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epa07299460 Bavarian Prime Minister Markus Soeder (R) and his predecessor, German Minister of Interior, Construction and Homeland Horst Seehofer (L) look into different directions after Soeder was elected the new party chairman at a convention of the Christian Sosial Union (CSU) party, in Munich, 19 January 2019.  The extraordinary CSU party convention elected Soeder, 52, as their new party leader, succeeding Horst Seehofer.  EPA/PHILIPP GUELLAND

Horst Seehofer und Markus Söder: Beide sind einander in inniger Abneigung verbunden. Bild: EPA/EPA

«Sorry, Horst»

Markus Söder übernimmt den CSU-Vorsitz. Er gibt sich demütig und geläutert vom Streitjahr 2018. Horst Seehofer wird lieblos verabschiedet – Innenminister will er bleiben.

Michael Schlieben / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Es geht nicht ohne Frotzelei. Auch jetzt nicht, trotz halbwegs geglückter Wahl zum neuen CSU-Vorsitzenden und obwohl er sich gerade zum symbolträchtigen Bild mit Annegret Kramp-Karrenbauer aufstellt. Auch jetzt lässt Markus Söder es sich nicht nehmen, seinem Vorgänger Horst Seehofer auf offener Parteitagsbühne noch einen mitzugeben.

«Zwei Fehler» von Seehofer werde er diesmal nicht wiederholen, sagt Söder, an Kramp-Karrenbauer gewandt. Er wolle die CDU-Chefin diesmal nicht ohne Blumen empfangen. Und er wolle jetzt selbst gar nicht lange reden. Söder erinnert damit an eine Szene, die sich ins kollektive Gedächtnis der Union eingebrannt hat: Wie Seehofer 2015 Angela Merkel vor all den CSU-Delegierten demütigte. Wie er sie minutenlang belehrte, wie schlecht ihre Politik doch sei.

Das Plenum lacht. Seehofer grinst schief. «Sorry, Horst», ruft Söder.

Beide sind einander seit Jahren in inniger Abneigung verbunden. Seehofer wollte verhindern, dass Söder sein Nachfolger wird. Söder wiederum tat viel dafür, es trotzdem zu schaffen. Das ist allen bekannt. Wer es vergessen hat: Auf dem Parteitag wird es immer wieder betont, nicht zuletzt von Seehofer und Söder selbst. Oft in genau diesem Ton, als Anekdote, als Spässchen, in dem aber auch ein gewaltiger Funke Wahrheit mitschwingt.

Weissbier statt Kaffee

Keine Frage: Die CSU ist eine unterhaltsame Partei mit einem gewissen Hang zur Theatralik. Das Sticheln und Spasseln gehört hier zur politischen Kultur. Die Delegierten, die schon vormittags mehr Weissbier als Kaffee trinken, goutieren das durchaus. Hart geführte innerparteiliche Machtkämpfe haben in Bayern Tradition. An einen mitunter grantigen, nachtragenden Umgang in den Führungsgremien hat man sich gewöhnt. Gleichzeitig hat die CSU aber auch das Selbstverständnis der quasi ewigen Regierungspartei. Das zwingt zum Pragmatismus, dazu, sich immer wieder zusammenzuraufen. Da dürfen die oft persönlich motivierten Zwiste nicht ausufern. Dabei hilft Humor.

Dennoch, all die Gaudi kann nicht verdecken, welch schwierige Zeit hinter der CSU liegt. Der harte Streit mit der CDU über die richtige Flüchtlingspolitik hat vor allem ihr selbst geschadet. Bei der Landtagswahl im Oktober straften die Wähler sie nicht nur ab, sondern hinterliessen ihr auch ein strategisches Dilemma. Etwa gleich viele wanderten zur AfD wie zu den Grünen ab. Die CSU ist sich seither uneins, welche Klientel Priorität in der Rückeroberung hat.

Markus Söder jedenfalls ist es wichtig, momentan möglichst moderat und integrativ aufzutreten. Markige Töne oder Hardlinerparolen gar hört man von ihm derzeit nicht. Vor gut einem halben Jahr sprach Söder noch von «Asyltourismus» und vom «Ende des Multilateralismus». Nun, in München, gibt er wie auch schon zuletzt den Geläuterten. Er wolle die richtigen Lehren aus 2018 ziehen, sagt er während seiner Bewerbungsrede. Streit lähme, langweile, nervte. Die Politik müsse wieder mehr auf Effizienz statt auf Effekte setzen.

Neue Milieus erschliessen

Deshalb werbe er, «konstruktiv beseelt», für einen Neuanfang mit der CDU. Er wolle einladen, nicht ausgrenzen. Unter ihm solle die CSU proeuropäisch sein und sich neue Milieus erschliessen. Auch Migranten und Zugezogene umwirbt er explizit als neue Zielgruppe. Generell will die CSU digitaler und weiblicher werden. Die AfD attackiert Söder härter als die Grünen. Deren «Weg ins Rechtsextreme» müsse man genauestens beobachten. Klar, die CSU werde auch unter ihm für Sicherheit und Konservativismus stehen. Aber generell spielen die Themen Asylpolitik oder Islam diesmal so gut wie keine Rolle.

Es ist keine schlechte Rede. Sie ist selbstkritisch, unterhaltsam, nach vorn gewandt, demütig. Ein umfassendes Problembewusstsein kann man Söder nicht absprechen. Aber ist sie auch glaubwürdig? War Söder nicht selbst bis vor Kurzem noch der grösste Effekthascher und Profiprofilierer?

Nicht alle CSU-Delegierte nehmen Söder den Sinneswandel ab. Manche trauen ihm zu, dass er manches in ein paar Monaten womöglich wieder anders sieht. In der Partei hat er mächtige Gegner. Nicht nur unter den Gleichaltrigen, von denen der einstige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg der prominenteste ist. Auch sein Vor-Vorgänger Erwin Huber spricht nicht besonders freundlich über ihn. Von Seehofer ganz zu schweigen. Hinzu kommt Söders schwerer Stand in der Bevölkerung. Zur Landtagswahl im vergangenen Jahr galt er als der unbeliebteste Ministerpräsident Deutschlands.

Entsprechend umweht Söders Wahl an diesem Samstag kaum Euphorie. Das Ergebnis, mit dem er gewählt wird: 87.4 Prozent. Das ist nicht grandios, aber auch nicht blamabel. Er profitiert davon, dass viele in der CSU die Phase der öffentlichen Streitereien satthaben. Und da wirkt ein frisch beschädigter Vorsitzender eben nicht so passend.

Direkt nach Söders Rede steht Horst Seehofer auf und verlässt den Saal. Später kommt er wieder. Schliesslich wird er ja an diesem Tag noch zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Mit nur wenigen Gegenstimmen – und auf Vorschlag Söders, dessen knappe Laudatio auf Seehofer so klingt: Er habe von ihm viel gelernt, und man habe sich oft «gegenseitig geprüft». Noch so ein vergiftetes Kompliment.

Seehofer ist auf sein neues Amt als Ehrenvorsitzender stolz – und wohl auch ein wenig besänftigt nach dem lieblosen Abschied, den er zuvor erhalten hatte. Bei seiner Abschiedsrede am Morgen hatte er allenfalls höflichen, zurückhaltenden Applaus bekommen. Keine zwei Minuten lang. Nicht wenige der Delegierten, besonders aus Franken, hatten gar nicht geklatscht, sondern nur mit spöttischer Miene und verschränkten Armen seine letzten Worte als Parteichef verfolgt. Kein Vergleich zu Angela Merkel, die im Dezember auf dem Hamburger Parteitag der CDU mit viel Empathie und Wehmut aus dem Amt entlassen wurde. 

epaselect epa07299265 German Minister of Interior, Construction and Homeland and CSU party leader Horst Seehofer acknowledges the delegates' applause after delivering his speech at the party convention of the Christian Social Union (CSU) party in Munich, Germany, 19 January 2019. The party convention is due to elect a new party leader with Bavarian Prime Minister Markus Soeder being expected to inherit the post currently held by Seehofer with a significant majority of the delegates' votes. Sign raised by a delegate reads: 'Thanks Horst!'  EPA/LUKAS BARTH-TUTTAS

Ein einzelner Seehofer-Fan hat sich ins Plenum gemischt mit einem Schild: «Danke Horst», steht darauf. Bild: EPA/EPA

Er finde es nicht richtig, dass Partei und Medien Seehofer zum «Sündenbock» für die verkorkste Landtagswahl machten, sagt Andreas Spreng. So heisst der Mann mit dem Schild. Seehofer selbst beklagte sich zuletzt oft über seine Rolle als «Watschnmann». Schliesslich habe er als Parteichef und Innenminister im Flüchtlingsstreit nur vertreten, was Basis und Vorstand von ihm verlangt hätten.

Parteizentrale als Abschiedsgeschenk

Viele andere sind froh, dass er geht. «Alles hat seine Zeit», sagen mehrere Delegierte wortgleich nach Seehofers Rede. Es steht höflich für: «Jetzt schleich di.» Der Vorstand hatte ihm zu verstehen gegeben, dass man ihn nicht länger an der Spitze dulde. Daher war der vorgezogene Sonderparteitag überhaupt nötig geworden.

Seehofer war immerhin zehn Jahre Vorsitzender der CSU, länger blieb bisher nur der Parteiheilige Franz Josef Strauss an der Spitze. Gemessen daran ist sein Abschied eher traurig. Eilig wird ein kurzes Video gezeigt, das verschiedene Stationen Seehofers zeigt. Die Vorsitzende der Frauen-Union würdigt ihn mit einer schlichten Rede. Seine Vizes schenken ihm einen Modellbau von der Parteizentrale – für seine Modelleisenbahn, die ihm bekanntlich wichtig ist. Seehofer freut sich. Da möchte man ja «gleich wieder einziehen», sagt er und lacht laut. Mehrere Delegierte stöhnen auf.

Die neue Geschlossenheit, die die CSU an diesem Tag so oft beschwört, hat etwas Künstliches. Seehofer selbst sagt, er habe in letzter Zeit viel «hingenommen und geschluckt». Jetzt wolle er dazu aber nichts mehr sagen. Dann deutet er aber doch immer wieder an, wie das vergangene Jahr ihn verletzt habe. Söder lobt er knapp als jemanden, der seine bisherigen Aufgaben «gut, sehr gut erledigt» habe.

Seehofer will «nicht vor Merkel aufhören»

Zum Abschied wendet er sich noch mit einer programmatischen Bitte an seine Partei: «Vergesst mir die kleinen Leute nicht!», warnt er. Zuletzt hatte Seehofer schon öfter an seine Prägung als Sozialpolitiker erinnert. Offenbar ist es ihm wichtig, zum Abschied noch mal darauf hinzuweisen.

Aber was heisst überhaupt Abschied? Zwar ist Seehofer bald 70 Jahre alt, aber immerhin noch amtierender Innenminister. Und das will er auch erst mal bleiben. Er wolle jedenfalls «nicht vor Merkel aufhören», heisst es laut Süddeutscher Zeitung aus seinem Umfeld. Er selbst sagte kürzlich, das Amt mache ihm Freude. Er brauche keine wöchentliche Jobgarantie.

Mal schauen, ob Söder das auch so sieht. Die ersten Spässchen in diese Richtung kommen bestimmt bald. 

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • FrancoL 20.01.2019 18:31
    Highlight Highlight Wenn eine Partei noch Zeit hat solche internen "Kleinkriege" zu veranstalten, dann hat sie mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht die grossen Probleme der Gegenwart und erst recht nicht die der Zukunft erkannt. Wer Probleme nicht erkennt kann auch keine Lösungen anbieten.
  • Hüendli 20.01.2019 00:04
    Highlight Highlight Immerhin ein kleiner Hinweis zum Schluss, aber dürfen wir trotzdem noch mehr wissen zur neuen Contentpartnerschaft? Die selbe Frage weiland betreffs T-Online blieb leider unbeantwortet. Mir gefällt die Vielfalt. Übrigens habt Ihr vergessen, den Italic-Tag nach dem Hinweis rauszunehmen, ist alles schräggestellt.
  • Gipfeligeist 19.01.2019 22:55
    Highlight Highlight Nach dem Zickenkrieg mit Mutti-Merkel kann ich Horst nicht viel Empathie entgegenbringen. Mit seinem Ego hätte er fast die Union gebrochen, nun ist die Zeit gekommen nach einer erfolgreichen Karriere würdig abzutreten.
    Die CSU hingegen hat die härteste Zeit erst vor sich. Söders "moderne" springt bei den Jungen nicht an, und die Alten sympathisieren mit dem Freien Wählern.

    Die Partei wird, verdient wie ich meine, in nächster Zeit Probleme lösen müssen
  • Heinz Schmid 19.01.2019 21:47
    Highlight Highlight In den 15 Jahren in denen ich die deutsche Politik verfolge, hat die CSU nichts für sich vorzuweisen.
    Das ist keine Partei, sondern ein Stein am Bein.
  • kuschkusch 19.01.2019 21:17
    Highlight Highlight Seehofer und Trump könnten Freunde werden...
    • äti 19.01.2019 23:48
      Highlight Highlight Söders ebenfalls

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