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Zweiter HIV-Patient weltweit geheilt – zum Jubeln ist es aber noch zu früh

Es wäre eine medizinische Sensation: Ein ehemaliger HIV-Patient könnte nach einer besonderen Behandlung geheilt sein. Noch ist es zum Jubeln aber zu früh.



Une laborantine controle des echantillons de sang avant leur analyse, ce mardi 21 mars 2000 dans les locaux du laboratoire d'analyse medicale AMS a Lausanne. Le Laboratoire s'occupe notamment de la detection du virus HIV.  (KEYSTONE/Fabrice Coffrini)

Eine Laborantin untersucht Blutproben (Archivbild). Bild: KEYSTONE

Möglicherweise ist ein HIV-Patient mit Hilfe einer besonderen Therapie geheilt worden. Bei dem vormals Infizierten sind 34 Monate nach einer speziellen Stammzelltransplantation keine Viren mehr nachweisbar. Das berichten Mediziner des University College London im Fachblatt «Nature».

Sollte der Aidserreger auch in den kommenden Jahren nicht zurückkehren, wäre es erst der zweite Patient weltweit, der als von HIV geheilt gilt. Noch sei es für ein solches Fazit aber zu früh, schreiben die britischen Mediziner. Die Therapie kommt nur für eine sehr kleine Zahl von HIV-Infizierten in Frage.

Spender mit genetischer Mutation

Dem Patient waren blutbildende Stammzellen transplantiert worden, weil er an einer Art von Lymphdrüsenkrebs litt. Das Besondere daran: Der Spender hat in seinem Erbgut eine sehr seltene Mutation, die ihn immun gegen bestimmte Formen des HI-Virus macht. Davon profitierte nun auch der Patient.

16 Monate nach der Transplantation setzte er Medikamente ab, die die Vermehrung des HI-Virus unterdrücken. Wiederum eineinhalb Jahre später war der Erreger noch immer nicht bei ihm nachweisbar.

epa01347693 The world's most exact model of an HI virus is handed to the Phyletic Museum of Jena, Germany, 29 January 2008. The model was made of a special synthetic material in a so-called Rapid Prototyping Method. According to the World Health Organization (WHO) 2.5 million people were infected with the HI virus in 2007, 2.1 million died from AIDS. The Phyletic Museum was founded 100 years ago and provides i.a. an insight view on the development and history of mankind. May 20 marks the 25th anniversary of the publication in the journal Science of a report from Dr. Luc Montagnier and colleagues in Paris that they had isolated what they believed to be the cause of AIDS: the Human Immunodeficiency Virus (HIV).  Today, the search for a vaccine continues.  (KEYSTONE/EPA/JAN-PETER KASPER)

Ein Model des HI-Virus. Bild: EPA

Eine ähnliche Behandlungsmethode war das erste Mal 2007 in Berlin erfolgreich. Bei Timothy Ray Brown, der als «Berlin-Patient» in die wissenschaftliche Literatur einging, war 1995 eine HIV-Infektion diagnostiziert worden. Mehr als ein Jahrzehnt konnte die Krankheit mit Medikamenten in Schach gehalten werden. 2006 wurde bei dem US-Amerikaner allerdings auch noch Leukämie festgestellt.

Sein Arzt, Gero Hütter schlug daraufhin eine Stammzelltransplantation vor. Eine derartige Transplantation kommt dann in Frage, wenn eine Chemotherapie keine Option mehr ist. Allerdings ist sie riskant. Das Immunsystem des Patienten muss zunächst komplett ausgeschaltet werden.

Revolutionäre Idee

Mediziner Hütter hatte dabei allerdings eine revolutionäre Idee: Er suchte einen Knochenmarkspender für Brown mit einer äusserst seltenen genetischen Mutation, durch die das HI-Virus nicht in Körperzellen eindringen kann. Normalerweise braucht das Virus den sogenannten CCR5-Rezeptor, um an Zellen anzudocken.

Bei einer bestimmten genetischen Veränderung bleibt diese Eintrittstür in die Zelle aber verschlossen. Gerade einmal knapp 1.5 Prozent der Nordeuropäer verfügen über diese Mutation, die sie gegen die meisten HIV-Varianten immun macht. Doch es fand sich ein passender Spender und das Experiment gelang: Brown gilt nach der Stammzellspende als HIV-frei - und das bis heute.

Auf ähnliche Ergebnisse dürfte nun auch das Team um den britischen Immunologen Ravindra Gupta hoffen. Auch ihr Patient erhielt eine Stammzelltransplantation von einem Spender mit der seltenen CCR5-Mutation. Allerdings sei die Behandlung hier wesentlich weniger aggressiv ausgefallen, da das Immunsystem des Patienten nicht komplett ausgeschaltet werden musste, betonen die Autoren.

Fakten zu Aids

Schwere Nebenwirkungen

Eine Heilung von HIV auf breiter Front ist aber durch die Methode Experten zufolge nicht zu erwarten. Bei der Knochenmarkstransplantation handle es sich um einen starken Eingriff, der mit schweren Nebenwirkungen einhergehen kann, wie Gerd Fätkenheuer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, sagte.

«Damit kommt sie für die alleinige Therapie der HIV-Infektion nicht infrage, sondern nur dann, wenn zusätzlich eine Krebserkrankung vorliegt, die mittels Stammzeltransplantation heilbar ist. Es müssen also schon sehr spezielle Bedingungen gegeben sein.»

Gerd Fätkenheuer

Für Georg Behrens, Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft, sind die Ergebnisse dennoch sehr vielversprechend: «Diese Behandlung ist zwar sehr experimentell, bringt uns aber dennoch voran, da sie für eine begrenzte Zahl von Patienten neue Optionen erschliesst.»

Auch Gero Hütter ist optimistisch: Er ist sich sicher, dass der gleiche Verlauf wie bei Timothy Brown zu beobachten sein wird. Bei Timothy Brown sei viel über die Ursachen des Behandlungserfolges gerätselt worden.

«Es ist daher durchaus möglich, dass wir in nächster Zeit von weiteren erfolgreichen Fällen erfahren.»

«Der neue Patient ist nun ein Beleg dafür, dass es doch an der Transplantation lag», fasst Hütter zusammen. Er berichtet von weiteren HIV-Patienten mit einer Stammzelltransplantation, die allerdings noch antiretrovirale Medikamente bekämen - die neue Studie würde vielleicht dazu führen, dass diese abgesetzt würden. «Es ist daher durchaus möglich, dass wir in nächster Zeit von weiteren erfolgreichen Fällen erfahren», sagt Hütter.

30 Jahre Aids-Prävention

Der Berlin-Patient habe Türen aufgestossen, denn bis dahin galt eine Heilung von HIV als ausgeschlossen. So habe er etwa den Startschuss für Studien im gentherapeutischen Bereich gegeben - wenn auch bislang ohne Durchbruch.

Forschung an neuen Therapien

Doch die Idee, dass einem HIV-positiven Patienten Stammzellen entnommen und dann gentechnisch verändert wieder zurücktransplantiert werden, hat auch für Mediziner Behrens grosses Potenzial, da sie ein wesentlich schonenderes Verfahren darstellen würde.

Denn die Transplantation von Stammzellen, so Behrens, berge nach wie vor grosse Risiken und sei entsprechend nur bei Patienten mit einer lebensbedrohlichen Indikation denkbar. Zudem sei es äusserst schwierig, einen CCR5-negativen Spender zu finden.

Dazu passt das Fazit der aktuellen Studie: So plädieren deren Autoren dafür, nun an HIV-Therapien zu forschen, bei denen die Unterdrückung des CCR5-Rezeptors im Mittelpunkt steht. (sda/dpa)

Immer mehr Geschlechtskrankheiten sind auf dem Vormarsch

Video: srf/SDA SRF

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9 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Maya Eldorado
05.03.2019 15:16registriert January 2014
Nebenwirkungen der Therapie? Sind die weniger schlimm oder schlimmer als HIV-positiv?
Bei starken Therapien sind die Nebenwirkungen oder Folgekrankheiten ja oft sehr happig.
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