Attacken auf das News-Portal auf sich hat.
11.04.2016, 14:12

Herr Droz, unser Interview wird von der Aktualität eingeholt. «20 Minuten» ist schon wieder attackiert worden.
Ja, wir sind am Abklären.

Ist es wieder der gleiche E-Banking-Trojaner?
Nein. Dieses Mal ist auch nicht die Infrastruktur von «20 Minuten» kompromittiert worden. Der Angriff erfolgte über ein europäisches Werbe-Netzwerk. Solche Angriffe gibt es seit vergangenem Wochenende auch auf niederländische Webseiten.

Wie schlimm ist das?
Wir klären zur Zeit ab. Das IT-Sicherheitsunternehmen Fox IT hat in seinem Blog Hintergrund-Informationen zu der gross angelegten Malvertising-Kampagne veröffentlicht.

«20 Minuten» bei dir gesperrt?
Mehrere grosse Schweizer Unternehmen blockieren aus Sicherheitsgründen den Zugriff auf 20minuten.ch. Neben dem Bund, Swisscom, Post, Suva und Migros hat auch das grösste Universitätsspital des Landes, das Berner Inselspital, das grösste News-Portal der Schweiz auf die schwarze Liste gesetzt. Das Inselspital gehört zur Insel Gruppe AG – mit rund 10‘000 Mitarbeitern der grösste nichtstaatliche Arbeitgeber im Kanton Bern. 

Bitte schreibe uns, falls auch dein Unternehmen «20 Minuten» gesperrt hat. Wir sind unter digital@watson.ch zu erreichen.
Laut Mitteilung auf 20minuten.ch waren beim neuerlichen Angriff wiederum Windows-Computer in Gefahr. Sie könnten mit dem Trojaner Bedep infiziert worden sein.  
Laut Mitteilung auf 20minuten.ch waren beim neuerlichen Angriff wiederum Windows-Computer in Gefahr. Sie könnten mit dem Trojaner Bedep infiziert worden sein.  
screenshot: 20minuten.ch
Neue Malware-Attacke
20minuten.ch sei erneut Ziel einer Malware-Attacke geworden, hiess es am Montagmittag auf der Website von «20 Minuten». Schuld sei ein verseuchtes Netzwerk eines externen Werbeanbieters, dessen Anzeigen auf 20minuten.ch eingebunden waren. Alle Anzeigen dieses Anbieters seien daraufhin umgehend deaktiviert wordent.


Bei der besagten schädlichen Software handle es sich um einen Trojaner namens «Bedep». Nach ersten Erkenntnissen seien wiederum nur Windows-Systeme in Gefahr, heisst es weiter. Befinde sich «Bedep» einmal auf dem System, versuche das Tool weitere Hintertüren für Angreifer zu öffnen. (sda)

Wie beurteilen Sie die Angriffe auf die Leserinnen und Leser von «20 Minuten»?
Die jüngsten Ereignisse sind sehr besorgniserregend. Seiten wie «20 Minuten» haben sehr hohe Besucherzahlen, sodass die daraus resultierenden Virusinfektionen gross sind.

Wie gefährlich ist der E-Banking-Trojaner, der letzt Woche via «20 Minuten»-Website ahnungslose Opfer befiel?
GOZI ist der zur Zeit aktivste E-Banking-Trojaner in der Schweiz und verursacht bei den betroffenen Banken, respektive deren Kunden Verluste.

«Hier gilt es eine Verantwortung wahrzunehmen, auch wenn das Geld kostet.»

Was wissen Sie über die Angreifer?
GOZI wird von mehreren Gruppen eingesetzt. In unserem Fall handelt sich um eine Gruppierung, die sich auf Schweizer Banken und deren Kunden konzentriert. Einiges deutet daraufhin, dass die Kriminellen aus dem russischen Raum stammen.

Angreifbar waren nur Windows-Computer?
Das ist richtig. Ausgenutzt wurde eine Sicherheitslücke in Flash. Am letzten Freitag hat übrigens Flash-Entwickler Adobe mit einem Notfall-Update reagiert.

Das grösste News-Portal des Landes als Malware-Schleuder. Darf das passieren?
Nein, so etwas dürfte klar nicht passieren.

Serge Droz ist Sicherheitsexperte bei <a href="https://www.switch.ch/de/" target="_blank">Switch</a>.
Serge Droz ist Sicherheitsexperte bei Switch.
bild: zvg

Switch betreut und überwacht das Hochschul-Netzwerk, kommt es dort auch zu solchen Angriffen?
Ja, auch Angehörige der Schweizer Hochschulen sind betroffen. Wir sehen pro Tag über 100 Zugriffe auf die Angreifer-Infrastruktur, weil der Trojaner ja versucht, eine Verbindung herzustellen. Die betreffenden Nutzer werden von uns informiert.

Wenn man bei Sucuri.net einen Online-Malware-Check machte, wurden sowohl 20min.ch als auch Blick.ch auch zwei Tage nach der Attacke als gefährdet angezeigt. Handelt es sich dabei um ernstzunehmende Warnungen?
20min.ch ist nun aufgeräumt. Und auch der «Blick» scheint jetzt sauber zu sein. Bei der Warnung handelte es sich wohl genau um ein Werbebanner, das von einer Drittseite kommt.

Soll man sich demnach nicht auf die Warnungen bei Sucuri.net verlassen?
Sucuri ist eigentlich eine gute Webseite. Allerdings sind die Aktualisierungen relativ langsam. Internet-Nutzer sollten sich darauf konzentrieren, den eigenen Computer abzusichern. System- und Browser-Software müssen aktuell sein. Ausserdem gibt es Antiviren-Programme, die über ein Plugin Schutz vor Infektionen bieten. Mit diesen Vorsichtsmassnahmen ist das Risiko deutlich geringer.

Auf <a href="https://www.swiss-isa.ch/de/sicherheitspruefung-ihres-computers-und-internetanschlusses/" target="_blank">dieser Website</a> kann man einen Online-Check durchführen.
Auf dieser Website kann man einen Online-Check durchführen.
screenshot: swiss-isa.ch

Im Februar haben Sie mit einem anderen IT-Sicherheitsexperten von Switch den Beitrag «Angriff der Killer-Werbung» veröffentlicht, der aufzeigt, wie Malware über manipulierte Online-Werbung auf Computer gelangen kann. Was sollen Medienhäuser tun, um die Leser zu schützen?
Das Problem ist das Einbinden von Drittinhalten, welche selber nicht kontrolliert werden. Hier ist mehr Vorsicht angebracht. Medienhäuser, wie eigentlich alle Betreiber populärer Websites, müssen sicherstellen, dass ihre Infrastruktur vor Angriffen geschützt ist. Es gilt eine Verantwortung wahrzunehmen, auch wenn das Geld kostet.

«Dass populäre Webseiten Ihre Probleme nicht in den Griff kriegen, ist eher ungewöhnlich und und im konkreten Fall auch etwas besorgniserregend.»

Können Ad-Blocker die Gefahren von auf Webseiten verstecktem, bösartigem Code – Javascript, Flash etc. – minimieren?
Werbeblocker verhindern, das Malware über Werbung, die ja oft von dritten Webseiten her kommt, den Besucher erreicht. Ad-delivery-Netzwerke sind interessante Angriffsziele, eben weil sie so viele Besucher erreichen und oftmals nicht den Sicherheitsanforderungen genügen, die ihre Verbreitung verlangen würde.

Sollten die Internet-Nutzer nicht sofort nach Bekanntwerden einer verseuchten Website gewarnt werden?
Als erstes sollten Betreiber infizierter Webseiten entweder das Problem lösen oder falls sie dazu nicht sofort in der Lage sind, die Website vom Netz nehmen. Und ja: die Besucher sollten auf das Problem aufmerksam gemacht werden, damit sie ihre eigenen Systeme auf allfällige Infektionen überprüfen können.

Das hat beim «20 Minuten»-Hack nicht geklappt. Bis zu einer ersten Warnung dauerte es über drei Stunden.
Was mich persönlich gestört hat, ist die schlechte Kommunikation. Die Webseiten-Besucher wurden zu lange nicht richtig informiert. In solchen Situationen wäre es besser, wenn man hinsteht und sagt: «Wir haben Mist gebaut.» Das würde zur Glaubwürdigkeit beitragen.

Auf der Switch-Website gibt es weiterführende Informationen.<br data-editable="remove">
Auf der Switch-Website gibt es weiterführende Informationen.
screenshot: switch.ch

Der Chef von MELANI sagt, dass seine Behörde keine Weisungsbefugnis habe gegenüber Unternehmen. Der Bund kann also niemanden verpflichten, eine Bedrohung öffentlich zu machen. Bräuchte es nicht eben doch eine nationale Warnzentrale?
Switch informiert Webseiten-Betreiber, die Malware verteilen und gibt ihnen 24 Stunden Zeit, das Problem zu lösen. Danach stellen wir die Domain ab. Wir finden es zur Zeit konstruktiver, mit den Webseiten-Betreibern zusammen das Problem zu lösen, statt auf «Naming und Shaming» zu setzen. Da kann ich vor allem den grossen Providern, wie Swisscom und Sunrise, ein Kränzchen winden. In den meisten Fällen werden die Probleme dann auch schnell gelöst, in der Regel innert einer halben Stunde.

Im Januar hatte es noch von Ihrer Seite geheissen, die Zahl der Malware-Fälle bei Schweizer Domains habe 2015 abgenommen. Dies scheint aber nur für Phishing zu gelten. Weichen die Kriminellen auf andere Methoden aus, wie eben das Manipulieren von Online-Werbung auf bekannten Websites?
Die meisten Webseiten-Betreiber lösen Ihre Probleme sehr zeitnah, und das widerspiegelt sich in der Infektionsrate der Schweiz, die im internationalen Vergleich sehr tief ist. Dass populäre Webseiten Ihre Probleme nicht in den Griff kriegen, ist eher ungewöhnlich und und im konkreten Fall auch besorgniserregend. Aber normal ist es nicht.

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