International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
U.S. President Donald Trump talks with General Motors CEO Mary Barra as he hosts a meeting with U.S. auto industry CEOs at the White House in Washington January 24, 2017.  REUTERS/Kevin Lamarque

Präsident Trump und General-Motors-Chefin Mary Barra: Die Autobranche soll neue Jobs schaffen.  Bild: KEVIN LAMARQUE/REUTERS

Analyse

Trump im wilden Aktionismus: Sein eigentliches Problem sind aber die Jobs

Donald Trumps erste Woche im Weissen Haus war von wildem Aktionismus geprägt, zuletzt mit einem kurzfristig ausgesprochenen Einreisestopp für Muslime. Der Erfolg seiner Präsidentschaft aber hängt davon ab, ob er dem Mittelstand Arbeit verschaffen kann. Was leichter gesagt ist als getan.



Gewisse Leute sollen ernsthaft geglaubt haben, Donald Trump werde sich mässigen, sobald er sein Amt als US-Präsident angetreten hat. Nach nur einer Woche müsste die grosse Ernüchterung ausgebrochen sein. Kaum war er vereidigt, entfachte Trump einen bizarren Streit um die Zuschauerzahl bei seiner Amtseinführung. Er feuerte eine Salve an Dekreten ab, von denen die meisten nur symbolischen Charakter haben. Und beschloss kurzum eine Einreisesperre für Bürger aus sieben muslimischen Ländern.

Weder sein Wahlsieg noch die Amtsübernahme haben The Donald in irgend einer Form gezähmt. Er ist und bleibt ein Egomane, der allergisch auf die kleinste Form der Kritik reagiert und «alternative Fakten» der Realität vorzieht. Er MUSS die grösste Menschenmenge gehabt haben, die je eine Vereidigung eines US-Präsidenten bejubelte. Er MUSS mehr Stimmen gemacht haben als Hillary Clinton, folglich haben drei bis fünf Millionen Menschen «illegal» gewählt.

Republican presidential nominee Donald Trump appears at a campaign rally in Warren, Michigan U.S. October 31, 2016.   REUTERS/Carlo Allegri

America First: Trump bei einem Wahlkampfauftritt in Michigan. Bild: CARLO ALLEGRI/REUTERS

Mit seinen grossspurigen Ankündigungen, insbesondere dem Mauerbau an der Grenze zu Mexiko, erfüllt Trump die Erwartungen seiner Wähler. Der Erfolg seiner Präsidentschaft aber hängt nicht von dieser Massnahme ab, auch nicht von der Abwicklung von Obamacare oder der Neueröffnung von CIA-Geheimgefängnissen. Im Endeffekt geht es um Bill Clintons bekannte Formel «It's the economy, stupid!». Oder im Fall von Trump: «It's about jobs, baby!»

Frustrierte Mittelständler

Der Immobilienbaron aus New York verdankt seinen Wahlsieg einigen Zehntausend Wählerinnen und Wählern in den vier Bundesstaaten Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin im «Rust Belt», der einst blühenden, inzwischen aber ziemlich verblühten Industrieregion im Nordosten der USA. Es sind frustrierte Mittelständler, die den Abstieg ins Prekariat erlebt haben oder sich davor fürchten. Trump soll die soliden Industriejobs oder zumindest die Jobsicherheit zurückbringen.

Der neue Oberkommandierende ist sich dieser Herausforderung bewusst, der Erfolg seiner Präsidentschaft hängt davon ab. «Ich werde der grösste Arbeitsplatzbeschaffer sein, den Gott je erschaffen hat», posaunte er an seiner chaotischen Medienkonferenz Mitte Januar. Deshalb nimmt er jede Ankündigung eines Unternehmens, neue Stellen in den USA schaffen zu wollen, für sich in Anspruch, auch wenn die entsprechenden Pläne seit Monaten existieren.

Zu viele «alte» Jobs

Deshalb faselte er von «28'000 tollen Jobs für Bauarbeiter», als er den Bau der umstrittenen, von Umweltschützern bekämpften Ölpipeline Keystone XL anordnete. Abgesehen davon, dass diese Zahl wie fast immer bei Trump vermutlich masslos übertrieben ist, offenbart sie eine Schwachstelle seiner Politik. Trump konzentriere sich «zu sehr auf die Fabrikationsjobs des 20. Jahrhunderts und zu wenig auf die Jobs der Zukunft», kritisierte der Kolumnist Rick Newman.

abspielen

Trumps Ankündigung an seiner Medienkonferenz. Video: YouTube/WorkingNation

Im konkreten Fall bedeutet dies, dass er die Förderung fossiler Brennstoffe vorantreiben will und damit die Schaffung zukunftsträchtiger Arbeitsplätze im Bereich erneuerbare Energien gefährdet. Ähnlich problematisch ist seine Fixierung auf die Industrie. In diesem Bereich haben die USA seit 2000 rund fünf Millionen Jobs verloren. Während der Amtszeit von Barack Obama wurden zwar rund elf Millionen Stellen geschaffen, fast alle jedoch im Dienstleistungssektor.

Tiefe Beschäftigungsquote

In vielen dieser Jobs verdient man kaum mehr als den Mindestlohn. Die Abstiegsängste des Mittelstands sind also nicht unbegründet. Auch die vermeintlich erfreuliche Arbeitslosenquote von etwas mehr als fünf Prozent täuscht. Ein besserer Indikator ist die Beschäftigungsquote. Sie beträgt in den USA nur knapp 63 Prozent. In der Schweiz gehen im Vergleich rund 80 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter einer bezahlten Arbeit nach.

Donald Trump könnte an der Arbeitsfront durchaus etwas bewegen. Aber kann er es wirklich besser machen als seine Vorgänger? Der Niedergang der US-Industrie hat vor rund 40 Jahren begonnen. Seit den 1990er Jahren stagnieren die Löhne des Mittelstands. Als Sündenbock Nummer Eins hat Präsident Trump den Freihandel ausgemacht, und insbesondere seine beiden Lieblingsfeinde China und Mexiko. Er droht mit Strafzöllen auf Importe aus diesen Ländern.

TPP-Aus als Eigentor?

Treffen würde diese Massnahme in erster Linie die amerikanischen Konsumenten. Günstige Importprodukte haben es ihnen ermöglicht, einen gewissen Wohlstand zu halten. Der Angriff auf den freien Handel hat zudem Nebenwirkungen. So annullierte Trump mit einem Federstrich die transpazifische Partnerschaft TPP. Dabei handelt es sich um mehr als ein Freihandelsabkommen. Mit TPP sollte ein Gegengewicht zur Dominanz Chinas in Fernost geschaffen werden.

FILE - In this Jan. 17, 2017, file photo, China's President Xi Jinping smiles to the audience after his speech at the World Economic Forum in Davos, Switzerland. Economic concerns remain foremost for the leadership and officials have responded to complaints from U.S. President Donald Trump and others over alleged unfair trade practices by again arguing against restrictions on the export of sensitive U.S. technologies, along with growing negative sentiment against Chinese investment in economies overseas that keep companies such as communications giant Huawei out of the U.S. market. (AP Photo/Michel Euler, File)

Xi Jinping verteidigte am WEF den Freihandel. Bild: Michel Euler/AP/KEYSTONE

In Peking reibt man sich die Hände. Das Ende von TPP dürfte die asiatischen Länder in die Arme Chinas treiben, denen sie sich eigentlich entziehen wollten. Es ermöglichte Chinas Staatschef Xi Jinping zudem, sich am WEF in Davos als Vorkämpfer des freien Handels und Antithese zu Trumps Protektionismus zu inszenieren. «Niemand wird aus einem Handelskrieg als Sieger hervorgehen», mahnte Xi und wurde dafür mit Applaus bedacht.

Roboter statt Mexikaner

Kaum war der Autokrat wieder in der Heimat, ordnete seine Regierung ein hartes Vorgehen gegen VPN-Verbindungen und damit die letzten Schlupflöcher in der Great Firewall an, mit der das Internet überwacht und zensiert wird. Was für eine bizarre, verkehrte Welt!

Ähnliches ist von «Kampftwitterer» Trump nicht zu erwarten. Ob seine Attacken auf den Freihandel jedoch zielführend sind, ist zu bezweifeln. Eine Studie der Ball State University in Indiana von 2015 hat ergeben, dass nur 13 Prozent der Stellenverluste in der US-Industrie auf Auslagerungen zurückzuführen sind. 87 Prozent fielen Automatisierungen und Rationalisierungen zum Opfer. Der amerikanische Arbeiter wurde nicht von Chinesen oder Mexikanern verdrängt, sondern von Robotern.

«Vielleicht ein paar Arbeitsplätze»

Donald Trump setzt auf eine massive Deregulierung und Steuersenkungen, um neue Arbeitsplätze in den USA zu schaffen. Experten halten wenig davon. «Ich bin grundsätzlich pessimistisch eingestellt, was Industriejobs in den Vereinigten Staaten angeht», sagte der Investor Steven Rattner im Interview mit der «Zeit». Es sei viel günstiger, in Mexiko zu produzieren. Trump könne vielleicht ein paar Arbeitsplätze schaffen, «aber es wird keine drastischen Veränderungen geben».

United Auto Worker Thomas Ruiz installs a window on a Malibu door at the General Motors Fairfax Assembly Plant in Kansas City, Kansas, in this April 1, 2009 file photo. The Chevrolet Malibu has been a symbol of General Motors Co's competitive woes for nearly 20 years. Now, the No. 1 U.S. automaker is telling suppliers that this time, a new version of the midsize sedan will deliver the jolt to sales its predecessors didn't. REUTERS/Dave Kaup/Files

Amerikas Autobauer produzieren auf Hochtouren – mehr liegt kaum drin. Bild: DAVE KAUP/REUTERS

Rattner hat die Regierung Obama in Fragen zur Autoindustrie beraten. Sie ist traditionell ein Gradmesser für den Erfolg der amerikanischen Industrieproduktion. Trump bestellte in seiner hektischen ersten Woche auch die Chefs der drei grossen Autobauer General Motors (GM), Ford und Fiat Chrysler ins Weisse Haus und redete ihnen ins Gewissen: «Ich will, dass hier neue Fabriken gebaut werden für die Produktion von Autos, die hier verkauft werden.»

Ende eines Zyklus

Diese Forderung komme zu einem schlechten Zeitpunkt, heisst es in einer Bloomberg-Analyse. Nachdem GM und Chrysler von der Regierung Obama 2009 mit 70 Milliarden Dollar vor dem Untergang gerettet wurden, ging es stetig aufwärts. 2016 wurden in den USA so viele Autos wie nie produziert. Dieser Zyklus gehe zu Ende, die Schaffung neuer Kapazitäten ergebe keinen Sinn, schreibt Bloomberg. GM-CEO Mary Barra meinte nach dem Treffen mit Trump, dieses sei «konstruktiv» verlaufen. Im Klartext: Man hat miteinander geredet, ist sich aber absolut nicht einig.

Die erwogenen Strafzölle werden den Autobauern auch nicht helfen. «Trump versteht nicht, wie vernetzt und globalisiert die Autoindustrie ist», sagte Steven Rattner im «Zeit»-Interview. Als Geschäftsmann sieht der neue Präsident in China oder Mexiko in erster Linie Konkurrenten. Ihm fehlt das Verständnis für volkswirtschaftliche und handelspolitische Mechanismen.

Marodes Bildungssystem

Es sind keine guten Voraussetzungen auch im Hinblick auf die bilateralen Handelsverträge, die der neue Präsident anstrebt. Diese sollten «fair» sein, doch Trump versteht darunter in erster Linie «America first». Die Perspektiven sind auch sonst wenig erfreulich. Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten, sie wird weitere Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe vernichten. Ökonomen gehen davon aus, dass diese Entwicklung auch den Dienstleistungssektor erfassen wird.

Robotic arms spot welds on the chassis of a Ford Transit Van under assembly at the Ford Claycomo Assembly Plant in Claycomo, Missouri April 30, 2014.  REUTERS/Dave Kaup  (UNITED STATES - Tags: BUSINESS TRANSPORT)

Roboter in einer Ford-Fabrik in Missouri. Bild: DAVE KAUP/REUTERS

Trump müsste ins amerikanische Bildungssystem investieren, nach dem Vorbild erfolgreicher Exportländer wie Deutschland und die Schweiz. Davon aber ist bislang keine Rede. Seine designierte Erziehungsministerin Betsy DeVos scheint mehr an religiösen Schulen interessiert zu sein als an der Förderung der MINT-Fächer, die für die Industrie 4.0 unerlässlich sind.

Wie Präsident Donald J. Trump unter diesen Umständen sein grosses Jobwunder vollbringen kann, ist schleierhaft. Der Druck, der auf ihm lastet, ist enorm, er muss liefern, sonst ist er geliefert. Falls es nicht klappt, wird er aber bestimmt jemandem finden, dem er die Schuld in die Schuhe schieben kann. Zum Beispiel die Medien.

Trumps Wirtschafts-Stunts

Donald Trump

«F**k July 4th»: Kritische Stimmen und Proteste gegen Trump am Unabhängigkeitstag

Link zum Artikel

Harry-Potter-Autorin macht sich via Twitter über Donald Trump lustig

Link zum Artikel

Trump hat die USA in eine nationale Sicherheitskrise gestürzt

Link zum Artikel

Gestern hatte Trump einen «Wow!»-Tag – aber diese Frau könnte ihm den Spass noch verderben

Link zum Artikel

Trump kann sein giftiges Erbe auf Jahre hinaus zementieren

Link zum Artikel

Warum US-Medien besessen sind von Donald Trump

Link zum Artikel

Donald Trump ätzt gegen 2 US-Comedians – und die schiessen so zurück 😅

Link zum Artikel

Harley-Davidson ist nur der Anfang: Wie Trump sich im Handelskrieg verfahren hat

Link zum Artikel

Selbst das amerikanische Wappentier ist vor Trump nicht sicher

Link zum Artikel

Trump bleibt Trump: Bei der Richterwahl denkt er nur an sich selbst

Link zum Artikel

Make America Weak Again: Trump beschleunigt den Niedergang der USA

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

Liebe Impfskeptiker, wollt ihr ewig im Lockdown bleiben?

Ein beträchtlicher Teil der Schweizer Bevölkerung will bei der Corona-Impfung zuwarten oder lehnt sie ganz ab. Die Skeptiker vergessen, wie segensreich Impfungen für die Menschheit waren. Und was auf dem Spiel steht.

Bundeshaus in Bern während der Wintersession im Dezember. Zufällige Begegnung in der Wandelhalle mit einem Bundesrats-Mitarbeiter. Er erzählte mir eine Episode, die mir zu denken gab. Bei einer Visite mit seiner kleinen Tochter bei der Kinderärztin habe diese ihm und seiner Frau dafür gedankt, dass sie ihren Nachwuchs bedenken- und diskussionslos impfen liessen.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Das sei heute nicht mehr selbstverständlich, habe die Ärztin gesagt. Etwa mit der …

Artikel lesen
Link zum Artikel