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Vier Menschen sterben bei Anschlag vor dem britischen Parlament
quelle: ap/pa / stefan rousseau
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Interview

Schweizer Augenzeuge in London: «Ich schaltete auf Notfall-Modus»

Timo Hauser* schlenderte gerade über die Westminster Bridge in London, als das Auto des Angreifers wenige Meter von ihm entfernt in eine Gruppe Jugendlicher knallte. Im Interview erzählt Hauser, was er erlebt hat.
23.03.2017, 06:5424.03.2017, 07:40

Timo Hauser*, wie geht es dir?
Ganz okay. Der erste Schock ist einigermassen überstanden. Wir sind jetzt in unserem Hotel, das ist ein bisschen ausserhalb der Stadt.

Kannst du mir schildern, was aus deiner Sicht passiert ist?
Ich bin gestern Morgen mit meiner Freundin in London angekommen, wir schlenderten auf der Westminster Bridge herum, gleich beim Big Ben. Wir liefen hin und her, schossen ein paar Fotos. Wir waren bereits auf Höhe Big Ben, als das Auto in die Menge fuhr. Eine Gruppe Jugendlicher befand sich vor uns, vielleicht 15, 20 junge Menschen. Da kam plötzlich das Auto von rechts. Es raste unmittelbar nach einer Absperrung auf das Trottoir, knallte in die Gruppe und dann in den Zaun. Es war absurd!

Das Auto des Angreifers nach dem Angriff.
Das Auto des Angreifers nach dem Angriff.Bild Twitter/claudiascore

Wie habt Ihr reagiert?
Wir beide drehten uns sofort weg, aus Reflex. Dann sahen wir ein Mädchen schreien, es gehörte zu den Jugendlichen, die angefahren wurden. Da hörten wir plötzlich Schüsse. Als ich mich umdrehte und in die Richtung der Schüsse schaute, sah ich mehrere kleine Rauchwolken und fliehende Menschen. Da kamen uns bereits bewaffnete Polizisten entgegen. Es ist ja ein Regierungsviertel, da tragen viele Polizisten Maschinengewehre bei sich, ich weiss also nicht, ob das schon Spezialeinheiten waren. Sie kamen aus der Richtung, aus der auch das Auto gekommen war, und riefen uns zu, dass wir wegrennen sollten. Ich schaltete auf Notfall-Modus.

Wohin seid Ihr gegangen?
Wir liefen auf die Strasse, rannten die Themse runter. Viele Leute taten das gleiche, weil die Polizei sie angewiesen hatte, wegzugehen. Da kamen uns auch grössere Kastenwagen entgegen, Polizisten mit Sturmmasken.

«London bleibe stark, sagte er.»

Hattest du Zeit, darüber nachzudenken, was da gerade passiert war?
Ich sah das Auto ja vor uns in die Wand fahren. Drei, vier Meter von uns entfernt vielleicht. Ich dachte sofort: das ist kein Unfall, weil das Auto auch gar nicht gebremst hatte, bevor es in die Menschenmenge fuhr. Ich denke, auch die anderen Menschen haben das gecheckt. Da lagen ja Leute auf dem Boden, Verletzte.

Polizeipräsenz auf der Westminster-Brücke nach dem Anschlag.
Polizeipräsenz auf der Westminster-Brücke nach dem Anschlag.Bild: FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA/KEYSTONE

Habt Ihr mit anderen Menschen gesprochen?
Als wir die Themse runterliefen, haben wir zunächst allen, die uns entgegenkamen, gesagt, sie sollen umdrehen. Aber es waren so viele Leute und einige zeigten sich schlicht unbeeindruckt, obwohl ständig Polizeiautos und Krankenwagen an uns vorbeifuhren. Also hörten wir irgendwann auf. Wir liefen ewig, wollten eigentlich zu Fuss bis zum Hotel. Doch das wäre zu weit gewesen. Dann sprach uns ein dänisches Pärchen an, mit ihnen teilten wir uns ein Taxi.

Wusste der Taxifahrer, was los war?
Der ganze Verkehr ist zusammengebrochen, überall war Stau. Ich fragte ihn, ob das auch sonst so sei. Er sagte dann, nein, ob ich denn nicht wisse, was gerade passiert sei. Die Leute wussten das also schon. Auch der Barkeeper, mit dem wir später in der Hotellobby sprachen, wusste natürlich Bescheid.

Das Parlamentsgebäude und die Westminster-Bridge in London.
Das Parlamentsgebäude und die Westminster-Bridge in London.Bild: ANDY RAIN/EPA/KEYSTONE

Wie hat er reagiert?
London bleibe stark, hat er gesagt. Es schien mir ohnehin, dass die Leute recht gelassen einfach das weitermachten, woran sie gerade waren. Die Restaurants, die ich vom Taxi aus gesehen habe, waren pumpenvoll, die Menschen liefen herum, die Stadt war überhaupt nicht leergefegt, wie man das vielleicht erwarten würde.

Und was macht Ihr? Brecht Ihr eure Ferien ab?
Nein. Klar, es ist ein komisches Gefühl, hier zu sein. Aber es ist ja jetzt nicht gefährlicher als sonst, nur weil etwas passiert ist. Wir haben schon ein Rückreiseticket gebucht, das können und wollen wir nicht so kurzfristig umbuchen. Wir bleiben hier. Und jetzt müssen wir los, wir wollen noch rausgehen und ein Restaurant suchen.

*Name der Redaktion bekannt

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