Ein Krankenpfleger wird zur Gefahr für Trumps Präsidentschaft
Demut ist ein Begriff, für den es in Donald Trumps Wortschatz keinen Platz gibt. Der US-Präsident spricht mit Vorliebe im Superlativ, und auf Kritik – selbst berechtigte – reagiert er dünnhäutig bis aggressiv. Zuletzt aber erlebten die Amerikaner einen kleinlauten Trump. Erstmals in seiner zweiten Amtszeit befindet er sich in echten Schwierigkeiten.
Anlass ist die Tötung des Krankenpflegers Alex Pretti am letzten Samstag in Minneapolis. Anfangs war die Trump-Regierung wie gewohnt im Angriffsmodus. Heimatschutzministerin Kristi Noem bezeichnete Pretti als «inländischen Terroristen», der sich Grenzschützern mit einer Waffe in der Hand genähert habe. Doch diese Version erwies sich rasch als unhaltbar.
In einem Bericht der Grenzschutzbehörde CBP, in den der Sender CBS Einsicht hatte, ist keine Rede von einer Waffe. Tatsächlich zeigen mehrere Videos, dass Pretti ein Smartphone in der Hand hatte. Und die Pistole, die Pretti tatsächlich in seinem Hosenbund trug, wurde ihm abgenommen, bevor zwei Grenzschützer die tödlichen Schüsse auf ihn abgaben.
«Moralischer Fehlschlag»
Seither befinden sich die USA in Aufruhr. Die «Washington Post», deren Meinungsressort seit Trumps Rückkehr nach rechts gerückt ist, bezeichnete die «unrechtmässige Tötung» von Alex Pretti in einem Kommentar als «Wendepunkt in Trumps zweiter Amtszeit». Seine Kampagne zur Massenabschiebung sei «ein moralischer und politischer Fehlschlag».
Der Instinktmensch Trump erkannte die Gefahr durchaus. Am Samstag hatte er noch in gewohnter Manier um sich geschlagen, wobei er nicht Alex Pretti ins Visier nahm, sondern Jacob Frey, den Stadtpräsidenten von Minneapolis, und Tim Walz, den Gouverneur des Staates Minnesota. Am Montag telefonierte er mit beiden und äusserte sich voll des Lobes.
Schon die zweite Tötung
Bereits am Sonntagabend hatte sich der Präsident in einem Telefoninterview mit dem «Wall Street Journal» ungewohnt zurückhaltend geäussert. Seine Regierung werde den Fall «gründlich untersuchen». Tags darauf liess er den Grenzschutz-Kommandanten Greg Bovino, der gerne Nazi-ähnliche Uniformen trägt, aus Minneapolis entfernen.
Warum aber sorgt der Tod von Alex Pretti für derartigen Aufruhr? Am 7. Januar war bereits die 37-jährige dreifache Mutter Renée Nicole Good in Minneapolis von einem Agenten der Fremdenpolizei ICE unter ähnlich dubiosen Umständen erschossen worden. Doch Good war mit einer Frau verheiratet und damit für viele im rechten Spektrum mehr Täterin als Opfer.
Fünfjähriger «Lockvogel»
Für Stirnrunzeln sorgte der Fall des fünfjährigen Liam Ramos, den ICE-Agenten ebenfalls in Minneapolis offenbar als «Lockvogel» eingesetzt hatten, um seinen aus Ecuador stammenden Vater festzunehmen. Dabei hatte dieser ein Asylgesuch eingereicht. Vizepräsident JD Vance musste sich letzte Woche bei seinem Besuch in der Stadt dafür rechtfertigen.
Doch erst die Tötung des 37-jährigen Alex Jeffrey Pretti brachte das Fass zum Überlaufen. Und das nicht ohne Grund. Er arbeitete als Krankenpfleger auf der Intensivstation eines staatlichen Spitals für Kriegsveteranen. Er hatte keine Vorstrafen, und für die Pistole, die er bei sich trug, besass er einen Waffenschein. Ein «dümmeres» Opfer als ihn konnte es kaum geben.
In der Waffen-Falle
Dennoch versuchten Mitglieder der Trump-Regierung, ihm die Pistole zum Vorwurf zu machen, etwa FBI-Direktor Kash Patel. Selbst der Präsident stolperte bei einem Auftritt in Iowa am Dienstag in diese Falle. Darüber ärgert sich nicht nur die Waffenlobby NRA. Für Amerikas Konservative ist das Waffentragen normalerweise ein sakrosanktes Recht.
Doch nicht nur diese Gewissheit wird durch die Tötung von Pretti, die einer Hinrichtung ähnelt, infrage gestellt. Es geht auch um die mit Milliardensummen finanzierte Jagd von ICE und Grenzschutz auf «illegale» Einwanderer, mit der die Trump-Regierung zwei Ziele verfolgt. Man will Hochburgen der demokratischen Partei wie Portland, Chicago und Los Angeles einschüchtern.
Migranten abschieben
Minneapolis und der Staat Minnesota schienen ein besonders «dankbares» Ziel zu sein, denn kürzlich wurde ein gigantischer Sozialhilfebetrug aufgedeckt, in den vorab Menschen somalischer Herkunft verwickelt sind. Tim Walz, 2024 noch Vizepräsidentschaftskandidat von Kamala Harris, verzichtet deshalb auf eine erneute Kandidatur als Gouverneur.
Dieser Aspekt rückt durch die Tötungen in den Hintergrund. Stattdessen wird vermehrt über den eigentlichen Zweck der «Übung» debattiert. Gemäss der Trump-Regierung sollen die Agenten Verbrecher festnehmen. In Wirklichkeit will sie so viele Migranten wie möglich abschieben, auch wenn sie sich wie der Vater von Liam Ramos im Asylverfahren befinden.
Weisse Vorherrschaft
Für Kritiker wie den demokratischen Senator Chris Murphy geht es um die identitär-rassistische Agenda, die vor allem von Scharfmacher Stephen Miller vorangetrieben wird. Der stete Zustrom von Einwanderern aus Lateinamerika soll nicht nur gestoppt, sondern rückgängig gemacht und die Vorherrschaft der weissen Amerikaner bewahrt werden.
Schäden für die Wirtschaft werden in Kauf genommen, denn die meisten dieser Einwanderer arbeiten und zahlen Steuern, auch wenn sie ohne gültige Papiere im Land sind oder als Asylbewerber einen «halblegalen» Status besitzen. Auch Stephen Miller hatte die Schüsse auf Alex Pretti in einer ersten Reaktion verteidigt, doch nun geht er auf Distanz.
Fokus auf Kriminelle
In einer Stellungnahme kündigte der stellvertretende Stabschef des Weissen Hauses eine Untersuchung an, ob der Grenzschutz bei der Konfrontation gegen Vorschriften verstossen hat. Präsident Trump entsandte zudem «Grenz-Zar» Tom Homan nach Minneapolis. Laut US-Medien soll er den Fokus auf das offizielle Ziel richten: die Suche nach Kriminellen.
Dazu passt, dass Trump auf Fox News eine Deeskalation in Aussicht stellte. «Die meisten Amerikaner wollen eine sichere Grenze und die Ausschaffung gewalttätiger Verbrecher», heisst es im Kommentar der «Washington Post». Die Übergriffe des letzten Jahres jedoch könnten «seine Präsidentschaft zerstören und noch mehr Tragödien verursachen».
