DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Der gestrauchelte Geschäftsführer von Cambridge Analytica. Ein Bauernopfer?
Der gestrauchelte Geschäftsführer von Cambridge Analytica. Ein Bauernopfer?
bildmontage: AP/watson
Analyse

7 Lehren, die wir aus dem Facebook-Skandal dringend ziehen müssen

Das Aufdecken der fragwürdigen Geschäftspraktiken von Cambridge Analytica ist zu begrüssen. Doch das grösste Problem sitzt im Silicon Valley.
22.03.2018, 13:3323.03.2018, 06:56

Inhaltsverzeichnis:

  • Vergesst Cambridge Analytica! (1)
  • Zuckerberg hat ein Monster erschaffen, das er nicht zähmen will (2)
  • Die Medien sind Teil des Problems (3)
  • Die Lösung ist brutal einfach (4)
  • Strengere Gesetze helfen kaum (5)
  • Die Tech-Milliardäre werden uns nicht retten (6)
  • Der «Informationskrieg» geht weiter (7)
  • Es gilt die IT-Sicherheit zu erhöhen, aber...
  • PS: Sündenböcke

Vergesst Cambridge Analytica!

Desinformation und Propaganda gibt es, seit sich Menschen zu Gruppen formieren und miteinander austauschen.

Cambridge Analytica mag wegen ethisch verwerflicher und mutmasslich illegaler Geschäftspraktiken am Pranger stehen. Doch ist die britisch-amerikanische Firma kein Einzelfall, sondern Teil einer milliardenschweren Branche.

Längst hat modernste Technik aus dem Silicon Valley überall Einzug gehalten: Big Data war schon unter Obama eine Geheimwaffe im Arsenal der Politstrategen und Wahlkämpfer.

Der Kampf um die Macht wird in Hinterzimmern ausgetragen und mit unvorstellbar viel Geld. Dazu gehören Heere von Anwälten, die versuchen, System-Kritiker mundtot zu machen.

Es ist den Journalistinnen und Journalisten vom «Guardian», der «New York Times» und dem britischen TV-Sender Channel 4 hoch anzurechnen, dass sie sich nicht einschüchtern liessen und den neuesten Skandal publik machten.

Andere Medien haken nach. Und auf die Vierte Gewalt folgt die Dritte, Zweite und die Erste.

Man darf gespannt sein, was herauskommt.

Was wir heute schon wissen, ist, dass die obskuren Geschäfte um Wählerstimmen und Einfluss weitergehen ...

Zuckerberg hat ein Monster erschaffen, das er nicht zähmen will

Ob der Facebook-Gründer manchmal schweissgebadet aufwacht? Wir wissen es nicht, und werden es kaum erfahren. Mark Zuckerberg wird sich hüten, dies auf seiner Facebook-Profilseite preiszugeben ...

Was wir wissen, ist, dass er in den letzten Wochen rekordverdächtig viele Facebook-Aktien verkaufte, wobei dies schon vor längerer Zeit angekündigt wurde. Und nach dem Hochkochen des jüngsten Skandals schwieg er zunächst eisern – und erhielt dafür prompt einen eigenen Hashtag: #WheresZuck.

Dann meldete sich der Facebook-Chef endlich zu Wort. Und zur Vorbereitung hatte er offenbar eine ganze Kreidefabrik gefressen.

Wir halten fest: Dem 33-Jährigen kommt im Märchen mit den sieben Geisslein weiterhin nicht die Rolle der Grossmutter zu. Oder genauer: Der Wolf, verkleidet als Grossmutter.

In salbungsvollen Worten bestätigt «Zuck» nun eigentlich nur, dass er am problematischen Geschäftsmodell festhält. Das muss niemanden verwundern: Er hat das «System Facebook» so konstruiert, dass es seine Mitglieder in einem starken Sog gefangen hält und sie dazu verleitet, möglichst viele höchst private Informationen preiszugeben. Daten sind Gold.

Die Medien sind Teil des Problems

Die Werbetreibenden gehen mit ihren Werbegeldern dahin, wo die User sind. Facebook verspricht die massgeschneiderte Auslieferung von Anzeigen und eine enorme Reichweite.

Dies machten sich während vielen Jahren auch die traditionellen Medien zunutze – und tappten vertrauensselig in die Falle, die ihnen Zuckerberg gestellt hatte. «Ihr gebt mir gratis eure wertvollen Inhalte, ich vermittle euch mehr Publikum.»

Ein trojanisches Pferd war natürlich auch der Like-Button, der es Facebook ermöglicht, die Leute ausserhalb seiner Plattform zu überwachen. Erfasst werden auch Nicht-Mitglieder. Oder wie die FAZ 2015 schrieb: Verstecken kann sich niemand mehr.

Aus Sicht von Facebook wurde es immer besser, denn nach ein paar fetten Jahren des ungebremsten Wachstums hiess es: «Ihr müsst uns bezahlen, damit wir eure Inhalte verbreiten.»

Böses Erwachen bei Verlagshäusern und Neuen Medien, die sich als Partner des Silicon-Valley-Riesen gesehen hatten. Nun ging die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr auf. Und der Image-Schaden ist beträchtlich. Doch zum Glück gibt's eine sehr gute Nachricht: Der Stoff für Zuckerbergs Albträume ...

Die Lösung ist brutal einfach

  1. #DeleteFacebook.
  2. #DeleteJedeAndereDatenkrake
  3. Nutze nur noch Dienste, die deine Daten wirklich schützen und deine Privatsphäre respektieren.

Ja, ich weiss, bei Boykott-Aufrufen herrscht schon innerhalb der Journalisten-Zunft keine Einigkeit. Doch wehre ich mich gegen Vorwürfe, dies sei heuchlerisch und bringe nichts. Wie sonst, als übers Portemonnaie, soll man profitorientierte Unternehmen zu gesellschaftstauglichem Verhalten motivieren?

Und wie sonst, als über die Nutzung, soll man Produkte stärken, die auf einem nachhaltigen Geschäftsmodell aufbauen?

Strengere Gesetze helfen kaum

Facebook hat sich bislang erfolgreich einer strengen Regulierung entzogen. Von Google, das bezüglich Web-Suche eine ähnliche Vormachtstellung einnimmt, lässt sich Ähnliches sagen.

Abzuwarten gilt, was die neuen Vorschriften der EU zum Datenschutz bringen. Die DSGVO tritt Ende Mai in Kraft.

Selbst wenn es den Politikern in Europa und den USA gelingen sollte, die Internet-Giganten mit strengeren Gesetzen und der Androhung von Rekordstrafen zu bändigen: Die Nachfolger stehen in den Startlöchern. Man erinnere sich an MySpace, Yahoo und andere ehemals mächtige Tech-Sterne, die vergingen.

Muss Facebook zerschlagen werden? Ich denke nicht, dass dies zu rechtfertigen ist. Und am Beispiel von Microsoft sehen wir, dass ein Quasi-Monopolist kaum auszubremsen ist.

Was wir hingegen dringend in Angriff nehmen müssen, ist eine gerechtere Besteuerung der multinationalen Konzerne, wie auch der unvorstellbar reichen Menschen dahinter. Denn ...

Die Tech-Milliardäre werden uns nicht retten

Man kann sie anhimmeln, ja vergöttern, doch das grundlegende Problem bleibt: Multimilliardäre wie Bill Gates haben ihr Vermögen auf Kosten anderer gemacht, um sich dann als grosse Wohltäter zu inszenieren – und weiterhin abzukassieren. Man sehe sich die Forbes-Liste der reichsten Männer der Welt an ...

Animiertes GIFGIF abspielen
gif: giphy

Der «Informationskrieg» geht weiter*

* Auf die Gefahr hin, dass ich wie Daniele Ganser klinge, aber: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! 😉

Es ist leider wahr: Desinformation und Propaganda werden weiterhin von allen Seiten auf uns einprasseln.

Umso wichtiger ist Transparenz. Stichwort Parteienfinanzierung und Offenlegung von politisch motivierten Spenden. 

Entscheidend ist die Medienkompetenz. Wir müssen unseren Kindern und Jugendlichen beibringen, wie man die Seriosität von Quellen beurteilt und woran man Fake News erkennt. Was passiert, wenn das Bildungssystem bei einer derart wichtigen Aufgabe versagt, sehen wir tagtäglich am Beispiel USA.

Sieht harmlos aus: Robert Mercer.
Sieht harmlos aus: Robert Mercer.
screenshot: newyorker.com

Mein Fazit: Wir sollten endlich Abschied nehmen vom Schwarz-Weiss-Denken. Ja, die «bösen Russen» und der «verrückte Kim» versuchen, mit ihren Hacker-Truppen westliche Demokratien zu destabilisieren. Genau so gefährlich sind aber die Demokratie-Feinde im Westen. Wie zum Beispiel der ultrakonservative US-Milliardär Robert Mercer, der Cambridge Analytica finanzierte und Donald Trump zur Wahl verholfen haben soll.

Es gilt die IT-Sicherheit zu erhöhen, aber ...

... 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.

Weil wir nicht wissen, welche Kräfte hinter den Kulissen wirken, und wir nicht ausschliessen können, dass Individuen und Massen über Facebook und Co. beeinflusst werden, ist klar: Technische Experimente wie das e-Voting sind viel zu riskant. Wir dürfen das Vertrauen in die direkte Demokratie nicht aufs Spiel setzen!

PS: Sündenböcke

Zum «Informationskrieg» gehört, dass Sündenböcke gesucht und Bauernopfer gemacht werden. So wurde etwa die Rolle des Whistleblowers Christopher Wylie ins Zentrum kritischer Fragen gerückt und auch der britische Wissenschaftler Aleksandr Kogan galt wegen Russland-Verbindungen als verdächtig.

Kogan wagte am Mittwoch den Befreiungsschlag und gab der BBC ein Interview, in dem er sich glaubhaft verteidigte. Er dürfte tatsächlich Opfer der eigenen Leichtgläubigkeit geworden sein. Finanziell profitiert habe er nicht vom Datendeal.

Damit sind wir zurück bei Mark Zuckerberg. Er hat als CEO und Miteigentümer von Facebook die volle Verantwortung zu übernehmen. Wir sollten uns allerdings nicht täuschen lassen, wenn er versucht, Dritten die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Dazu Max Schrems, Rechtsanwalt und Datenschutz-Aktivist aus Österreich, der seit Jahren gegen Facebook kämpft:

«Facebook hat millionenfach Daten seiner Nutzer illegal diversen zwielichtigen Apps zur Verfügung gestellt – ohne Zustimmung der Betroffenen. Als ich das 2011 bei der irischen Behörde zur Anzeige gebracht habe, fand Facebook das vollkommen legal. Nach der Aufregung um Cambridge Analytica fühlt sich der Internet-Gigant sieben Jahre später plötzlich ‹verraten›. Facebook wusste ganz genau, dass hier jahrelang Daten veruntreut wurden, wie unsere Aufzeichnungen zeigen.»
quelle: medienmitteilung von noyb.eu

Das könnte dich auch interessieren:

Betrüger kopieren Facebook-Accounts und kassieren ab

Video: srf
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Das steckt hinter den «Facebook lässt Nutzer sehen, wer dein Profil besucht»-Postings

In letzter Zeit häufen sich auf Facebook Statusbeiträge, die vorgaukeln, man könne mit einer «exklusiven Funktion» sehen, wer das eigene Profil besucht habe. Das ist natürlich Quatsch. Diese Funktion gibt es auch im Jahr 2020 nicht. Es handelt sich um eine klassische Phishing-Falle. Anders gesagt: Kriminelle machen sich einmal mehr die angeborene Neugier des Menschen zunutze, um an die Passwörter der Facebook-Profile zu gelangen.

Die Masche der Betrüger ist fast so alt wie Facebook selbst, aber …

Artikel lesen
Link zum Artikel