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Ein Fahnenschwinger greift nach der Schweizer Fahne am 100. St. Galler Kantonalschwingfest am 25. Mai 2014 in Gossau. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

O du schönes Schweizerdeutsch! Bild: KEYSTONE

Wie ein deutscher Student der Welt Schweizerdeutsch beibringt

Nach einem Monat in der Schweiz war Michael Jakob überfordert. Schweizerdeutsch war viel komplizierter, als der Student dachte. Also gründete er eine Plattform, um sich und seinen Landsleuten Schwiizerdütsch beizubringen.

Alexandra Fitz / aargauer zeitung



Kaum hat man die ersten Silben ausgespuckt, ertönt auch schon das absehbare Kichern des Gegenübers. «Schwiizerdütsch», sagt es lachend. «So niedlich klingt das. Giipfeli, Rüebli», mit einem sinnlosen Aneinanderreihen von Dialekt-Ausdrücken geht das Gespräch heiter weiter. Und dann kommt es auch schon aus der Kehle geschossen: «Chuchichäschtli».

Spätestens jetzt lacht der Deutsche nicht mehr alleine. Denn das, was der Schweizer jetzt von seinem Gegenüber wahrnimmt – nämlich eine Art «Guggigäschtli» –, findet er nicht weniger «häärzig». Auch wenn das mitweilen nervt, wenigstens ist der meist nicht zu versteckende Schweizer Akzent bei den nördlichen Nachbarn ein dankbarer Gesprächseröffner.

Doch wehe, die Deutschen fahren in die Schweiz, reisen an zum Studieren oder Arbeiten. Dann finden sie es gar nicht mehr so niedlich, nein, viel eher sind sie komplett überfordert. Sie verstehen dann nur noch «chchchchchch» und wundern sich über Wörter wie «poschte», rätseln über «abekeie» oder können mit «Badi» so rein gar nichts anfangen.

So erging es auch Michael Jakob aus München. Der 22-Jährige zog für ein Master-Studium an der ETH nach Zürich. Als Süddeutscher – könnte man jetzt noch sagen – hat er es sprachtechnisch sicherlich einfacher, in die «Schwiiz» zu immigrieren. Doch als der Informatiker im September 2015 anreiste, half ihm sein schöner bayrischer Dialekt herzlich wenig. «Nach einem Monat in der Schweiz war ich komplett überfordert. Ich hätte nie erwartet, dass es so anders ist», erzählt er.

Bild

bild: zvg

Michael Jakob

Der 22-jährige Student spricht zwar noch einen Mix aus Bairisch und Hochdeutsch, doch im Alltag kämen immer mehr Züridütsch-Wörter dazu. «Ich verwende immer mehr Wörter wie feuf, Znüni, luege und loose.» Und verstehen, versichert der Süddeutsche, kann er schon alle Dialekte.

Nach vier Monaten stellte er sich die Frage, die sich laut ihm alle Deutschen stellen, die vorhaben, länger in der Schweiz zu leben: Soll ich es lernen oder reicht verstehen? Er entschied sich für Ersteres. Irgendwie lieb von Michael Jakob, dass er sagt: «Ich finde Schweizerdeutsch eine schöne Sprache, ich will es am Leben erhalten.» Er glaubt, auf diese Weise integriere man sich besser. Es sei auch ein Zeichen des Respekts.

So machte er sich auf die Suche nach Hilfsmitteln. Tagelang durchstöberte er die Bibliothek, nächtelang das Netz. Nicht nur für sich, sondern für alle interessierten Landsleute. «Ich wollte es anderen Zuziehenden in Zukunft einfacher machen, Schweizerdeutsch zu lernen», sagt der Süddeutsche. Doch der Student fand kaum etwas. Ein schlecht aufbereitetes Online-Wörterbuch und teure Offline-Kurse befriedigten ihn nicht, also gründete er im Frühling 2016 die Plattform «schweizerdeutsch-lernen.ch».

Id Migros go poschte

Neben einem kostenlosen Schweizerdeutsch-Hochdeutsch-Wörterbuch, das über 30'000 Einträge enthält und gemäss dem 22-Jährigen das umfangreichste im Netz ist, erhält der Nutzer für 97 Franken Zugang zu zahlreichen Videos, bei denen er von Zürcher, St.Galler, Berner und Basler Tutoren unterrichtet wird. Die Lehrer hat Michael Jakob in seinem Freundeskreis gefunden. Und auf Youtube: Mädels, die dort Beauty-Tutorials gemacht haben und nun für ihn Sprachvideos aufnehmen.

So werden die Deutschen etwa mit zum Einkaufen in die Migros genommen – das Wort «poschte» wird da natürlich gleich eingeführt. Wöchentlich gibt es neue Artikel zum Thema Mundart und Kultur in der Schweiz.

So geht einkaufen:

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Video: YouTube/Schweizerdeutsch-Lernen.ch

Was ist denn das Schwierigste für Deutsche? Die «li»-Endung kann es ja nicht sein. Die hängt man auf gut Glück einfach überall an. Die Aussprache sei das Schwierigste, überall dieses «ch». Deutsche würden sich schämen und deswegen nicht trauen. Dabei geht es eben ein wenig, bis man lernt, es heisst «Grüezi» und nicht «Grüzi» und «Zürcher» statt «Züricher».

Mittlerweile melden sich auch Österreicher an, seit Dezember gibt es die Seite «www.learn-swiss-german.ch» mit einem Englisch-Schweizerdeutsch-Wörterbuch.

Jakobs Plattform läuft gut. 300 Abonnenten haben das Programm bereits bezogen. Er zahlt sich und seinem Partner einen Lohn von 2000 Franken aus. Die Website besuchen monatlich etwa 2000 Leute, auf Facebook hat seine Sprachhilfe fast 12'000 Likes. Nutzer schwärmen: «Unglaublich! Es gibt echt zu jeder Alltagssituation ein Video, man kann alles sofort umsetzen»; «Ich kann schon eine Cola auf Schweizerdeutsch bestellen»; «Ich empfehle jedem diese Seite, der schnell und einfach Schweizerdeutsch lernen will».

Durch Mundpropaganda, Facebook und Google stossen die Deutschen auf Michael Jakobs Lernhilfe. Gibt man bei Google das Keyword «Schweizerdeutsch lernen» ein, kommt die Seite auf Platz 1. Darüber wäre auch er froh gewesen, als er damals noch in Deutschland lebte und eingab: «Wie spricht man Schweizerdeutsch?»

Knapp 314'000 Deutsche leben in der Schweiz. Sie sind nach den Italienern die grösste ausländische Bevölkerungsgruppe. Nach der Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2004 zogen immer mehr Deutsche in die Schweiz. 2008 erreichte die Einwanderungswelle ihre Spitze. Seit ein paar Jahren wird der Zustrom schwächer, und die Rückkehrer geraten vermehrt in den Fokus. Dass Deutsche wieder wegziehen, weil sie sich hier nicht willkommen fühlen, ist ein viel diskutiertes Thema. «Um sich zu integrieren, ist die Sprache sehr wichtig», meint Michael Jakob. Er glaubt, dass Sprache und die dadurch fehlende Integration ein Grund sein kann, weshalb es Deutsche wieder in heimische Gefilde zieht.

I verstohn Sie nit

Er will nicht zurück, er will weitermachen mit Schweizerdeutsch. Es gebe viel Bedarf. So kommt er gegen 20 Uhr von seinem derzeitigen Praktikum bei einer Bank nach Hause und investiert noch einmal ein paar Stunden ins «Schwiizerdütsch». Neu gibt es für die englischsprachigen Nutzer Audioaufnahmen der Dialektwörter. Im März erscheint das E-Book «Schweizerdeutsch in 30 Tagen», und gerade brachte er eine App für Android-Handys auf den Markt.

Eine Ode ans Schweizerdeutsch:

Das sei auch spannend für Touristen. Denn das Wörterbuch, das hilfreiche kurze Phrasen bereithält, ist offline nutzbar. Vorerst sind die Sätze im Bündner Dialekt verfasst. Michael Jakob will damit testen, ob Deutsche, die in der Ostschweiz leben, auch Interesse an seinen Lernhilfen haben. Bald aber werden weitere Dialekte zugefügt werden. Bis anhin finden Deutsche beim Punkt «flirten» etwa: «Möchtisch mit miar en Kaffi go trinka?» oder vielleicht noch nützlicher: «I verstohn Sie nit. Könnd Sie das bitte wiederhola?» (gin/aargauerzeitung.ch)

Teste dich selbst! Wer diese 7 bärndütschen Ausdrücke nicht kennt, muss bei Büne Huber Nachhilfe nehmen

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1.Ok, was Einfaches zum Anfang: Was ist ein oder eine «Ätti»?
Pah, das ist wirklich einfach. Vieeel zu einfach. Das ist so einfach, ich will es gar nicht sagen.
Der Ätti ist der Vater. Aus dem mittelhochdeutschen Atte, was wiederum eine Ableitung aus dem althochdeutschen Atto ist. Atto stammt aus dem Protogermanischen attô und hat seine Wurzeln im Indogermanischen Begriff átta. Weiter weiss Wiktionary ich nicht.
Hm, Ätti, das ist sehr ziemlich sicher ein Ausdruck für etwas unerhört Ekelerregendes. Schimmel zum Beispiel. Ja, Schimmel!
Ättis sind diese kleinen Hautfetzen, die sich manchmal an den Ausläufern des Fingernagels bilden. Ich glaube, im Hochdeutschen gibt es keine Entsprechung dafür.
2.Gut, kommen wir zu den Verben. Was versteht der Berner unter «gramüsele»?
Das ist Berndeutsch für: sich fortpflanzen. Was wiederum wissenschaftlich-verklemmt für den Geschlechtsverkehr steht.
Ah, eine Fangfrage, oder? Oder nicht? Jetzt bin ich verwirrt. Ich glaube, es hat mit Gemüse zu tun. Vielleicht Gemüse rüsten?
Wenn der Bärner «gramüselet», dann fliegen die Fetzen. «Gramüsele» steht für Streiten.
«Gramüsele» heisst kribbeln.
3.Weiter im Text: Was passiert mit dir, wenn du dir ein «Anetzerli» gönnst?
Dann wache ich um 5 Uhr in der Früh vor einer traurigen Kaschemme auf. «Anetzerli» steht nämlich für Apéritif und beim Apéritif kann ich mich schlecht zurückhalten.
Dann ist mein Mund «voll mit Schoggi», wie Uter aus «Simpsons» sagen würde. Das «Anetzerli» ist eine Berner Spezialität: Schokobombe mit Puderzucker überzogen.
Dann kitzelt es mich an den Zehen. Das «Anetzerli» ist im Bärndütsch synonym für Fussmassage. Wieso? Das wissen nur die Berner.
Dann hab ich die Haare schön. Das «Anetzerli» ist eine besondere Form der Haarpracht und verdankt seinen Namen keinem Geringeren als Günter Netzer, der bei seinem Gastspiel bei GC einmal im Wankdorf ... (Ach komm, wem mach ich da was vor. du weisst dass das alles schlecht erfunden ist. Die richtige Antwort ist A. Nein B. Oder C. Aber sicher nicht D!)
4.Gut so, die Hälfte hast du geschafft. Jetzt geht's ans Eingemachte, oder an die Gomfi, wie die Berner vielleicht sagen würden. Was heisst denn «chüderle»?
Schmusen
Gut zureden
Schlemmen
Schabernack treiben
5.Jetzt wird's schwieriger: Was bedeutet «Ässmäntu»?
Swimmingpool. Dänk.
«Ässmäntu» gibt es nicht. Sorry, echt jetzt, ich glaube langsam, alle Ausdrücke hier sind komplett erfunden.
Lärm. Schöner lauter Lärm.
«Ässmäntu» heisst Esslatz.
6.Item, bald sind wir durch. Was bedeutet «muderig»?
Neugierig
Ignorant
Vollgefressen
Kränklich
7.Ohalätz, du hast noch nicht allzu viel Treffer? Egal, neue Frage, neues Gfel, äh Glück. Was wollen uns Berner sagen, wenn sie sagen: «Nume no äs Rüngli.»?
«Rüngli» ist das, was der Rest der Welt als Stange kennt. Der Satz bedeutet also: Ein Kleines noch, dann geht's ab nach Hause. In der Theorie bestechend, klappt es in der Realität selten.
«Rüngli», Diminutiv für Runde. Das also, was sich Jogger auf der Tartanbahn zurufen. Auch das klappt selten. Die «kleine Runde» ist nämlich verdammt lang. 400 Meter.
«Rüngli» bedeutet Weilchen. Ein Weilchen kann in Bern allerdings auch mal länger dauern.
«Rüngli» bedeutet Ring. Der obige Satz macht deshalb nicht viel Sinn. Nüt für unguet!

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