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Zum 38. Mal in die Toskana – Warum nicht nur Rentner immer wieder dieselben Ferien buchen

Wollen wir wirklich die Welt entdecken? Nicht alle: «Repeater» nennen Reiseagenturen Feriengäste, die Jahr für Jahr an den gleichen Ort verreisen. Aus psychologischer Sicht gibt es für dieses Verhalten gute Gründe.

Sabine Kuster, Miriam Suter / Nordwestschweiz



Endlich raus aus den ewig gleichen vier Wänden, raus aus dem Alltagstrott, Neues sehen, die Welt entdecken. So definieren wir Ferien. Oder etwa nicht?

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bild. shutterstock

Werner Hegi nicht. Seit 38  Jahren fährt er sommers nach Castagnetto Carducci, in der Toskana. Da kennt er die Leute, die Strassen, das Sortiment in den Läden, den Standort der Abfallsammelstelle. Wie zu Hause in Sarmenstorf AG. Zwanzig Jahre lang hatte er mit seiner Frau eine Ferienwohnung in Italien. Dann sagte sie: «Ich will mal woanders hin.»

Also verkauften sie die Ferienwohnung. Bloss, als der Sommer kam, wussten die beiden nicht, wohin sie sonst gehen sollten – und reisten schliesslich doch wieder nach Castagnetto Carducci. Seither mieten sie jeweils eine Wohnung dort, immer dieselbe.

Werner Hegi findet den Ort auch nach 38 Jahren noch «wunderschön». Manchmal aber, da reize es ihn, woanders hinzufahren. Früher hat er für Reisebüros Hotels in Afrika getestet. Aber heute sagt er: «Das habe ich gesehen.» Langweilig sei es ihm in Castagnetto Carducci nie. Er hilft auf einer Farm bei der Bewässerung, schneidet Hecken, kauft ein, trifft die Einheimischen. Sein Italienisch ist längst fliessend, die Toskana seine zweite Heimat.

Altbekanntes entspannt

So wie Werner Hegi machen es viele: Verreisen, aber Jahr für Jahr an denselben Ort. «Repeater» nennen Reiseagenturen solche Feriengäste. Dazu gehören nicht nur Besitzer von Ferienwohnungen, auch Reiseagenturen haben Stammgäste, die immer wieder dasselbe Angebot buchen. Bei Hotelplan Suisse buchen durchschnittlich 12 Prozent aller Kunden eine Reise drei Mal hintereinander oder mehr.

Was ist der Reiz daran? «Altbekanntes kann entspannender sein als ständig Neues», sagt Ulrike Ehlert. Sie forscht am Psychologischen Institut der Universität Zürich in den Schwerpunkten Verhaltensmedizin, Psychobiologie und stressabhängige Erkrankungen: «Immer wieder am gleichen Ort Ferien zu machen, hat einige Vorteile: Man weiss bereits, wie alles läuft, kennt seine Umgebung und die Leute. Das führt dazu, dass man keine grossen Anstrengungen auf sich nehmen muss und der Körper wirklich herunterfahren kann.»

Anders als etwa bei Reisen in Gebiete mit Zeitverschiebung, für die lange Flugreisen nötig sind und wo man am Ende vielleicht nicht einmal die Sprache spricht. Das alles bedeutet Stress für den Körper.»

Gilt das nur für die älteren Semester? Eine 62-jährige, frühere Weltenbummlerin, die seit sechs Jahren immer an denselben Ort bei Rimini an der Adria fährt, sagt: «Ich halte das tatsächlich für eine Alterserscheinung.» Früher habe sie jedes Jahr etwas Neues entdecken wollen, aber jetzt sagt auch sie: «Ich habs gesehen.» Jetzt geniesst sie es, dass sich die Einheimischen über ihre Ankunft freuen, und sie weiss, wo sie abends den Apéro nehmen soll.

Wer seine Ferien wie verbringt, ist also nicht nur Geschmackssache, sondern teilweise auch eine Generationenfrage. Junge suchen keine Entspannung, sondern Aufregung. «Würden junge Menschen ihre Ferien immer am selben Ort verbringen, wäre das etwas seltsam», sagt Psychologin Ehlert. «Aber irgendwann hat man genug von Rambazamba und Party. Dann kehrt man zum Altbewährten zurück und findet dort die Entspannung.»

Familien auf denselben Pfaden

Zu den «Repeatern» gehören aber auch solche, die noch lange nicht im Rentenalter sind: Die 39-jährige Rahel Stabinski reist zwar in der Welt herum, aber seit 26 Jahren zudem immer auf dieselbe griechische Insel. Zuerst als Teenager mit ihrer Mutter, heute alleine. Genau wegen des Zweiten-Zuhause-Effekts: «Ich steige aus dem Flugzeug und bin schon daheim. Ich verliere keine Zeit. Ich weiss, wo die schönsten Strände liegen, die besten Restaurants und die Touristenfallen.»

Ferien seien das trotzdem: wegen des Klimas, des Meeres und der Freizeit natürlich. Sie hat dort viele Freunde und spricht fliessend Griechisch. Sie sagt: «Gerade diese ultimative Entspannung inspiriert mich zu Neuem.»

Bei Hotelplan Suisse kennt man noch eine weitere Gruppe von Stammgästen: Familien mit kleinen Kindern. Auch sie machen sich oft einen Ferienort zur Zweitheimat, solange die Kinder noch im Planschbeckenalter sind. «Familien buchen bei uns sehr oft dieselbe Destination mehrere Jahre hintereinander», sagt Prisca Huguenin-dit-Lenoir, Mediensprecherin von Hotelplan Suisse.

Die Eltern sind nicht selten schon nach dem Packen entkräftet und froh, wenn sie keine Extra-Energie fürs Zurechtfinden am Ferienort aufwenden müssen. Die Kinder finden das meist prima: Kulturstätten langweilen sie, und ob sie ihre Sandburg an einem immer neuen Strand oder stets am selben bauen, ist ihnen meist auch egal. 

So schnell verfliegt die Ferienlaune – in 10 Schritten

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Video: watson/Knackeboul, Madeleine Sigrist, Lya Saxer

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    Alle Leser-Kommentare
  • meliert 03.08.2018 14:53
    Highlight Highlight wir haben mit Mitte 50 eine kleine Ferienwohnung (ganzjährig) gemietet, ca. 2 Std Autofahrt von Zuhause entfernt. Wir verbringen die meisten Ferien-Feiertage und viele Wochenende dort. Wir geniessen es immer wieder von Neuem. Die Jahresmiete entspricht in etwa einer 2-wöchigen luxeriösen Fernreise, auf das Fliegen haben wir gar keine Lust mehr und von Hotels welche nicht den Vorstellungen entsprechen haben wir auch mehr als genug.
  • m. benedetti 03.08.2018 10:01
    Highlight Highlight
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  • bcZcity 03.08.2018 09:47
    Highlight Highlight Es ist eben, wenn man immer mal wieder an den selben Ort geht, wie ein "Nachhause" kommen. Man kennt die Lokalitäten, weis wie die Bevölkerung tickt und fühlt sich gut aufgehoben, ohne sich dabei zu sehr wie Zuhause zu fühlen.

    Das ist für mich viel entspannter, habe im Alltag schon genug Stress und unvorhergesehene Probleme, da will ich im Urlaub einfach nur geniessen. Daher gehen wir immer wieder gerne an die 2-3 selben Orte, breiten unsere Flügel aber immer wieder auch nach anderen Orten aus.

    Neues entdecken kann man auch dort wo man schon war, auch beim 10. mal. Das muss man nur wollen.
  • Raphael Stein 03.08.2018 09:41
    Highlight Highlight In den frühen 1990ern wollte ich Asien bereisen. Auf Ko Pha-ngan bin ich für ein Jahr geblieben. Nichts mit rumreisen. Zurück bin ich dann nie mehr. Passt es, dann passt es eben.
    • Rainbow Pony 03.08.2018 10:46
      Highlight Highlight Das finde ich spannend: was hast du auf der Insel ein Jahr lang gemacht? Damals wars ja noch nicht so mit den remote Workern. Interessiert mich echt!
    • Raphael Stein 03.08.2018 12:57
      Highlight Highlight Rainbow Pony,

      nichts. Rein gar nichts. Dieselbe Hängematte ein Jahr lang, gleiches Bungi ein Jahr lang.

      Ich habe ein Boot restauriert, den Motor dazu, bin um die Insel geschippert. Oder an ein paar Orten im Innern der Insel spielen gegangen, Tourimädels abgeschleppt, geraucht wie ein Weltmeister, ein einziges Mal an die Hadrin gegangen, war nicht so meine Droge und nach einem Jahr wieder weiter getourt.
      Das Jahr ist verdammt schnell vergangen. Völliger Stress vom nichts tun.
  • Janis Joplin 03.08.2018 09:41
    Highlight Highlight Bei uns ist der Plattensee DER unkaputtbare Dauerrenner - und wird nicht nur, aber auch von Menschen der ehemaligen DDR überschwänglich besucht und gefeiert.
    Auch heute noch, 30 Jahre nach der Wende.
    Dieses Seelein hat Krallen - wer einmal kommt, wird immer wieder kommen.
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  • carmse 03.08.2018 09:10
    Highlight Highlight Ich bin Ende zwanzig & wir fahren diesen Sommer genau wie letzten nach Elba. Dieselbe Ortschaft - andere Unterkunft. Zum einen hat es uns das letzte Jahr extrem gut gefallen, zum andern ist die Insel sehr hundefreundlich - denn die Wauzis reisen mit :)

    Irgendwie hat sich das Bedürfnis bei mir eingestellt, nach Bali, Mexico & Co. zu fliegen.

    Auch in der Schweiz sind wir oft unterwegs. Allgemein finde ich es schöner, eine Region richtig anstatt viele nur oberflächlich kennenzulernen.

    Nächstes Jahr gibts dann ein VW Bus. So werden wir zukünftig automatisch mehr auf Flugreisen verzichten :)
    • Janis Joplin 03.08.2018 11:08
      Highlight Highlight Elba - hach, da hab ich schönste Erinnerungen an meine Jugendzeit. Porto Azzurro forever ♥♥♥♥♥
  • Ms. Song 03.08.2018 08:51
    Highlight Highlight Es ist fraglich, wie viele jüngere noch über Reisebüros buchen. Ich organisiere meine Reisen immer selbst. Hotelplan kann nur Aussagen zu Pauschaltouristen machen.

    Ich besuche auch jedes Jahr das selbe Land. Allerdings reise ich herum und bleib immer nur 1-2 Nächte am selben Ort. Ich könnte nicht zwei Wochen im selben Hotel verbringen. Das wäre mir zu langweilig.
    • Sarkasmusdetektor 03.08.2018 16:39
      Highlight Highlight Wart mal ab bis du Kinder hast. Dann ist herumreisen einfach nur noch anstrengend.
    • Ms. Song 03.08.2018 18:50
      Highlight Highlight @sarkasmus
      Oh ja, das kann ich mir vorstellen. Somit wird meine Zeit für Pauschalreisen im Familienhotel auch noch kommen. Die Bedürfnisse verändern sich im Laufe des Lebens.
  • efrain 03.08.2018 08:47
    Highlight Highlight Ich behaupte, auch Kinder (so um die 4) finden NUR Strand nach 2 Tagen langweilig. Also, ich erinnere mich gut an die Strandlangeweile als Kind.
    • Sarkasmusdetektor 03.08.2018 16:40
      Highlight Highlight Da bist du wohl eher die Ausnahme. Ich hatte jeweils auch nach 3 Wochen noch nicht genug und war enttäuscht, "schon wieder" nach Hause zu müssen.
  • DomKi 03.08.2018 08:20
    Highlight Highlight Das macht Sinn. Denn ich lebe hier in Madrid, und gehe ab und zu in die Schweiz Urlaub machen zu meiner Familie. Ich habe mit 47 keine Lust immer an neue Orte hinzugehen, weil das braucht Zeit, obwohl Internetzeitalter natürlich alles einfach ist. Aber man muss doch halt Kraft investieren und das kann schon demotivierend oder destabilisierend sein je nachdem in welcher Verfassung man sich befindet.
  • Nicosinho 03.08.2018 08:01
    Highlight Highlight ich persönlich kann es nicht verstehen, wenn man Jahr für Jahr an den gleichen Ferienort geht. Die Welt hat soviel zu bieten, lasst euch überraschen ;-)
    • Urs-77 03.08.2018 10:07
      Highlight Highlight Das sehe ich auch so, im Moment bin ich noch in der Lebensphase in welcher ich die Welt bereisen will und mir das auch leisten kann.
      Ich kann mir jedoch auch gut vorstellen dass diese Reiselust mit zunehmendem Alter geringer wird.

      Was ich nicht nachvollziehen kann sind junge Leute welche "repeaten".
  • Cocolina 03.08.2018 07:55
    Highlight Highlight Ich gehe seit knapp 20 Jahren an denselben Ort in die Skiferien mit meinen Eltern. Dasselbe Hotel, dasselbe Appartement. Nächstes Jahr begleitet uns meine Tochter die sich dort hoffentlich genauso zuhause fühlen wird wie wir alle.
  • Dein Vater 03.08.2018 07:41
    Highlight Highlight Also bleibe ich am besten Zuhause und lerne mal Nachbaren kennen...
    • Sarkasmusdetektor 03.08.2018 16:41
      Highlight Highlight Die Nachbarn kennenlernen in den Ferien? Dann sind die doch alle verreist.

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