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Donald Trump will 2024 wieder US-Präsident werden: Das sind die Gründe

Former President Donald Trump acknowledges supporters at a rally, Sunday, Oct. 9, 2022, in Mesa, Ariz. (AP Photo/Matt York)
Donald Trump und seine Fans: Rund 40 Prozent der republikanischen Basis folgen ihm bedingungslos.Bild: keystone
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Trump tritt wieder an: Das sind die Gründe für sein Comeback

Seit den missglückten Midterms gilt Donald Trump als Loser. Immer mehr Republikaner möchten den polarisierenden Ex-Präsidenten loswerden. Doch der will nicht weichen.
16.11.2022, 08:0317.11.2022, 08:53
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Er hatte es bei seinem Wahlkampfauftritt in Dayton (Ohio) angetönt. Am Dienstagabend schritt Donald Trump zur Tat: In seiner Residenz Mar-a-Lago in Palm Beach (Florida) verkündete der 76-Jährige seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2024. Sie kommt nicht überraschend, doch viele Republikaner werden insgeheim gestöhnt haben.

Denn Trumps Winner-Image ist seit den Zwischenwahlen von letzter Woche ruiniert. Der Erdrutschsieg, den sich die Republikaner aufgrund der idealen Umstände und der Umfragen erhofft hatten, fand nicht statt. Sie werden zwar das Repräsentantenhaus kontrollieren, doch im gewichtigeren Senat haben weiterhin die Demokraten das Sagen.

A supporter of former President Donald Trump walks the ballroom floor at the Republican watch party in Scottsdale, Ariz., Wednesday, Nov. 9, 2022. (AP Photo/Ross D. Franklin)
Ein Trump-Anhänger am Tag nach der Wahl in Scottsdale (Arizona): Wo ist die «rote Welle» geblieben?Bild: keystone

Manche können es noch immer nicht fassen, dass die allgemein erwartete «rote Welle» ausgeblieben ist. «Ich fühle mich wie ein Typ, dessen Kompass dermassen verrückt spielt, dass ich nicht weiss, wo Norden liegt», sagte etwa das alte Schlachtross Newt Gingrich, ein Ex-Speaker des Repräsentantenhauses, der Washington Post.

«Donald Trump muss weg, Punkt»

Der Schuldige wurde rasch ausgemacht: Donald Trump. Er hatte für wichtige Posten in den Swing States Kandidaten durchgeboxt, die seine Lüge vom gestohlenen Wahlsieg 2020 unterstützten und teilweise offen erklärten, sie würden 2024 für das «richtige» Resultat sorgen. Sie scheiterten allesamt, zuletzt Kari Lake, die Gouverneurin von Arizona werden wollte.

Trumps Leugnung von Joe Bidens Wahlsieg und seine Angriffe auf die Demokratie haben eine resolute Gegenreaktion ausgelöst. Immer mehr Republikaner wollen die Ära Trump abhaken und nach vorn schauen, darunter gewichtige Parteispender. «Donald Trump muss weg, Punkt», sagte Bobbie Kilberg, eine grosse Geldgeberin aus Virginia, der «Washington Post».

Das Problem ist, dass Trump nicht weichen will. Es sind vor allem drei Gründe, die ihn zur erneuten Kandidatur veranlasst haben:

Das Ego

Donald Trump ist ein Loser, lautete die allgemeine Einschätzung nach den Midterms. Für sein enormes Ego allerdings existiert dieses Wort nicht. Er hält sich für einen geborenen Sieger, obwohl schon seine Bilanz als Unternehmer gelinde gesagt durchzogen war und seine vier Jahre im Weissen Haus durch permanentes Chaos geprägt waren.

Deshalb bringt es Trump auch nicht fertig, seine Wahlniederlage gegen Joe Biden zu akzeptieren. Und deshalb hält er sich für den Einzigen, der fähig ist, die USA wovor auch immer zu retten («Save America» lautet sein aktueller Wahlkampfslogan). Seine erneute Kandidatur für die Präsidentschaft ist die logische Folge von so viel Selbstherrlichkeit.

Die Justiz

Donald Trump ist berüchtigt für seine Prozessfreudigkeit. Nun aber sitzt ihm die Justiz selber im Nacken. Vier hochkarätige Fälle stechen heraus. Weit fortgeschritten ist ein Verfahren im Bundesstaat New York. Dort hat Justizministerin Letitia James im September eine Zivilklage gegen die Trump Organization wegen Betrugs und Steuerhinterziehung eingereicht.

In drei weiteren Fällen droht Trump sogar eine Strafklage. So hat die Hausdurchsuchung des FBI in Mar-a-Lago ergeben, dass der Ex-Präsident bei seinem Auszug aus dem Weissen Haus hochgeheimes Material mitgehen liess. Und im Bundesstaat Georgia wird gegen Trump und seine Entourage wegen Anstiftung zum Wahlbetrug ermittelt.

Das gewichtigste Verfahren aber betrifft den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021, der sich immer mehr als geplanter Staatsstreich entpuppte. Der Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses dürfte seinen Bericht im Dezember vorlegen. Danach muss Justizminister Merrick Garland entscheiden, ob und wie er gegen Trump vorgehen will.

Noch ist Donald Trump selber in keinem dieser Fälle angeklagt. Und die Hürden für eine Verurteilung sind hoch, denn der Ex-Präsident wird ein Heer von Anwälten mobilisieren. Noch besser ist es für ihn, sich nochmals in Weisse Haus wählen zu lassen. Als amtierender US-Präsident könnte er sich eine juristische Atempause verschaffen.

Die Basis

Donald Trump verfügt nach wie vor über beträchtlichen Rückhalt bei der Parteibasis. Whit Ayres, ein Meinungsforscher für die Republikaner, hat sie gegenüber der «Washington Post» in drei Gruppen eingeteilt. Rund 10 Prozent sind demnach «Never Trumpers», die ihn kategorisch ablehnen. 50 Prozent sind «Maybe Trumpers», die zum Bruch bereit wären.

Das Problem sind die 40 Prozent, die Ayres als «Always Trumpers» bezeichnet. Sie folgen ihrem Helden bedingungslos und würden ihn niemals fallen lassen. Diese Hardcore-Fans sind Trumps grösster Trumpf gegenüber seiner Partei und Motivation, um erneut anzutreten. Denn es ist schwer vorstellbar, dass die Republikaner auf sie verzichten wollen.

An sich sehen viele Republikaner ein, dass sie mit Donald Trump keinen Blumentopf mehr gewinnen können. Einige haben ihre Ambitionen für die Präsidentschaft mehr oder weniger klar formuliert, etwa Ex-Vizepräsident Mike Pence, Chris Christie, der frühere Gouverneur von New Jersey, oder Larry Hogan, der abtretende Regierungschef des Staates Maryland.

Andere halten sich noch bedeckt, vor allem Ron DeSantis, auf den viele grosse Hoffnungen setzen. Auch Ex-Aussenminister Mike Pompeo oder Glenn Youngkin, der Gouverneur von Virginia, sondieren offenbar eine mögliche Kandidatur. Offen bleibt, ob sie es wirklich wagen werden, Trump in einer republikanischen Vorwahl herauszufordern.

Nach dem 6. Januar 2021 sah es schon einmal so aus, als ob die Republikaner bereit wären, sich vom polarisierenden Ex-Präsidenten loszusagen. Schon bald aber huldigten sie ihm erneut, auch wegen seiner Fangemeinde. Trump weiss das genau, und deshalb kandidiert er erneut. Darüber freuen können sich vor allem Joe Biden und die Demokraten.

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Donald Trump verlässt das Weisse Haus
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Donald Trump verlässt das Weisse Haus
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quelle: keystone / manuel balce ceneta
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77 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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International anerkannter Experte für ALLES
16.11.2022 06:42registriert Juli 2021
Da fehlt noch (neben Punkt 1): Das Ego, das Ego und dann natürlich noch das Ego. Ego nicht zu vergessen.
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rodolofo
16.11.2022 07:01registriert Februar 2016
Trump ist "der amerikanische Berlusconi".
Ich denke, das reicht als Erklärung völlig aus.
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Gurgelhals
16.11.2022 07:04registriert Mai 2015
Gemäss diesem Auftritt von heute Nacht befindet sich Trump nun definitiv in der "abgehalfterten Las Vegas"-Phase seiner "Rockstar"-Karriere.

Ich hoffe jedenfalls, er brennt in den kommenden zwei Jahren die Republikanische Partei verdientermassen auf ihre Grundfesten nieder. Das Best Case Szenario wäre: Er verliert die Vorwahlen und versaut dann der Partei die Wahlen indem er als unabhängiger Kandidat antritt.
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